Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 10 (4.2.1921)
- Date
- 1921-02-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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oen Gedanken"einer ööfüschen GemelnfHüft für das Jüdkntum entschieden ablehnen, die Aufgaben, die uns bei« Ausbau der Gesamtorganisation erwachsen, so wie eS in der vorliegenven Nummer an leitender Stelle auSgeführl ist: Nämlich durch die bewußte Arbeit in jüdisch'liberalen Sinne dahin zu wirken, daß die Organisation nicht im Sinne national-jüdischer Bestrebungen völkischen Zielen dienstbar gemacht wird. Königsberg. Im „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" sprach Herr Prof. Dr Goldstein - Darmstadl vom rein soziologischen Standpunkt aus über „Moderne Rassentheorie". Nach einer Begrüßung der Mitglieder und Gäste durch Geheinrrat Falkenheim führte der Redner in großen Zügen etwa folgendes aus: Schon Herder gab dem Zweifel Ausdruck, ob man das unedle Wort „Raffe", das fich auf die Tierwelt beziehe, auch auf Menschen anwenden dürfe. Graf Gobineaus großes Rassenwerk, in Frankreich wenig beachtet, entfaltete eine europäische Diskussion, wobei der Begriff „Rasse" alsbald mit dem der „Nation" verbunden wurde. H. St. Chamberlein hat die Gedanken Gobineaus weiter ausgeführt. Die Beweisführung dieser Rassentheoretiker ist folgende: Nation sei gleich Rasse; die Juden gehörten einer anderen Rasse als der deutschen an, also hätten sie kein Heimatrecht innerhalb des Deutschtums. Diese Lehre unterscheidet die hochwertige kultur-schöpferische Rasse der Germanen voU der angeblich minderwertigen, sterilen, geistig unfruchtbaren Rasse der Juden. Zur Begründung dieser Thesen wird weiter behauptet, daß Jesus, Konfutse, Laotse u. a. germanisches Blut in den Adern gehabt hätten. Die Schlußfolgerung lautet: Die Emanzipation der Juden, also ihre Gleichberechtigung, sei wieder rückgängig zu machen ihrer unabänderlichen Rassefehler wegen. Der Verleumdungsfeldzug der Entente während des Weltkrieges gegen alles Deutsche wkrkte so furchtbar, weil alle Fehler und Unzulänglichkeiten der deutschen „Rasse" zugeschrieben wurden. Analoges geschieht heute der jüdischen Rasse. Was ist nun eigentlich „Rasse"? Nach Ehrenreich: etwas naturhaft Angeborenes, ein naturwissenschaftlicher Begriff, während das Volk ein kulturwissenschaftlicher Begriff ist. Volk und Rasse decken sich demnach in keiner Hinsicht. Diese Binsenwahrheit muß immer wieder stark unterstrichen werden, weil sich aus dieser Verwechselung drei Viertel aller Jrrtümer erklären. Es gibt zwar ein englisches und ein deutsches Volk, aber keine englische oder deutsche Nasse. Jedes Volk weist zahlreiche Unterrassen auf. Der Volkscharakter setzt sich aus einer Unsumme von Eigenschaften zusammen, wie Klima, politische und wirtschaftliche Entwicklung usw.; einen Faktor daraus unter vielen bildete der Rassencharakter. Ueber die Anzahl der Rassen besteht keinerlei Einmütigkeit; die Wissenschaft hat geschwankt zwischen den Zahlen 3 und 70. Heute unterscheidet man wohl im wesentlichen 7 Rassen. Die Behauptung, die Nation sei eine Abstammungsgemeinschaft, mag zu der patriarchalischen Zeit der Stammes¬ und Sippengemeinschaft (mit sakralem Charakter) richtig gewesen sein; der moderne Staat entsteht aber erst, wenn er diese längst überholte Voraussetzung zerbricht. Es gibt keine reinrassigen Völker in dem heutigen „Mischmasch-Europa" (Nietzsche). In Masuren und Westpreußen hat