Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 3 (17.12.1920)
- Date
- 1920-12-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sie Notlage -er jüdischen Lehrer und Beamten. Dem Himmel sei es geklagt: Die Not der jüdischen Religionslehrer und Kuttusbeamten in der Provinz bildete von jeher ein trauriges Kapitel unserer sonst an kulturellen Erfolgen reichen, in den Fragen der Wohltätigkeit vorbildlichen Religionsgemeinschaft. Was früher in normalen Zeiten in dieser Beziehung an Unterlassungssünden begangen wurde, war kläglich und beschämend, wurde aber von den Betroffenen meist mit dem Gefühl stummer Ergebung in das Schicksal, die Zähne zusammengebissen, hingenommen. Heute aber, da der Kampf um das Dasein kantiger denn je geführt werden muß, da das Existenzminimum gewaltig angewachsen ist, drohen diese Verhältnisse katastrophal zu werden. f- Wenn wir unsere Angestellten, Dienstboten, Haushälter etc. der Entwickelung entsprechend entlohnen, können wir es da noch länger verantworten, daß die Erzieher unserer Jugend, denen wir unser Teuerstes anvertrauen, daß die Männer, welche sich der dornenvollen Aufgabe unterziehen, in der kleinen Gemeinde unserem Gottesdienste Form und Inhalt zu geben, tatsächlich am Hungertuche nagen? Oft wißt Ihr es nicht oder Ihr wollt es nicht wissen, daß Euer Kantor nicht mehr imstande ist, seinen Schabbesrock notdürftig zusammenzuhalten, daß er seine 3 Unterbeinkleider nicht ergänzen kann, weil die Kinder erst satt werden müssen, weil Kohle beschafft und dem Jungen für die Schule ein wärmerer Ueberzieher gekauft werden muß. Das ist nicht schwarz gemalt oder zu agitatorischen Zwecken übertrieben und aufgebauscht. Uns sind Fälle bekannt, die unser aller Entsetzen in so starkem Maße Hervorrufen würden, wie es der Fall war, als vor 4 Wochen der Verein israelitischer Lehrer in Schlesien den Vertretern der Breslauer Regierung und der Synagogen-Gemeinde Breslau sein Leid und seine Unfähigkeit, selbst helfend einzugreifen, klagte. Hier muß Wandel geschaffen werden. Mit Recht wird verlangt, daß die Besoldung allenthalben nach den Grundsätzen der staatlichen Lehrerbesoldung erfolgt, daß nach höchstens dreijähriger Probezeit feste Anstellung stattfinde, daß den Beamten das aktive Wahlrecht in jedem Falle, das passive vielleicht unter bestimmten Einschränkungen gewährt wird, und daß die Einsetzung eines unparteiisch, ohne Ansehen der Person, urteilenden, auf die Stimmung des Herrn Vorstehers keinerlei Rücksicht nehmenden Schlichtungsausschusses in jeder Gemeinde erfolgt. Gern wird die Synagogen-Gemeinde Breslau, das wissen wir, die Förderung der Angelegenheit in die Hand nehmen, nur kann sie sich nicht aufdrängen, nebenher aber müssen der Deutsch-Israel. Gemeindebund und der Synagogen-Gemeindeverband mobil gemacht werden, immer und immer wieder muß die jüdische Presse mahnen und treiben, bis dem letzten jüdischen Lehrer und Beamten die Sorgenfalte auf der Stirn geglättet ist. B—y. * » * Der vorstehende Artikel behandelt eine Frage, die nicht ernst genug genommen werden farm. Es handelt sich dabei nicht nur um das Wohl unserer Beamten, das allein uns doch wahrlich schon nahe genug am Herzen liegen muß, sondern noch um weit mehr: um die Zukunft der kleinen Gemeinden, die einst Träger einer innigen jüdischen Religiosität, eines reichen und ttaulichen jüdischen Lebens waren. Sie werden und müssen nach und nach veröden, ihre Mitglieder (wie schon bisher so manche Einzelsiedler aus dem Lande) dem Judentum entfremdet werden, wenn qo oq ° Denkt an die Abstimmung in Oberschlestenl Spendet sofort und reichlich) o o □a _ oO sie keinen Kultusbeamten mehr finden sollten, der ihnen einen würdigen Gottesdienst bereitet und