Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-01-14 · 7 (14.1.1921) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
7 (14.1.1921)
Date
1921-01-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2613366-2613604-2613611--0034-2617197
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

^'H1 TJJ7» IHfl* r-',«-^.V> WJW.; ••;«■ .,,U'».!J1«"'WJ'J.^ '» M’T?-'.-*'’'** 1 *VI '9 » lynpif.. n rMRj^p.'.^FWivw1,-.'1,1 v-1 iiwiipiippj^iwi i JP iy.41.1 ‘ IJKRM l »Zanöwerk hat goldenen Vo-en/ Zur Frage der Berufswahl. Wir erhallen folgende Zuschrift: Der Artikel in Nr. 3 der „Jüdisch-Liberalen Zeitung" „H andwerk hat goldenen Boden" ist außerordentlich zu begrüßen und hat zweifellos weite Leserkreise interessiert. H$t wäre sicherlich von noch größerem Interesse gewesen, wenn der Verfasser seinen Namen genannt hätte. Es ist mir nur zu gut bekannt, daß sehr viele unserer Glaubensgenossen dieselben schönen Worte für das Handwerk haben, aber nicht daran denken, ihre eigenen Söhne Handwerker werden zu lassen. Die Gewohnheit, ich möchte fast sagen die Tradition, die Söhne Akademiker oder Kaufleute werden zu lassen, ist so eingewurzelt, daß sogar schwach befähigte Knaben die Schule oder Presse solange besuchen müssen, bis sie oft unter größten Mühen und Kosten den von den Eltern erwünschten Grad erreicht haben. Ja es wird ihnen sogar gedroht: „Junge, wenn du nicht lernen willst, lasse ich dich Handwerker werden." Das genügt doch wohl als Abschreckungsmittel gegen das Handwerk. Solche Eltern wissen scheinbar gar nicht, oder wollen es nicht wissen, daß der intelligente und befähigte Knabe gerade gut genug zum Handwerker ist. Aber es ist noch leider das alte Vorurteil, im Handwerker den 3. oder 4. Stand vertreten zu sehen und das paßt der Familie nicht. Auch die Furcht, daß ein Handwerk zu schwer und der Junge zu solcher Arbeit zu schwach sei, wird vielfach als Grund angeführt, das ist aber mcht der Fall. Aus den meisten schwächlichen Knaben werden recht kräftige junge Männer, wozu gerade die körperliche Arbeit beiträgt. Doch es gibt auch leichte und doch gewnmbringende Handwerkszweige. Goldarbeiter, Silberarbeiter, Optiker, Mechaniker, auch Tischlerei, Malerei und Schlosserei sind nicht zu schwer. Nur kein Mitleid mit dem jungen Menschen haben, wenn er auch abends müde aus der Arbeit kommt, wenn auch die Hände schmutzig sind, der Rock nach Leim oder Farbe riecht, wenn auch der Bäckerlehrling einen Korb Semmeln, oder der Konditor eine Torte abtragen, wenn er auch die Werkstatt aufräumen und aussegen muß; das Alles gehört zum Handwerk. Auch ist die Lehrzeit gegenwärtig viel leichter als früher, wo die Arbeitszeit noch 10—12—14 Stunden dauerte, während es jetzt nur 8 Stunden sind. Es ist auch in Betracht zu ziehen, daß die wirtschaftlichen Aussichten in den nächsten 20 Jahren, sowohl für den Akademiker, als auch für den Kaufmann wenig verlockend sind, desto mehr und besser für den Handwerker. Verdient doch heute jeder Handwerksgeselle monatlich 1000 bis 1300 Mk. und mehr. Der Kaufmann hat wohl kein größeres Einkommen. Ferner muß der selbständige Kaufmann mit der Konjunktur rechnen, die ihm eventuell großen Verlust bringen kann, was der Handwerker nicht zu fürchten braucht, er wird auch in schlechter wirtschaftlicher Zeit vor Zusammenbruch bewahrt bleiben. r Die Errichtung eines eigenen