Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 6 (7.1.1921)
- Date
- 1921-01-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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1 zuschreiben. Es war darum selbstverständlich, daß er die Leitung der Zeitschrift für , das liberale Judentum übernahm, in deren Blättern er seine vielfachen Anregungen, Erörterungen und Aufklärungen über die jüdisch-liberalen Fragen niederlegte. Der jüdische Blätterwald rauschte aufS stürmischste, als die „Richtlinien" erschienen. Seligmann hat an ihrer Ausarbeitung den Hauptanteil. In seiner Hand liefen die Vorschläge und Meinungen von allen Seiten, von den Theologen wie von den Laien her, zusammen und es war keine geringe Aufgabe, aus dem unendlichen Hin und Her und Für und Wider die erwgültige Fassung festzustellen. Die Verantwortung war noch größer wie die Aufgabe, und die heftigen Angriffe, die von Seiten ehrlicher urw — fast heftiger noch — von Seiten unehrlicher Gegner erfolgten, swangen zu energischer Abwehr, in der Seligmann mit Geschick und Verve persönlich und literarisch seinen Mann stand. Wie immer in Zeiten des Streites und Widerstreites wurde auch den Richtlinien gegenüber Absicht und Zweck dieser Grundsätze, die den besten und idealsten Geist des Judentums verkörpern, völlig verkannt, oft genug mit voller Absichtlichkeit, um nicht bloß die Sache, sondern auch die Männer zu treffen, die sie vertreten. Kommende Geschlechter werden besser und gerechter die Bedeutung beurteilen, die der ersten programmatischen Zusammenfassung der liberalen Grundsätze in der Geschichte des Judentums zukommt. Auf die kommenden Geschlechter hoffen wir überhaupt, wie überall im Vaterlande, auch in der religiösen Weiterentwicklung. Die Stagrratiorr, in der sich unter dem Einfluß der traurigen und verwirrten äußeren Verhältnisse alles innere Leben befindet, kann und muß und wird von der Jugend überwunden werden. Männer wie Cäsar Seligmann mit ihrem Bekenntnismut, ihrer Ueberzeugungstreue, ihrem Ideenreichtum und ihrer Werbekraft bleiben, auch wenn sie den Jahren nach ins Alter einrücken, dennoch die richtungweisenden Führer auf dem Wege in die Zukunft hinein.' Ihnen folgen heißt ihnen danken für alles, was sie für die Sache, zu der wir stehen, geleistet haben. Cäsar Seligmann möge noch viele Jahre in Jugendfrische sich dieses schönsten Dankes freuen dürfen! direktbr Dr. Michael Holzmaa-Verlin. (Zu seinem 80. Geburtstage.) Am 7. Januar vollendete Dr. Holzman - Berlin sein 80. Lebensjahr. Die große Zahl seiner Schüler und * erehrer vereinen sich an dem Tage, um dem würdigen Manne, der trotz seiner hohen Jahre noch ungebeugt und jugendfrisch an allen Zeitereignissen, namentlich wenn es das jüdische Leben betrifft, lebhaftesten Anteil nimmt, ihre Huldigungen darzubringcn. U >d wenn wir gerade tn Diesem Blatte heute seiner ehrend gedenken, so haben wir besonderen Anlaß dazu, denn er ist stetck für die Fortentwicklung, den liberalen Gedanken im Judentum in Wort und Schrift eingetreten als überzeugter Anhänger Abraham Geigers, dem er allezeit Verehrung entgegengebracht tznd dessen Bedeutung für unsere Religionsgemeinschaft er stets anerkannte. Dr. Holzmans Wert und Bedeutung liegt wohl weniger in dem, was er auf wissenschaftlichem Gebiete, als vielmehr, was er als Praktiker geleistet. Nahezu drei Dezennien hat er in vorbildlicher, von den Behörden anerkannter Weise der Berliner jüdischen Lehrer-Bildungsanstalt, der Präparandie und der Knabenschule als Leiter vorgestanden und sie zu Musteranstalten ausgebildet, die auch unter seinem auch in liberalen Kreisen geschätzten Nachfolger ihre alte Bestimmung und Höhe zu wahren