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Jüdisch-liberale Zeitung · 1920-12-10 · 2 (10.12.1920) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
2 (10.12.1920)
Date
1920-12-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Der Tag der Abstimmung für Oberschlesien naht heran. Allen Oberschlesiern muß die Beteiligung an der Wahl ermöglicht werden. Größte Mittel sind dazu erforderlich. Noch einmal ergeht der Nus an die freiwillige Liebestätigkeit, damit durch die Hilfe Mler deutsches Land dem Deutschen Reiche erhalten bleibt. An der Opferfreudigkeit des deutschen Volkes mögen die Oberschlesier erkennen, daß das Vaterland an ihnen hängt. Sie mögen daraus neuen Mut zu treuem Beharren schöpfen. Um so einmütiger werden sie ihre Stimmen für das Deutsche Reich abgeben, je sichtbarer hinter ihnen der Wille des deutschen Volkes steht. Der Ausdruck des Willens ist die Tat. Zu solcher Tat bietet die Sammlung zur Grenzspende Gelegenheit. Keiner darf fehlen, wo es gilt, der Heimat Treue zu beweisen. Der Reichspräsident (gez.) E b e r t. Der Reichskanzler (gez.) Fehrenbach.. Chanukka. meinte er die Juden hellenisieren zu können, mit brutalster Gewalt ihnen hellenistische Sitten und hellenistische Götter aufzwingen zu können. Dagegen erhoben sich die Hasmonäer. Es war zum ersten Male in der Weltgeschichte ein Freiheitskampf nicht um nationale, sondern um geistige und Gewissensfreiheit. Denn die aufständischen Juden wollten nicht die Politische Unabhängigkeit, sondern Religionsfreiheit erstreiten. In dem ungleichen Kampf siegte die Idee über die Gewalt und gab der Welt den Beweis, daß Gott keineswegs immer „mit den stärksten Bataillonen ist". Aber Ideen bedürfen, um zum Siege zu gelangen, der Menschen, die sie tragen und tatkräftig und opferfreudig alles an ihre Verwirklichung setzen. So erst gewinnt die Idee Leben. Das aber wird nur dann der Fall sein, wenn das ganze Leben der Menschen durchtränkt ist von der Idee. Die Hasmonäer und ihre Scharen waren von ihrem Judentum durchdrungen; die syrischen Söldner wußten nicht, wofür sie fochten. Das Judentum hat niemals durch äußere Macht etwas bedeutet, es wird seines eigensten Wesens beraubt, wenn statt geistiger Bedeutung politische Macht angestrebt wird. Es hat Jahrtausende hindurch allen Stürmen getrotzt, weil seine Bekenner von seinem Geist durchdrungen waren. So konnte es ein Element des Fortschritts in der gesamten Kultur sein. Das läßt uns zuversichtlich in der gegenwärtigen Zeit der Herrschaft der Gewalt ausharren. Aber es legt uns die Pflicht auf, uns mit dem Geist des Judentums zu erfüllen. Wir sind der Uebe^eugung, daß dieser Geist des Judentums am reinsten in der Form zum Ausdruck kommt, wie der Liberalismus ihn darstellt. Diese Ideen zu erfassen und tatkräftig zu fördern, mahnt das Cbanukkafest; der Sieg muß rbpen bl^rben. -s- Jn furchtbarer Kriegszeit haben wir die Stärke militärischer, politischer und wirtschaftlicher Macht kennen gelernt und wie wohl niemals zuvor den Zusammenbruch dieser Macht erlebt. Jetzt sehen wir wieder äußere Macht triumphieren, und als Deutsche und als Juden leiden wir schwer darunter. Geistige und sittliche Kultur scheint dem Untergang verfallen, Macht geht vor Recht, die brutale Gewalt herrscht, die Menschheitsideale scheinen begraben zu sein. Für viele ist die Folge, daß sie alle persönlichen Ideale «ufgeben und nur nach und nach Genuß trachten. Da bringt das Chanukkafest tröstliche Kunde. Der Zug des großen Alexander hatte den Hellenismus und damit eine allgemeine Weltkultur geschaffen. Ungeahnte schlummernde Kräfte hatte er durch den griechischen Geist frei gemacht und zur Entfaltung gebracht, das absterbende Griechentum der klassischen Zeit durch die Berührung mit der Kultur des Orients befruchtet und diese schon fast erstorbene Kultur des Ostens durch das Griechentum neu belebt. Aber er hatte auch die Fesseln vollständig gelöst, die die Menschen banden. Das Recht der Persönlichkeit trat schrankenlos und heimnungKos in die Erscheinung, Kraftnaturen, Gewaltmenschen traten auf, denen nichts heilig war. Gewalt und Hinterlist hatten die Herrschaft. Nur einmal noch weist