Geschäfts ist dem Handwerker auch viel leichter möglich und mit viel weniger Kosten verknüpft, als langjähriges Studium oder Etablierung eines Kaufmanns. Wird zwar der Titel Or. med. oder Dr. jur. nicht erworben, so wird der Titel „Meister" durch die Meisterprüfung erworben, auf den der Handwerksmeister in gleicher Weise stolz sein darf, wenn er etwas Tüchtiges leisten kann. Der Aufschwung des Handwerks, besonders des Kunsthandwerks versprechen durchaus viel Erfolg für die Zukunft. Nur muß der Dünkel der Eltern erst aufhören, die schon frühzeitig in ihrem Sohn den Professor oder Großkaufmann sehen. Auch letzteres kann der Tüchtige erreichen. Sind doch viele heute bestehende große Fabriken und Werke von Handwerkern gegründet worden, z. B. die Kesselfabrik von F i tz n e r in Laurahütte, die Maschinenfabrik von Th. F l ö t h e r in Gassen, beide Gründer waren Schmiedemeister, der bekannte Bildhauer Prof. Hugo Led.erer lenrte erst das Steinmetzhandwerk. — Obige Ausführungen sollen in erster Linie zur Aufklärung dienen. Jedoch wird es erforderlich sein, sich im Einzelfalle bei einem erfahrenen Meister des betreffenden Handwerkszweiges Rat zu holen. Jedenfalls ist die Erlernung eines Handwerks durchaus geeignet, den Heranwachsenden Söhnen ein gutes Fundament für ihre berufliche Zukunft zu geben. Moritz W o l f f, Steinmetzmeister. Zur Krage -er Mischen Schule. Wenn flwmften in ihr«en verschiedenen Gruppen und Grüppchen. wenn Ärrrdisten. und wie die zahlreichen „isten" heißen mögen. die jüdisch-konfessionelle «Schule wünschen und propagieren, so ist das zu verstehen. Wer eben das Judentum als Klotze Nationaliiät betrachtet, oder als überzeugter Gesetze stve-uer sich durch Sitten «und Gebräuche, die sich unserer Meinung nach längst! überlebt haben, von der Umwelt scharf absondert und absondern will, der orstwbt mit Recht die jüdische Schul« ijnd kann konsequenterweise schon für die vorschulpflichtige Jugend den konfessionellen Kindergarten, ja sogar jüdische höhere und Hochschulen verlangen. Wie aber ein kleiner Bruchteil der deutschen Juden, die im ganzen selbst wieder nnr 1 bis 1)4 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen und zersprengt im ganzen Reiche nur in einigen Großstädten in solcher Zahl zusammenleben, daß hie und da vielleicht eine jüdische Volks- oder Mittelschule gegründet werden könnte, — ich sage, wie ein so kleiner Bruchteil der deutschen Inden solche Ziele praktisch durchführen will, das nachzuweisen überlassen wir vuhig den Herrschaften, die sich dafür einsetzen. ,/Leicht beiein- «exnid-er wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen." Denn selbst wenn die «Sache gut und 'vernünftig wäre, muß sie an der Unmöglichkeit ihrer Durchführung scheitern. Doch betrachten wir das. womit man uns auch «in Breslau beglücken will, einmal vom pvinzipiellen Standpunkt. Ist es gut und vernünftig, iüdische «Schulen einzurichten? Zugsgeben, unsere Kinder leiden gegenwärtig m.trc als wir einst in unserer Jugend ihres Judentums wegen, obwohl auch wir. die wir jetzt erwachsen sind, vor einigen Jahrzehnten in der Beziehung nicht «auf Rosen gebeitet waren. Die augenblickliche Hochflut des Judenhasses wird und muß wieder ab,ebben. Und wegen dieser vorübeMchenLen Erscheinung oder «in Rücksicht auf einige „isten" sollen wir alles, wofür sich unsere Vorfahren mit