Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 9 (28.1.1921)
- Date
- 1921-01-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Es folgt die Abstimmung. Der Zusatzantrag des Verbandes der Gemeinden in Sachsen (Ausländer kein' Wahlrecht) wird mit gewaltiger Mehrheit abgelehnt, desgleichen der Antrag Perez. Ein Antrag Cohn-Marburg (Frauen kein Wahlrecht) wird dem Ausschuß als Material überwiesen. Der Antrag J.-R. Dr. Blau (Karenzzeit ein Jahr) wird einstimmig (mit den Stimmen der Zionisten!) angenommen. Hierauf erfolgt die Annahme der §8 6 und 10. Zu 8 20, der die Zusammensetzung des ausführenden Bundesorgans, des „Rates", bestimmt, setzt erneut eine lebhafte Debatte ein. Die Lehrer fordern eine Bertretung im Rat. Besonderes Interesse erwecken die Anträge der Orthodoxen. Für sie führt Herr L o e w y - Breslau aus: Die Rabbiner und Lehrer, die zum Rat gehören sollen, sollen nicht vom Bundestag, sondern von den in Deutschland amtierenden Rabbinern oder Lehrern gewühlt werden. 8 2V Abs. 2, nach dem je ein Mtglied des jüdisch-theologischen Seminars zu Breslau, der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums und des Rabbinerseminars zu Berlin, deren Wahl durch die betreffenden Lehrerkollegien erfolgt, zum Rat gehören, soll gestrichen werden, da wahrscheinlich im Kollegium des Rabbinerseminars es nicht möglich sein wird, sich auf einen Kandidaten zu einigen (!). Gemeinderabbiner Dr. Bogelstein-Breslau erwidert, daß doch die Rabbiner resp. Lehrer höchstens von den in einer Brmdesgemeinde amtierenden Rabbinern bezw. Lehrern gewählt werden könnten. Rabbiner Dr. Auerbach erklärt, daß der Bund gesetzestreuer Gemeinden sich nicht anschließen wird, daß er es, aber den ihm angeschlossenen Gemeinden bei Annahme der orthodoxen Anträge empfehlen wird, der Gesamtorganisation^beizutreten. Dr. Jsmar Freund: Wenn Dr. Auerbach glaubt, es für die Gemeinden verantworten zu können, daß sie sich anschließen, warum tut es nicht auch der Bund gesetzestreuer Gemeinden. In der Abstimmung wird die Zahl der Mitglieder des Rats auf 63 festgesetzt. Drei Rabbiner und zwei Lehrer sollen iym angehören. Die Streichung des 8 20 Punkt 2 wird mit 306 gegen 637 Stimmen abgelehnt. Zu 8 25 beantragen die Orthodoxen, auch für die Wissenschaft des Judentums gesonderte Ausschüsse für jede religiöse Richtung zu bestimmen. Trotz des Einwandes, daß es doch nur eine Wissenschaft des Judentums gebe, ziehen sie den Antrag nicht zurück. Der Antrag wird mit überwältigender Mehrheit abgelehnt. Nach Annahme einiger unwesentlicher Anträge erfolgt die Gesamtabstimmung über den Verfassungsentwurf. Der Entwurf wird mit allen gegen vier Stimmn angenommen, die der äußersten Orthodoxie angehören. Damit ist der seit 1808 immer wieder geäußerte Wunsch Erfüllung geworden. Das deutsche Judentum hat seine Verfassung. B. W. &fe Tagung -er Zentralwohlfahetsstelle -er -rutschen Iu-en am 24. und 25. Januar in Berlin. cGonderbertcht der Jüdisch-liberalen Zeitung.) Zum ersten Mal fand heute eine Tagung der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden in Berlin unter zahlreicher Teilnahme der angeschlossenen Gemeinde- und Wohlfahrtseinrichtungen statt. Der 1. Vorsitzende, Geh.JustizratTimmendo r f e r-Berlin, eröffnet« die Versammlung mit einem kurzen Rückblick auf die bisherige Tätigkeit der im September 1917 gegründeten Einrichtung, und dem Ausdruck besonderen Dankes an seine Mitarbeiter, besonders Herrn Eugen Caspary und bens vor, das weibliche Geschlecht vom „Kindergarten zur Hochschule für Frauen" zu fügten. 