Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 1 (3.12.1920)
- Date
- 1920-12-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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löscht sein muß, darüber bedarf es keines Wortes; gilt doch jetzt jeder freie Gedanke nur einem Ziele: der Abstimmung und ihrer glücklichen Durchführung. Wenn aber die Schlacht geschlagen sein wird, wenn Deutschland die wiederkehrenden Abstimmungskämpfer so jubelnd wird empfangen dürfen wie vor Monaten die aus Ost- und Westpreußen zurüüflutenden, dann wird es an der Zeit sein, mit frischen und befreiten Kräften an die Regelung der inneren Angelegenheiten der oberschlesischen Judenheit heranzugehen. Dann, dann endlich muß und wird auch der jüdische Liberalismus aus seiner Erstarrung erwachen, und der oberschlesische Jude, dessen geistige Regsamkeit und wirtschaftliche Tüchtigkeit über jeden Zweifel und über jedes Lob erhaben ist, wird zeigen, daß er auch im religiösen Fortschritt mit an der Spitze der deutschen Judenheit zu marschieren gewillt und entschlossen ist. In diesem Sinne grüßen wir Euch, Ihr oberschlesischen Brüder und Schwestern, die Ihr uns heut doppelt lieb und wert seid, mit dem Euch vertrauten alten Bcrgmannsgruß: „Glückauf!" Das jüdische Herz und die Einkommensteuer. Wir hören die erstaunte Frage unserer Leser: Was haben diese beiden Dinge miteinander zu tun? Denn daß das jüdische Herz sich bei den: Gedanken an die ungeheuren Sätze der Einkommensteuer zusammenkrampft, das hat es doch wahrlich mit allen anderen deutschen Herzen gemeinsam. Aber so ist es auch nicht gemeint, sondern es gilt, auf eine Bestimmung des Einkommensteuer-Gesetzes hinzuweisen, durch die den:, was wir mit berechtigtem Stolz das jüdische Herz nennen, in besonders erfreulicher Weise Rechnung getragen wird. Wir Vielgeschmähten können ohne Rrchmredigkeit aussprechen: Der Jude ist immer groß im Geben gewesen. Wer jemals für einen guten Zweck hat sammeln müssen, er sei Christ oder Jude, und sich dabei an Juden gewandt hat, den können wir zum Zeugen anrufen. Macht die Probe auf das Exempel und fraget z. B. die Sammler der christlichen charitativen Orden; sie werden euch lies euch mit rühmenden Worten bestätigen, und daß das offene Herz und die offene Hand auch jüdischen guten Zwecken sich nicht verschloß, bedarf nicht erst der Erwähnung. Nur in der letzten Zeit ist es manchmal, als machte sich eine gewisse Gebemüdigkeit geltend. Das hat zwei Gründe, die beide aus der gleichen Quelle fließen. Die Verarmung unseres Volkes und die Entwertung unseres Geldes steigert die Anforderungen an die mildtätige und soziale Gesinnung der Besitzenden immer mehr, rnrd die gleichen Gründe führen dazu, daß der Staat im Wege der Steuern seine Hand auf einen sehr großen Teil unserer Vermögen und des Ertrages unserer Arbeit legt, und so kommt es denn, daß hier und da an Stellen, die sonst nicht nur hilfsbereit, sondern hilfsfreudig waren, leise Zurückhaltung geübt wird: Wir möchten schon, aber wir können nicht, die Steuern, die Steuern! Und hier kommt nun unser Einkommensteuergesetz dem guten Willen des jüdischen Herzens mächtig zur Hilfe. Der 8 13 des Gesetzes, der im Gegensatz zu dem unangenehmen Klang dieser Ziffer etwas durchaus angenehmes, nämlich die Aufzählung der abzugfähigen, also nicht steuerpflichtigen Ausgaben enthält, besagt unter Ziffer 7: „Vom Gesamtbeträge der Einkünfte sind in Abzug zu bringen: Beitrüge an kulturfördernde, mildtätige, gemeinnützige und politische Vereinigungen, soweit ihr Gesamtbetrag zehn vom Hundert des Einkommens des Einkommensteuerpflichtigen nicht überschreitet." Der Wert dieser Bestimmung für unsere ganze soziale und politische Arbeit kann nicht hoch genug eingeschaht werden; insbesondere die mit wirklich bedeutendem Einkommen gesegneten, die 45, 50 und gar 60 v. H. ihres