Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 7 (14.1.1921)
- Date
- 1921-01-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2613366-2613604-2613611--0035-2617198- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
mm kennen und lieben HU fernen. Bedenken feit a&etv bttft der ßfeÜaionSimten'jcht allein nicht iuOande ist. Misere Kinder zu Mlfen Anden zumachen. Wir müssen uns-even Kindernauch im Hanse jüdisches Leben vorfeben. Lassen wir sie am greife« Abend m Kreise der lFamilfe die Weihe des beainnenden SabbathS empfinden, indem wir die Sabbachlichte anstecken, .begehen wir die jüdischen Foste und bedienen wir uns auch aller schönen Sym- Hofe, die' diese Feste ausNichnen. widmen wir unseren Kindern auch an Worktayen einmal ein Stündchen zu beehrender und er. hebender Unterhaltung auch über religiöse fragen, kurz kümmern wir uns ein wenig,um das Svcilenleben unsevev Kinder, dann bieten wir ihnen im Hause einen Ersatz für manchen ..Heimabend" unlb andere „moderne" Einrichtungen, durch die uns die Kinder nur — ich will es gelinde Ausdrücken — entfvcmdet worden. Dann wird sich unsere Äugend unser einst in Liebe und Dankbarfeit erinnern -und in unserem Sinne fortwirken für das. was uns als Ideal vorschwebt und was auch das Hochziel des prophetischen Judentums ist. für Wahrheit. Recht und Frieden unter uns und unter allen Menschen. K. Gedanken-Nachlese zur Schulsrage. B'on Rechtsanwalt Erich Spitz-Breslau. I. Zn der Versammlung am 20. Dezember erwähnte Herr Dr. Carlebach den Ausspruch eines christlichen Pädagogen, daß ihm an den jüdischen Schülern ihre „intellektualistische Art", also das Ueberwiegen des Geistesüber das Gemütsleben unangenehm ausgefallen sei. Herr Dr. Carlebach erblickt den Grund dieses — von ihm an sich nicht bestrittenen — Wesensmangels darin, daß der jüdischeRe ligionsunterricht in'der deutschen Schule zu kurz komme und seine volle Wirkung auf das Gemüt des Kindes nicht entfalten könne; dadurch verkümmerten die seelischen Kräfte, die dieser Unterricht zu erwecken und zu stärken berufen sei. Herr Dr. Carlebach glaubt also, den übertriebenen Intellektualismus jüdischer junger Menschen mit Religion — mit Thora- und Talmudstudium — bekämpfen zu sollen und zu können. Man kann die Dinge auch anders ansehen. Eines der gründlichsten und aufschlußreichsten Bücher zur Erkenntnis jüdischen Wesens ist die 1912 erschienene „Psychologie des jüdischen Geistes", verfaßt von dem — übrigens durchaus nationaljüdisch orientierten — englischen Juden S. M. Melamed. Dieses ganze tiefschürfende und freimütige Werk ist aufgebaut auf der Ueberzeugung vom „Primat des Intellekts im Judentum" (Einleitung S. VIII), von dem „jüdischen Rationalismus und Intellektualismus, der sich wie ein roter Faden durch die ganze jüdische Geschichte zieht" (S. 67). Mit wuchtiger Bestimmtheit spricht Melamed cs aus: „Was der jüdische Geist geschaffen, ist nicht aus einer Orientierung an der Natur hervorgegangen. Seine Schöpfungen sind, wenn man so sagen darf, Schöpfungen des reinen Geistes, der intellektuellen „Erfahrung" und der rein intellektualistisch-moralischen Einsicht". (S. 65). lieber die Richtigkeit von Melameds Gosamtauffassung läßt sich natürlich streiten. Aber daß mindestens die Betrachtungsweise des T a l m u d stark rationalistisch-intellektualistisch ist, daran kann man wohl kaum zweifeln. Sagt doch ein gewiß unverdächtiger und berufener