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Jüdisch-liberale Zeitung · 1920-12-10 · 2 (10.12.1920) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
2 (10.12.1920)
Date
1920-12-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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> ‘ "p »jb,ty|u i.it m jj.nn.,p in ngn^pi.ii 11 11 MWWIMWWWWWW MWMWWWWWW SK verdammten Gstjuüeu! Bersammlungssaal. Am Borstandstisch drei Haken- Lrerrze unter weinverschwemmten Gesichtern. Leutnant der Reserve Dov-Doven monokelt: — fremdes Gesindel — verdrängt schon in Polen die viel zu ritterlichen Einwohner deS Landes — Zeitungsberichte: Bei den während des polnischen Rückzuges vor den Bolschewisten zu Zwangsarbeiten Eingezogenen waren 90 Prozent Juden. Biele starben durch Mißhandlung, viele wurden irrsinmg, besonders Frauen, viele auch krank. Junge Frauen wurden geschändet — — allzusanfte Behandlung hat dieses Pack übermütig ge»nacht — — In Wyszkow ließ die Ortsmilitärbehörde 300 Juden, darunter Frauen und Kinder, nackt durch zwei Reihen Soldaten mit Stacheldrahtpeitschen Spießruten laufen. Ohnmächtige wurden durch Wasser zum Bewußtsein gebracht und mußten tanzen. Frauen wurden darauf geschändet — — der Beweis, daß sie stets mit den Rttssen unter einer Decke steckten, braucht wohl nicht erbracht zu werden — — In Plozk wird der chassidische Rabbi vom Feldgericht zum Tode verurteilt. Grund: er hat durch seine Bewegungen beim Beten den Bolschewisten Zeichen gegeben. Groß, in seinen Gebetsmantel gehüllt, empfängt er die Kugeln. Danach wurden Frauen geschändet — — sie drückten sich natürlich vom Heeresdienst — — In Jablona werden vor der Offensive 6000 jüdische Soldaten, Kriegsfreiwillige, Offiziere, Aerzte darunter, ausgesondert und interniert. Das Lager ist jedem Wind frei. Essen gibts kaum. Unterzeichner dieses Befehls die Generale Haller und Weygand. Um die Missetaten während der Internierung zu vertuschen, läßt man den Transportzug auf der Fahrt, die die Skelette zurückbringt, absichtlich entgleisen — — die glorreichen Truppen Petljuras, den wir uns nur zum Vorbild nehmen können, rechneten aber mit den Verrätern ab — — In Bolszowe wird die achtjährige Rosa Freibrunn geschändet, dann mit Piken zerstochen, 30 andere Frauen vergewaltigt, in Tumierz wird der schwängern Frau Antler der Bauch ausgeschnitten, in Delejow werden Mädchen im Alter von 12 und 14 Jahren geschändet, als Gegenstück in Jezupol eine 70 jährige Greisin, in Stanislau werden der 10 jährigen Marie Krammer die Hände abgehackt. Endlos ist die Liste der Mordtaten. Scheußlichsteenthält sie, das nicht zu sagen ist. Aber in Deutschland tont von den Deutschnationalen bis tief in demokratische Reihen der Ruf: „Die verdammten Ostjuden, transportiert sie über die Grenze!" Endlich: die langersehnte Einheitsfront ist geschaffen. Knüppelkunze reibt sich die Hände, die roten, roten Hände. Manfred Gcorg. (Wellbühne.) Mus öem Reich. das Gesetz Über öea Austritt aas -er Kirche. Durch die in der preußischen LandesversammtUng erfolgte Annahme des Gesetzentwurfs über den Austritt aus der Landeskirche ist der Austritt aus einer Religionsgemeinschaft öffentlichen Rechts beim Amtsgericht des Wohnsitzes zu Protokoll des Gerichtsschreibers zu erklären oder als Einzelerklärung in öffentlich beglaubigter Form einzureichen. Die rechtlichen Wirkungen des Austritts beginnen einen Monat danach; bis dahin kann er zurückgenommen werden. Ehegatten sowie Eltern und Kinder können den Austritt in derselben Urkunde erklären. Das Amtsgericht hat den Borstand der Religionsgesellschaft über die Austrittserklinung zu benachrichtigen und den Austritt zu