allen Kräften bemüht haben, unsere Befreiung aus dem Ghetto«, unsere «Emanzipation Preisgaben? Heißt das. seiner Väter gern gedenken, nennt >m,m das Pietät, ist das jüdisch? — Wenn wir Erwachsenen und für die Zukunft Verantwortlichen das, was unsere Väter und Großväter «miit der ganzen Glut ihrer Seele erstrebt haben, die stolz auf den kleinsten Erfolg in ihrem Kampfe um die Befreiung aus der Judengasse Wauen, wenn wir alle «Errungenschaften der letzten 100 Jahre, zu denen au!ch das Recht, unsere Kinder in öffentliche «Schulen zu schicken, gehört, jetzt aus Kleinmut oder wsil es einigen Heißspornen so in den Kram paßt, aufgeben wollten«, dann wären wir genau so töricht und so undankbar, wie heute zuweilen unsere unmündigen und halbwüchsigen Söhne und Töchter uns «gegenüber sind, die unsere religiösen Ansichten und politischen Üeberzeugungen. dank der Verhetzung m den verschiedenen „Jugendbewegungen". für überwunden und veraltet erklären und sich so gegen das wichtigste Gebot unsersv Thora, gegen das fünfte, vergehen. Jüdische Sch'Ulen gründen heißt, sich freiwillig wieder ins Ghetto begeben. bedeutet. das heiße Bemühen unserer Väter gering schätzen, sogar verachten. So wenig der blöde Antisemitismus uns einst in der Schulzeit »geschadet bat. ebensowenig wird er unseren Kindern schaden. Im Gegenteil! Ueberlogen wir doch einmal, welchen Zweck die Erziehung der jungen Mensche« durch die Schule hat. Als Zweck aller Erziehung, «also «auch in der Schule, wird hingeslellt: Ertüchtigung fürs Leben, daß di« Zöglinge einst imstande sind, kh, Leben aus sich selbst heraus sittlich zu gestalten. Wollen wir deutschen Juden ein Staat im Staate sein, können wir »im Deutschen Reiche das. was bei unseren Glaubensbrüdrrn im Osten, die in diel größeren Massen Zusammenleben, vielleicht möglich, keineswegs aber zu ihrem Heile ausschlagen wird, vernünftigerweiie rvgend eine Autonomie verlangen? Nein und dreimal nein! Müssen wir. die wir mit unseren christlichen Mitbürgern zum Wohle. des Ganzen zusammen lsben und wirken wollen, mcht vielmehr deshalb unsere Kinder so srüh wie möglich für dieses Zusammenleben und Zusammenwirken vorbereiten? Ja und dveimal ja! Wer «sein Kind durchaus in «eine jüdische Schule »schicken Wity gleicht einer überzärtlichen und überängstlichen Mutter, die ch» Kind «aus Furcht, es könnte «von den anderen Kinde m in der Ge« sundheit. öder Moral oder wer weiß noch worin geschädigt werden» überhaupt in keine «Schule schickt, sondern «es nur von Hauslehrern unterrichten läßt. Gewiß. Goethe hat als Knabe keine Schule besucht und ist doch ein bedeutender Mensch geworden. Unsere Kinder «sind aber nicht alle Goethes. Zwar ist nicht zu bestreiten, daß den Kindern durch Privatunterricht leichter und schneller «in bestimmtes Maß von Wissen überm-itüett werden kann. Das ist doch aber «nicht der einzige Zweck des «Schulunterrichts «und de» Schule vziehung. In der «Schule, durch den Wetberifer der Kinde» untereinander, durch das gegenseitige Messen der geistigen urck körperlichen Kräfte, durch das dlbschleifen von gewissen selbstsüchtigen und antisozialen Regungen wird der Charakter des Kindes fürs Leben «gebildet. In der Schule «erzieht nicht nur der Lehrer und die ganze, «Schulorganisation. sondern ein Kind das oindere für das spätere. Zusammenleben im Beruf, «in Stadt und Staat. „Früh' übt