die Geschichte eine ähnliche Fülle von Kraftnaturen auf, die skrupellos aller Gesetze der Moral spotteten, wenn es die Durchsetzung ihrer Pläne galt, in der Zeit der Renaissance. Großes und Abscheuliches lag in dieser eigenartigen Zeit des Hellenismus eng und unvermittelt nebeneinander, ging in einander über und durchdrang einander. Der Gegensatz von Griechen und Barbaren schwand, der Begriff der e i n e n Menschheit gewann Geltung. Aber während im Judentum dieser Begriff, herausgewachsen aus dem Glauben an den einen Gott, die Forderung der Liebe und Gerechtigkeit gegen jeden Menschen hervorbrachte, war dies dem Hellenismus höchstens als Lehre einzelner Denker bekannt, dem allgemeinen Bewußtsein blieb diese Forderung fremd. In diese Welt mit ihrer glänzenden Außenseite trat das Judentum ein, das bis dahin in ererbter Einfachheit fern von den großen Ereignissen gelebt hatte. Die hochentwickelte technische, geistige und künstlerische Kultur des Hellenismus mußte eine faszinierende Wirkung auf viele ausüben, aber andererseits mußten ernste Menschen die Ueberlegenheit der eigenen religiösen und sittlichen Kultur erkennen. So wogte der Streit innerhalb des Judentums hin und her, der Ausgleich konnte nur allmählich gefunden werden. Da griff mit täppischer Hand Antiochus Epiphanes an das Heiligtum der religiösen Ueberzeugung. Den großen Gedanken der Einigung seines weiten Reiches auf der Grundlage hellenistischer Kultur hatte ein kleiner, enger Geist gefaßt. Er glaubte den Hellenismus durchzuführen, wenn er das Leben seiner Völker zwangsweise in hellenistisches Gewand kleidete. Den Geist des Hellenismus hatte er nicht begriffeir, und selbstverständlich ganz und gar nicht den Geist des Judentums. Mit Polizeimaßnahmen Wische Wohlfahrtspflege. Das ^etz des jüdischen Staates machte jede Verarmung von Volksgenossen praktisch unmöglich, der Vrudergedanke durchdrang das ganze Volk, und wenn für die Gabe an den Ärmeren das gleiche Wort „Zedoko" gebraucht wurde, wie für Gerechtigkeit, so drückt schon diese Wortgleichheit aus, daß der Arme ein Recht auf Hilfe besaß, wie freilich auch nach jüdischer Anschauung ein jeder Bürger die Pflicht hat, arbeitsam zu sein. Die Achtung vor der Menschenwürde ist der Urquell altjüdischer sozialer Gesetzgebung. Niemand konnte Sklave werden, weil er seine Schuld mcht zu zahlen vermochte, wie es römisches Recht vorschrieb, keine Klasse war bevorrechtigt, keine zurückgesetzt. „Und wenn Dein Bruder verarmt, so daß er sich neben Dir nicht hallen kann, so sollst Du ihn aufrecht erhalten als Fremdling und Beisassen, daß er seinen Unterhalt neben Dir habe. Du darfst mcht Zins und Wucher von ihm nehmen, sondern sollst Dich fürchten vor Deinem Gotte, daß Dein Bruder seinen Urrterhalt neben Dir habe." Erlaßjahr und Jobeljahr beugten jeder weitgehenden Verarmung vor. Ms nach dem Exil sich Gemeinden bildeten, als mit dem jüdischen Staate das jüdische Agrargesetz fiel, da bildete der Talmud die soziale Fürsorge weiter aus. Wie im Tempel zu Jerusalem in der „Kammer der Verschwiegenen" der Begüterte Gaben niederlegte für den Unbegüterten, so empfingen die Ortsarmen aus der Wochenkasse Gaben, die ihre Not stillten. Sie empfingen Speisen für die Feiertage, die Kranken wurden verpflegt, Bräute ausgestattet, Tote begraben, aus dem Gefühl der „Zedoko" des Anrechtes auf die Hilfe ihrer Brüder. „Almosen und Werktat der Nächstenliebe wiegen alle Gebote auf" und „Wer sich der Armen erbarmt, über den erbarmt sich Gott" sind talmudische W)SSSSS908$SSS90SS$$$9a^$S$S90SSS$$30SS$$$30S$SS$9aSSSSS9rÄ | MW-libMler WnölMin zu Müu. | K Sonntag, den 12. Dezember, nachmittags 5 Uhr j, im Saale der Gesellschaft der Freunde, -5 rk Neue Graupenstrahe 3/4:' % Chanukka-Keier Festansprache: Herr Gemeinderabbiner Dr, Vogelstein. M H Eintrittspreis für Mitglieder Mk. 5—, für Gäste Mk. 10.