Zeuge, unser Heinrich Graetz, von iym: „Kein noch so leiser Hauch von Poesie weht in seinen Blättern, und man muß beim Lesen desselben die Poesie der Bibel vergessen, ihre schmucklose und doch fesselnde Forrckenschönheit, die lebensvolle Beredsamkeit der Propheten, den himmelan tragenden Schwung der Psalmen, das ge-; dankentiefe Buch Hiob, das alles muß man vergessen, wenn i man dem Talmud nicht grollen und im Groll ihm nicht unrecht tun will. Die Verunzierung und Entstellung der biblischen Poesie durch Deutelei teilt der Talmud mit der Literatur der Kirchenväter, welche ebenfalls den schlichten und in seiner Einfachheit ergreifenden Worisinn verzerrt haben, um Glaubenslehren und Schrullen aus der Bibel zu belegen . . . . (Bolkstüml. Geschichte der Juden, Bd. II, S. 201/2.) Hört man nicht hier die tiefsten Quellen jenes jüdischen Intellektualismus rauschen,, der auch Herrn Dr. Carlebach so unerwünscht ist? Das jahrhundertelange Talmudstudium der Vorfahren war es sicherlich mit in erster Reihe, was so viele — beileibe nicht alle — Juden zu Vernunftmenschen gemacht hat; groß in der Fähigkeit zur kritischen Erfassung und Zergliederung eigenen und fremden Geistesgutes, klein in jener Hingabe an die Natur, die uns die großen Deutschen so beonders liebenswert macht ... Erkennt man diese psychologische Erscheinung im Judentum als ungesund und will man sich daran machen, sie zu heilen — vortrefflich! Dann verschließe man sich aber auch nicht der Erkenntnis, daß gerade in der jüdischen Sonderschule mit ihrem ausschließlich jüdischen Milieu und vorwiegend jüdischen Gesichtskreis die Bazillen des Intellektualismus und Rationalismus, dieser jüdischen Erbkrankheit, in Reinkultur gezüchtet werden und gedeihen werden. Man kann eben nicht den Teufel mit Beelzebub austreiben. II. Es gibt aber eine wirkliche Todfeindin des Jntettekl tualismus und Rationalismus: das ist die Romantik. Die jüdische Religion ist — in besonders krassem Gegensatz zu dem heiligen« und wundergläubigen, färben- und bilderfrohen Katholizismus — vorwiegend unromantisch. Der jüdische Mensch war es wohl zumeist auch. Die jüdische Jugend von heut ist nicht mehr unromantisch. Wer die Natur liebt und das rechte Verhältnis zu ihr und ihren Wundern hat oder darauf aus ist, es zu finden, in dessen Seele blüht auch die Romantik auf. Ihr zugeneigt, ist darum vor allem die wandernde jüdische Jugend — mag sie ihren Bund nun „Blauweih" oder „Kameraden" oder „Jeschurunl" nennen. Was bietet dieser Jugend die jüdische Schule? Sie nimmt ihr den schulfreien Sonntag und damit die beste, die fast einzige Möglichkeit des ausgedehnten Manderns. Denn der Sonntag ist für die jüdische Schule, die doch nicht mit fünf Schultagen auskommen kann, selbstverständlich ein Schultag. Der schulfreie Sabbath aber ist natürlich kein Wandertag. Wir sahen oben: die jüdische Schule ist nicht geeignet, durch sich selbst den Intellektualismus und Rationalismus zu bekämpfen. Wir sehen jetzt: die jüdische Schule gefährdet geradezu diejenige hoffnungsreiche Bewegung, die den jungen Juden zu einem der Natur, seiner Heimat und seiner Körperkräfte frohen Menschen umzugestalten und dadurch den atavistischen Hang zur Bernünftelei in ihm von innen heraus zu ertöten geeignet ist! Ueberhaupt — die Jugend! Sie kam mit brennendem Eifer und Interesse in die Versammlung vom 90. Dezember. Und das von Rechtswegen! Ging es doch um sie, um ihre