Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 3 (17.12.1920)
- Date
- 1920-12-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Zaghaft waren die Brüder Josephs zum zweiten Male nach Aegypten gezogen, und in verzweifelter Stimmung hatten sie vor dem Manne gestanden, der über das Land gebot, als man den Becher bei Benjamin gefunden hatte. Da gab Joseph sich zu erkennen, bot ihnen ein Asyl und entließ sie reich beschentt, um-den Bater zu holen. Als Abschiedswott gab er ihnen die Mahnung mit: Erzürnt euch nicht unterwegs! Es ist eine bekannte psychologische Tatsache, daß Gefahr die Menschen eint, Unglück sie entzweit und sehr häufig erlangtes und gesichertes Glück ebenfalls zu Streit führt. Statt die eigenen Fehler zu erkennen und wenigstens sich selbst einzugestehen, sucht jeder die Ursache des Unglücks allein bei dem andern und weiß meistens vorzubringen, daß er selbst vergeblich andern Rat gegeben habe. Bisweilen ist solche Argumentation berechtigt; in den meisten Fällen ist sie es nicht. Aber wo sie berechtigt ist, erschöpft sie sich nicht in unfruchtbaren Klagen und Vorwürfen, sondern sucht sittlich aufrichtend zu wirken. So haben die Propheten, als das angedrohte Unheil hereingebrochen war, nicht minder nachdrücklich ihre Lehren ausgesprochen, aber sie haben die gebeugten Seelen nicht noch tiefer niedergedrückt, sondern zu erheben gesucht. In sicheren: Glück nach sorgenvoller Zeit weiß wiederum jeder, daß nur sein Rat und sein Eintreten die Wendung herbeigeführt habe. Das ist nun einmal menschliche Schwäche. Wir Deutschen erleben es jetzt in dem Unglück unseres Vaterlandes an uns und erfahren zu unserm eigenen Schaden, daß das Unglück Hader und Haß gebiert. Der Unglückliche ist leicht geneigt, die Schuld eines andern für erwiesen zu halten. So sind wir Juden heute der Sündenbock. Was sollen wir nicht alles verschuldet haben! Oder hat Joseph noch etwas Anderes im Auge gehabt? Es ist ein altes Erbübel im Judentum, wie im deutschen Volke, daß selbst die Gefahr von außen den Hader im Innern nicht verstummen läßt. Als die Römer Jerusalem belagetten, lieferten in der belagerten Stadt die Parteien sich blutige Schlachten, sobald nur für einen Augenblick die Waffen gegenüber dem gemeinsamen Feind ruhten. Und heute ist trotz der drohenden Gefahren von außen das Judentum in Parteikämpfe zerrissen. Freilich kann es nichts Verfehlteres geben als die Zumutung, die manchmal, namentlich den Liberalen, gestellt wird, die Verttetung der eigenen Ueberzeugung um des lieben Friedens willen zu unterlassen. Das führt nicht zu wahrem Frieden, sondern zur Totenstille des Friedhofs. Vielmehr gilt das Goethe- Wort: Das, was ich lehre, scheint so leicht, Und fast unmöglich zu erfüllen: „Nachgiebigkeitbei großem Willen." Innerhalb des Judentums müssen die verschiedenen Anschauungen zur Geltung kommen. Aber sie müssen so verfochten werden, daß die Einheit nicht getrübt wird. Niemals darf vergessen werden, daß die Verschiedenheit und der Kampf der Meinungen der Förderung des Judentums gilt, das allen gemeinsam ist, und daß alle ein und dasselbe Ziel nur auf verschiedenen Wegen zu erreichen suchen. Daraus folgt die Forderung, im sachlichen Meinungsstreit alles persönlich Gehässige auszuschalten. Der Talmud sagt: Israel wird nicht eher erlöst, als bis es eine einmütige Gemeinschaft geworden ist. Und der Prophet Ezechiel fügt die Tafeln