Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 3 (17.12.1920)
- Date
- 1920-12-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I m der litauischen Staatssprache, mit den jüdischen Behörden in jiddischer Sprache (Jargon). Die Autonomie der Juden in Litauen umfaßt: 1. die Angelegenheiten der Kultgemeinden; 2. daö gesamte Schulwesen für die Juden; 3. die gesamte soziale Fürsorge einschließlich der ökonomischen Hilfswerke. Bezüglich des Schulwesens bestehen für die Juden dieselben Rechte der Nationalität, wie sie auch alle anderen Minderheiten haben. Sie haben eigene Volksschulen, die vom Staate unterhalten werden, und das Recht, höhere Schulen zu begründen und zu unterhalten, mit der Verpflichtung, daß in beiden Schulgattungen die litauische Sprache gelehrt wird. Auch für die Juden besteht im Prinzip die allgemeine Schulpflicht. Der Staat urckerhält die jüdischen Volksschulen. Im Kultusministerium ist ein eigener Visitator für das jüdische Schulwesen bestellt. Ist so die politische Lage der Juden im litauischen Staat vom Standpunkt der Juden aus durchaus befriedigend, so kann ein gleiches von ihren wirtschaftlichen Verhältnissen nicht gesagt werden. Wie die ganze litauische Bevölkerung, haben auch die Juden schwer unter dem Kriege gelitten und für sie gestaltet sich der Neuaufbau weniger leicht, denn die städtische Bevölkerung ist dabei an sich in schwererer Lage und für die litauischen Juden kommt hinzu, daß sie im Jahre 1915 beim Rückzug der Russen zum großen Teil evaluiert wurden und dadurch städtische Handwerker und Kaufleute große Verluste an Mobiliar und Betriebsmitteln erlitten. Besonders das jüdische Handwerk ist schwer geschädigt und die mißliche Lage der Juden, die darin besteht, daß sie schon vor dem Kriege in unverhältnismäßig großem Prozentsatz Handel trieben, hat sich noch gesteigert. Man sucht diesen Nöten jetzt durch systematische Förderung des Wiederaufbaues zu begegnen und diese Bestrebungen werden notwendig zu Umschichtungsmaßnahmen, indem man versucht, größere Teile des Volles der Landwirtschaft zuzuführen. Man hat damit verhältnismäßig gute Erfolge gehabt. Eine Besitzung des früheren russischen Ministers Stolypin dient zurzeit als landwirtschaftlicher Lehrbetrieb. Wo Juden kleinere landwirtschaftliche Betriebe innehaben, geht es ihnen ebenso wie den litauischen Bauern, auch jetzt schon meist erfreulich. Dem Handwerk sucht man durch Kredit, Beschaffung von Handwerkszeug und durch bessere Ausbildung aufzuhelfen. Für die gesamte Judenheit der unteren Klassen ist eine ganze Anzahl von Volksbanken »egründet worden. Mit allen diesen Maßnahmen wird es hoffentlich gelingen, den wirtschaftlichen Nöten zu steuern und einem allmählichen Neuaufschwung langsam den Weg zu bahnen. Rus öem Reich. Hindeuburg. Die Ortsgruppe Hindenburg des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens veranstaltete am Montag, den 6. Dezember 1920, im Saale der Veritas-Loge eine öffentliche Versammlung, in der Herr Mittelschullehrer Stern aus Kattowitz über das Thema sprach: „An der Schwelle eines neuen Emanzipationskampfes." Der Redner gab ein düsteres Bild der rohen und skrupellosen Kampfesweise unserer Gegner in Wort und Schrift und zeigte gleichzeitig auch Richtlinien auf, wie diesen Machenschaften begegnet werden könne. In der anschließenden regen Debatte, an der sich u. a. auch Rabbiner Dr. Kaatz und Rechtsanwalt Lichtenstein beteiligten, sprach letzterer von seinem Standpunkt als Zionist in sachlicher und konzilianter Form, wie es sonst von dieser Seite nicht immer üblich ist. Herr Stern richtete in seinem Schlußwort einen warmen Appell an die Anwesenden, den Central-Berein in jeder Weise, ganz besonders recht reichlich mit Geldmitteln zu unterstützen. Königsberg i. Pr. In der Ortsgruppe der Bereinigung für das liberale Judentum hielt am 27. November Rabbiner l>i. Vogelstein aus Breslau einen Vortrag über „Offenbarung