1881 war ihre Schrift „Ideen über werbliche Erziehung im Zusammenhänge mil dem System Friedrich Frobels" crMencn. 1883 tag.« der Allgemeine Deutsche Frauenverein in Breslau und icy wurce dl r Ehre teilhaftig, dem Dreigestirn jüdisch-liberaler grauen, die sich um die deutsche Frauenbewegung so hohe VeMenpe erworben hatten, Fmu Dr. Golds chnudt, Lina Morgenstern und Jenny Hirsch, vorgestellt zu werden. Schon in dev zweiten Halste der sechziger Jahre hatte die Schwester von Frau Goldschmtdt, Frau Ulrike Hendschke, die als Gattin emes Kreisrtchters — er wurde'in der Folge Senatspräsident in Ber'in und ihr gebührt das Verdien,t, die Viktorta- Fortbildungsschuldort begründet zu haben — in Jvaustadt lebte, die erste Kunde von dev neuen Bewegung nach meiner Heimat Lissa gebracht und dort war auf ihre Anregung »in Miniaiur-FraueNbildungSverein erstanden. Von jener Zeit war ich von großem Interesse für die Frauenbestrebungen erfüllt. Fmu Goldschmtdt hielt damals (1883) hier einen zündenden Vortrag: „Der Erzteyungsverus der Frau und di« Berufsbildung der Mädchen", in dem sie nicht nur klarlegte, das weibliche Geschlecht bedürfe einer Berufsbildung sur den ihm von Gort zugewiesenen Mutter- und Erztehvngsberuft sondern auch schon für die wissenschaftlichakademische Bildung der Begabten für den ärztlichen Beruf eintrat. jk 1888 Hai» Fmu Goldschmidt den Heimgang ihres Galten zu betrauern, dessen an Geist und Gemüt ebenbürtige, an seiner Arbeit treu teilnehmende Lebensgefährtin und opferfreudigste Pflegerin in seinen Leidenstagen sie gewesen ist. Um mehr als dreißig Jahre hat sie ihn überlebt und in unermüdlicher Hingabe an ihr Lebenswert den besten Trost gefunden. Ihr 70. Geburtstag bot ihren zahlreichen Verehrern die hochwillkommene Gelegenheit, die „Henriette- Gvldschmtdt-Stisung" zu begründen, ihr 80. und 90. Geburtstag, wie die feierliche Eröffnung der Hochschule für Frauen brachten ihr die reichsten Ehren, bet den internationalen Fraurnkongressen in Berlin 1896 und 1904 Wetteiferten alle Anwesenden, ihr Huldigungen darzubringen und bet der Tagung des „Jüdischen Frau.nbundes" in Leipzig 1913 wurde sie als die „Großmutter der deutschen Franenbew«. gung" gefeiert. Ihre letzten Erdenfreuden waren noch das fünfzigjährige Jubrläum jener Bewegung, an der sie so lebhaften Anteil hatte, und daß esn junger Doktorant der Leipziger Universität „Fröbels Erzieh ungslehre" zum Thema seiner Dissertation wählt«. Mir selbst ist die hohe Gunst des Schicksals zuterl geworden, mich eine lange Reihe von Jahren des gütigen fnteresses der von mir so innig verehrten vervienftvollen rau erfreuen zu dürfen. Im Januar 1902 war es mir vergönnt, der jugendsrischen Greisin in ihrem harmonischen Herrn, in dem sie unter Blumen und Palmen die Büsten ihre- Gatten und ihrer Lieblingsdichter Lesstng und Schill«, Dr. Segall. Er gab die Gründung eines eigenen Organs, der „Ze d a k a", bekannt, von der Probenummern zur Verteilung