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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-01-14 · 7 (14.1.1921) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
7 (14.1.1921)
Date
1921-01-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Er ist groß und furchtbar, männermordend und städteerwürgend, bildungsfeindlich und kulturhemmend. Sie glaubt, unter den Nachwehen der Kriegspsychose seufzend, er sei von männlicher, kraftvoller Art, und sie scheut sich nicht, ihn bis in seine letzten Äderchen und Fäserchen auswirken zu lassen. Sie ahnt nicht, daß sie die Flammen immer erneut entfacht, die man längst gelöscht glaubte. Sie hat kein Mitleid mit den Opfern, die an allen Enden der Erde bluten, mit den Tränen, die frauliche, mütterliche Herzen vergießen, mit der Armut, mit dem Elend, das unfern Erdteil in längst verklungene Barbarei tauchen muß. Sie ahnt nicht, daß die Menschheit, noch aus unseligen Wunden blutend, unschuldig weiter leidet. Seit Jahr und Tag beraten die weisesten Männer über den Frieden. Noch nie hat Gewalt Länder und Völker befriedet. Auf die Dauer lassen Nationen, zur Freiheit, zur Selbstbestimmung erwacht, sich nicht mit Hebeln und Schrauben Niederhalten. Die Einsicht in das geschichtliche Leben, -in die wirtschaftlichen Zusammenhänge ist heute in allen Schichten so groß, daß sie ein unsichtbares Band um die Völker schlingend, die Guten oller Welt antreiben wird, der Macht den Willen des Geistes und der Menschlichkeit entgegenzusetzen. Entwickelung ab8c erfordert Zeit und Geduld, um die Widerstände zu überwältigen. Je geringer die politische Bildung einer Gemeinschaft ist, um so langsamer vollzieht sich der natürliche Lauf der Geschehnisse. Wir sind in Mitteleuropa von politischer Reife und Weisheit noch Seit entfernt. Die Massen huldigen eher dem Gefühl s der selbstgewonnenen Einsicht: ein furchtbares Menetekel für die deutschen Juoen. Bei dem überragenden Ginfluß, den die Bildungsschicht trotz der gewaltigen Stimmenzahl der sozialistischen Parteien auf die Massen ausübt, dürfen wir nicht übersehen, daß der Judenhaß ganz bestimmte politische Ziele verfolgt. Er soll die Welt rückwärts revidieren. Er soll ein Bild, eine Zeit heraufbeschwören, deren Untergang die Verblendung, das unpolitische, das unhistorische Denken der damaligen Machthaber verschuldet hat. Gewiß, das ist eine bittere Wahrheit, nachdem die deutschen Juden in hundertjährigem Kamps um die politische Freiheit sich bemüht haben. Besonders niederschmetternd aber ist es, daß dieser Geist des Hasses an den Stätten höchster Bildung und vornehmster geistiger Entfaltung gepflegt wird. Das Volk wird in seinem Gefühl systematisch aufgepeitscht, die Pflegestätten der judengegnerischen Einstellung sind die Universitäten, die höheren Schulen, die unter dem Patronat der Chamberlain, Fritsch e tutti quanti die künftigen Führer der Nation heranzüchten. Man fragt sich unwillkürlich, warum man bei uns den Humanismus noch pflegt, wenn seine namhaftesten Vertreter buchstäblich erklären, der Antisemitismus, das sei der G e i st d e r Z e i t, den man nicht bekämpfen könnte, man sieht sich vergebens nach der Heimat wissenschaftlichen Geistes um, wenn er sich anschickt, der P s e u d 0 w i s s e n s ch a f t des Judenhasses eine Stätte zu bereiten. Das Volk der Dichter and der Denker hat seine edelsten Traditionen vergessen, wenn die wirklich berufenen Hüter des Geistes nicht den Mut, den Idealismus früherer Geschlechter