geistige und seelische Not, um ihre Förderung und Erziehung, um ihre Gegenwart und Zukunft. Und sie wurde doch von der Bersammlungsleitung dementsprechend mit freundlichem Ernst begrüßt und auch zum Worte »erstattet, um in ihren reifsten Vertretern (Studenten, Primanern) selbst für oder gegen diesen ersten Schritt zur völligen Trennung der jüdischen von der christlichen Jugend Stellung zu nehmen? Ei freilich doch! Der Versammlungsleiter, zugleich der geistige Leiter des gesamten Schulwerks, rühmte der Jugend — mit feiner Ironie — nach, daß sie im Saale „malerisch aufgebaut" sei, er s prach von manchen ganz jungen „Herrchen", bei denen man zweifeln müsse, ob sie nicht ins Bett gehörten, und gab daun für den Abend die Parole aus: „Augen und Ohren auf, Mund zu und vor allem Hände in Ruhe!" Vielleicht setzen die Herren diese Worte als besondres Wahrzeichen frischen Jugendsinnes über das Portal der neuen Schule. IV. Mit den Herren vom Schulverein verbindet uns die bange Sorge: wie schützen wir unsere empfindsame, ehrliebende Jugend vor den seelischen Schwierigkeiten, die ihr in der deutschen Schule oft durch die feindliche Gesinnung ihrer Umgebung bereitet werden! Die jüdische Schule ist ein Radikalmittel dagegen: durch Selbstmord überwindet man alle Leiden des Lebens und erringt den ewigen Frieden. Für uns aber, die wir sehnlich wünschen, daß unsere Jugend kämpfend und strebend sich als Glied des deutschen Volkes behaupte und dabei immer fester im Judentum einwurzele, kommt nur ein Mittel, ein anderes freilich, in Betracht: ihr den Rücken zu steifen, ihr zu helfen, daß sie innerlich stark und wehrhaft werde! Das ist, wie Herr Dr. Bogelstein jüngst hier gezeigt hat, zuerst die Aufgabe des jüdischen Hauses. Aber das Haus kann es allein nicht schaffen. Ihm zur Seite tritt die Arbeit der jüdischen Jugendorganisationen aller Schattierungen. Sie retten den jüdischen Schüler in der Gchule'fe^>st vor Vereinsamung, sie gewähren ihm Anschluß und Rückhakt, sie vermitteln ihm den Zusammenhang mit der großen jüdischen Gemeinschaft, als. deren dienendes Glied sich zu fühlen der junge Jude nicht früh genug lernen kann. »Wenn ich allein für mich bin, was bin ich dann?" heißt es in den Sprüchen der Väter. Sorget dafür, ihr Eltern, daß eure Kinder nicht allein für sich sind. Gebet ihnen enr echt jüdisch's Haus und lasset sie dem Drange des Herzens folgen, wenn sie sich zu einer Jugendorganisation hingezogen fühlen; dann werden alle Anfechtungen und Anfeindungen, weit entfernt davon, sie zu schwächen und zu beugen, nur daz« dienen, sie hart und fest zu machen wie geglühten Stahl. Ms dem Reich. Liegnitz. Am 8. und 9. Januar jand hier ein Delegiertentag der Jli Deutschlands statt, der von den einzelnen Verbandsvereinen zahlreich beschickt war und dessen eindrucksvoller Verlauf einen erfreulichen erneuten Beweis dasür bot, daß der Gedanke des LiberaliSmus immer weitere Kreise der Jugend durchdringt. Der bisherige verdienstvolle Vorsitzende, Herr Rechtsanwalt Stern-Berlin, wurde zum Ehrenvorsitzenden gewählt, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft wurde Herr Bayer- Breslau. Bezüglich des Organs der Arbeitsgemeinschaft, der Berbandsmitteilungen, wurde beschlossen, ihnen den Namen „Jli", Blätter für junges liberales Judentum zu geben; hinsichtlich ihrer Ausgestaltung ist bemerkenswert, daß für die Abteilung „Weltanschauungsfragen" Herr Gemeinderabbiner