Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 2 (10.12.1920)
- Date
- 1920-12-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sie Richtung. Et« Wort in eigener Bache. Unser hiesige- Schwesterblatt, die „Jüdische Boüszettung", hat uns, che noch unsere erste Nummer herauskam, einen Begrüßungsaufsatz gewidmet. Sogar einen Leitartikel. Das ist sehr freundlich. Sein Inhalt ist es weniger. An der Wiege Dornröschens stand einst die ungeladene böse Fee und verwünschte das arme Ding gar arg. Das war sehr schlimm von ihr. Aber sie wartete doch wenigstens, bis Dornröschen geboren war. Unsere arge Schwester aber sagte unserem Geisteskind schon, ehe es noch das Licht der Welt erblickte, einiges Schlimme nach oder voraus. Die Voranzeige seiner Geburt hat es ihr bereits angetan. Dennoch fürchten wir nicht, daß nun unser Dornröschen früher oder später einmal „für tot hinfallen" und in einen hundertjährigen Schlaf verfallen wird. Der jüdische Liberalismus, den es verkörpert, h a t nämlich schon so annähernd hundert Jahre geschlafen. Er ist deshalb gut ausgeruht und springlebendig. Wird es auch mit jedem Tage, den Gott werden läßt, mehr. Unsere böse Fee glaubt wohl auch gar nicht, daß sie selbst dem zarten Kinde viel anhaben könne. Deshalb schwärzt sie es ein bißchen bei anderen, nicht gütigeren Feen an. Indem sie nämlich behauptet, wir hätten in der Voranzeige „drvhend den Finger gegen verschiedene Organisationen des heutigen Judentums, die sich nicht dem Liberalismus zuzählen", erhoben. In der Tat, wir haben geradezu gemeingefährliche Drohungen ausgestoßen. Insbesondere gegen die O r t h o d o x e n. Wir haben nämlich geschrieben, es gelte „unseren Gegnern im orthodoxen Lager und denen, die sich zwischen ihnen und uns entscheiden sollen, zu beweisen, daß Liebe zum Judentum und zur Judenheir bei uns wahrlich nicht weniger als drüben zu Hause sind." Und das ist doch gewiß ein sehr schlimmes Vorhaben! Richtiger ist schon, daß wir uns von vornherein nicht gerade aus besonders freundschaftliche Beziehungen zum Zionismus eingerichtet haben. Denn die Welt weiß, daß besten Anhänger uns nicht lieben. Sie haben selbst nie ein Geheimnis daraus gemacht. Ihre Ziele und die unserigen gehen weltweit auseinander. Sie wollen die jüdische Jugend gewinnen, wir auch. Das geht ohne Kampf nicht ab. Doch soll es ein edles und ehrliches Streiten mit ritterlichen Gegnern und ritterlichen Waffen sein. Wer das vorhat, der droht nicht. Und eins hätte unsere schlimme Schwester obendrein nicht verschweigen dürfen: daß wir nämlich von vornherein d« Schneide unseres Schwertes mit deutlicher Wendung nicht sowohl gegen unsere jüdischen Gegner als vielmehr gegen die antisemitischen Feinde gekehrt haben. Ihnen gegenüber bilden wir zusammen mit allen Juden, die guten Willens sind, den jüdischen Schutz- und Trutzbund. Aber es ist auch gar nicht unsere Richtung an sich, die der „Jüdischen Volkszeitung" mißfällt, sondern die Tatsache, daß wir überhaupt eine Richtung haben. Deswegen überschreibt sie auch ihren Austatz: „Die Richtung". Was ein richtiger Jude ist, der hat keine Richtung. Richtung ist Unfug. Um das zu beweisen, kommt uns unsere Schwester talmudisch. Sie erzählt: Et» Karäer, ein Anhänger also jener Sekte innerhalb des Judentums, die die Ueberlteserung verwirft und sich nur nach der Bibel ricktet, sa-gte, so wird berichtet, einmal zu einem Rabbanitcn: Wir Karäer sind doch bessere Juden als ihr, d:nn wir richten uns ausschließlich nach der heiligen Schrift, für uns ist nur die Bibel maßgebend. Der Rabbanite sagte darauf: Laß mich mit einem Gleichnis antworte«. Wer durch einen fremden, duntten Wald gehl, der muß sich in der Tat jeden Baum und jede» Stmnch genau merke», damit er die Richtung nicht verliert nntz sich im Wald nicht verirrt. Wer aber durch seine Heimatstadt Acht, der