ihre Kinder in den Lehren des Judentums und in seiner großen Geschichte unterweist. Wird aber die Steuerkraft der kleinen Gemeinden hierzu ausreichen? Das ist eine schwere und düstere Frage. An öffentliche Zuschüsse ist infolge der veränderten Stellung des Staates zu den Religionsgesellschaften und der Zerrüttung unserer Staatsfinanzen nicht mehr zu denken. Hier muß bei der Schaffung der Gesamtorganisation der deutschen Juden die helfende Hand angelegt werden, hier wird sich die vielberufene Gemeinburgschaft aller Juden auch einmal auf materiellem Gebiete zeigen müssen; wenn die Großgemeinden steuerkräftig sind, dann darf es fürder nicht sein, daß die kleinen geistige Not leiden. Denn auch sie sind grünende Zweige am gleichen Stamme; wir dürfen sie nicht verdorren lassen! -Die Red. Handwerk hat goldenen Boden. Von ' . ' * In Breslau dürfte es kaum mebr als 100 ielbitändiae jüdische Handwerker geben, eine Zahl, die bei etwa 7500 Steuerzahlern entschiÄen auf eine unverhältnismäßig geringe Beteiligung der Juden am Handwerk hindeutet. Wie erklärt sich dies? Daß die Juden auch schwere Arbeit leisten können, beweisen die Verhältnisie in Polen und Rußland, in Amerika und im. Orient, wo die Anforderungen an des Tages harte Pflichterfüllung vor der Stammeszugehörigkeit und dem Bekenntnis nicht halt machen. Der Krieg hat ebenfalls gezeigt, daß jüdische Hände ebenso gut Schützengräben ziehen, Betonfundamente und Brustwehrvorrichtungen herzustellen imstande sind, wie die ihrer christlichen Kameraden. Der von den Antisemiten immer wieder erhobene, dadurch aber nicht um ein Atom besser begründete Vorwurf, daß den Juden Handfertigkeit und Ausdauer mangeln, ist ebenfalls leicht zu widerlegen, denn das Kunstgewerbe, die Malerei und Bildhauerei, die neben künstlerischer Beanlagung ein hohes Maß technischen Könnens und handwerklicher Ausdauer erforderlich machen, zählen bekanntermaßen viele Juden zu ihren Besten. Intelligenz haben unsere jüdischen Jünglinge in demselben Maße aufzuweisen, wie die nicht jüdischen jungen Leute, warum also nicht in größerer Zahl hinein ins Handwerk, das immer noch goldenen Boden hat, wenn auch gerade jetzt dort, wie in anderen Zweigen unseres Wirtschaftslebens der Schwierigkeiten mehr als sonst zu überwinden sind. Bäcker und Konditoren könnten gut eine Verstärkung aus jüdischen Reihen erhalten. Dachdecker, Böttcher, Drechsler, Schlosser, Schmiede, Optiker, Frisöre, Schuhmacher, Glaser, Hutmacher, Klempner, Mechaniker, Töpfer. Tapezierer u. v. a. m. können gut und gern noch Zuzug aus jüdischen Familien vertragen. Jetzt fängt ja in vielen Familien schon das Kopfzerbrechen an, was zu Ostern mit dem schulentlassenen Jungen anzufangen sei, größer denn je sind die Beklemmungen angesichts der Ueberfüllung in den akademischen Berufen, im Kaufmannsstande und im Beamtenkörper. Kein Familienvater, keine mit der Verantwortung belasteto^Mutter, kein Vormund sollte zögern, den jüdischen Knaben, wenn er kräftig und gesund ist, einem Handwerk zuzuführen. Fehlt noch etwas Lust und Liebe, so wird sie sich firwen. Besitzt der Junge gute Gymnasialbikdung, so ist sie ihm kein Hindernis, sondern ein Boxteil, Bolksschulbildung macht es natürlich auch, sogenannte „gute Familie" macht den Emporstieg mindestens nicht schwieriger. Darum hinein ins Handwerk, das heute ungeahnte Zukunstsmöglichkeiten bietet, das hier am Orte einen Trelenberg, draußen in der Welt einen Krupp hervorgebracht hat. Wir aber wollen uns geloben, den jüdschen Handwerker durch Vergebung von Arbeiten kräfttg zu fördern, weil er in seinem Fache dasselbe leistet, wie sein andersgläubiger Mitbewerber, und weil es zum Besten des gesamten Judentums dringend erstrebenswert ist, daß