und Entwicklung." Beide nannte er die beiden Pole des religiösen Lebens, der Begriff der Offenbarung scheide uns von den seichten und religiös öden Rationalismus, der Begriff der Entwicklung von der religiösen Anschauung, die der irrigen Meinung sei, daß Religion und religiöses Leben etwas Stanes und absolut Unveränderliches sei. Der psychologische Vorgang der Offenbarung werde wohl immer ein Rätsel bleiben, die Tatsache der Offenbarung, die Leistung religiöser Genies, sei unbestreitbar. Die Entwicklung sei das methodische Prinzip des Liberalismus. An einer Reihe von Beispielen zeigte der Vortragende, daß vieles im Judentum Produkt der Entwicklung sei. Er stellte die starren Sadduzäer den Pharisäern gegenüber, die das Schriftwort lebendig erfaßt und für die jedesmalige Gegenwart anwendbar ausgelegt Hütten und führte ein Wort Zacharias Frankels an. In der Diskussion erklärte RA. Di. Jaeobi II seine weitgehende Sympathie mit den liberalen Anschauungen. Doch könne er sich der liberalen Bewegung nicht anschließen, weil ihr innere Unwahrhaftigkeit anhafte. Die Führer gingen zu weit, sie seien im Irrtum, wenn sie durch Beseitigung von Formen die Entwicklung herbeizuführen meinten, wie es die „Richtlinien" wollten. Man dürfe auch nicht vergessen, daß 97% aller Juden außerhalb Deutschlands lebten, man müsse in der Entwicklung auf diese Rücksicht nehmen. Wenn das Judentum auf nationaler Grundlage in Palästina aufgebaut wäre, dann wäre es denkbar, daß die Entwicklung auch zur Verlegung des Sabbaths auf den Sonntag führen könne. Der Vorsitzende Herr I. Fabian wies den Vorwurf der Unwahrhaftigkeit zurück, die Herren Oskar Eichelbaum, Di. Vogelstein und IR. Dr. Lichtenstein widerlegten eingehend die Behauptungen des Herrn Dr. Jaeobi, der nochmals ausdrücklich erklärte, daß er mit Vogelsteins heutigen Darlegungen in der Diskussion durchaus übereinstimme, den Vorwurf des zu raschen Vorgehens gegenüber dem Liberalismus aber aufrecht erhielt. Am folgenden Tage sprach Dr. Vogelstein in der Ortsgruppe des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens über die „seelischen Werte unserer Bewegung." Er legte dar, daß es ein Kampf für Recht mtö Freiheit gegen Engherzigkeit, Unwahrhaftigkeit, Neid und Haß sei und verwies nicht nur auf das erhebende sittliche Bewußtsein, sondern auch auf die Rückwirkung auf die sittliche Selbsterziehung. Zur Diskussion wurde das Wort nicht verlangt. Der Vorsitzende Geheimrat Falkenheim schloß daher die Versammlung mit der Feststellung der allgemeinen Uebereinstimmung mit den Darlegungen des Vortragenden und der Anerkennung der positiven jüdischen Leistungen des Zentralvereins. Hamburg. Im hiesigen Komödienhaus gelangte unter Erich Ziegels Spielleitung Jacob Schereks „W a h n" zur erfolgrciä)en Uraufsührung. Das Stück, das vor mehr als einein Jahrzehnt entstand, aber von der Zensur der Bühne secngehalten wurde, behandelt das Märchen vom Ritnaliiiord und knüpft an die Konitzer Vorgänge an. Der Mörder des Gymnasiasten ist ein Tierarzt, der den simgen Menschen bei seiner Frau überrascht und in der Wut tötet. Die vier Akte des Dramas selbst zeichnen auf diesem Grunde die Tragödie des jüdischen Schlächtermeisters Grünfeld, eines reichen, ja von Gerechtigkeitsfanatismus besessenen Mannes, der der antisemitischen Hetze zum Opfer fällt. Ein Indizienbeweis wird aufgebaut, der freilich vor ' dem Gericht nicht stichhält, aber obwohl Freispruch erfolgt. * bleibt doch ein Makel auf der angeklagten Familie zurück, MWWWW^WWWWWMWWWMWWWW da der Obmann der Geschworenen (es Ist der Mörder) gegen die Vorschrift des Gesetzes dem Wahrsprnch einen Zusatz zufügt, der ihn als Folge der mangelnden Beweise kennzeichnet. Es ist eine Uebersteigerung, daß das Opfer dieses Justizmotdes noch hinterdrein dem fanatischen Kerl zum Opfer fällt. Uebersteigerung ist überhaupt das Kennzeichen dieses Tendenzstückes. ES wird krasses Geschehen