bescheinigen. Der Austritt befreit von allen persönlichen Leistungen für die Religionsgemeinschaft mit dem Ende des laufenden SteuerjahreS, jedoch nicht vor Ablauf von drei Monaten nach der Erklärung des Austritts. Leistungen, die Kraft befondern Rechtstitels auf bestimmten Grundstücken haften, bleiben jedoch bestehen. Das Verfahren ist kosten- und stempelfrei. Ein aus einer Synagogengemeinde austretender Jude kann nur durch schriftliche Erklärung einer andern Synagogengemeinde beitreten. Wir kommen auf die in den letzten Monaten so viel erörterte Frage der Kirchenaustritte und die gesetzliche Neuregelung, die sie nunmehr erfahren hat, demnächst noch zurück. das Schicksal -er lsraelitlschen Kirchenverfassung ln Württemberg. Stuttgart. Der Engere Rat der Israeli" tischen Oberkirchenbehöcde h at am 22. No" vember d. I. folgende Eingabe an die Staatsregierung gerichtet: In den israelitischen Kreisen des La.rdes hat über das Schicksal der israelitischen Kirchenverfassung neuerdings eine gewisse Beunruhigung Platz gegriffen. Das Kultusministerium hat wiederholt ausgesprochen, daß der israelischen Religionsgemeinschaft der Erlaß einer neuen staatsfreien Kirchenverfassung gleichzeitig mit der evangelischen Kirche ermöglicht werden soll, und hat schon im Herbst 1919 mit uns auf dieser Grundlage verhandelt. Verschiedene Presseartikel, die sich in neuester Zeit an eine zugleich an die Staatsregierung und an den Landtag gerichtete öffentliche Erklärung der evangelischen Kirche vom 12. November d. I. geknüpft haben, geben nun der Befürchtung Raum, daß sich das angekündigte Gesetz zur Ausführung des Art. 137 der Reichsverfassung auf die evangelische Kirche beschränken und die Aufhebung des Jsraelitengesetzes von 1912 auf einen späteren Zeitraum verschoben werden könnte. In einem solchen Verfahren müßten wir eine unbillige Zurücksetzung unserer Religionsgemeinschaft erblicken. Auch wir empfinden es als einen unhaltbaren Zustmrd, daß nach dem Gesetz von 1912 der Vorstand und die Mitglieder der Oberkirchenbehörde ja im Gegenatz zu den evangelischen und katholischen Geistlichen sogar noch unsere Rabbiner von der Regierung ernannt werden müssen, obgleich wir finanziell schon seit 1912 vom Staat gettennt und bei den seitherigen weittragenden Aufbesserungen vom Staat nicht mehr berücksichtigt worden sind. Wir bitten daher die Staatsregierung dringend, daran festzuhalten, daß unser künftiges Verhältnis zum Staat zugleich mit dem der evangelische« Kirche geregelt wird, deren Wunsch auf baldige Regenmg auch wir uns zu eigen machen. Eine Eingabe gleichen Inhalts ist dem Landtag zugegangen. _ Geistige Leichenschändung. Die „Deutsche Zeitung" bringt in ihrer Nummer vom 26. November 1920 eine Todesanzeige, in der es heißt: „Der Gram über de» Verlust seiner inniggeliedte» Gattin.. . und die Verzweiflung über die (folgendeiß settgedrucü) tieft,rennende, durcy fremdrnfltge Elemente Wer unser geliebtes deutsches Vaterland hereingebrochene Schmach ebneten der tückischen Krankheit die Wege." Jeder religiösen, jeder menschlichen Auffassung gilt der Tod als der große Versöhner, vor dem alle Feindschaft, aller Haß Halt macht. Auf einer wie tiefen Stufe sittlichen Empfindens müssen doch Menschen stehen, die das Bedürfnis fühlen, einen ihnen teuren Toten in solcher Wejse, wie es hier geschehen, noch einmal auf den Markt der Leidenschaften zu zerren und einen der letzten Liebesdienste, die sie dem Stillgewordenen erweisen, derart mit giftiger Verhetzung zu verquicken! Schule und Antisemitismus. Im LehrerverelnS-Haus in Berlin besprach der Zentralverein in einer Versammlung das Thema „Schule uno