— exkl. Kartensteuer. Sprüche, die den Geist der jüdischen Wohltätigkeit ebenso zeigen wie die Weisung: „Man muß nicht jüdische Arme mit den jüdischen unterhalten." Aus der Lehre von der Gottesnatur des Menschen, dessen Seele vom Gotteshauche geschaffen ist, ist die Erklärung geboren: „Wer eine einzige Seele erhält, hat gleichsam die ganze Welt erhalten." Durch alle Wandlungen, die das Judentum bestanden hat, erhielt sich dieser Geist der Nächstenliebe, der die Beseitigung der Not als wichtigste religiöse Pflicht ansieht, bis auf den heutigen Tag. Juden, die von den religiösen Gebräuchen längst losgelöst sind, geben, wenn es sich um Wohltuen handelt, mit vollkommener Selbstverständlichkeit, ohne Unterschiede im Glaubensbekenntnis der Unterstützten zu machen, weil die Gabe unlösbar mit dem Begriff des Judentums verknüpft, äst und der Begriff der Nächstenliebe neben der Selbstbeherrschung den tiefsten Inhalt jüdischer Pflicht darstellt. Aber lange Jahre hindurch wurde diese Nächstenliebe unorganisiert ausgeübt. Nicht immer erreichte die Gabe die rechte Stelle, mehr und mehr hatte sie ihren ursprünglichen Zweck verloren, Sinkende zu stützen, sie wurde zur wahllos gegebenen, und darum häufig zwecklosen Unterstützung, auf die sich der Unterstützte verließ. Sie wurde so auf der einen Seite zu einer Vergeudung, auf der anderen Seite erzeugte sie ein Bettlertum, dem der verhältnismäßig leichte lÄwerb zum Unsegen wurde. Hier setzte, angeregt durch die allgemeinen sozialen Verhältnisse, welche für Hilfsaktionen eines sorgsam vorbereiteten Planes bedurften, eine grundlegende Umwandlung ein. Wie in dem alten jüdischen Gesetz nicht die Unterstützung, sondern die Erhaltung der Lebensgrundlagen des Individuums das erstrebte Ziel waren, so erstrebt die moderne Wohlfahrtspflege mcht das Mmosen, sondern die Erhaltung der Arbeitsfähigkeit und die Beschaffung der Arbeitsmöglichkeit. Nichts demoralisiert stärker als das mühelos erlangte Almosen, nichts erzieht in sozialem Sinne mehr als das Gefühl von Leistung und Gegenleistung. Soll auf diese Weise der höchste Effekt mit der geringsten Kraft verbunden sein, so muß jede Zersplitterung vermieden werden und die gesamte Wohlfahrtspflege mit ihren verschiedenen Abteilungen, wie Arbeiterfürsorge, Arbeitsnachweis, Jugendpflege, Krankenversorgung, Verbreitung von Handwerk und Ackerbau, Erwerbshilfe, Hygiene, einheitlich zusammengefaßt werden. Dieser Zusammenschluß muß über lokale Einrichtungen hinfort zu einer Zentralstelle führen, die für das ganze deutsche Reich ausgleichend tätig ist und möglichst durch internationale Verbindungen auch über die staatlichen Grenzen hinaus ihre Wirksamkeit verstärken kann. < Eine solche Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden ist am 16. Mai 1917 in Berlin durch die Großloge für Deutschland U. O. B. B. in Verbindung mit dem jüdischen Gemeindebund und dem jüdischen Frauenbund begründet worden. Sie ist der erste Schritt, der allerdings nur dann weiterführt, wenn die vielen Wohltätigkeitsinstitutionen mit dieser Stelle Fühlung nehmen, und wenn ihr die Mittel zufließen, die ihr anstelle der bestehenden Zersplitterung eine einheitliche Tätigkeit möglich machen. Ein umfangreiches Material über die außerordentlich große Zahl jüdischer Hilfsvereinigungen enthält das „Handbuch der jüdischen Gemeindeverwaltung und Wohlfahrtspflege". Ein Blick in dieses Buch beweist schlagend das Erfordernis der Zusammenfassung, denn das verarmte Deutschland wird seine Mittel viel ökonomischer verwenden müssen, als das reiche Deutschland vor dem Kriege. Die Armut und die Nachwehen des Krieges werden aber auch die Zahl der Hilfesuchenden in ungeahntem Maße steigern. Noch täuscht die ungesunde Papiergeldwirtschaft über die Folgen des Krieges hinweg, aber die Not der Mittelstandskreise, der Witwen und Waisen ist heute schon erschreckend groß. Diese Not wird in kommender Zeit mit eisernem Hammer die Hilfsorganisationen zu der Zentralwohlfahrtsstelle zusammenschmieden, die nicht unterstützt, sondern fördert, nicht durch Geld demoralisiert, sondern durch Arbeit veredelt und durch rechte Sparsamkeit ihre Hilfe verdoppelt. „Das edelste Almosen ist dasjenige, das man einem als verdienten Lohn zukommen läßt." r ' %\ Das ist die Wohltätigkeit, die Maimonides in seinem „Buche der Frommen" lehrt, das ist auch der Anschauungskreis der modernen Wohlfahrtspflege. Waljch.

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