Arbeitsertrages an den gleichviel ob mit Recht oder Unrecht so wenig beliebten Steuerfiskus abliefern sollen, werden sicherlich mit besonderer Freude die Gelegenheit ergreifen, anstatt dessen in erster Reihe diejenigen gemeinnützigen Institutionen zu bedenken, deren Förderung ihnen persönlich am Herzen liegt. Daß wir dabei die deutschen politischen Parteien, in denen wir arbeiten und die unsere Rechte verteidigen helfen, nicht vergessen werden, bedarf ebensowenig der Hervorhebung, wie daß der Jude sich nicht einseitig darauf beschränken wird, seine offene Hand charitativen und sozialen Vereinigungen jüdischen Charakters zu widmen. Aber daß die große und vielfältige Judennot uns die heilige Pflicht auferlegt, jüdischen Zwecken unsere ganz besondere Aufmerksamkeit und tätige Teilnahme zu widmen, braucht nicht erst näher begründet zu werden. Bedenkt also ihr, die es angeht: Was ihr — bis zur Höhe von 10 Prozent eures sonst steuerpflichtigen Einkommens — unseren „kulturfördernden, mildtätigen, gemeinnützigen und politischen Vereinigungen", also um nur einige wenige zu nennen: den Kultusgemeinden, dem Zentralvereine, dem Hilfsverein der deutschen Juden - em Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden, der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland und ihren Ortsgruppen, den jüdisch-liberalen Jugendvereinen dem Kameradenbund, der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, dem Verein zur Erhaltung des Breslauer jüdisch-theologischen Seminars und all den tausendfältigen unseren Organisationen ähnlichen Charakters sumcnbct, das könnt ihr bei eurer Steuererklärung vorweg in Abzug bringen. Bedenkt es und handelt danach! Denn die Not ist groß! Abraham Geiger-Loge in — Amerika. Dtzr Unabhängige Orden Bne Brith hat in diesem Frühjahr in seinein Mutterlande Amerika und zwar in Spokare Wash. eine Abraham Geiger-Loge errichtet. So sehr wir deutschen Juden hieraus mit Befriedigung entnehmen können, daß jenseits des Ozeans das Airdenken an den großen jüdischen Reforrnator dauernd festgehalteu und damit seine universale Bedeutung für das Judentum — 110 Jahre nach seiner Geburt — anerkannt wird, so müssen wir doch mit Bedauern eingestehen, daß in seiner und unserer Heimatgemeinde Breslau eine ähnliche Ehrung dieser geschichtlich hervorragenden Persönlichkeit auffallender Weise bisher unterblieben ist — trügt doch keine Bereinigung, Stiftung oder Anstalt feinen bedeutsamen Namen! Möge diese Anregung genügen, um maßgebende Kreise zu einer Ausfüllung dieser Lücke bei passender Gelegenheit zu veranlassen, damit die Breslauer Gemeinde endlich ihre Ehrenpflicht an dem Manne erfülle, von dem mit Recht das Dichterwort gilt: „Die Stätte, die ein guter M e n s ch betrat, i st e i n g e weiht; n a ch h u n d e r t Jahren klingt sein Wort und seine Tat dem Enkel wiede r." —er. Hus -em Reich. „Kinder in Not". In diesen»Tagen fand im ganzen Reiche eine Sammlung statt, die bezweckte, Mittel aufzubringen, um der gesundheitlichen Not der deutschen Kinder, ip die sie durch die Entbehrungen der Kriegsjahre geraten sind, steuern zu können. In seltener Einmütigkeit fanden sich die Wohlfahrtsorganisationen aller Ko,Zessionen bei diesem Liebeswerk zusammen. Bon jüdischer Seite ist die Zentralwohlfahrtsstelle beteiligt. Es ist erfreulich, daß auf dem Gebiete der sozialen Betätigung alle Unterschiede überbrückt werden, und es wäre erwünscht, daß auch auf allen anderen Gebieten des öffentlichen Lebens ein solcher Geist der Eintracht unter den verschiedenen Konfessionen sich geltend machen würde. Damit wäre unserem schwer leidenden Vaterlande weit mehr gedient als mit der vergiftenden Hetze des Antisemitismus, der die besten Kräfte zum Neuaufbau uusercs gesamten öffentlichen Lebens zersplittert und lähint, die dem Auslande gegenüber erforderliche Geschlossenheit hindert und