Antisemitismus". Der Abend wurde eingeleitet durch einen Bortray von Professor Dr. Paul Hildebrandt: Will man die Wurzel des Antisemitismus finden, so muß man in der Schule suche». Er blüht besonders dort, wo der angeblich unpolitische „Deutschnationale Jugendbund" Wurzel geschlagen hat. Will man ihn bekämpfen, so muß man ihn auch in der Schule bekämpfen. Man kann ihn bekämpfen durch kritische Betrachtung en der Religion und in der Geschichte, durch Erziehung der Jugend zum vorurteilsfreien Schauen geschichtlicher Wahrheiten und geschichtlicher Aufgaben. — Oberlehrerin Lydia Stoecker von der Ehamisso-Schule schloß sich den Worten Professor Hildebrandts, die mit begeistertem Beifall ausgenommen wurden, an,.betonte fedoch, daß die Hauptschuld für die Ausbreitung des Antisemitismus den Schulleitungen zugeschriebcn werden müsse. ftuslanü. der Jargon im polnischen Landtag. In den Verhandlungen des polnischen Landtages über die polnische Verfassung stand beim Kapitel des Minoritätenschutzes der jüdische Jargon zur Debatte. Ein Abgeordneter sprach sich gegen die Zulassung dieser „Gaunersprache" bei Gerichten und Behörden aus. Gegen diese Bezeichnung wurde ihm von jüdischer Seite entgegengehalten, daß doch diese Sprache immerhin das Berständigungsmittel von 12 Millionen Mensche« sei, weshalb sich der Ausdruck „Gaunersprache" ^vo« selbst richte. Keine Trennung -er amerikanischen von -ev . europäischen Zionisten. Kürzlich ging eine wenig wahrscheinlich klingende Meldung der Londoner „Mormngpost" durch die Presse, wonach die amerikanischen Zionisten sich von den europäischen trennen wollten. Wie nunmehr auch vo» zionistischer Seite festgestellt wird, entbehrt diese Nachricht jeglicher Begründung. von ostjüüischer volkspoeste. O st jü bische Volkslieder, cmsgewählt, übertragen uüd mit Anmerkungen versehen von Alexander Eliasberg. München bei Georg Müller. Ost jüdische Liebeslieder, Weberlvagungen Mischer Volksdichtung von Ludwig Strauß. Welt-Verlag, Berlin. Unsere Einstellung gegenüber den Ostjuden droht falsch und schief zu werden. Der Flüchtlingsstrom der letzten Jahre, der nicht immer die besten Elemente nach Deutschland gebracht und hier — fürs erste — seßhaft gemacht hat, die großen Schwierigkeiten, die uns deutschen Juden aus der Anwesenheit dieser Gäste und ihrer Betätigung in Handel und Wandel und im öffentlichen Leben erwachsen sind und noch weiter erwachsen, dies alles auf der einen Seite und auf der anderen die verblendete Anhimmelung des ostjüdischen „Jungbrunnens" durch unsere Zionisten haben — das ist nicht zu leugnen — bei einem Teile der deutschen Juden eine fast feindselige Gesinnung gegen alles Ostjüdische geschaffen Man kann dieser Stimmung, die begreiflich ist, von deren mangelnder Berechtigung und Gefährlichkeit wir aber einmal an einer anderen Stelle dieses Blattes zu reden haben werden, nicht besser begegnen als dadurch, daß man die Juden des Ostens kennen zu lernen sucht, wie sie wirklich sind. Das können wir aber, wie der Deutsche seit Herder, den Brüdern Grimm und Arnim-Brentano weiß, auf keine Art grürrdlicher und zugleich reizvoller anbahnen, als dadurch, daß wir uns in die Volkspoesie der Ostjuden vertiefen. Die beiden hier angezeiglen Bücher, besonders das Eliasberg'sche, das überall den Jargontext und die hoch deutsche Uebertragung einander gegcnüberstellt und dadurch besonders anschaulich wirkt, sind vortrefflich geeignet, zu solch näherer Beschäftigung mit dem Gegenstände den ersten Grund zu legen; erwecken sie doch in dem Leser jene mit Freude gepaarte Neugier, die zu tieferem Eindringen amegt. Ecnes vor allem rührt beim Lesen dieser Lieder ganz eigen