bei der Abstimmung zum Glück für Deutschland nicht die Stimme des Blutes, sondern die Stimme der Kultur gesprochen. Das Bedenkliche und Sprengende dieser Abstammungstheorie liegt darin, daß sie auseinanderreißend wirkt, wie z. B. die großlitauische Propaganda in Memel gerade mit der Ueberwertung dieser Abstimmungsmomente arbeitet. „Man ist nur deutsch durch das Blut." Dieser Satz fand im Krieg eine Widerlegung dadurch, daß die gemeinsten Verleumder deutschen Wesens zugleich deutschen Blutes waren. Deutsch ist eine bestimmte Art der Gesinnung. „Stammesfremde" haben Im nationalen Staat oft Erstaunliches geleistet. Gambetta war nicht französischen Blutes, der Engländer Disraeli war ein Jude, desgleichen Marx; Stahl, richtig Schlesinger, Begründer der konservativen Partei, war gleich Lasker, dem nationalliberalen Führer, ein Jude, Cavour ein Franzose, der Jrenführer Parnell ein Engländer, noch dazu evangelisch; Prinz Eugen ein Sovoyarde. Der schwedische Dichter Belmann stammte aus Bremen, Ibsen aus Dänemark, Chamisso, Alexis, Geibel, Fontane waren Halbfranzosen; Görres stammte aus Italien, Clausewitz aus Polen, ebenso Treitschke; Dürer war ein Magyarc usw. Die Deutschen draußen, z. B. in Amerika, die „Bindestrich-Amerikaner", haben diese falsche Abstammungslehre auszubaden. Ob man deutsch sein will, ist lediglich eine Sache inneren sittlichen Willens. Es ist einfach unmöglich, Rasseneigenschaften als solche überhaupt zweifellos festzustellen. Zu diesem Schluß kommen neben dem jüngst verstorbenen Dax Weber alle Soziologen und Historiker von irgendwelchem Ruf, auch die nichtjüdischen. Die Geschichte Indiens liefert ein schlagendes Beispiel dafür, wie eine Aenderung des Bolkscharakters ohne Blutmischung zustandekommt. Die Bibel liefert den besten Beweis gegen den angeborenen „Handelsgeist" der Juden, die ursprünglich Handwerker und Ackerbauer waren und in Ztnsnehmeu und Wucher erst hineingedrängt wurden. Die Kriminalität der Juden ist, wenn man die relativen Zahlen betrachtet, genau aletch den deutschen Zahlen. Was den vielfach behaupteten politischen Radikalismus der Juden anlangt, so hat man zahlreiche Beispiele dafür, daß die Juden, wo sie gleichberechtigt sind, staatserhaltend und sogar nationalistisch wirkten, linksgerichtet aber nur dort, wo man schlecht mit ihnen verfuhr. Die Rassentheorie erscheint als letzter Ausläufer des Materialismus des 19. Jahrhunderts, wobei der Mensch mit ethischer Herabwürdigung als bloßes Tier betrachtet wird. Dieser unheilige Geist wird sich auch gegen die Deutschen kehren, falls Europa sich nicht in letzter Stunde noch auf den Sieg des Geistes über die Materie besinnt. Nur dann kann das ungeheuerlicke Verhängnis, das von der Rassentheorie droht, noch abgewanot werden. Kant hat seinen großen Pflichtbegriff in Vergleich gestellt mit nicht irgendwelcher Blutmischung, sondern allein mit dem Sternenhimmel. Kus -er Provinz. Ratibor. Am bieiigen Platze hat sich ein Komitee gebildet, das sich mit der Aufgabe belaßt, nach Ratibor und dem Kreile Ratibor kommenden südlichen Ablinnmungsberechngten mtt Rat und Tat. vor allem bezüglich Unterbringung zur Seite zu stehen. ES ist ferner beai sichtigi, eine rliuelle Berpslegum-stelle einzurichten, wozu rechtzeitige Anmeldung «erforderlich ist. Weitere A, skünste erteilt der Vorstand der Synagogengemeinde Ratibor. * Görlitz. Paul Mühsam-Abend. Als ihren 2. Dichterabend dieses Winters ließ die hiesige „A r b e i t s g e m e i n