aufbringen, um sich den Massen mit der Wucht ihres Wortes entgegenzuwerfen, um die Gefahren zu zeichnen, denen wir mit den Formen des Menschenhasses entgegentreiben. Wer wird dieses Martyrium auf sich nehmen in einer Epoche, in der Antisemitismus zum guten Ton, zum guten Ton der Presse gehört? Der politische Kampf ist bei einem Tiefstand, soweit er gegen die Juden sich richtet, angelangt, der nicht mehr gut überwunden werden kann. Das gute und gutgläubige Volk der Deutschen glaubt alles, wenn es ihm nur gedruckt vorgelegt wird. Das gedruckte Wort ,st ihm unanfechtbar. Wir klagen die W i s s e n s ch a f t und die Publizistik an, daß sie, von rühmlichen Ausnahmen abgesehen, nicht ihre Pflicht der Wahrheit erfüllt hat. Die Wahrheit verpflichtet zum Schutze der Schwachen, der zu Unrecht Angegriffenen, der durch eine törichte Verallgemeinerungssucht Verfemten, die, weil sie Juden sind, durch alle Gassen in den Tagen höchster politischer Freiheit Spießruten laufen müssen. Wir sind zu stolz, um jeden Anwurf zurückzuweisen und zu widerlegen, in das Reich des Wahnwitzes zu verweisen, dem er entstammt. Was nützt es uns, unsere Beweise zu wiederholen, wir werden nur von neuem verdächtigt und mit Schmutz beworfen. Der Haß ist, wie oft ist das gesagt worden, ein schlechter Weggefährte, denn er macht blind und ungerecht, er vergröbert und verzerrt jedes Bild, er tötet jede religiöse Anwandlung. Will man etwa den Haß'mit dem Namen der Neligion, der Religion, die in allen Zungen den Geist der unverbrüchlichen Menschenliebe verkünden soll, umkleiden? Gewiß nicht. So töricht sind wir nicht, zu glauben, daß die wahrhaft religiös Feinfühligen den Haß rechtfertigen oder gar den teuflischen Wahn unserer Tage, den Rassenwahn, über die elementarsten Forderungen einer.hochstehenden, feingeistigen religiösen Kultur stellen wollen. Dann aber, warum tim sich nicht die, die guten Willens, zusammen, die religiös Führenden, um einmal den verblendeten Massen den Schleier von den Augen zu reißen, warum wagen sie nicht, eine geschlossene Erklärung gegen die Ausgeburten des Hasses, die Deutschland auf die Stufe der Barbarei herabdrücken? Etwa aus Furcht? Aus Furcht vor wem? Aus Furcht vor den Juden? Was denn sollte man an uns fürchten? Macht, Einfluß, Gold, Haß? Wir wissen uns von allem frei. Wir sind die wenigen und können niemals die vielen beherrschen, niemals. Wirerklürenfeierlich, daß uns nichts ferner liegt, als solches Streben, daß wir uns trotz alles Hasses, gegen uns gerichtet, alles Hasses entschlagen gegen irgend eine Gemeinschaft unserer Umwelt. Wir lehren keinen Haß, und wir hegen keinen Haß/ wir geben dank unfern religiösen Lehren unfern Glauben an das Gute im Menschen nicht auf, an Anstand, Gerechtigkeit und Menschlichkeit, so schwer uns auch dieser Glaube in der Gegenwart angesichts uns drohender Gefahren gemacht wird. Wir werden nicht aufhören, der Menschenliebe rind der Menschlichkeit, dem Vaterlande und seinen Pflichten zu dienen. Aber von den Formen öffentlichen Lebens, wie wir sie geschaut, wenden wir uns verstimmt und gekränkt, von Ekel und Entsetzen erfüllt, ab. Wir sind zu stolz, um den Parteien als beliebter Spielball zu gelten. Wir ziehuns lieber in vornehmer mehr als 75 Jahre alten Beamten, eine Schrift, auf welche Rabbiner vr. Seligmann-Franksuri an anderer Stelle bereits hingewiesen hat. Wenn dein Bruder verarmt und seine schaffende Hand schwach wird neben dir, so sollst du ihm unter die Arme greifen, er sei