Dr. Bogelstein-Breslau zur Leitung gewonnen wurde. Dem engeren Vorstand gehört neben Herrn Alfred Berger- Breslau von jetzt ab aus besonderem Vertrauen Herr Woyda-Berlin an. Am Sonntag vormittag wurde über das Thema „Ziel und Wege der Arbeit Jlis" von Herr« Jsaak-Jli Frankfurt a. M. und Herrn Lilienthal-Jli Berlin referiert. An diese Vorträge, die, unbeschadet mancher sachlichen Verschiedenheit im einzelnen, von dem schönen Gemeinschaftsgeist und dem Mch pulsierenden Leben innerhalb der jüdisch-liberalen Jugend' lebhaftes Zeugnis äblegten, schloß sich eine überaus fruchtbare Aussprache, in deren Verlauf alle brennenden Tagesfragen zur Erörterung kamen. Zum Schluß wurde folgende Resolutionen angenommen: Die am 9. Januar 1921 in Lfegnitz versammelten Delegierten der -üdisch-litzeralen Jugertdvelene Deutschlands müssen zu ihrem größten Bedauern seststellen, daß die lernfreudige und dezeisferungsfähige liberale Jugend die so notwendige und erwünschte Unterstützung eines überwie« gend großen Teiles der liberalen Rabbiner vermissen muß. Sie sind der Ansicht, daß die durch gemeinsame Arbett geschaffene enge Verbindung der berufenen Führ« milde« organisierten liberalen Jugend von höchster Bedeutung fü« die Zukunft unserer Bewegung ist. Die uns zn gcSßter Dankbarkeit verpflichtende Tätigkeit unserer liberalen Rabbiner dürfte in der Hauptsache darin bestehen, für die MitteilunA.'n der Arbeitsgemeinschaft Artikel beizusteuern. Vorträge in den bestehenden Jugendvereinen zu halte», kurze Propagandaschriften abzuftss-n und durch Gründung neuer Jugendvereine für die Ausbreitung' unserer Organisation Sorge zu tragen. Die hier Versammelten bringen daher die Bitte zm» Ausdruck, baldigst eine Sitzung des liberalen Rckbbimr- Verbandes abzuhalten, bei der Mittel und Wegß gesunoe» werden, um möglichst alle Mitglieder des Verbandes z» tatkräftigen Förderung der liberalen Jugendbewegung zu veranlassen. — Die Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands fordert eine gründliche Reform des Rejeder zu Simchath-Thorah einen Sefer tragen durfte. Und wie glücklich war mein Taubstunrmer, ein lieber, fröhlicher, hochintelligenter Junge, daß er an diesem Tage eine eigene Alijoh hatte. Und meine Kleinen waren mindestens ebenso froh wie die Großen; ich weiß nur nicht, ob über die gestifteten Bonbons oder darüber, daß sie alle zusammen die Berochoh sagen durften. Meine großen Jungen zimmerten eine Sukkoh, die von ihnen mit endlosen Kastanienketten geschmückt wurde, die Mädels arbeiteten reizenden Buntpapierbehang. Unsere Sukkoh war der Stolz nicht nur des Heims, sondern der ganzen Segeberger Gemeinde. Der Neujahrsabend im Heim wird mir unvergeßslich bleiben. Frl. Werner hielt den Kindern eine Ansprache von solcher Weihe und Wärme, daß wohl jedes Kind in Gedanken daheim war, aber doch das Elternhaus hier nicht vermißte. — Zu den Feiertagen war das Heim immer voller Gäste. Gönner und Freunde des Heims kamen aus Hamburg herüber, am sehnsüchtigsten erwartet und am freudigsten begrüßt Herr Glazer. „Das Auto ist da, das Auto ist da!" gings von Mund zu Mund. Herr Glazer ist ein Holländer von bezaubernder Liebenswürdigkeit. Seinen Bemühungen allein ist es zu danken, daß das Heim den Kindern diese glänzende Verpflegung bieten konnte. Wie Frl. Werner ihm in der Dankrede sagte, hat er ein Herz für das Elend der deutschen Kinder, weil seine Frau eine Deutsche ist. So