gewußt haben. Unter Leitung Holzmans wurden der Lehrer-Bildungsanstalt dieselben Rechte nie den staatlichen Seminarien gewährt und der jüdischen Gemeinde-Knabenschule der Charakter einer Mittelschule zuerkannt. Holzman ist aber auch ein Lehrer und Leiter gewesen, wie es wohl selten unter den Pädagogen gibt. Von hohem Pflichtgefühl erfüllt, stellte er sich hohe Anforderungen, war peinlich in der Erfüllung seiner Obliegenheiten und ein Muster an Pünktlichkeit und Ordnung. Dieselben Anforderungen stellte er aber auch an seine Mitarbeiter und Schüler, deren Rechte er jedoch bei verschiedenen Anlässen zu wahren und zu vertreten wrlßte. Seine Unterrichtsstunden waren nicht immer Weihestunden, denn sie stellten bei den Hörern nicht geringe Ansorderungen an das Denkvermögen, woran die jugendlichen Geister nicht immer genügend gewöhnt waren. „Denken lernen!" war sein oft wiederholter Ausspruch. Wie er selbst von Idealismus für seinen Beruf erfüllt war, so verlangte er den gleichen von seinen Jüngern, namentlich von denen, die das Lehramt als Beruf erwählten. Pestalozzi war sein Lieblingspädagoge: ihm sollten seine Schüler nacheifern. Und wenn trotz der allgemeinen Ungunst der Verhältnisse, diesem Ideale v.ele Schüler treu geblieben sind, ist es die fruchtbare Saat, die der würdige Lehrer auszustreuen verstanden har. Trotz der oft rauhen Außenseite im Schulleben ist er der gütigste Mensch im Umgänge. Mit rührendster Liebe hing er an seiner Gattin, der treuesten und liebevollen Gefährtin seines Lebens, die leider vor einigen Jahren von seiner Seite gerissen wurde; er war der treu liebende Sohn und Bruder, vor allem aber der väterliche Freund und Berater seiner früheren Zöglinge, denen er während und nach der Schulzeit teilnehmende Fürsorge zuwandte. An dieser Stelle sei dem Manne, obwohl Jahrzehnte dahingeflossen sind, für alles das gedankt, was er dem Schreiber dieser Zeilen einst Liebes und Gutes getan hat. Daß die Berliner Gemeinde wohl wußte, was sie an Direktor Herrn Holzmann besaß, bewiesen die mannigfachen Ehrungen, die sie ihm bei verschiedenen Anlässen zuteil werden ließ. So rief sie an seinem 70. Gebur.stage eine seinen Namen tragende Stiftung ins Leben und betraute ihn mit verschiedenen Ehrenstellungen. Als H. fühlte, daß seine Kräfte nicht mehr ausreichten, um seine Aemter in der vom ihm gewünschten Weise auszufüllen, legte er sie in die Hand seiner Auftraggeber wieder zurück. Sein reger Geist läßt iön aber nicht ruhen. Mit großer Hingabe widmete er seine Kräfte heute noch erfolgreich der Arbeit als Mitglied des Schul- und Talmudthoravorstandes in Berlin, einer Kommission, welcher das gesamte "jüdische Gemeindeschulwesen untersteht, der Nnterrichtsabteilung des Deutsch-Jsr G.-B., der Unterstützungskasse des Vereins jüdischer Lehrer in Preußen und so mancher anderer Institution. Der heutige Tag ist dazu ausersehen, um dein Jubilar durch eine Doris- Michael-Holzman-Stiftung eine beiondere Ehrung zuteil werden zu lassen. — Möge es Holzman noch lange, lange vergönnt sein, in ungebrochener Kraft, in körperlicher und. geistiger Frische zu wirken rind zu schassen zum Segen der Berliner Gemeinde wie des Geiamtjudenlums. -8- Mus üem Reich. Berlin. Am 28. Dezember farrd hier im Logenhaus die schon angekündigte Mitgliederversammlung der Gesellschaft zur Förderungder Wissenschaft des Judentums statt. Zu Beginn gedachte der Vorsitzende der zahlreichen Toten, die seit der letzten Versammlung im Jahre 1916 aus dem Kreise des Ausschusses verstorben sind und ging sodann auf die traurigen politischen Ereignisse ein, die seither Deutschland und das Judentum betroffen haben. Er wies auch auf die schwachen