braucht nicht ans jedes Hans u»d jede Straße zu achte». JnDntttv geht er de» richtig«» Weg, der ihn zu seinem Ziele führt. Bo. fuhr der Rabbcmite zu dem Karäer geivaNdl fort, ist er mit uns und mit euch. Daß ihr aus jode Aufschrift schen müßt, um dm Weg nicht zu verlieren, ist der beste Beweis dafür, daß ihr mehr außerhalb als im Judentum steht. Wer wrrklich im JUden.nm lebt, der braucht nicht immer Angst.zu haben, die Richtung zu verlieren, der geht im Vollgefühl, hier heimisch zu sein, unbekümmert um die vielen Straßenbiegungen seinen Weg bis ans Ende. — Wir können uns nicht mit dem gelehrten Rabbaniteil messen, der seinem Gleichnisse diese Deutung gab. Aber wir sind vom gleichen Stamme wie er und haben deshalb gleich ihm den Hang zum Gleichnisbilden und -auslegen im Blute. Wir geben die Legende etwas anders und mit anderer Deutung wieder. Nämlich so: Das vom Parteienkanrpf durchhallte jüdische Leben der Gegenwart gleicht einem wilden und dunklen Walde. Wer sich durch ihn hindurchfinden will, ohne die Richtung zu kennen, die er einzuschlagen hat, läuft Gefahr, sich an den Bäumen des Waldes die Stirne wund zu stoßen oder iiber Wurzeln zu stolpern und auf die Nase zu fallen. An den äußeren Rändern dieses Waldes aber haben — ziemlich weit entfernt von einander — die jüdischen Parteien ihre Heerlager. Die Orthodoxen, die Zionisten, die Liberalen. Von da aus bahnen sie sich breite Straßen in das Innere des Waldes, auf denen sie sicher und ungefährdet hineinschreiten können. Diese Wege haben alle das Herz des Waldes, um dessen Besitz die drei Heerlager mit einander ringen, zum Ziele. D a s i st i h r e R i ch t u n g! Und so wollen wir denn auch weiter die unsere verfolgen — ins Herz des Judentums hinein. Bedeutet dies, daß wir unser „kostbares Papier mit rein negativen Abwehr- und Angriffsartikeln füllen" wollen, „anstatt vor allem positive, ideen- und gedankenticfe Aufbauarbeit zu leisten?" Nichts, aber auch wirklich gar nichts berechtigt die „Bolkszeitung" zu so unschönem Verdacht. Aus unserer Voranzeige konnte und mußte sie das genaue Gegenteil herauslesen. Drei Parteien ringen heut um nichts Geringeres, als dämm, wessen Judentum das beste und wahrste sei. Wer denkt da nicht an die so oft zitierte, bisweilen auch mißbrauchte und doch ewig wahrheitstiefe Fabel von den drei Ringen? Auch uns ertönt sie heute wieder, die Mahnung des weisen Nathan: „-Wohlan! Es ciftc jeder seiner unbestochnen Bon Voukteilen freien Liebe nach! Es strebe von Euch jeder um die Wette, Die Kca l des Steins in seinem RtriH' an Tag Zu legen! Kommt dieser Kraft mit Sanftmut. Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun. Mit innigster Ergebenheit in Gott Zu Hilf'!" So wollen wir an unseren: Teile es halten. Und ein wichtiger Umstand läßt uns hoffen, daß auch unser heut so griesgrämiges Schwesterlein gleichen Willens sein wird. Ist doch die Leitung der „Jüdischen Bolkszeitung" eben jetzt auf einen Mann übergegangen, der, obwohl persönlich anderen Sinnes, doch einen jedem Liberalen ehrwürdigen Namen trägt. Er weiß aus der Ueberlieferung der eigenen Familie am besten, daß Liberalismus nicht Verneinung, sondern stärkste Bejahung des Judentums bedeutet! Und so reichen wir denn der schlimmen Schwester die Hand zur Versöhnung. Soweit es an uns liegt, soll dieser erste häusliche Zank zwischen uns auch der letzte gewesen sein. Sie Schriftleitung der jüdisch-liberalen Zeitung. Mische Geheimgesetze? In einer neu erschienenen kleinen Schrift »Jüdische Geheimgesetze?" ((£. A. Schwetschke & Sohn, Verlags buchhandlung, Berlin 1920) beschäftigt sich der Professor der evangelischen Theologie an der Universität Berlin Geheimer Konsistorialrat D. Dr. Hermann Strack mit den neuerdings wieder in verstärktem Maße aus gestreuten Behauptungen über „Jüdische Geheimgesetze", womit in Aufsätzen, Flugblättern