gehäuft. Die Figuren werden schwarz und weiß nebeneinander gestellt, aber man spürt, daß ehrlicher Zorn dem Autor die Feder geführt hat und da, wo er liebt, ist auch Gestaltung da, die durch ausgezeichnetes Spiel zum vollkommenen Ausdruck kam. Schönlang gab als Schlächtermeister eine gewaltige, Marie Gundra als besten Mutter, eine erschütternde Figur. Die Fülle der handelnden Personen wußte Ziegel meisterhaft zu bewältigen. Der Eindruck des Ganzen war stark, die Erregung unter der Zuschauerschaft deutlich fühlbar. Zum Schluß gab es über vereinzelte Opposition hinweg starken Beifall, so daß der Spielleiter für den abwesenden Autor danken mußte. die Beschlüsse -es Burschentages. Zu denjenigen Kreisen, die die Stätten der geistigen Bildung ihren wahren Zwecken entfremdet und pe zum Tummelplatz politischer Leidenschaften gemacht haben, gehören auch die Berfaster der Eisenacher Beschlüsse der Burschenschaft, die nachstehend auf Grund der ostiziösen Veröffentlichung in den „Burschenschaftlichen Blättern" (Nr. 6, S. 93 im Wortlaut wiedergegeben werden. In die Grundsätze der neuen Burschenschaftsverfastung wurden folgende Bestimmungen ausgenommen: 1. „Mit allen Kräften tritt die Burschenschaft für die Erhaltung und Pflege deutscher Eigenart, Sprache und Sitte ein. Die Burschenschaft steht auf dem Rastenstandpunkte; deshalb dürfen nur deutsche Studenten arischer Abstammung, die sich offen zum Deutschtum bekennen, in die Burschenhaft ausgenommen werden. Die Burschenschaft verpflichtet sich aufs neue, ihre Mitglieder zu völkischem Bewußtsein zu erziehen." 2. Der Burschentag verpflichtet die einzelnen Burschenschaften, ihre Mitglieder so zu erziehen, daß eine Heirat mit einem jüdischen oder farbigen Weib ausgeschlosten ist, oder daß bei solcher Heirat der Betreffende ausscheidet. 3. Die Deutsche Burschenschaft hält an dem Grundsätze der unbedingten Genugtuung gegenüber ehrenhaften Studenten fest. Die örtliche Burschenschaft kann durch einstimmigen Beschluß feststellen, daß nach Maßgabe der örtlichen Anschallungen eine Durchführung dieses Grundsatzes gegenüber fremdrassigen Studenten nicht möglich ist. 4. Die Deutsche Burschenschaft erkennt an, daß Mitglieder, die internationale oder separatistische Parteien unterstützen, nicht mehr Angehörige der Deutschen Burschenschaft sein können. Es ist anznnehmen, daß den Urhebern dieser Beschlüsse, wenn sie sich einst auf die freiheitliche und vornehme Tradition ihrer Organisation besinnen werden, die Schamröte Wer diesen „Burschenstreich" ins Antlitz steigen wird. Ausgrabungen in Palästina. Die jüdische Ausgrabungsgesellschaft in Jerusalem hat, wie die „Voss. Ztg." aus Jaffa erfährt, die Erlaubnis erhalten, in der Umgebung von Tlberias und Kapernaum Ausgrabungen vorzunehmen. Diese haben in der Nähe von Liberias bereits begonnen. Teile der alten Stadt (aus der Römerzeit) wurden ans Licht gefördert. Es ist sicher, daß wichtige historische Funde an dieser so bedeutenden Stelle Galläas gemacht werden. Tie Arbeiten leitet Prof. N. Slouch, früher Lektor für orientalische Archäologie an der Sorboime.! An Nietzsche erinnert wiederum das titanenhafte Gedicht ,^l n den Z o r n", das mit den packenden Zeilen endet: „Hier kniee ich, Deiner großen Gesichte gewärtig. Deiner lösenden Schauer harrend, Dein Geschöpf und Schöpfer zugleich. Du meines Lebens Wiedergekehrter Rausch- und Zorngeist, Meiner eigenen Seele Flammentrunkener, Blitzeschleudernder Genius!" Aber auch die Idylle ist ihm nicht fremd; Gedichte wie „Breslauer Dominsel", „Waldeinsamkeit" uslw. zeigen die andere, dem Schlesier Eichendorff verwandte Seite des Künstlers. Von bleibendem Wert sind ferner die Denkmäler, die er den „Großen", u. a. Shakespeare, Hölderlin, Schopenhauer, in seinem Gedicht-Werk gesetzt hat. Einer großzügigen Kultur- und Kunstanalyse ist das dritte, 1908 erschienene Buch Goldschmidts: „Z u r Kritik der Moderne" gewidmet. Schon