mit den Namen Juda und Israel als Symbol für das Erlöschen des Bruderzwistes zusammen. Noch sind wir nicht am Ziele. „Erzürnt euch nicht unterwegs!" -8t)SSSS$90SSSSS906S$SS9rK WW-lltMler JuQtnftotrtin zu Mao. Montag, den 20. Dezember, abends 8 Uhr, N im Saale der »Gesellschaft Eintracht*, Tauentzienstratze 12 (Eingang nur Anger). H Vortrag des Herrn Dr. Davidsohn:^ Die jüdische Seele in der neueren deutschen Lyrik. M Freunde und Anhänger unserer Bewegung willkommen Weitere Ankündigungen aus der letzten SeUe. Zur Aberivmöung -es Antisemitismus. Bon Pastor Bio. th. Ernst Moering»Breslau. Ueber Deutschland ist großes Unglück gekommen, aber dieses Unglück ist nicht nur Verhängnis, es ist verursacht auch mit durch Schuld. Wenn uns unsre Erfolge nicht trunken gemacht hätten, würden wir unsre Kraft nicht überschätzt haben und wären vorsichtiger und behutsamer aufgetreten, daraus bedacht, Freunde in der Welt zu haben. Wenn wir bessere Diplomaten gehabt hätten, hätten wir bessere Bundesgenossen gehabt. Wenn während des Krieges ein überlegener Staatsmann Reichskanzler gewesen wäre, wär^ man zur Liquidation des Krieges gekommen zu einer Zeit, die günstiger war als der Oktober 1918, wo Ludendorfss Nervenzerrüttung dann schließlich noch zur Auflösung dessen führte, was noch hielt. Wenn... ja wenn, ja wenn das — Wenn — nicht wäre! Es ist furchtbar, auch nur noch in der Rückerinnerung diese Ereignisse vor sich abrollen zu sehen. Es ist ganz, wie wenn man von ferne zusieht, wie ein Fußgänger unter den Wagen kommt, den er nicht bemerkt. Diese Betrachtung unseres Sturzes von stolzer Höhe zu grausiger und vielfach entehrender Not regt so sehr alle Gefühle auf, daß man lieber die Augen schließt, die Bilder nicht sehen will und diese fülle Ueberlegung über das, was wir verfehlt haben, nicht anstellt. Nur eine Summe von Aufregung und Wut bleibt aus solcher Feststellung, wie es war und wie es ist, aber diese Wut kehtt sich nach außen, statt nach innen. Niemand nimmt gern eine Schuld auf sich. Memand mag gen: an seine eigenen oder seiner Freunde Fehler erinnert werden. Eher sieht man ja bekanntlich den Splitter im Auge des andern als den Balken im eigenen Auge. Wir haben Unglück erlitten. Wer hat gefehlt? Das ganze Volk. Wir alle haben m. E. Schuld, weil es in unsrer Macht gelegen hätte, ein andres politisches System zu 'haben, weil wir alle zu sehr von dem Geist rücksichtloser Gewaltanwendung erfaßt waren, wir alle, weil uns fast durchweg eine einfache, geräuschlose Anerkennung der Staatsnotwendigkeiten fehlte. Wir alle haben Schuld. Aber das ist fatal. Das drückt nieder. Schon im alten Mythos nimmt der Mensch nicht die Schuld auf sich. „Das Weib, das du mir gabst..." Die Juden, die wir haben, sie verursachten unser Unglück. Gott sei Dank, daß es doch noch Juden gibt! Auf wen sollten manche Leute ihre Wut abladen? Gerade die Antisemiten könne:: die Juden am wenigsten entbehren! Wie wäre das grotesk, wenn sie eines Morgens aufwachten, und alle Juden wären fort. Ihr Gekläff und Geschrei würde ja nicht aufhören können; denn diese armen Wesen sind ja so konstruiert, daß sie sich nur wohl fühlen, wenn sie jemand haben, gegen den sie sich erregen können! Sie gleichen den Kötern, die die ganze Nacht durch bellen, obwohl kein Spitzbube sich zeigt. Wirklich, diese armen Manschen haben es schwer, wenn sie aus ihrer Hetzerei herauskommen müssen. Wie