an ne Teilnehmer der Versammlung gelangten und beklagte Den Mangel an Geldmitteln für die erforderliche Durchführung der wringenden Aufgaben der Zentralwohlfahrlssteue. — Der Geschäftsführer, Herr Dr. Se g alt, berichtete über was bisher Geleistete, wie Kinoerhilse, üriegsbef^abigrenfürsorge, Reichsarbeitsgemeinschaft aller bepeyknoen Lvohrfahrtseinrichtungen in Deutschland, und betonte die Nottvendigtrt. staatlicher und privater Unterstützung für die Zenlratwoytfagrtvstelle als dem Herz und Ohr der jüoiscykn Woylfayrtsvefrrevuugeil. Der vorliegende Geschäftsbericht für die Zeit vom September 1919 vrs Dezemoer 1920 ergibt em ganz überrasu-enoes Biro von der' uveraüs segensreichen vrvoelt der oentcalwohlfar-rrsjrelle. 85 Gemeinden srno ihr lorporauv utlgefcylosten, vavnmer 11 der großen juoischcn Vevo^noe. Dle Langte,t er,»real sich aus Jugrndwohl.ahvt, Fürsorge sur Krame und ^seywawe, Auulu«.sr uno rna.e..etlu»»tt, wu* viememe xvvhliayrrsp,»ege wie Fürsorge für r.rl.gsvnnoe uno »triegsoescyadtgle, südliche Sle0rungSgenolsell,u,u,ten, Lciinnhlue an dem Ar^euer,ürsor^emnt v.r Mlscyrn Or^ant,^ livnen LemMandS. Evenfo geyott d.e ZemrarwohlsahUs- ,teue dem von der Jüdischen Eerneinoe zu Verun vegrun> oeren Ausfchusse für ^Zuv»sche Sluo.n.enyrise' au. — Die ,uc Beratung vorliegenden, vom ^u,uMt Caromon cm- «voksenen Satzungen, weiche der Vorfltzeave im Hrnouck cus oie oe>ct»lojsene Gesanuorganiiatton des deutschen Juoe.rmms nur aw provisorisch vczer^net, werben va dtoe angenommen —. Bet der Erstattung des Finanzberichts beklagt Frau Henriette My, dusj noch etwa i0 u.lslu»tgvfah»gc tv>.meuwen ocautzen stogen uno richtet einen warmen Appell an die opserwilltgreit der Teilnehmer, sowie an v^e gesamte dem Iwe ZUoen^ett. Rach dem Kasfttwertchr btlanz.e.t der Etat ,uc dre rverichtszeu (1. Seprmbrr 1919 bis 31. 12. 1920- »nit 44 954,57 Marl. Die etntftallgen Sp.nven rvgaoen 99v5 tvtark, die rörper,cr,aftucyen Beiträge Id 900 Mart. — Es ,olgt d.e Wahl des Geiamtvocstanves uno der Mitglieo.r oes Verwattungsrares. Die Versammlung. beschließt, nur ote Wahl des er,ten Vovsttzenoen vorzuneymen, ferner an zweiter Stelle eine Dame in Aussicht zu nehmen, die aber »nit gleichen Rechten dem e.sten Vorsitzenden zur Seite ste.-en ,oll. Zum ersten Vorsitzenden wiro Rechtsanwalt ur Georg Baum, Dezernent des Vorstandes der jüdischen Gemeinde in Berlin für das Armenwesen, gewählt, nachoem Herr Gehe»mrat Ttmenovrfer feine Erklärung bei der Uebernaiyme des Vorsitzes in der letzten Tagung wiederhole, ».aß er sein Amt nur proviforifaübernommen habe. — Es folgen nunmehr!bl« auf der Tagesordnung stehenden Referate. Zuerst spricht Frau Wronsky -Berlin über „Die Forderungen der Gegenwart an die jüdische Wohlsahrtspstege" in tiefdurchdachtem, umfassendem, von hohem Idealismus und Begeisterung getragenem Vonrage. Die vekannte Führerin der jüdischen Frauenbewegung erörtert alle in Betracht kommenden Fragen der jüdischen Wohlfohrtsbestrebungen. — Ueber den Verlauf der Gesamitagung werden wir in der nächsten Nummer eingehend berichten. Die Red. Lokales. jüdisch-theologisches Seminar. Aus dem vorliegenden Jahresbericht des j ü d i s chtheologischen Seminars für das Jahr 1920 entnehmen wir wiederum, eine wie unersetzliche