das deutsche Ansehen in der Welt aufs schärfste beeinträchtigt. » « ss Knüppelkunze als wihbolü. Knüppelkunze ist des trockenen Tones satt. Knüppelkunze will nicht immer nur unfreiwilligen Humor verzapfen. Deshalb genügt ihm fein deutsches Wochenblatt nicht mehr. Wenn die Leute schon über ihn lachen wollen, dann sollen sie ihm wenigstens in Zukunft dafür noch extra 18 Mark aufs Jahr bezahlen. Deshalb schlägt er in der „Deutschen Tageszeitung" mit gewaltigen Tönen die Reklametrommei für das „Deutsche Witzblatt", das er neu herausgibt, und als dessen einzigen Zweck er hinstellt, die Person des Juden, nach seiner Angabe bisher das „Heiligtum, an das niemand heran durste," mit Witz und Spott zu bekämpfen. Der Versuch ist nicht so neu, wie der mit Gummischlauch «ni^ Knotcnstock ausgerüstete Witzbold glauben machen will. Viele von uns erinnern sich gewiß noch des anscheinend unselig entschlafenen „deutschen Michel", der so viele Jahre lang als Ablagerungsstätte übelster Witzlosigkeit jene Armen im Geiste erfreute, die über die Abbildung einer recht schwungvoll gebogenen Rase in Lachkrämpfe zu verfallen imstande sind. So und nicht anders wird auch dieses neue traurige Witzblatt aussehcn müssen. Denn der Menschenhas; hat noch niemals zu den Vätern des Humors gehört. Und die einzige Art des Witzes, in der die Antisemiten groß sind, ist hall noch immer und bleibt für alle Zeiten — der Wahnwitz. H i’} Berlin. Die jüdische Gemeinde hat im Flügel des Synagogengrnndstücks Fasanenstraße eine öffentliche Lesehalle eingerichtet, die jedermann zugänglich ist. Es liegen dort mehr als 50 Zeitungen aus, auch können Bücher entliehen werden. von -en Juden in Sowjet-Rußland. Die Moskauer Zeitung „Jswestija" machte kürzlich einige interessante Mitteilungen über die augenblicklichen Verhältnisse der Juden Rußlands. Danach haben sich die großen Massen von Juden, die während des Krieges auf dem Rückzuge vor den deutschen Truppen mit den russischen Heeren zurücksluten mußten, insbesondere im Osten des Reiches angesiedelt, in der Wolgagegegend, vor allem im Ural und sogar in Sibirien, wo Irkutsk neuerdings eine Gemeinde von 15 000 Seelen hat. Ein großer Teil hat sich in den neuen Wohnstätten an produktive Arbeit gewöhnt. 7ehr viele '.nässen aber bei dem vv lig arn ederliegenden Wirtschaftsleben immer noch von Wohltä igkeitsanstalten und Gesellschaften unterhalten werden. Sticht wenige haben auch den Wunsch, in ihre alte Heimat zurück zukehreu. Gegen diese Absicht nimmt die „Jswestija" Stellung und tritt dafür ein, daß diese Flüchtlingsjuden als Arbeiter mobilisiert würden. Mischer Geist in -er neueren -rutschen Literatur. Von Dr. Ludwig D ci v i d s o h n. Das furchtbare Schicksal, das Europa heimgesucht hat und in solcher Ausdehnung und Schrecklichkeit in geschichtlicher Zeit noch nicht dagewescn ist, hat keinem Lande soviel Kummer und Sorgen hinterlassen, wie gerade unserm deutschen Vaterlande. Und da sich noch nie ein großes Unglück ereignete, bei dem nicht sofort versucht wurde, die Schuld daran den Juden aufzubürden, so hat auch diesmal eine außerordentlich umfassende und vergiftende Hetze eingesetzt, die den breiten, zum Nachdenken und Ueberfehen der Wirklichkeit nicht fähigen Massen weis zu machen versucht, daß wieder einmal von den Juden alles Unheil gekommen sei. Just auf geistigem Gebiete, vor allem in der Literatur, hat die Verunglimpfung und Herabsetzung alles Jüdischen ein schwer zu überbietendes Maß von Ungerechtigkeit und Gehässigkeit angenommen. „Der zersetzende, kritische, jüdische Geist verfälsche und vergifte den weit edleren und höher stehenden deutschen" wird von vielen Seiten in allen Variationen behauptet, und als Waffe gegen das vermeintliche semitische Uebel wird Boykott nach jeder Richtung hin gepredigt. Die beiden grundlegenden Fragen, die sich bei Betrachtung dieses