sich, was ein Meister werden will." Ein ver^ zärteltes Muttersöhnchen, das nie mit anderen Kindern gespielt und gerauft hat. wird das «Leben nicht meistern können, selbst «wenn es noch so «viel Wissen aufg:spsiche«rt hat. Gerade die heutig^ Zeit fordert Menschen, die für den Lebenskampf in jwer Welse gefestigt sind. Und das sind «ebensowenig wie die Muttersöhnchen die jüdischen JuWen «und Mädchen, die ma«n von der andersgläubigen Jugend ängstlich absondert, damit ,/ihve Seele" keinen Schaden nehme. Umgekehrt, der Schaden wird um so größer, je später sie die Welk, wie sie wirklich D, kennen lernen. Die deutschen Juden müssen wie «bisher ihre Kräfte unk Fähigrsiten entwickln und toeiter kämpfen für ihre Gleichberechtigung auf allen Gebieten, für Recht und Gerechtigkeit überhaupt. Das ist ja unsere Mission. So ha>ben wir auch ein Recht, zu verlangen. daß alle jüdischen Schüler, die öffentliche Schulen besuchen, einen ausreichenden jüdischen Religionsunterricht an der Schule erhalten. Hier ist noch vieles im Augen. Es wmd? zu tveit führen, hier a«us die verschiedenen Mängel. die dem jüdischen Religionsunterricht auch an den Breslauer Schulen anhaften, einzugehen. Nur «auf folgendes sei kurz hingewiesen: Zur Hebuüg des Religionsunterrichts würde in erster Reihe beitragen, wenn er an jeder öffentlichen «Schule mindestens vier Stunden die Woche ertailt wird, und zwckr von Lehrern, die an der betreffeirden «Schule angestellt, das heißt auch ht' anderen Fächern unterrichten. an den höheren Schulen also auch von jüdischen Oberlehrern, die dem «Lehrkörper der Schule angehören. Wo das «nicht möglich ist. mußte aber auch der Lehre«, der jüdischen Religionsunterricht als 'sein Spezialfach erteilt. SD und Stimme < nicht nur in den Lehrerkonfevenzen. sondern auch in den Prüfungskommissionen haben. «Schon dadurch gewinnt, wie die. Erfahrung lehrt, der R'.ligionsunierricht »in den Augen der Kinder und auch selbst bci religiös indifferenten Eltern häufig die Ächtung, die ihm gebührt. Reicht die Zahl der jüdischen «Schüler «einer «Schul« nicht aus. einen nach Stufen geordneten Religionsuntorricht einzurichten. so müssen die Schüler «mehrerer gleichartiger Schule» zusummen unterricht«et werden. Da der zu jedem RelWousuntervicht gehörige «Unterricht im «Hebräischen selbst in di«.r Woche., stunden nicht zu seinem Rechte kommt, so muß er in besonderen hebräischen Unterrichtsanstalten «erteilt werden. Hier in Breslau müssen zum Beispiel die Religionsschulen der Synagogengemeinde dazu nmgewandelt «werden, allerdings erst dann, «wenn für all- Schüler der Volks-, Mif.el- und höheren Schulen Religionsunter, richt an den «betreffenden «Schulen eingerichtet ist. Und ist der Unterricht «so. wie wir ihn uns denken, so können wir unser« Knaben und Mädchen getrost der öffentlichen «Schule anvertranen und si" in «den übrigen Fächern gemeinsam m't der «anderen denkscheu Jugend unterrichten lasten; denn dann ist jedem Kinde auch Gelegenheit gegeben, neben seinem Deutschtum auch sein Juden- '! Vceslauee Kecienkinöer in Segeberg Im Erholungsheim -es Israelit. Humanitären Zrauenvereins Hamburg, geleitet von Zräuleln Sidonie Werner. Am 1. September vorigen Jahres trafen wir am Spätnachmittag zu fünfwöchentlichem Erholungsaufenthalt in Segeberg ein. Eine ganze Nacht und den Tag über waren wir schon unterwegs. Ich