Lücke der Tod des Seniors des Lehrerkollegiums, des Herrn Professor Braun, gerissen hat. Einen großen Teil der Vorlesungen des Verewigten übernahmen die Herren Dozenten Dr. Lewkowitz und Dr. Heinemann, welchletzterer auf Ersuchen der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums auch die Herausgabe ihrer „Monatsschrift" übernahm. Den längere Zeit erkrankten Herrn Dozenten und Seminarrabbiner Dr. H o r o v i tz vertrat in äußerst dankenswerter Weise Herr Rabbiner Dr. S i m o n s o h n. Die finanzielle Kräftigung der Anstalt machte in dem abgelaufenen Jahre weitere Fortschritte. Der am 24. Oktober 1920 gegründete „Verein der Freunde des grüßten, die Hand zu küssen. An ihren Fest- und Ehrentagen der letzten anoengatv Ja^rzegn»e vr. ^o^d- ,cp»mdt m Wort uno <L>cynst einec juugeren Generation rmye erlügen zu dürfen, bol mir, oie icy selbst nun zu den ^eteraninnen der Frauenbewegung z..hle, hoye, re,.»e (Kieme uno trug mir wertvolle Btiesbiutter dec hochver- .:ylten Frau in wunderbar zietlicyer Schrift ein. Am 6. ii. 09 >chreibt fte: „Meme sehr 'gee.-r»e, liebe rwrau Neitzert Ich .-ave Ihnen sehr zu danken fux die so überaus syutpachifche Biographie in dem „Wegwerfer für dre Zugenou»ecamr'. Si» haben ein so wannes Empfinden, das in un>ecer Ze»t io wenig vorhanden. Man erfetzt es leider durch tönende Phraien — oder man seziert den Äkenichen uno gibt e,n Gerippe, statt'der lebendigen Gestalt. Ich vm eigentlich beschämt, daß Sie mit so viel Liebe Alles m die Biogcapyie hinelngezogen. Ich habe ein Blatt nur meiner ert»ztgen noch reoenoell Jugeuosreundm geichirlt — den anoecen es zu zeigen, wird mrr zu schwer. Da Sie so herzlichen Anteil für mich haben, so will ch Ihnen ntitleilen, daß ich vor 14 Tagen in Magdeburg oet einer Versammlung des Frobel-Vervanoes getve,en bin >tnd dort wieder nach langer Zeit einen ogentlichen Vortrag gehalten: „Vom Kindergarten zur Fraueuhochschule", lautete mein Zitjma. Ich war recht froh, meine alte Kanzel ve- >teigen zu können. Nun nochmals besten Dank uno bte oesten Wünsche für Sie und Ihre Lieben von Jhrw Sie hochschätzenden H. Goldschmidt.' Um jene Zeit 'hatte die Greisin in bewundernswerter Geistessrtsche und Herzenswärme ihre Erfahrungen in d:m irestlichen Erztehungsbuche: „Was ich von Fvöbel lernte und lehrte" niedergelegt, mit dem sie, die 'Jüngeren, ihcem beeister und Voroild, ein unvergängliches Denrmai ernchrer hat. Diesem Werte an verschiedenen weithin ragenden Orlen e,ne warme Wüvoigung zu widmen, war mir Herzcnssache. Am 4. 11. 1911, nach der feierlichen Eröffnung der Hochschule für Frauen schrieb sie: Sehr geehrte liebe Frau Reißer! Sie können sich kaum vorsteclen, welche schwierige Zeit hinter mir liegt — das ist die Ursache, daß ich Jhn-n noch nicht für die Zusendung des so schönen Artikels im Separat-Abdruck „Westermanns Monatshefte" gedankt habe. Rehmen Sie diesen heutigen, mit erleichtertem Herzen geschrieben, freundlich an. Ich sende Ihnen ein kleines Ertnneoungszeichen an unsere Hochschule. Das Bild ist nicht so jugendlich — aber ich muß zufrieden sein, daß ich innerlich nicht so viel älter geworden bin, als es äußerlich die beiden Büder zeigen. Mit Gruß, und Tank Ihre H. Goldschmtdt. Nach dem Heimgange meines Mannes, schrieb