s ch a f t jüdischer Korporationen" ihrem im November veranstalteten SIlbergleit-Abend am 19. Januar 1621 einen Paul Mühsam-Abend folgen. Auch diesmal war der Dichter sein eigener Interpret — und Paul Mühsam las mit wohlgeschultem Organ, eindringlich, die letzten Wirkungen feiner Dichtungen ausschöpfend. Aber der tiefe Eindruck des Abends, die Andacht und Hingerissenheil der zahlreichen Hörerschaft hatte doch wohl andere, tiefere Gründe: es war der tiefe ethische und dichterische Gehalt, der seine Schöpfungen weit hinaushebt über das Durchschnittsmaß unserer Tages„literatur". Wer Mühsam etwa nur als „Dichter" bewerten wollte, täte ihm bitter Unrecht. Gewiß: die Schönheit der Sprache, in der es üppig sprießt und blüht wie in einem bunten Garten, die Kraft und der Reichtum seiner plastischen, einprägsamen Bilder, der rein poetische Stimmungsgehalt und eine kühne, auch das Leblose mit lebendigem Sein erfüllende Phantasie leihen feinen Schöpfungen, auch vom rein künstlerischen Standpunkt, eine besondere Note, auch rein dichterisch gehört er zu jenen Glücklichen, die ous den Tiefen einer ursprünglichen, reichen, poetischen Begabung heraus schaffen und gestalten; das erweisen namentlich seine „Gedichte", die er an diesem Vortragsabend zum ersten Male der Oeffentlichkeit schenkte: „Abendstille," „Hoffnung," „Mai," namentlich aber das ganz prachtvolle, farbenfrohe „Hochgefühl" sind Perlen lyrischen Stimmungsgehalls. Das feiner geschulte Ohr aber verliert auch bei seinen Prosaschöpfungen ganz das Gefühl, nur „Prosa" zu hören. Das Kapitel „Gott und der Schmetterling" ans den schon weiteren Kreisen bekannten „Gesprächen mit Gott" (Verlag Grunow & Co., Leipzig) war ganz lyrisches Gedicht, ebenso wie ein kurzes Stück aus dem — gleichfalls bekannten Buche „Worte an meine Tochter". Aber Mühsam will inehr sein, i st mehr als „Nur -Dichter": er ist ein Philosoph, der, seine eigenen Wege wandelnd, den Dingen bis auf den letzten Grund nachspürt, er ist darüber hinaus auch und vor allem E 1 hiker : ein Mahner, ein Prediger, will er aufrütteln, zur Selbstbesinnung führen: Loslösen vom Alltag, Rückkehr zu einem geläuterten Menschentum fordert er, nicht im trockenen Stile eines Bußpredigers, sondern aus einem von Menschenliebe überquellenden Herzen heraus. Tiefe Gläubigkeit und Demut, Reinheit und Keuschheit sprechen auf jeder Zeile seiner „Worte an meine Tochter", eines Buches, von dem man wünschen möchte, daß jeder Heranwachsende uni» — jeder Erwachsene es immer und immer wieder lesen und in sich aufnehmen möchte, aus feinen „Gesprächen mit Gott", die in ihrer echten Religiosität unmittelbar an Lavater gemahnen; und die Liebe zu den Menschen, die Abkehr von der Gewalt und dem Kriege finden im „Schicksalsbuch der Menschheit" (Verlag Rödel & Co., Dresden) erschütternden Ausdruck. Auswärts führt Mühsams Weg: 2 Kapitel aus dem demnächst erscheinenden Werke „Mehr Mensch!" („Mehr Ewigkeit!", „Mehr Glaube!"), die er mit stärkster Wirkung las, und einige Stücke aus dem gleichfalls noch unveröffentlichten Buche „Höhenwege" bewiesen es: Mit eindringlichster Kraft, wuchtig und stark hämmert er hier den Hörern seinen Glauben an reines Menschentum, an die tiefere Zweckbestimmung des Daseins ein. Mühsam ist nicht anspruchslos: Er verlangt Lauschende, Suchende, verlangt: Menschen; aber wer fich ihm anvertraut, wer fich lauschend, suchend in seine Werke versenkt, wird belohnt: er findet einen Führer zu Höhenwegen! Dr. E. S. Jta