seine Vertreter alle Schichten des deutschen Volkes durchdringen und dadurch allen Ständen Gelegenheit geben, sie kennen zu lernen, wie sie wirklich sind, und nicht wie sie durch die Zerrbrille des Antisemitismus erscheinen. Darum nochmals: hinein ins Handwerk! Wo ein Wille ist, wird auch ein Weg sein! von den Juden in Litauen. In der „Frkft. Zig." macht Professor Bergsträßer eingehende Mitteilungen über die Verhältnisse der litauischen Juden. Mit Rücksicht darauf, daß der junge litauische Staat einer der unmittelbaren Nachbarn Deutschlands ist, erscheint es uns besonders interessant, zu hören, was der Verfasser über die staatsbürgerliche Stellung der dortigen Juden, die sich von derjenigen unserer Glaubensgenossen in Polen so erfreulich abhebt, und auch über ihre leider nicht so günstigen wirtschaftlichen Verhältnisse zu berichten weiß. Wir entnehmen seinen Ausführungen folgendes: In all den Ländern, die zu dem ftüheren russischen „Nord-West-Gebiet" gehören, bedeuten die Juden etwas völlig anderes wie bei uns. Schon rein zahlenmäßig machen sie in Litauen etwa 10 Prozent der Bevölkerung aus und zwar so, daß ihre Zahl in den Städten unter Umständen bis auf fast 60 Prozent steigt. Auch ihr kulturelles Verhältnis zu den übrigen Einwohnern des Landes ist von dem etwa der deutschen Juden völlig verschieden; denn sie haben sich durchweg dort eine besondere Sprache, eine besondere geistige Welt und eine völlig reine Rasse erhallen. Auch konfessionell ist der Unterschied stärker, da der Ostjude durchweg seinen Glauben bewußt und streng einhält. So. ergaben sich für den litauischen Staat aus der Zugehörigkeit von rund 150 000 Juden auf dem bisherigen kleinen Gebiet wichtige Probleme. Diese Juden müssen mit dem neu begründeten Staat verbunden werden, und das kann nur durch einen Ausgleich geschehen, der sich notwendig auf dem Wege einer mehr oder minder großen Selbständigkeit und Selbstverwaltung der Juden bewegt. Der andere Weg, die Juden mit Gewalt vom Staat zu trennen, ist in Litauen nicht beschritten worden; vielmehr ist man folgerichtig dazu übergegangen, ihnen eine weitgehende Autonomie nicht nur praktisch, sondern auf gesetzlichem Wege zu gewähren. Seit dem Juli 1919 besteht ein eigenes Ministerium für jüdische Angelegenheiten. Sein Leiter ist, wie alle anderen Minister, Mitglied des Kabinetts. Seine Beamten sind Staatsbeamte. Die Aufgabe des Ministeriums besteht darin, die jüdische Bevölkerung als nationale Minderheit in allen Angelegenheiten zu vertteten, nicht nur in kulturellen und kirchlichen, sondern darüber hinaus auch in wirtschaftlichen und nationalen. Das Ministerium gliedert sich in eine Schulabteilung, eine Abteilung für Gemeindeverwaltung, eine ökonomische und eine Presseabteilung, Der Minister hat als Vertreter der Juden Initiativrecht in allen jüdischen Angelegenheiten. Er verkehrt mit den Staatsbehörden Kurt Walter Goldschmidt, ein jüdischer dichter und Philosoph. Bon vr. Ino Gaß mann. Wenn man die großen Berliner Zeitungen und bekanntesten deutschen Wochenschriften eingehend durchsieht, trifft man seit etwa zwei Jahi^ehnten häufig auf Artikel, die nach Form und Inhalt weit über dem Niveau üblicher Tagesschriftstellerei stehen, durch eine Fülle tiefer Gedanken und meisterhaften Stil geradezu bestechen, und die mit dem Namen Kurt Walter Goldschmidt gezeichnet sind. Da dieser lAutor jedoch alle Probleme gleichzeitig als Denker, Kulturhistoriker, Aesthetiker und Dichter betrachtet und von höchster Warte aus beurteilt, muß man sofort feststellen: er kann nur von Gebildeteren verstanden werden und wird cs nicht so leicht zu jener Popularität bringen, welche verschiedene, geistig weit unter ihm stehende Schriftsteller