der erste, umfangreiche, ein Drittel des Buches füllende Essay „Psyche" gibt schöpferische Kritik größten Stils und stellt nichts weniger als geradezu einen Abriß der menschlichen Geistesgeschichte dar; er gibt wirklich mehr und Besseres, als mancher dickleibige Wälzer eines Literaturprofessors! — Die übrigen Auffähe über „Raste und Individualismus", über das „Kritik-Problem" und „Drama und Theater dreien ebenfalls wistenschaftliche Erkenntniste in künfnenscher Form; nur stellen sie mitunter an das Bildungsniveau des Durchschnittslesers ein wenig zu hohe Anforderungen. Das schöne Buch „Erlebte D i ch t u n g", das 1912 gedruckt wurde, ist eine Art Fortsetzung dieses Werkes und bringt neben acht ausgezeichneten, geistvollen Arbeiten über moderne Kultur- und LiteraturschWen prachtvolle literarische Portraits von Spitteler, dem diesjährigen Nobelpreisträger, George, der Lagerlöf und anderen führenden Dichtern der Gegenwart. Schade, daß bei uns in Deutschland an den Universitäten nur amtlich abgestemvelte und legitimierte Philologen lesen dürfen. Goldschmidt wäre ein Gelehrter, von dessen Wirken auf einem weithin bekannten Lehrstuhl ich mir enorm viel Segen und Anregung verspräche! — Schweiber dieser Zeilen hat viele Jahre an verschiedenen Universitäten literaturhistorische Vorlesungen gehört, muß aber — als ganz unparteiischer Zeuge — feststellen, daß er bei keinen Universitätskursen soviel lebendigen Geist seitens des Dozenten und sopiel Jnterefsiertheit und seelische Ergriffenheit seitens der Hörer begrüßen konnte, wie bei den Vortragszyklen, die Gowschmidt jedes Semester an der Berliner Humboldt-Akademie hält! Schon Schopenhauer, das von seinen Zunftkollegen einst anfangs totgeschwiegene Genie, hat seinerzeit trübe Wahrheiten über das harte Schicksal des „Outsiders" im deutschen Geistesleben ausgesprochen, und ein Outsider und Eigenbrötler ist Goldschmidt — Gott sei Dank! — in jeder Beziehung, ebenso wie der außerordentlich bedeutende jWische Philosoph Fritz Mauthner, der ebenfalls als „Privatgelehrter" und „freier Schriftsteller"' „a b s e i t s" wirken muß! Vielleicht wäre den Fachgenossen die Philosophie Kurt Walter Goldschmidts auch ein wenig zu bitter und inopportunistisch! — Er hat sie bisher in zwei Büchern dargestellt, erstens in der Schrift „Der Wert des Lebens", zweitens in dem umfangreicheren Buch „H a l b m a s k e", „A u s dem Leben und dem Jenseits des Lebens, eine tragische Philosophie in Bekenntnissen". Dieses ist das persönlichste und am meisten ans Herz greifende Werk des Dichters, nicht mit Tinte, sondern mit Herzblut geschrieben; es ist eine Art tiefernster Ontologie in aphoristischer, allgemein verständlicher Form. — Lest dieses Buch! ... Es ist düster und groß, wie nur je eine der großen Welttragödien; — mit zusammengebissenen Zähnen müssen diese geistigen Höhenwanderungen zurückgelegt werden, aber niemarw wird dies Werk ohne Erschütterung und Bereicherung fürs ganze Leben aus der Hand legen! — Fast vier Jahre lang hat Goldschmidt während des Krieges als Soldat in untergeordneter Stellung dem Baterlande dienen müffen. Er hat auch während dieser Zeit — wie immer — emsig gearbeitet. In seinem Pult liegen die Manuskripte mehrerer großer Werke (z. B. „Der neue Mensch in der neuen Gesellschaft"), neben der Handschrift eines langen Entwickelungsromans, der seinen eigercen dornenreichen Lebensweg in dichterisch verklärter Form — Romain Rollands „Jean Christoph" vergleichbar — schildert. Hoffentlich werden die Berhältniffe bald eine Ber öffentlichung all dieser Bücher erlauben; im Interesse der Kunst wäre es jedenfalls aus vollstem Herzen zu begrüßen! Ein Kulturskandal — sowohl für das Deutschtum, als auch für das Judentum — wäre cs aber, wenn es Goldschmidt ähnlich ginge wie dem persischen Dichter Firdusi, dessen Leiche man zur Stadt hinausträgt, just als der große Erfolg feines Lebens und Schaffens kommt.