ave ehemaligen Poftverl Von 10 Prüfung»», so berichten u. W.. nmvde u»s« Stammvater Abraham hetrngesucht, ttttfe eine von diesen bestand darin, daß er sein« Heimat verlaflen und den Wunder stab ergrei,en mnöte. Und daß dieses wirklich eine große und schwere Heimsuchung ist, das kann nur der verstehen, der, wie wir Pvsrner Flüchtlinge, in gleicher oder ähnlicher Lage gewesen ist. Und dalbei brauchte unser Erzvater leinen Wytaz, keine Przepustka und Innen Paß, keine Einreise genehmigung und keine Ausreiserrlaulbnis, er kannte keine Kontrolle im Hanse und keine Revision an der Grenze, er hatte keine Va.masorgen und konnte alles was ec hatte, se.n Hab und fein Gut, mttnehmen in das Land seiner neum Heimat. Nicht aber wir, die wir in den letztm Monaten unsere bisherige Heimat verlassen mußten und ln pn,er deutsches Vaterland gelommvn sind! Ferner tonnte Abraham Die Zelte, die er in drr alten Heimat abgebrochen hat»?, mttnehmen und in der neuen sofort wieder aus. schlagen; er brauchte G. L. nicht zu unerhörten Preisen „möbliert zu wohnen" und noch teurer seine Möbel emzu stellen, und er hatte es nicht nötig, täglich auss Wohnuitgsamt zu gehen und stets unverrtchteser Sache heimrutehren. Wohl aber wir! Dazu kommt bei uns noch die Sorge um das tägliche Brot, die Mühe und Areit, die Anstrengung und Ausregung, um sür sich und die Seinen eine neue Erisienz ins Leben zu rufen. Ja, dieses alles zermürbt und zerrüttet uns! Denn wie verschwindend Wenige haben ei» richtiges Verständnis für jene biblische Vorschrift: ->:.i m Dronm und Ihr sollt lieben den Fremdling! Deshalb haben wir uns zu einem „Verband ehe maliger Posener" zrchammengeschloffen und wollen einander, besonders aber den jüdischen Flüchtlingen aus der Provinz Posen, ratend und helfend zur Sette stehen. Wir wollen ihnen Stellen und Arbeit verschaffen. N.ererlassungs und Ertftenzmöglichkeiten zuzuweisen ftichcn; wir wollen leihen und geb.n, um Wankende zu stützen und Gebeugte wieder aufzurlchten. Auch die Erhaltung des in der Provinz Posen und in den Posenern noch vorhandenen. jüdischen Lebens und Wesens sei unser Ziel, und um dieses zu erreichen, sotten Zusammenkünste veransiallet und ein BetbandSorgan ins Leben gerufen werden. Hierbei soll die alte Heimat nicht vergessen werden! Letstuugsschinache Geme inden daselbst sollen zur Erhaltung threr Ein ichlungen Beihilfen erhalten, und unseren Glaubensgenossen dort sott, so oft es not tut nnb unsere Kräfte es gestatten, Rat und Htlse zu teil werden. Hierzu sind aber große Geldmittel erforderlich! Und, wenn wir auch schon mehr als 150 beitragzachlende Mitglieder und Spender zum Fonds haben, so genügen doch die biss er aus- und zu sammengebrachte« Summen zur Erreichmrg unserer Ziele noch lange Nlcht. Es ergeht daher an alle ehemaligen Posener lüdtschen Glaubens, besonders an jene, die trocken sttze». behaglich wochnen und auskömmlich leben, die dringende Bitte, unserem Verbände, der den Lokalvereinen der Rawitschcr, O.'trowoer, Kempener, Pleschener rc., durchaus keine Konkurrenz machen will, als Spender und Mitglieder beizutreten. Zur Mitgliedschaft ist erforderlich: 1. Zugehörigkeit zmn Ju'dentmne, 2. Ehemalige Zugehörigkeit zur Provinz Posen, 3. Großjährigkeit und Unbescholtenheit, 4. Ein Jadresbetrag von mindestens 20 Mark. — Geldftrnnngen stnd an das Postscheckkonto des Unterzeichnern, Breslau 19 937. zu richten. Bvitrittserklärungen und sonstige Mitteilungen an die unten angegebene