mühelos erreicht haben, die mit billigen Scherzen arbeiten und dem Geschmack des großen Publikums weitgehende Konzessionen machen. Und das ist schade! Denn der aus Breslau stammende, jetzt dreiundvierzigjährige Kurt Walter Goldschmidt verdient es wahrlich, auch von einem ganz weilen Leserkreis geschätzt und verehrt zu -werden. Mit schmerzlicher Resignation muß man fragen: Was würde dieser bedeutende Kopf, diese überragende, mit polyhistorischer Bildung ausgestattete Intelligenz leisten können, und was hätte er schon erreicht, wenn er unabhängig schaffen könnte — etwa wie die Millionärssöhne Walter Rathenau, Hugo v. Hofmannsthal. Ernst Lisiauer ufw.; — aber Kurt Walter Goldschmidt muß, um! sein Leben zu fristen, auch in Tagesfron als Journalist werkeln, als Dozent an Volkshochschulen Vorträge halten, — und von dem heutzutage geradezu entsetzlichen Martyrium eines „freien Schriftstellers", besten jährliches Einkommen ungefähr den vierten oder fünften Teil deS Jahresverdienstes eines Berliner Müllkutschers ausmacht, bleibt ihm nichts erspart! Um so bswunderns- und anerkennenswerter ist es, was Kurt Walter Goldschmidt trotz alledem in seinen: mühe- und arbeitsreichen Leben bisher geleistet hat. Schon als Zwölfjähriger verfaßt er eine fünfakttge Tragödie aus der griechischen Geschichte, aber seine Schularbeiten leiden unter seiner dichterischen Betätigung keineswegs; denn er bleibt dauernd Primus und verläßt als Abiturient 1894 das Breslauer Elisabeth-Gymnasium, um sich zunächst zwecks Broterwerbs dem juristischen Studium zuzuwenden, das er jedoch bald — zum Heile der deutschen Literatur und der Jurisprudenz — verläßt. Seit jener Zeit lebt er nur von der Arbeit seiner zehn Finger, vom Stunden-Geben und Artikel-Schreiben. 1896 siedelt er nach Berlin über und arbeitet ununterbrochen. Die Folie feines ganzen Lebens bildet die Begeisterung für das Judentum, und in geradezu klassischer Weise gibt er feinem Standpunkt in den von Dr. Julius Moses gesammelten. Ansichten über das Judentum Ausdruck: mit zornigen Worten verwirft er die unbedingte Anpastung und Ämfe, die er als einen Akt der Feigheit und Heuchelei brandmarkt, und mit enthusiastischer Verehrung blickt er zu den ungeheuren israelitischen Kulturleistungen des biblischen Zeitalters empor; zu gleicher Zeit betont er ernst und fest sein deutsches Empfinden und formuliert so in mustergültiger Art die Grundsätze liberalen Judentums. 1904 erscheint sein Buch über Henrik Ibsen. Das europäische Gewissen jenes großen norwegischen „Arztes der menschlichen Gesellschaft" scheint ihn angezogen zu haben. Klar und überzeugend schildert er Wesni und Kultuvwert der ibsenschen Dramen und liefert einen der besten Beiträge zur Literatur über diesen Dichter. 1907 kommt sein erster Gedichtband „Chaos und Kosmos" heraus, mit dem er sich sofort in die Reihe der gehaltvollsten Lyriker der Neuzeit stellt. — Diese Gedichte sind eine Fort- und Höherentwickelung der Nietzscheschen Kunst. Hier wie dort das Finden seelischen Neulandes und das tiefe Erschüttertsein des Erkennenden, bei dem sich schmerzvolles Misten um die große Einsamkeit und überfeinertes Schönheitsempfinden zu wundervolle» poetischen Gebllden kristallisieren: „Wir gehen aneinander vorüber, Jeder in sich und sein Schicksal gebannt; Wir schicken Gruß und Gebärde hinüber Und leben jeder in anderem Land. ... Aber hinter den finsteren Mauern, Die sich unsichtbar zwischen uns baun. Lebt der einsamen Seelen Trauern Und der verwirrten Geschöpfe Graun. ... Alles wähnt im Andern zu leben — Wenige küssen im Dunkel sich sacht, Wenn die Mauern klingend erbeben — Doch über allen brütet die Nacht. . . heißt eS u. a. in dem einzigartig-schönen Gedicht „Mauern".