hatte während dieser Zeit Gelegenheit, meine 70 Kinder im Alter von 6 bis 15 Jahren zu beobachten, die vom Jüdischen Frauenbund Breslau fortgeschickt wurden. Da war kaum eiits darunter, das nicht dringend der Erholrmg bedurft hätte. Im Wachstum zurückgebliebene, dürftige Gestalten, bleiche, hohlwangige und hohläugige Großstadtgesichtchen schauten mich an. An der Freitreppe des Heims empfing Frl. Werirer den langen Zug. „Guten Tag, Kinder", „guten Tag, Frl. Werner", erklingt es. Und jedem gab sie die Hand und half auch hie und da einer Mütze vom Kopfe. Ein stärkender Imbiß und schon gings zu Bett. Helle, luftige Schlafsäle, in jedem schlief eine Aufsichtsperson bei den Kindern. Am Morgen um %7 Uhr begann der Tag. — „Ach, Herr Meyer, jetzt kommt die schwerste Stunde an: Tage", jammerte mir einer meiner Jungens jedesmal beim Wecken vor. Und die Kinder schliefen glänzend. Die goldenen, aber schon kühlen Herbsttage zwangen die Kinder zu dauernder Bewegung. Das verschaffte ihnen gesunden Hunger und gesunden Schlaf, schloß allerdings erhebliche Gewichtszunahmen aus. „Wer zehn Pfund zunimmt, bekommt von Frl. Werirer eine Belohnung," hieß es zwar beim Wiegen, doch hat sich leider keins meiner Kinder diese Belohnung verdient; fünf bis sechs Pfund waren Höchstleistungen. Nach dem Frühstück, das aus einer süßen, dicken Milchsuppe und dick gestrichenem Butterbrot bestand, gingen die Kinder bis 10 Uhr spazieren. Wir lernten so die entzückende Umgebung Segebergs kennen, und ich hoffe, Auge und Seele der Kinder ist dort empfänglich geworden für die Schönheiten der Natur. Der große See liegt dem Hause unmittelbar zu Füßen. Oft wanderte wir durch die herrlichen Anlagen an seinen Ufer entlang, zweigten auch oft nach dem Kalkberg ab, von dem man meilenweit über Seen, Felder und Wiesen blickt; oft pilgerten wir etwas weiter weg nach dem wundervollen waldumschlossenen Jhlsee, wo meiner Jungen selbstgebaute Räuberhöhle wohl noch steht. Hellste Begeisterung aber löste jedesmal ein Besuch der Kalkberghöhle aus; der urkomische Begleitvortrag des Führers gab noch lange rrachher zu mancherlei Späßen Anlaß. Punkt 10 Uhr wurde im Haus I zum „Kakao" angetreten. Das war eigentlich ein warmer Schokoladenbrei, den Frl. Werner aus dem Riesentopf jedem Kinde selbst in den Becher schenkte. Dann gings aus die fünf Minuten entfernte „Wiese", einem Sportplatz von gewaltigen: Umfang, auf dem die Kinder nach Herzenslust springen, spielen und' lärmen konnten. Meine Jungens gründeten im Nu eine Fußballmannschaft, die sich mit Segeberger Realschülern sehr bald ansreundete. Am vorletzten Tage fand ein großer Sportioettkanrpf zwischen beiden Parteien statt, von den: einer unserer Jungen einen Eichenkranz heimtrug. Die Segeberger begleiteten die Breslmwr in: Zuge ans Heim, sangen ihnen holsteinische Lieder vor und verabschiedeten sich mit einem dreifachen „Gut Heil" von ihnen. Auf der Wiese konnte ich am leichtesten die Kinder beobachten und Zugang zu ihren Seelen finden. Hier vertrauten sie rnir ihre Sorgen an, ästhetische und unästhetische, sogar Herzensgeheimnisse. Kommt da jubelstrcchlend ein süßes neunjähriges Mädelchen, das bis dahin so viel Heimwehtränen gewei-nt hatte: „Herr Meyer, ich habe mich verliebt!" — In wen denn? — „In den Rudi." — Wie heißt er deim weiter? —. „Das weiß ich nicht!" — Wie hast Du Dich