Adresse. Dem vorlänsigen VorOarch» gehören scmer an: Kommerzienrat Adolf S t e r n b e r g - Breslau, Fabrikbesitzer C. L e w i n-> Breslau, Kaufmann Hermann Tuch- Breslau. Justizrat vr. Blau. Franksmt a M., Bankier Br. G a l e w s k i. Berlin, SonitätSrat Dr. Alf. Katz - Berlin und Buckdrucke reib «sitz er M. I a c o b- Wüstegiersdorf. Rabbiner Dr. Heppner, Breslau, Antonienstraße 24. Lokales. die öeutjchvölkifche Kirmenttste. Folgende Firmen haben noch der Aufnahme in die Liste des deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes widersprochen bezw. ihre Streichung in der Liste beantragt: I n l i u s H e n e l v. C. F u ch s, Versand- und Ausstattung-- haus, Am Rathaus 23/27. R. K i t t n e r, Mühlenfabrikate, Gräbschenerstraße 43, Gruendel & Vetter, Technische und landwirtschaftliche Bedarfsartikel, Herrenstraße 28, Paul F l e ch 1 n e r, Bürstenwaren, Friedrich Wilhelm straße 28. Gebrüder H o f f m a n n, Bürstenwaren, Junkernstraße 11, Jos. Mayser, Elektro-Großhandlung, Schloßplatz 7. Da plötzlich begann der Turm leis zu beben And fing an zu singen: . . . DaS Glockenspiel tönte. — Erst leise wie Saiten von ferner Harfe» Dann wurde das Singen lauter und schwoll Zum seterltchen Choräle an, — Änd Tonfanfaren umflossen uns rauschend, Sie streichelten uns wie Kinderhände» Dazwischen klangen gleich Mädchenstimmen Helle Glöckchen mtt feinem Schwingen; — Als ob man eine kristallene Schale Am Rande mit feuchtem Finger umringt, Klangen zuletzt die verhallenden Töne, wurden leiser und leiser; . . . und klagend Erstorben die vibrierenden Glocken, Nur in der Luft lag noch etu Zittern Des vielstimmig ruhig verklingenden Erzes . . . Auch das verhallte. - dann wars wieder still, . . . Wir stiegen hinab, — Die Wolken zogen Gleich weißen Schwänen am Himmel entlang. Der Mond, der hatte sie silberumrändert. Änd überall blitzten die Sterne auf. Bei flmesrois. Wie ich einst sterben möchte? —: — Auf dieses Berges einsam freier Höhe, An einem gold'nen, wunderklaren Herbstestag, An dem der Blick in hellste Fernen staunt Wett über leuchtend rote, gelbe Wälder . . . Änd Abends, wenn die Sonne leise stnkt, Änd alles feierlich ins Große wächst, . . . Dann möcht ich in der tiefen, reinen Stille Verwehe« wie ein leichter, blauer Rauch.. . . Ludwig Davidfohn. Die Kunst öer Ostjuüen. Bortrag (mit Lichtbildern) von Professor vr. Grotte, gehalten zur Semestererössnung der jüdischen Volkshochschule. In völliges Neuland führte uns kürzlich der bekannte Gelehrte mit seinem prachtvollen Bortrag über die Kunst der Ostjuden, den er in der Lelsinaloge hielt. Wie im vorigen Jahrhundert nach den Ausgrabungen von Pompeji die erstaunten Augen das Bild einer versunkenen, einst blühenden Kultur und Kunst erblickten, so sahen wir auch am Sonntag aus den außerordentlich interessanten, von Herrn Professor Grotte selbst aufgenommenen Lichtbildern eine seltsame, ganz neue, zum Herzen sprechende Kunst, von deren Existenz bisher wohl kaum jemand eine Ahnung gehabt hatte. — Eine Welt für sich ist ja das galizische und russisch-polnische Ghetto mit seinen erwerbssüchtigen uns unkultiviert erscheinenden und gewiß mitunter unmanierlichen Kaftanjuden; daß aber diese aus Witzblättern und unzähligen Anekdoten nicht gerade rühmlich bekannten Gestalten eine eigene, ehrwürdige, viele Jahrhunderte alte Kunst haben, — wer wußte dies bisher? — Und doch ist dem so! — Im frühen Mittelalter — so führte, der Redner aus — wurden zahlreiche deutsche