fatal war manchen Hetzern der christlichen Kirchen beider Konfessionen der Burgfriede. Gibt es doch da Leute, die nur fromm sein können, indem sie die Religion anderer herabsetzen! Warum ist denn nun aber der Jude ein allgemein beliebter Blitzableiter? Er ist es zunächst einmal infolge der Nachwirkung der Geschichte. Nur wenige Worte darüber. Wir kennen ja das Mittelalter, kennen seine kirchliche Gebundenheit. Die Kirche hatte die reine Lehre, überall sonst war Irrtum, Verdammnis. Die Juden nun vollends: sie hatten Christus gekreuzigt. Sie hatten ihr Land verloren, lebten in der Fremde. Ein köstliches Beispiel für den Unterricht Naiver, auf die Folgen böser Taten hinzuweisen. Man errichtete das Ghetto, schuf also eine Scheidewand, und da die Juden besondere Gebräuche hatten, war das natürlich alles Grund genug, diese Wut mit dem Schauer des Geheimnisses zu umkleiden und schaudervolle Geschichten zu erzählen. Und war nun einmal diese Feindschaft da, so trug auch manche Handlung der Juden bei,- sie zu mehren; wer als Aussätziger gilt, wird oft unwählerisch in der Wahl seiner Mittel. Das alles wurde unterstützt durch das andere Aussehen und durch mannigfach andere Art, sich zu geben. Jedes Volkstum hat seine besonderen Sitten und Unsitten, seine Eigentümlichkeiten, gegen die ein andres Volkstum Widerstand empfindet oder über die der Ungebildete lacht. Diese Unterschiede verwischen sich natürlich mit der Zeit, und vielfach wird, oft recht lächerlich, darüber gestntten, ob jemand „Jude" ist oder nicht. Vielfach gelten als Juden, die niemals semitischen Ursprungs waren, und wiederum: „dem merkt man gar nicht an, daß er Jude ist". Aber aus dem Osten her dringen neue Elemente in der ihnen Eigenen Tracht, mit den ihnen in der Bedrückung angezüchteten Allüren ein: sie werden als Fremde empfunden". Gegenüber dem Fremden hat man Mißtrauen. Und hier in Deutschland hat man vor allem dies Mßtrauen, daß der Fremde Deutschland nicht lieben könne. In diesem Verdacht verrät sich der Deutsche selbst. Er selbst nämlich hat kein sicheres, aus fester Verwobenheit mit heimatlicher Erde und geistiger Kultur stammendes Baterlandsgefühl, er ist international oder Chauvinist. Wenn er selber schon nicht so ganz taktfest ist, wie soll da, so ist die Meinung, der Fremde solches Heimatgefühl aufbringen? Daß der Ostjude aufjauchzt, wenn er der russischen Bedrückung entronnen ist, ahnt man ja in Deutschland bei der Unkenntnis außerdeutscher Zustände nicht, und daß er durch sein „Jiddisch" mit deutscher Kultur verwoben war und leicht tief in sie eindringt, will man nicht glauben. Zu diesen beiden Gründen kommt nun in der Gegenwart ein Drittes. Die Juden, so konservativ sie vielfach sind, konnten sich nicht zu den politisch konservativen Parteien halten, weil diese fast stets mehr oder weniger antisemitisch waren. Sie gehörten zur Linken und haben dort manche Führerstellung inne — bei der politischen Gleichgültigkeit des Bürgertums verständlich, ebenso verständlich, daß sie auch leichter als christliche Intellektuelle wegen ihrer Stellung in der „Gesellschaft" den Uebergang zur Sozialdemokratie fanden. Nun aber machten die Parteien der Linken im November 1918 grobe Fehler. Sie versprachen „Frieden, Freiheit, Brot" indem sie allen Ernstes glaubten, die Entente würde einem demokratischen Deutschland gnädig gesinnt sein. Das war ein Irrwahn. Statt dem Volk zu