stellte er sich hochherzig an die Spitze eines Komitees, das dem Segeberger Heim zu einer großzügigen Schenkung von holländischen Lebensmitteln verhalf. Herr Glazer erwiderte in rührender Bescheidenheit. Die Holländer hätten immer gern helfen wollen, nur nie gewußt wie. Erst Fräulein Werner habe ihnen den Weg gezeigt. Was er aber besonders an diesem Heim schätze, fei, daß vom Ersten bis zum Letzten alle sich restlos in den Dienst der guten Sache stellten. Und dieses Gefühl hatte auch ich vom ersten bis zum letzten Tage. Frl. Lisbeth kocht mit Liebe von früh bis spat, „Fröhlichkeit" singt und tanzt mit den Kindern auf der Wiese, Haushalt-Schülerinnen, die Schwestern und Tante Martha warten der Kinder, Frau Wulff, Frau Wolffsberg, Herr Lasker, Frl. Werner, aller Tun ist beseelt von dem Gedanken, den Frl. Werner den Kindern als Abschiedsgeleitwort mit auf den Weg gab: „Nur wer für andere lebt, lebt!" HanS Meyer, osuä. med. Heue StrilikW Kodierungen (üupdoMetlag). Eine seltene Entwickelung hat Hermann Struck in den letzten Jahrzehnten zurückgelegt; heute zählt er zu den erstell levenden Radierern; er hat europäischen Ruf, und seine Zeichnungen und Radierungen werden von Museen und Sammlern schon deshalb so gesucht, weil sie eine zeitlose, keiner Mode oder irgendwelchen „Richtung" unterworfene Kunst darstellen. Es ist weniger die außerorventliche Technik, die aus dem Berufenen einen Auserwählien gemacht hat, sondern vielmehr die innerliche, seltsam beseelte Art, die allen seinen Werken den Stempel aufgedrückt und ihmn Weltruhm verschafft hat. Ein unnachahmlicher Zauber geht von seinen Landschaften aus, und die Charakterisierung verschiedener bedeutender Männer unserer Zeit in seinen Porträtstudieu ist unvergeßlich. Mit tiefem Ernst betons Struck immer wieder sein Judentum; hier liegt auch die Wurzel seines schwerblütigen, strengen und männlichen Wesens. Im vorigen Jahre kam im Wrltverlage das von ihm illustrierte und von Arnold Zweig verfaßte Werk: „Das ost- Mische Antlitz" heraus, und jetzt beschenkt cr uns noch reicher mit seinen vom Berliner Euphorio n- Verla g e verössentlichten, zu den Versen von Hamerling ge. schaffenen 23 Radierungen von Vene d i g. — Bei dieser Gelegenheit muß vor allem auf die von diesem jungen, ganz ausgezeichneten Verlage herausgegebenen buchkünstlerischen Erscheitturrgen hingewiesen werden. — Ich vermeide im allgemeinen ängstlich Superlative; aber hier können, ja müssen sie einmal ausnahmsweise gebraucht werden: schönere und typographisch wundervollere Buchkostbarkeiten, als die Druckwerke des Euphorion-Verlages werden heutzutage in Deutschland nicht hergestellt! Diejes noch junge Unternehmen hat sich mit einem Schlage in die Reihe der erfreu, überhaupt existierenden Verleger von künstlerisch ausgestatteten Büchern gestellt und ist mit Recht schnell bekannt geworden. Schon einer der kenntnisreichsten Bibliophilen der Gegenwart, Fedor von Zobeltitz, rühmte neulich warm im „Literarischen Echo" die Erzeugnisse dieses Verlages; allein wir Inden haben noch besonderen Anlaß, aus sein Schaffen stolz zu sein, widerlegt es doch in treffendster Weise die von einigen Setten erhobenen Vorwürfe bezüglich der mangelnden Begabung der Juden für Kunstgewerve! — Mit dem Buche über Venedig hat der Euphorion- Verlag allen Kunstkennern eine ganz besondere Freude gemacht; Strucks Radierungen geben den Zauber der Lagunenstadt in ihrer ganzen