Jsraeliten- Gemeinden aus ihren Wohnsitzen vertrieben; sie siedelten sich in Polen und Galizien an und nahmen Sprache, Kleidung und-Kunst jener Zeit in ihre neuen Domizile mir. Ebenso wie das heutige Jiddisch eine mit Hebraismen und Polonismen durchsetztes, merkwürdig konserviertes Alt-Hoch-Deutsch ist, stellt auch die Kunstausübung jener Juden ein mit eigenen Forme« vermischtes, durch Inzucht eigentümlich gewandeltes, altes Romanisch dar. Merkwürdige, uralt-romanische Löwen erscheinen z? B. noch auf jüdischen Grabsteinen aus dem Jahre 1702 und an Hand zahlreicher, wohlgelungener Aufnahmen zeigte der Redner, wie in vielen Synagogenbauten Motive erscheinen, die man nur noch in früh-mittelalterlichen Kirchen, z. B. in Ravenna, findet. Die prächtigen Jnnnenverzierungen vieler jüdischer Gotteshäuser deuten immer wieder auf jene Kultureinflüsse hin, wenn auch daneben manche eigene Formen zur Berweudung kommen; so sieht man häufig den Gebrauch des WeinstockeS und des Weinblattes in den Ornamenten, der Adler, die in den Fängen Schosar und Esrog hatten, und staunenerregende künstlerische Phantasie offenbart sich in Pen Schmiedearbeiten, wie den siebenarmigen Leuchtern und Gittertaren, die das Innere der Tempel zieren. Nach talmudischen Vorschriften mußte daö Dach der Synagoge alle anderen Häuser des Ortes überragen, und so zeigte uns der Vortragende zahlreiche Bauten, bei denen die Dachgeschosse harmonikaartig in die Höhe gezogen schienen und innen Wölbungskonstruktionen von beispielloser Kühnheit aufwiesen. Wir erfuhren von dem Wirken längst vergessener genialer jüdischer Architekten und Künstler wie z. V. Hillel Benjamin, Elieser den Sußmann u. a. Ein eigentümlicher Stimmungszauher umfing uns, als wir das von erlesenen Künstlerhänden geschmückte Innere der uralten Synagogen vonKrotoschin, Czenstochau bei Lublinitz, Luck und Lemberg sahen, und ergriffen bewunderten wir unsere schon längst, längst vermoderten Stammcsgenossen, die bisher hauptsächlich in der Psychologie des jüdischen Witzes eine Rolle gespielt und über die wir in Deutschland Ausgewachsenen gedankenlos gelächelt hatten, deren Dasein doch so gedrückt und armselig war, die von der blühenden, mitteleuropäischen Kultur völlig abgeschlossen lebten, und deren Geist trotz allen „Geschäftssinnes" doch immer noch so hochfliegend war, daß er ganz aus sich heraus künstlerische Gebilde von solcher Qualität schuf! — Am Schlüsse las der Redner das vernichtende Urteil eines der größten und bekanntesten deutschen Kunstgelehrten über die ästhetische Begabung der Juden vor, und man mußte dabei lächelnd denken: „Herr, vergib ihm, denn er wußte nicht, was er schrieb!" ... Professor Grotte wies darauf hin, daß die preußische Akademie der Wissenschaften zwar ausführliche Untersuchungen über die primitive Fassade eines unbekannten mexikanischen Göttertempels veröffentliche, daß es bisher aber niemandem eingefallen sei, die allen nüherliegende Kunst der Ost-Juden zu untersuchen. — Reicher Beifall belohnte den Redner für seine fesselndeu Ausführungen. — Hoffentlich wird er sie bald in Buchform der Allgemeinheit zugänglich machen! — Wir aber sahen wieder einmal, was für reiche Anlagen und Begabungen die Natur den Juden verliehen hat; wir sollen uns dessen mit Stolz bewußl sein und — nobles-e obi ge — gerade deshalb mit aller Willenskraft an uns arbeiten, auf daß et uns allmählich gelingt, auch die uns anhaftenden Fehler und Mängel abzulegen. * Dr. Ino «ahmann.