Hoffnungen hin, die sich den Juden eröffnen, unter denen die Pflege der Wissenschaft die stärkste und aussichtsreichste sei. Schließlich hob er hervor, daß die ausländischen Mitglieder der Gesellschaft nicht ttur treu geblieben seien, sondern sogar an Zahl zugenommen Hütten, sodaß sich die Gesellschaft somit als ein Instrument des Friedens und der Völkerversöhnung erweise. Um so mehr sei es Ehrenpflicht der deutschen Juden, dieses Zentrum der Wissenschaft zu erhalten und zu kräftigen. — Darauf sprach Professor Dr. Bloch, früher Rabbiner in Posen, aus dem reichen Schatze seiner Erinnerung Worte des Gedenkens für seinen Studienkollegen Guttmann und seinen langjährigen Freund Brann. Beide, so führte er aus, stammten aus Familien mit langjähriger Tradition des Talmudstudiums und gewannen am jüdisch-theologischen Seminar zu Breslau Sinn für die jüdische Wissenschaft und den Wert des historischen Judentums. Der Vortragende schilderte sodann den Studiengang am Seminar vor 50 Jahren und zeigte, wie die beiden Männer aus Jüngern der Schule Meister wurden. Er wies auf Grtttmanns frühe Verbindung mit Joel hin, die für seine wissenschaftliche Laufbahn entscheidend war. Bon Joel wurde er auf die Religionsphilosophie verwiesen und in deren Bearbeitung gefördert. Von seinen Lehrern geschätzt, durch Fleiß, Begabung und Pflichttreue ausgezeichnet, hat Guttmann als ein wohlgeordneter, zielbewußter, sich nicht zersplitternder Charakter sein Ziel verfolgt. Seine Werke sind wegen ihrer Gründlichkeit und Klarheit bekannt und anerkannt. Seine Arbeiten gehören zum besten, was jüdische Religionsphilosophie der Gegenwart geleistet hat. — Brann war Guttmamr in vielem ähnlich; er ergänzte als Historiker den Philosophen. Durch Familientradition wurde er zu genealogischen Untersuchungen, für die er sehr empfänglich war, angeregt. Bon Zacharias Frankel stark herangezogen, zeichnete er sich durch schnelle Auffassung, durch eine vorzügliche Beobachtungs- und Kombinationsgabe und ein unübertreffliches Gedächtnis aus. Er war gemütlich, humorvoll und gesellig, zeigte sich stets hilfsbereit, versagte niemals gegenüber zahlreichen Ausfragern und spendete allen gern und freudig von seiner Gelehrsamkeit. Trotz seiner bedeutenden wissenschaftlichen Tätigkeit war er an allen humanen und kulturellen Bestrebungen der Breslauer Gemeinde aufs engste beteiligt. — Nach diesen Ausführungen behandelte die GeneralversanWüung die Erledigung geschäftlicher Dinge. Am Schluß der Sitzung wurde noch die Anregung gegeben, die Gesellschaft möge eine neue deutsche Bibelübersetzung in Angriff nehmen. — * * * Im Anschluß an diesen Bericht weisen wir darauf hin, daß in dem Heft 7/9 des 64. Jahrgangs 1920 der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" (Koebuersche Verlagsbuchhandlung, Breslau), Organ der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, das Buch des Leiters unseres Feuilletons, Herrn Dr. Ludwig Davidsohn „Beiträge zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Berliner Juden vor der Emanzipation" (Verlag Louis Lamm, Berlin 1920) von D . WillyCohnin äußerst anerkennender Weise besprochen wird. Cohn nennt die Arbeit eine Untersuchung, dre einen wesentlichen Fortschritt unseres Wissens verspricht und gibt dem Wunsche Ausdruck, daß der Verfasser dies noch wenig erforschte Gebiet weiter zunr Gegenstand seiner Untersuchungen mache. Berlin. Die Ursün de und die Erlösung. Pastor Dr. Max Maurenbrecher, der frühere sozialdemokratische Reichstagskandidat und Hohenzollerngegner, übernimmt die Leitung der rechtsradikalen „Deutschen Zeitung" mit einer Erklärung, in der er u. a. für ein volkstümliches Kaisertum und für ein unverkürztes