verträumten Märchenhaftigkeit vollendet wieder. — Wir wollen den Künstler ehren und dem hervorragenden Verlage, der auch eine Novelle von Cervantes, die Sonette der Lonize La'.s. eine Phantasie von Däubler und manches Andere mit tatsächlich kaum je dagewesenvm Kunstgeschmack gedruckt und gebunden hat, zu seinem Ausstiege recht herzlich Glück Wünschen. Dr. L. D. Schwarz-Weiß -Ausstellung in Görlitz. Die Arbeitsgemeinschaft jüdischer Korporationen zu Görlitz, die bestrebt ist, jüdisches Künstlertum zu pflegen, veranstaltete eine Ausstelluug von graphischen Werken jüdischer Künstler. Im Führer wies man darauf hin, daß diese Ausstellung keine subjektive Auslese getroffen habe, um die Werke nicht zur Programmkunst zu erniedrigen. So waren in dieser Ausstellung, die ein schönes Bild vom Anteil jüdischer Künstler am zeitgenössischen Kunstschaffen gab, die verschiedensten Persönlichkeiten vertreten. Max Liebermann mit einer stattlichen Zahl graphischer Blätter aus früherer Zeit, über die an dieser Stelle nicht mehr viel gesagt zu werden braucht. Ueberaus lebendige Scheveninger Strandbilder, Skizzen aus dem Amsterdamer Ghetto, in denen das unruhige Hasten des Judenviertels unüberirefflich gegeben ist. Weiter eine Anzahl vortrefflicher Porträts bekannter Persönlichkeiten wie Hermann Cohen, Karl Kautsky und andere hervorragende Köpfe, in rücksichtslos ehrlicher Wiedergabe. Neben Ernst Oppler, von dem man, wie meistens Tänzerinnenbilder in zartest angedeuteter Technik sah, L e s s e r U r y. Modern bewegte Großstadtbilder, die Pariser Lust atmen. Diese Bilder mit ihrer köstlichen schwarzweihen Koloristik haben ganz eigene Reize. Emil P o t t n e r zeigte prächtige Tierbilder in einer Lebendigkeit^ der man selten begegnet. Man fühlt, wie sehr sich Emil Pottner in die Wesen seiner gefiederten Freunde versenkt hat. Seine Holzschnitte sind geradezu plastisch gestaltet. Hermann Struck war mit seinen Bildern ostjüdischer Typen vertreten. Seine Radierungen, bis in die kleinsten Nuancen fein durchgearbeitet, sind immer radiertechnisch vollendet. Joseph B u d k o zeigt verschiedenste Arbeiten. Ein Bildnis Theodor Herzls, schlicht und persönlichkeitsvoll, Holzschnitte und Studien aus alten Synagogen in Polen. Bon Friedrich Fei gl sah man Jndentypen, in einem eigenen, etwas schwermutSvollen Stil. Jakob Steinhardt war, leider, wenig charakteristisch vertreten. Dieser Künstler, der in wenigen formvollendeten Linien einem zermarterten Gesicht erschütternden Ausdruck geben kann, war nur mit einigen früheren Arbeiten und mit einzelnen Holzschnitten vertreten. In die derbe Technik des Holzschnittes bringt er feinsten und stärksten Ausdruck. Bon Ludwig Meidner sah man einige der bekanntesten Bildnisradierungen mit der restlosen Erfassung deS Charakteristischen. Diese Bildnisse sind bekannt genug, als daß sie hier näher erwähnt seien. Durch seine starke Eigenart erstaunte Heinrich Tischler aus Breslau. Wundervoll, wie er das Jnnenerlebnis des Betens in wenigen, feinädrtgen, nach oben strebenden Linien auszudrücken vermag. Seine Vermählung sei als gleichwertige Leistung genannt. Isidor Aschheim aus Breslau zeigte verschiedenartigste Blätter. Seine Studien aus Rachtwinkeln und Armutsvierteln, in denen qualvolles Milleiden zum Ausdruck kommt, sind seine stärksten und eigensten Merke. Noch manche tüchtige Kräfte waren mit einzelnen Werken vertreten. Ludwig Kunz-Görlitz.