denn in ihn verliebt? — „Nu, ich geh immer mit ihm!" — Bon dem Tage an floß bei ihr keine Heimwehträne mehr. — Die Wiese war auch Gerichtsplatz. Dort nahrn ich mir immer nreine Pappeicheimer beiseite und redete ihnen ins Gewissen. Jir geschlossenen: Zuge gings darm heim zum Mittag. Der großen Zahl wegen wurde in zwei Abteilungen hintereinander gegessen. Ich gehörte mit den Großen zum „ziveiten Tisch" und mußte im Hof vor Haus II warten, bis der „erste Tisch" im Haus III fertig war. Wenn nun die ersten kleinen Vorboten aus Haus III herumgesprungen kamen, stürzten meine „hungrigen Seelen" auf sie zu: „Was gibts heute? Sag doch schnell!" Große Begeisterung, wenn damr eine von den Lieblingsspeisen angekündigt wurde: „Griespudding mit Rosinen" oder „Reis mit Schokoladensauce" oder „Wurst mit Reis"; manchmal hieß es aber auch: „Ach, bloß Bohnen!" Eine kräftige Suppe ging meist vorher, und des öfteren folgte noch Kompott. Einmal wars „Schlagschne"; Frl. Werirer kam dann mit der Riesenschüssel in der Hand und fragte; „Wer ist gewöhnt, zu Haus die Schüssel auszukratzen?" O, wie viele warens gewöhnt. Auf gute Manieren beim Essen wurde sehr geachtet. „Kinder," sagte Frl. Werner, „der Löffel macht einen Besuch beim Munde, nicht der Mund beiin Lössel". Das Essen war äußerst sorgfältig und schrnackhaft zubereitet. Es gab natürlich oft auch Gemüse, Fleisch, Fisch; die Portionen waren recht reichlich zugemessen. Frau Wolffsberg, Frl. Werners rechte Hand, von Haus aus Breslauerin, sorgte dafür, daß ihre Breslauer Kinder aßen und fragte ein jedes, ob es noch „nach haben" wollte. Voll Liebenswürdigkeit und Schelmerei achtete sie darauf, daß auch aufgegessen wurde: „Wer sich hat nachgeben lassen, muß ausessen, und wer sich nicht hat nachgeben lassen, natürlich auch!!" Besonders bedürftige Kinder betraute sie mit besonderer Sorgfalt, Geburtstagskinder mußte stets die ganze Tafel hochleben lassen. Nach Tisch kam das schwerste Stück für mich; die Kinder mußten ins Bett und bis y24 Uhr „schlafen". Aber zwinge mal einer solche muntere, an Mittagsschlaf nicht gewöhnte, freiheitsdirrstige Gesellschaft bei strahlendem Sonnenschein zum Schlafeil! Nach dem „Kaffee" (frische Milch und Butterbrot) gings bis zum Abendbrot wieder auf die Wiese. Das Abendbrot war stets warm und gleich dem Mittag. Jetzt bekam ich die Kinder schnell zu Bett und bald war das eben noch von Lärm und Lachen widerhallende Haus mäuschenstill geworden. Mir siel schon in der zweiten Woche auf, wie viel leuchtender die Ailgen, wie viel runder die Bäckchen, wie viel gesünder die Farbe der Kinder geworden war. Als Frau Landsberg, eine Vorstandsdame, und Fräulein Luzie Cohn, die Jugendpflegerin des jüdischen Frauenbundes Breslau (den mrermüdlichen Bemühungen dieser beiden Damen ist es zu verdanken, daß überhaupt eine Breslauer Kolonie nach Segeberg kam), die Kinder heimholten, wareir sie sreudigst überrascht, wie sehr sich Aussehen und Wohlbefinden der Kinder gebessert hatten. In die Zeit unseres Segeberger Aufenthaltes sielen die hohen Feiertage. Der Kantor war selig, daß er durch meine Bar-Mizwah-Jungen seit 17 Jahren zum ersten Mal an allen Feiertagen zu Schacharith und Minchah Minjan hatte. Und meine Großstadtkinder waren selig, daß sie zu allen Mizwoth herangezogen wurden, und daß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.