an unser Herz: die offenkundig enge Verwandtschaft mit dem deutschen Volksliede, dem das Jargonlied ja auch sprachlich überaus nahe steht. Zweifellos haben die Juden bei ihren Wanderungen im Mittelalter aus der deutschen Heimat, der sie ungern genug den Rücken kehrten, viel von den köstlichen deutschen Volksliedern mitgenommen und sie dann als Eigengut verarbeitet, wie dies eben der Werdegang des durch mündliche. Weitergabe von Geschlecht zu Geschlecht verbreiteten Volksliedes zu sein pflegt. Damit sei aber beileibe nicht gesagt, daß das ostjüdische Volkslied ganz oder auch nur überwiegend auf einem ihm ftemden, nichtjüdischen Boden erwachsen sei. Den besten Gegenbeweis liefern die Lieder religiösen Charakters, z. B. das schöne, stille Sabbatlieo (Boruch ^lejhejnu). Gelobt seist du, Gott, unser guter Freund! Den heiligen Sabbat feiern wir heut. Der Sabbat hat das Antlitz von jener Welt,! Am Sabbat darf man nicht anrühren Feuer.und Ge'lo. ' Am Sabbat gibts Feuer im Himmel Vieh & Da haben die Engel Gottes ihr Spiel — I] Sie tanzen und springen und loben Gott,; j.j Der uns gegeben unser Gebot. Das Innigste unb Tiefste aber gibt auch das ostjüdische Volkslied dort her, wo es gilt, die Königin des Lebens, die Liebe, zu besingen. Heißes Werben und süßes Gewähren, vergebliches Schmachten und elterlicher Starrsinn, standhafte Treue und grausame Treulosigkeit, all das klingt in diesen Liedern an und hallt in ihnen wieder. Wir geben zwei Beispiele. Zunächst eines aus der Eliasberg'schen Sammlung, der auch das Sabbatlied entnommen ist, „Treu bis in den Tod": Es war ein Jüngling Bon achtzehn Jahr, Der liebt ein Mädel Bon sechzehn Jahr. Er liebt sie ja, Er liebt sie nein, Er liebt keine andre, Nur sie allein. Das Mädel ist fort In ein fremdes Land, Da kam ein Brief Audes Mädels Land. Der Jüngling verläßt Sein Glück und Gut, Um nachzuschauen. Was das Mädel tut. „Gut' Morgen, Mädchen, Was macht Ihr da? Was liegt Ihr da Auf dem Krankenbett?" „Habt Dank, habt Dank Für Euren Besuch; Es ist nicht weit Dom Bett zur Grub'." Die Lippen sind bla«, Die Wangen weiß; Sie ist schon kalt Wie ein Stück Eis. Er nimmt das Messer Aus der Scheid' Und bohrt es sich Ju seinen Leib. Und auf dem Grabstein Steht geschrieben, Daß zwei Geliebte Zusammenliegen. Und das andere aus den von Strauß mit fei«He»L Nachempfinden übertragenen Liebesliedern: Eine neue Liebe Hab ich ersonnen, Sie ist aus Leiden und aus Schmerz. Wer von einer falschen Liebe weiß, Der kann spüren mein bittres Herz. Wir sahen uns in einer Sommernacht, Schön ist es gewesen im Frein. Ich gab dir ein wahrhaftiges Wort, Ich würd dich niemals lassen allein. Die Sterne haben das Meer gestirnt, Und die Welle» schlagen den Strand. Du gabst mir ein wahrhaftiges Wort, Du wirst mich nicht lassen allein. Du hast mir gebunden die Hände und Füße Und mich lassen stehn gefangen. Du hast mir gezeigt, was Liebe heißt, Und selbst bist du fortgegangen. Du hast mir geschlossen die Hände und Füße Und mich lassen schwimmen allein. Ach wieviel Mauern werd ich noch zerbreche», Doch bei dir werd ich noch einmal sein. Bon deinen Reden, die falsch sind und kalt. Muß ich ohne Ende leiden. Unsre Liebe ist wie eine Geige alt, In der zerspringen die Saiten. Damit genug der Kostproben. Wem sie Verlange» erweckt haben, der weiß nun, wo er mehr davon finde» kann. Ihr jungen jüdischen Wanderer zumal, Ihr, meine Kameraden, die Ihr das Volkslied so sehr liebes hier habt Ihr. etwas Köstliches, für Eure Heime uutz Eure Fahrten. So greift denn zu! Denn „wer des Brünnleins trinkt, Der jungt und wird nit alt!" _ Erich Spitz.

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