sagen, der Friede wird furchtbar; denn das alte System hat die ganze Sache verfahren, erweckten sie (nicht anders wie vordem die Militärs) Hoffnungen, die sie dann nicht befriedigen konnten. Kurzlebig, wie man ist, kehrte sich nun die Wut nicht gegen die Parteien der Rechten, sondern gegen die Linken. Und da man sehr geschickt auf deutschnationaler Seite zu operieren verstand, wies man auf die Juden, die bei der Linken zahlreich vertreten waren und gab ihnen die Schuld. Sie haben natürlich das alles gemacht, um sich zu bereichern. Denn wenn auch Krupp oder Stinnes Millionen aufhäufen, die Landwirtschaft sich entschuldet, es bereichern sich eben doch nur die Juden — und sie haben uns in das Unglück gefühtt, um recht viele Gewinne machen zu können. So erreicht man eine Beweisführung, unter die man nur die Zensur setzen kann, die vor sechzig Jahren der nachbekannte Theolog Tholuck unter eine Examensarbeit setzte: „Richtiges mit Unrichtigem unklar gemischt: 5!" Was ist zu tun? Auf der einen Seite mit Geduld wie Noah in der Arche warten, bis die Wasser sich verlaufen haben. Es wird schon wieder anders. Auch die Antisemiten kochen schließlich nur mit Wasser, wenn auch mit stinkendem, und auch dieses stinkende Wasser verdampft und beim Siedepunkt ist man fraglos angelangt. Aber bloße Passivität ist des Menschen nicht würdig. Es gilt für uns Christen, die wir noch nicht durch die antisemitischen Stinkgase die Besinnung verloren haben, den Antisemiten entgegen zu treten. Man wird das umso lieber tun, als Lorbeeren dabei nicht zu ernten sind und man also zeigen kann, ob man wirklich sich für Recht und Gesittung einzusetzen vermag oder ob man nur in maiorem gloriam der eigenen Person arbeitet. Aber auch die Juden selb st müssen dem Antisemitismus entgegen arbeiten. Sie können es durch sttaffe Zucht in den eigenen Reihen. Wer im Glashause sitzt, muß sich zusammen nehmen. Es gibt natürlich auch üble Juden. Da darf man sich nicht begnügen mit der Rede, es gäbe auch üble Christen. Natürlich gibt es die. Und natürlich gibt es Uebeltäter in beiden Religionen wahrscheinlich im gleichen Verhältnis. Aber damit kann man sich nicht beruhigen. Wir Pastoren müssen auf unseren Ruf besonders bedacht sein, denn jeder sich schlecht benehmende Pastor schadet der Kirche. Offiziere müssen sich heute neu das Vertrauen der Bevölkerung erobern, und sie können das nur durch straffe Disziplin in ihren eigenen Reihen. So müssen die Juden sorgen, daß ihre Glaubensgenossen alle auch vor strengc« Utteil bestehen können, sie müssen dahin wirken, daß ein moralisches Maximum auch die weitesten Kreise erfaßt. Auf diese Weise nur kommen wir zu friedlichen Verhältnissen. Auf diese Weise nur vermeiden wir Radikalismen, die nur grotesk sind wie die Absichten der Antisemiten und die Ziele der Zionisten. Wollen die einen alle Juden herausdrängen, so wollen die anderen den freiwilligen Abzug. Beides führte für viele Juden zum Tode: sie können sich nicht lösen von dem Land, mit dem sie aufs innerlichste verflochten sind. Beides schädigte aber auch unser Land: der Beitrag des Judentums für Wirtschaft und Kultur ist derart, daß wir auf diesen Beitrag nicht verzichten können. Infolgedessen kann die Parole nur lauten, den Antisemitismus zu überwinden. Und es gilt an die Arbeit zu gehen, obwohl von allen Taten des Herkules die Reinigung des Augiasstalles die widerlichste war.