Fremder oder Einheimischer", so heißt es in der heiligen Schrift. Nach diesem Ausspruche haben unsere Glaubensgenossen, zum Ruhme sei es gesagt, stets gehandelt. Ihre hilfreiche, offene Hand haben sie bei so vielen Anlässen in so opferfreudigem Maße bewiesen, daß wir mit Genugtuung auf diese Art von Liebestätigkeit Andersgläubigen gegenüber hinzuweisen uns berufen fühlen. Nur einen Stand haß man bei der Hilfeleistung übergangen oder übergehen wollen, das ist der Stand der Kultusbeamten. Sie wirken als Lehrer, Kantor, Prediger und auch alsSchochet. Sie sollen die Gemeinde nach außen repräsentieren, und doch bewilligt man ihnen vielfach nur Gehälter, die weiß unter dem Existenzminimum liegen. Um sich in dieser traurigen Zeit über Wasser zu halten, für Frau und Kinder Brot zu schaffen, haben einzelne Beamte unter Zustimmung der Gemeinde einen geschäftlichen Nebenberuf ergriffen. Die größere Zahl ist aber nicht geschäftlich veranlagt und muß in der unendlich traurigen Lage weiter verharren, wenn nicht die ersehnte Hilfe bald kommt. Daß diese Art von Tätigkeit nicht gerade zur Hebung des Standes und der Gemeinde beiträgt, wer' wollte es leugnen. In Schlesien, das können wir ruhig aussprechen,bewilligen sehr viele Gemeinden noch Gehälter von 6000 bis höchstens 10000 Mark. Ich verstehe, daß einzelne Gemeinden, obgleich auch deren Steuerkraft gerade in den letzten Jahren sich bedeutend vergrößert hat, trotz des besten Willens eine angemessene Besoldung nicht aufzubringen imstande sind. Nun, dann muß die Organisation geschaffen werden, um die Lasten zu verteilen/ Ju Schlesiens ft die Organisation so gut wie vor¬ Zurückhaltung zurück, nicht um im Schmollwinkel zuhanden. Die Gemeinden der Bezirke Breslau und stehen und den streitenden Parteien zuzuschauen, wie^Uegnih bilden bereits einen Verband, an diesen ließe es einst die gelehrten Kreise getan haben, sondern um an dem Gedanken zu arbeiten, daß es einen erbitterten Feind des Hasses gibt, dem er nicht widerstehen kann. Man lerne sich gegenseitig kennen und verstehen. Daran fehlt es. Wir erblicken die Aufgabe des neuen Deutschland darin, daß es die Zersplitterung der Parteien überbrücke und dem Haß den einmütigen, geschlossenen Willen zu iunerem Frieden entgegensetze. Achtung vor der gegenseitigen Meinung und liebendes Verstehen wird reicheren Segen erschaffen, als die Leidenschaften, die noch wie im Fieberwahn uns schütteln. Töricht ist der Wähn, daß Reichtum und Mannigfaltigkeit der Ideen, der Bekenntnisse uns schädige. Es liegt im vitalsten Interesse des deutschen Volkes, daß wir einem jeden neidlos gestatten, seiner „unbestrittenen Liebe nachzueifern". N MW örr Men Amln-MMlen. In Nr. 3 dieses Blattes hat ein einsichtsvoller Kenner die Notlage unserer Gemeindebeamten treffend zu schildern verstanden. Was er dargelegt hat, ist nicht übertrieben, nein, wir wissen, wie so manche Hilferufe aus der Provinz uns bezeugen, daß die Lage geradezu katastrophal geworden ist und dringend der Abhilfe bedarf. Heute will ein Beamter selber zu dieser Frage das Wort ergreifen. Man ist früher, obwohl Mißstände genügend vorhanden waren, außer in Fachkreisen der Sache möglichst aus dem Wege gegangen. Da die Verhältnisse aber immer kritischer geworden sind, fing man endlich doch an, auf Delegiertentagen und in Logen zu dieser Angelegenheit Stellung zu nehmen. Erfreulich ist es, daß auch in liberalen Kreisen immer mehr die Erkenntnis durchbricht, daß es so m'cht weiter geht, wenn nicht