und öffentlichen Versammlungen die antisemitische Propaganda gespeist wird. Dazu sagt Professor Strack: „Es gibt keine jüdischen Geheimschriften. Innerhalb des gesamten Judentums gibt es weder eine Schrift noch eine mündliche Tradition, welche kundigen Christen unzugänglich wäre. Weder suchen die Juden vor den Christen etwas zu verbergen, noch können sie vor ihnen etwas verbergen." Insbesondere ist der Schulchan Aruch, ein angebliches Geheimgesetz, von dem die Antisemiten in diesem Zusammenhang immer sprechen und dessen Uebersetzung nach ihren Behauptungen verboten sein soll, schon 1837 ins Deutsche übertragen worden. (Nachdruck Wien 1896.) Professor Strack untersucht den Inhalt des Talmuds und des Schulchan Aruch und kommt zu dem Ergebnis, daß sich in ihnen vielversprechende Ansichten der verschiedenen jüdischen Religionsgelehrten finden und einige scheinbare oder wirkliche „Unrechtsätze und Slimmungsworte" älterer Zeit unter dem Druck früherer Zeilen entstanden sind, daß aber insgesamt kein Zweifel darüber bestehen kann, daß dem gläubigen Juden auch den Christen gegenüber moia- 1 isches Handeln vorgeschrieben ist. Ueberdies haben 1885 die Rabbiner Deutschlands fünfzehn für das heutige deutsche Judentum maßgebende „Grundsätze dcr jüdischen Sittenlehre" veröffentlicht, die auch vom christlichen Standpunkt aus unanfechtbar sind. Das Gleiche gilt von einer Erklärung der Rabbiner Deutschlands im Jahre 1893. Strack rechnet noch mit einigen Schriften von Rohling, Ecker und Dinter ab, die die Quellen der antisemitischen Flugblattsintflut unserer Tage darstellen, und geht dann auf das Buch des Hauptmanns a. D. Müller von Hansen „Die Geheimnisse der Weisen von Zion" ein, an dessen „Enthüllungen" zu glauben ein Ruhmestitel des Grafen Reventlow und des Herrn von Graefe ist. Sie mögen sich mm von einem evangelischen Theologen darüber belehren lassen, daß die angeblichen Verhandlungsberichte des Baseler Zionistenkongresses von 1897 schon durch ihre Fassung und ihren Gedankengang ihren nichtjüdischen Charatter verraten, und daß den jüdischen Weisen in der ursprünglich russischen Fassung lediglich die innen- und außenpolitischen Gedanken der Opposition gegen den Grafen Witte in den Mund gelegt wurden, da die dirette Meinungsäußerung während der zaristischen Selbscherrschaft gefährlich war. Aus einer verhüllten Propaganda des extremen russischen Nationalismus hat man dann in Deutschland den Niederschlag jüdischer Weltherrschaftsträume gemacht! Professor Strack schließt mit der Mahnung des Neuen Testaments: „So stehet nun, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angezogen mit dem Panzer der Gerechtigkeit!" Wir werden auf die Schrift von Strack zur Zeit noch zurückkommen. Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auf das Buch von Liebermann „Zur jüdischen Moral", das besonders wertvolles Material zu der oben erörterten Frage enthält. Jüdischer Geist in -er neueren -rutschen Literatur. Von vr. Ludwig Davidsohn. - (Schluß.) Gewaltig und alles andere überragend aber sind die Kundgebungen jüdischen Geistes da, wo sie wieder an ihre größten Ueberlieferungen anzuknüpfen versuchen, an jene biblischen Zeiten, da das Judentum der Menschheit Mythen und Dichtungen formte, deren erzener Klang in unveränderter Reinheit und Größe durch die Jahrtausende dröhnt. „Ich lasse dich nicht, du segnest mich demr," — . . . so rang einst der israelitische Patriarch mit Gott ... der Segen ist ausgeblieben, zum mindesten nicht in dem Maße in Erfüllung gegangen, wie die Besten aller Völker gehofft haben. Das „dritte Reich" scheint ferner denn je zu sein, und was wir schaudernd erleben, ist der Kampf aller gegen alle in einem durchaus mechanisierten Zeitalter, in dem noch immer tausendfach die rohen egoistischen Instinkte fessellos schalten. y Es istHls"öb" bei*Kumme^und^ Gram"über diese Nichterfüllung einer uralten Sehnsucht den tiefsten Zug der großen jüdischen Dichtung unserer Tage bildet. Diese erschütternde Schwermut eines resignierenden Gottsuchertums ist das deutlichste Kennzeichen der zeitgenössischen jüdischen Geistesproduktion, das sie von der nichtjüdischen Literatur unterscheidet. Das urtümlich ganz und gar Germanische kennt zwar auch die Melancholie der Enttäuschten sehr wohl; aber es strebt immer irgendwie zur Idylle: von Mörickes, Eichendorfs Dichtungen angefangen bis zum Grafen Eduard Keyserling, Friedrich Huch etwa oder einem der deutschesten und größten Dichter unserer Tage, dem Schwaben Hermann Hesse. Die Glut und seelenaufwühlende Kraft der jüdischen Trauer aber über die Entgöttlichung unseres Lebens und Zeitalters ist dem Germanentum fremd. Jüdisch, an Hiobs Aufschrei erinnernd, ist die Mage in Beer-Hofmanns herrlicher Dichttmg von Jaakobs Traum, unvergeßlich seine Musik gewordene Schwermut in dem wunderbaren „Schlaflied für Mirjam", einem der schönsten Gedichte der letzten Jahrzehnte. Diese Klage kehrt bei allen jüdischen Dichtern Deutschlands immer wieder. In Georg Hermanns großen und kleinen Romanen klingt sie fortwährend durch, — man lese nur einmal seine typische kleine Skizze „Der Wert des Lebens", — ernst und männlich schwingt sie in Max Brods starkem Buch „Tycho Brahes Weg zu Gott", einem kraftvollen Glockenläuten vergleichbar hallt sie bei den sozialen jüdischen Dichtern Höllischer und dem jungen Toller. W Ueberaus bezeichnend ist es auch, daß ein jüdischer Dichter,, Georg Hirschfeld, es gewesen ist, der der Trauer darüber, daß die moderne Entgeistigung und Verökonomisierung des Daseins alles Edle und Schöne im Volksleben ertötet, in seinem Roman: „Der Wirt von Veladuz" den beredtesten Ausdruck verliehen hat! Und wie laut und ergreifend finden wir diese und ähnliche Töne in Jakob Wassermanns großen Romanen „Juden von Zirndorf", „Gänsemännchen" und „Christian Wahnschaffe" angeschlagen! __ Auch ein großer Teil von Franz Werfels Lyrik — vergl. sein „warum mein Gott?" — ist ein einziges, konvulsivisches Weinen über die Entseelung der Welt. Tiefster Ernst und kraftvollster Wille diese Schäden unseres modernen Lebens zu bessern, finden wir ebenfalls bei den großen jüdischen Philosophen der Neuzeit, wie z. B. Georg Simmel, Hermann Cohen, Constantin Brunner und Alexander Moszowski. Und mit fast leidenschaftlichem Pathos halt der jüdische Literaturhistoriker Friedrich Gundolf unserm zuckenden und erwerbsgierigen Geschlecht in seinem letzten großen Werke die Harmonie Goethescher Lebensführung als unerreichbares Muster vor. In der modernen Aesthetik hat das Judentum einen so feinen Kopf wie Hugo Marcus hervorgebracht; — dieser Schriftsteller hat ganz als Autodidakt angefangen, und was für eine Entwicklung ist ihm beschiedev gewesen! Seine „Ornamentale Schönheit in der Landschaft" gilt in Fachkreisen mit Recht als ein Meisterwerk und die fein geschliffenen, poetischen Aphorismen dieses noch jungen Denkers, die unter dem Titel „Meditationen" erschienen sind, verdienen mehr Beachtung, als sie gefunden haben. Wirüiche Kunstwerke sind auch die naturwissenschaftlichen Schriften Fritz Kahns z. B. über „Die Milchstraße" und „Die Zelle". Seit Humboldt sind solche Themen in dieser köstlichen Form nicht mehr behandelt worden! Wer das Schaffen aller dieser jüdischen Dichter und Gelehtten unpatteiisch betrachtet, muß zugeben, daß ihr Wesen und Geist der neueren deutschen Kritik, Dichtung und Philosophie keine „Schädigung" oder „Verfälschung" bedeutet, sondern Bereicherung! Nur böser Wille kann leugnen, daß im modernen Judentum neben wenigen destruktiven Kräften unendlich viel mehr positive und aufbauende am Werke sind, deren Tätigkeit unserm gemeinschaftlichen deutschen Vaterlande zum Segen gereicht.