Preußentum eintritt. Sein Programm für das geistige Leben gipfelt in folgendem Satz: „Es muß die Ursünde des 19. Jahrhunderts, die Aufnahme der Juden in Staat und Gesellschaft, als wären sie Deutsche, wieder rückgängig gemacht werden. Anders gibt es keine Erlösung." Aschersleben. Hier farfb jüngst eine vom Deutschen Schutz- und Drutz-Bnnid einberufeue antisemitische Versammlung statt, in der der Arbeiterführer Pößl-Nürnberg einen Vortrag hielt. Seine Ausführungen bewegten sich in den Bahnen des ..Hammerkreises". Sie wnrden^von den Vertretern der sozialistischen Parteien arg zerpflückt. Schlagend wurden feine Ausführungen widevl'.'-gt von Rabbiner Dr. Behrens-Göttin gen. Die lokalen Zeitungen berichteten am nächsten Tag,? darüber mit dem Bemerken, das; nach dieser Diskussion die Niederlage des antisemitischen Redners endgültig bostogelt' war. Und als er lauter und lauter schluchzte, erwachte er davon und sein Gesicht war naß.- Es war früh am Morgen. — Im Osten ging die Sonne auf; gleich einem wallenden, purpurnen Vorhang standen die Wolken über dem fernen Jordantale. David erhob sich. — Doch siehe! — zu seinen Füßen, am Grabhügel, lehnte Jonathans Harfe; die Saiten leuchteten im ersten Morgenlicht wie zitternde Sonnenstrahlen. -— Keines Menschen Hand konnte ihr je Töne entlocken, aber am Todestage Jonathans erklangen sie von selbst und sangen das wunderbare, schwermütige Lied, — das Lied von großer Freundschaft und Liebe, die, wie alles Schöne auf Erden, früh ein trauriges Ende nehmen müssen.- Viele Menschen wurden zu Lebzeiten des großen Königs durch das Lied seltsam getröstet, allein nach Davids Tode hat, wie berichtet, kein Mensch je die geheimnisvolle Harfe mehr gesehen, noch ihre Weise so gehört, wie damals in jenen märchenhaften Zeiten — Die Melodie aber war auf Erden ... sie klingt bei dem ersten Erblühen junger, lenzender Bäume, die chren Schmuck ach! so bald verlieren, ... sie schwingt im müden Sterben des Herbstes,-sie tönt und tönt, . . . überall und immer.- Manche gottbegnadete Menschen haben sie vernommen, als sie ihr Liebstes begruben, ... nur Wenige hörten sie in ihrer letzten Stunde und ein wunderliebliches Lächeln verschönte dann ihre erstarrenden Züge. — Viele große Tondichter, die in seltenen Augenblicken ihres Lebens abgerissene Stücke der Melodie erlauschten, haben schon versucht, .sie aufzuzeichnen: — ganz ist es keinem gelungen ... Gstjuöi'schee humoristischer Kbenü veranstaltet vom »verband der Gstjuden" in Breslau. Einige recht genußreiche und interessante Stunden verdanken wir dem in Breslau wirkenden Verbände der Ostjuden, der uns am 28. Dezember 1920 in der Hermannloge zu einem „jiddischen Abend" einlud. Als erstes Stück wurde „A Eize" von Scholem Aleichem aufgeführt, und ergriffen legten wir im Geiste einen frischen Kranz auf das Grab dieses bedeutenden vor einigen Jahren in Ncw-Pork verstorbenen Dialcktdichters, der wie wenig andere in die jüdische Volksseele hineingeblickt hat. Dieser Einakter gibt sich eigentlich als Posse; aber wie es mit echtem Hnmor im allgemeinen und mit dem jüdischen im besonderen so ist: das Weinen ist von dem Gcspötte des Dichters nicht weit entfernt, er führt auch die „lachende Träne" im Wappen. Ein kleiner jüdischer Handwerker kommt zum Rechtsanwalt und schildert ihm sehr aufgeregt die Untreue seiner Frau. Der Jurist rät zur Scheidung. Hierauf stöhnt der betrogene Gatte, daß dies inopportun sei und schildert wieder alle Vorzüge seiner Ehe; nun bedeutet ihm der Anwalt, daß er dann eben verheiratet bleiben und die Fehler seiner „besseren Hälfte" in Kauf nehmen müsse. Die Unmöglichkeit dieses Ausweges klagt wiederum weinerlich der „gehörnte Siegfried". — Und so geht es weiter hin und her, bis der Rcchtsgelehrte den Klienten, der „nicht weiß, was er will", schließlich handgreiflich hinauskomplimentiert. Natürlich muß man über die feine Dialektik des Ganzen lachen, und doch steckt in dem kleinen Lustspiel ein sehr ernster Kern, denn es stellt auch die „Tragödie der Jntellektualität" dar, deren Entschlüsse hamletgleich im Sumpfe des Grübelns stecken bleiben und nicht zur Ausführung kommen, weil sie von allen Dingen immer die beiden Seilen zu gleicher Zeit sieht. In den Herren Friedmann und Rauch fand das Stück ausgezeichnete Darsteller. Ein folgendes Bild — Herr Rauch verkörperte wieder gut die Hauptrolle — schildert den Lehrer im Cheder, der die Kinder unterrichtet und ihnen das Alphabet beibringt; wenn sie älter sind, werden sie schon erfahren, wieviel Unglück und Schmerz aus „Buchstaben bestehende Worte" auf Erden sagen müssen, und sie brauchen im Golus Wissen nötiger als cckles andere! . . . Wenn s ie gut lernen, werden sie schon in irgend einer Weise dafür belohnt werden! — Der Knabenchor auf der Bühne intonierte die Refrainstrophen sehr hübsch, und der Beifall des Publikums war mit Recht groß. — Dann trug Herr Golombek chassidische und jiddische Lieder vor. In diesem Künstler steckt unzweifelhaft ein hervorragendes Talent, das seinen Weg noch machen wird! Mit feiner Darstellungskunst schilderte er die Freuden und Leiden des Ghettos, sang von der Weihe des Sabbats, von dem Ernste, der Trauer des Lebens und der Unberechenbarkeit und der Eitelkeit des weiblichen Geschlechts. — Besondere Anerkennung verdient die feine und anschmiegsame Klavierbegleitung des Fräulein Recha Dawidow. Nach einem Bilde „Aus Kidusch Haschem" aus der spanischen Jnquisitionszeit, das weniger gut vorbereitet war, gelangte zum Schlüsse „Nur ein Doktor" von Scholem Aleichem zur Aufführung. In dieser Posse Zanken sich in ergötzlicher Weise Vater und Kinder — auf ihrer Seite steht die Mutter — herum, ob die Tochter des Hauses dem „altmodischen" väterlichen Wunsche gemäß einen tüchtigen Kaufmann, oder, wie die junge „aufgeklärte" Generation will, einen „Akademiker" heiraten soll. Ter Schadchen — von Herrn Golombek wieder mit überwältigender Komik dargestellt — verspricht, einen „kaufmännisch versierten Doktor" zu besorgen; allein seine Worte gießen nur Oel ins Feuer, und schließlich verbirgt der Vorhamz gnädig die keifenden Leutchen. Um die Aufführung des Schwankes machten sich außer den erwähnten Künstlern noch die Damen Weißblich und Silberbaum verdient. — Alles in allem war der Abend wohlgelungen. Wir können dem Verbände der Ostjaden, dessen Humor. Abend von Herrn Schmulewitz geleitet wurde, und der in seiner Lese- und Teehalle in der Freiburgerstraße 10 viel arme jüdische Flüchtlinge unentgeltlich oder zu ganz geringem Preise speist, zu seinen Veranstaltungen nur Glück wünschen. Mit aufrichtiger Anteilnahme werden wir seinen künftigen Darbietungen folgen. Einige kleine kritische Ratschläge nur möchten wir ihm jedoch noch geben. Erstens muß die Kostümierung der Schauspieler besser werden! In dem Bilde aus der Jnquisitionszeit lag ein Teil der vertriebenen Juden in modernen Gescllschaftsanzügen auf der Erde, was illusionsstörend wirkte. — Mußte das sein? — Zweitens wäre es doch recht gut, wenn vom Verbände zu den jiddischen Texten gedruckte oder gesprochene hochdeutsche Erklärungen gegeben würden; denn eS ist sonst für den in Deutsiyland Geborenen unmöglich, alles zu verstehen! — Aber diese geringfügigen Einwände beeinträchtigen natürlich nicht das Interesse und die Dankbarkeit, die wir dem Verbände nach seinen Leistungen schulden. Dr. Ino Gaßmann.