sie im Frübltng 1914: Sehr geehrte liebe Frau Retßerl Wie ttej schmerzlich hat mich Lie"-Nachricht von dem schweren Schicksalsschlaae, dev Sie betroffen, berührt. Ja, es ist ein tiefes, großes Leid, das .Sie nun zu tragen haben — das jüdisch-theologischen Seminars" hat sich zur Aufgabe gestellt, durch Sammlungen die Mttel aufzubringen, die unerläßlich sind, um die wirtschaftliche Gleichstellung der Bildner unserer Rabbiner mit anderen Beamten gleicher Vorbildung durchzuführen und damit die notwendige Voraussetzung für die Gewinnung und Erhaltung tüchtiger Lehrkräfte zu schaffen. Um dieses Ziel ganz zu erreichen, bedarf es jedoch trotz debisher Geleisteten noch weiterer Erfolge, unter tätiger Beihilfe weitester Kreise als einer Ehrenpflicht des deutschen Judentums. Der Jahresbericht ist literarisch verschönt und bereichert durch Abdruck der Rede, die Herr Dozent Dr. L e w k o w i tz bei der Trauerfeier für Herrn Professor B r a n n in der Seminar-Synagoge am 29. September v. I. gehalten hat und durch eine Abhandlung aus der Feder von Herrn Dr. Heinemann: „Die griechische Quelle der Weisheit Salomos", die gleichzeitig als ein Kapitel des vom Verfasser neu herauskommenden Buches: „Poseidonios', metaphysische Schriften" I. Teil, Breslau 1921, erscheint. Am Donnerstag, den 27. Januar, fand wie alljährlich die G e d ä ch t n i s f e i e r für den Stifter des Seminars, Kommerzienrat Jonas.Fraenkel, zum 67., Mal statt. Verbunden war damit die feier iche Entlassung der Rabbiner Herren Julius Greilsheim e r und Dr. A l b e r t W o l f -Dresden auf Grund der von ihnen bestandenen theologisch-wissenschaftlichen und rabbinischen Prüfung. „Vopkott jüükscher Geschäfte." Unter dieser Ueberschrift beschäftigt sich ein Artikel in der „B o l k s w a ch t" vom 24. 1. mit der bekannten Firmenl i st e. Unter anszugsweiser Wiedergabe des in unserem Blatte erschienenen Artikels von Herrn Pastor M o e r i n g heißt es da: In einer so überaus traurigen Zeit, wo das deutsche Volk um sein Bestehen ringt, wo wir alle ohne Ansehen des Glaubens mit allen Mitteln um die Erhaltung Oberschlesiens kämpfen, geht wieder einmal ein böser Geist um. Knüppel- Kunze und seine Getreuen sind schon längere Zeit am Werk. Auch Breslau ist von dieser Seuche nicht verschont geblieben. Es wird feste Lug und Trug ausgestreut und in Schmutz und Verleumdung gewatet. Ihr deutschen Bürger aber, gleichviel welcher Religion und Partei, die Ihr Euern gesunden Me,»schenverstand bewahrt habt, laßt Euch von diesen Ketzern nicht weiter belügen. Meidet solche Unternehmen, die durch Rassen- und Klassenkampf, aus Kosten anderer nur „ihr Geschäft machen" wollen. Deckt auch fürderhin ohne Ansehen des Glaubendort Euern Bedarf, wo Ihr gut und reell bedient werdet. Nur wenn das deutsche Volk fest zusammenhält und alle Auswüchse bekämpft, kann unser Vaterland wieder blühen und gedeihen. Zur Firmenliste des Schutz- und TrutzbnndeS ist ergänzend nachzutragen, daß folgende Firmen gleichfalls bedauern, auf Grund der vollkommen unrichtigen Vorstellungen, die in ihnen bei der Inseratenwerbung erweckt wurden, in die Liste ausgenommen zu sein; sie haben ihre sofortige Streichung verlangt und erklären, daß ihnen jegliche antisemitische Tendenzen fernliegen: Heinrich N i t s ch k e, Dampfdestillation, Reuscyestr. 