alten Vorwurfs 'aufwerfen, find folgende; — erstens: ist der sogenannte „jüdische Geist" als dem „deutschen" völlig verschieden oder gar entgegengesetzt anzusprechen? Worin unterscheiden sich die beiden? Dann: wenn es einen spezifisch „jüdischen" Ton gibt, übt dieser tatsächlich schädliche Wirkungen auf den „germanischen" aus? Mit Bezug auf die erste Frage muß ohne weiteres zugegeben werden, das; gewisse Unterschiede vorhanden sind. Freilich, die „zersetzende Kritik" geht nicht nur von Juden aus: diese haben die Kritik nicht in Erbpacht genommen, wenn auch gerade die begabtesten Kritiker die ihr Witz und ihre kühle Verstandesschärfe innerlich dazu berufen hat, Juden sind. Eine ganze Reihe kritischer Meisterwerke von hohem Rang hat der vielseitige und leider früh verstorbene S. Lnblinski hinterlassen, der nicht nur als Beurteiler und Darsteller des ganzen geistigen Deutschlands seiner Zeit, sondern auch als Dramatiker, Philosoph, Religionshistoriker und Novellist wahrhaft Bedeutendes geschaffen hat. Fast schon vergessen ist der geistvolle Leo Berg, dessen zahlreiche Bücher immer noch genußreich, anregend und belehrend sein werden, wenn die Kuriositäten und Bocksprünge vieler Modernen schon längst für alle Zeiten beim alten Eisen liegen. Und noch immer nicht genügend bekannt ist der tiefe und bedeutende, unermüdlich schaffende Berliner Kritiker und Tichterphilvsoph Kurt Walter Goldschmidt, der die hohe Warte seines Standpunktes und feinen künstlerischen Ernst mit einem Mangel an Widerhall bei der Menge und an äußerem Ruhm bezahlen muß; aber eine kleine Schar Auserwählter — und unter diesen sind gerade die Besten — schützt ihn deshalb freilich nur um so höher! — Goldschmidts Gelehrsamkeit, Stil- ' sicherheil und umfassende Bildung wird nur noch von einem' jüdischen Kritiker der 0 egenwart erreicht, von Brandes, der als Universitätslehrer wirkt, allerdings in ganz Europa geschätzt wird und dessen Werke in fast alle Kultursprachen übersetzt sind. Wie in der Kritik, so auch in der Dichtung. Nicht nach gewissen weniger dauernden, gewiß für den Tag glänzenden, aber kaum in die Zeit Hinnuswirkenden jüdischen Geistern sollte man die Gesamtheit beurteilen, sondern nach Deu zahlreichen Vertretern, die Werke von bleibendem Wert geschaffen haben. Der etwas kränkelnde Zug, der den Schriften des österreichischen, jüdischen Literatenkreises um Schnitzler, Hofmmmsthal, Salten, Auernheimer und Altenberg anhaftet, ist allerdings für die überfeinerte, müde werdende, alte Kultur jener seit Jahrhunderten in Wien ansässigen reichen Judenfamilien typisch, aber es wäre ebenso verfehlt, diese Art als schlechthin bezeichnend für die Leistungen jüdischen Geistes in der Gegenwart hinzustellen. Ans Herz greifende Dichtungen von unvergänglichem Wert haben, jene Männer übrigens zum Teil auch der Literatur geschenkt: einiges der Hofmannsthalfchen Lyrik, fein wundervolles kleines Jugenddrama vom „Tor und Tod", dieser einzigartigen Tragödie lebensunfähigen Aesthetentums, werden sobald nicht vergehen! Und auch Schnitzlers' Bestes ist mehr als kluge und feine Plauderei; letzte Erkenntnisse werden zuweilen in feinen Novellen wie z. B. der „Hirtenflöte" in unübertrefflich feiner und ruhiger Form vorgctragen. Achtunggebietendes Können weist der nur lose zu jener Wiener Gruppe gehörige Lyriker, Novellist und Dramatiker Stephan Zweig auf, und daß auch die angeblich „wurzellosen, nur in der Großstadt heimischen" Juden kraftvolle „Heimatsdichtcr" im gesundesten und schönsten Sinne des Wortes hervorbringen können, 'zeigt der weit über dem schon fast vergessenen Schwarzwälder Banerndichtcr Auerbach stehende Mähre Jacob Julius David, aus dessen Werken der Duft heimatlicher Scholle ebenso stark und erfrischend aufsteigt, wie nur je aus den Schriften etwa eines Hermann Löns oder Ludwig Thoma. «Schluß folgt.)