das Gesamtjudentum Schaden leiden soll. Wollen wir nun unterrichtet sein, in welcher Lage sich unsere Gemeindebeamten heute noch meist befinden, so empfehlen wir den Lesern die Lektüre „Fünfzig Jahre Lebenserfahrungen" von Prediger Lion Wolfs, eines Misch-liberaler Iugenüverein Montag, den 17. Januar 1921, abends 8 Ahr, im Saale der ,Geiellschaft Emiracht". Tauentzienftraße 12 <Einga,'fl nur Anger) Vortrag -es Herrn Gemeinöe-Rabbiner vr. Vogelstein ,Der Monotheismus -es Zlu-entums". Freitag» den 21. Januar 192*. abends 8 Ahr, in den Räumen der Epmoza-Loge, Schrveidwher Ctadigrabcn 9 1: 3. gesellige Freitag-Abend-Zusammenkvnft Freunde und Anhänger unser eis Bewegung willkommen. sich leicht anknüpfen. Bis zum Jnslebentreten der vom Deutsch-Israelitischen Gemeinde-Bund projektierten Ge^ samtorganisation, an die ich allerdings wenig glaube/ — dafür sorgt schon die separatistische Neigung gewisser Teile unserer süddeutschen Glaubensbrüder, — können unsere Beamten ganz verelendet sein. Ist die Organisation aber geschaffen, dann ließe sich auch die Reliktenversorgung unschwer durchführen. Wir weisen auf den Provinzialverband von Westfalen und auf Ratihor hin, eine mittlere Gemeinde Schlesiens, die ihre Beamten der Provinzialreliktenkasse angeschlossen haben. Unter nicht zu großen Opfern wäre es ferner auch möglich, unsere Beamten der vor wenigen Jahren ins Leben gerufenen Kommunalbeamtenrelittenkasse, die meines Wissens auch für Kirchenbeamte allgemein offen ist, anzugliedern, um sie und ihre Witwen im Alter vor Not und Elend zu schützen. Und endlich noch ein Punkt, der, so traurig er auch ist, berührt werden muß. Nicht die schlechte Honorierung, nicht die vorhandene Versorgung für sich und die Familie macht die Lage der Beamten so tief ernst, sondern die Ungewißheit ihrer Stellung. Die meisten, auch Rabbiner, wenn sie auch Jahrzehnte treu ihres Amtes gewaltet haben, find nur auf eine Reihe vonJahren angestellt und können schnell die Kündigung zugesteltt erhalten. Da gibt es keine Instanz, an welche man sich beschwerdeführend wenden kann, denn die Gemeinden sind autonom, obwohl ihre Vertreter auch nm Menschen sind und gleich anderen Sterblichen Jrrtümern unterworfen sind. Dann heißt es für den Kollegen, den Wanderstab ergreifen und zusehen, wo er mit seiner Familie festen Fuß fassen kann, was ihm namentlich in vorgerückten Jahren sehr schwer werden muß. Daß unter den obwaltenden Verhältnissen keine besondere Neigung für den Lehrerberuf mehr vorhanden ist, wer darf es bezweifeln. Den Seminaren fehlt es bereits an Schülern und, da kein Nachwuchs vorhanden, dürften sie wohl ihre Pforten schließen. Die Gemeinden würden dann sich mit Beamten aus dem Osten versorgen müssen, ob diese zur Bekleidung solcher Stellen würdig und geeignet sind, will ich hier unerörtert lassen. Am nächsten Sonntag tritt nach dreijähriger, durch die Kriegsverhältnisse gebotener unfreiwilliger Pause der Gemeindeverband von Mittel- und Niederschlesien in Breslau zusammen, um seine Arbeiten wieder anfzunehmen. Obwohl die Lage der Kultusbeamten m'cht in den Bereich seiner Tätigkeit gehört, so hoffen wir doch, daß er die Gelegenheit nicht verabsäumen wird, dazu auch Stellung zu nehmen. Bon Breslau ist schon öfter Licht aufgegangen. Mögen auch auf der Tagung Anregungen und Beschlüsse erfolgen, die segensreich für Gemeinden und BeaMe und nachahmenswert für andere Bezirksverbände fein werden. M.

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