64, Alfred Schramm, Herrenstoff.e, Matthiasstraste 51, Paul Neu mann, Herren-Garderoben, Königstraße II, Alfred R e i ch e kt, Dentist, Tauentzienstraße 54, Scheneck & C o., Generalagent, Augustastraße 73, von S w i n a r s k i, Apotheker, Borderbleiche 3, E r n st Schultz, Optiker, Gartenstraße 63/55. vereine unö Versammlungen. Zionistische Bereinigung» Ortsgruppe Breslau. Im großen Saale der L e s s i n g l o g e sprach kürzlich N a h u m Gold mann über das Thema: „Untergang und Ä u f b a u." Ausgehend von dem Gedanken, daß Untergang leiver der größte Teil der Frauen als „Schicksal" hinnehmen muß. Das ist das Beklagenswerteste von den ver>chteoenen Eventualitäten, mit denen wir zu kämpfen haben. Auch an mir ist dieses Jahr nicht vorübeogegangen, ohne mich schwer zu treffen. Wer ein so hohes Alter erreicht, wie ich, muß lei/der die Liebsten verlieren — sterben sehen. Von den oret Söhnen, d»e mein Mann und ich besaßen, lebt — nur noch einer —. Ich suche über die Zeit hinwegzukommen und habe allerdings noch recht viel zu sorgen, damit das geschaffene Weck sich weiter gedeihlich entwickelt. Sie sind noch rüstig und werden gewtß in der Arbeit die beste Beruhigung finden und Trost in Ihren Kindern. Mit neuem Gruß Ihre H. Goldschmtdt. Nach dem 90. Geburtstag kam ein gedruckter „Dank und Gruß!" Darin heißt es: Sie haben durch Jyren Festgmß zu memem 90. Geburtstage am 23. November mich hocherfreut. Ihre liebevolle Gesinnung und die gütige Anerkennung meiner bescheivenen Arbeit im Dienste unseres Familien- und Volkslebens, ist mir ein großer Trost in dieser schweren Zeit — ein Lichtstrahl für die hoffentlich bald herannabende Friedensarbeit der kommenden jungen Geschlechter. Leipzig, November 1915. Henriette Goldschmidt. Altersweisheit und Altersmilde ausstvahlend. stet von Altersmüde erschien im Sommer 1918 Frau Dr. Goldchmidts Schrift „Vom Kindergarten zur Hochichule für Frauen", in der sie die Geschichte ihres L»benswerkes wiedergibt. Sie hatte den Wunsch, daß ich ihrem Schwamn- -esang em kurzes Referat in der „Breslauer Zelmng" widme, den Herr Dr. Wilda mit liebenswürdigster Berett- .oilugtelt erfüllte. Am 19. 10. 1918 schrieb st«: Liebwerte Frau Reißer l Ich danke Jhnm sehr herzlich sür die Uebersendung Ihres Referats. Es tut mir leid, daß meine Schrift ,n der ungünstigsten Zeit erschienen ist. Wer kann letzt Interesse für sir habend Mir selbst ist alles gleichgtlttg ge- »vorden. Der Druck dieser unserer Erlebnisse lastet schwerer auf mir als die hohe Zahl meiner Jahre. Sie haben in aem knappen Raum doch ein ziemlich allseitiges Bild von dem, was ich ja auch in knappsten Umrissen dargestellt ge-;eben. Halen Sie nochmals Dank dafür und nähmen St» meinen Gruß freundlich an. Ihre H. Goldschmtdt. Es war dies das letzte Bvtefblatt, das zu mir flog. Henriette Goldschmtdt ist uns nicht gestorben. Ihr Andenken wird unvergessen fortleben in ihren Werken, eng verknüpft mit der Geschichte der Wohlfahrtseinrichtungen ver Stadt Leipzig und der deutsch.'N Frauenbewegung, als oas einer echt deutschen, jüdisch-ltvevalen Frau, die man gecrost zu den Erztehem des Mentchengeschlechts zählen darf. Breslau, Januar 1921. Regina Reißer.