Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 1 (3.12.1920)
- Date
- 1920-12-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die,Llidlfch-librral» 3eltuno" erscheint jeden Freitag und kostet durch di« Vost oder durch die tSrjchüfteftellr bezogen, vlertrWdrilch Mi. 4 — Slnzeinummrr 40 Vf. 3a0lunoen aufvoftscheckkonto Breslau S33S7,2ad1fch- Uberale Zeitung, Aaffenverwaltuno, SBayrr, Breslau i DerantworMcher Schrlftletter: □ Julius Loeb, Breslau 13, Dittoriastra-e 104 d 8 Für vle StrvaNto« bestimmte SvfchrMen sind nur ob viele Avreffe »u Hthtea p Srschtlstostkst»: Td-Schätzt« » m.»».. Breslau 3 6 Fernruf» Ring und ssoo q ■1111111111111II1T11 ** **i ********* **M**iIll Bnnodmrschiust für Berichte; Montag mittag Sprechstunden der Schriftlritung: Montag, Mittwoch, Freitag 3-4 nachmittag« Ännahmefchiust für Bazetgen: Dienstag früh Die 3'/, em breite MlMmeterzelle kostet 60 Vs-, Famttirnan»etgen4OVf. Bei Wleberbolung Semüßigun g It.Lartt Nr. i Breslau, den 3. Dezember 1920 1. Jahrgang' Zum Geleit! Bon Rechtsanwalt HeinrichStern, Vorsitzendem der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland. Der neuen jüdisch-liberalen Zeitung wünscht das deutsche liberale Judentum, wünscht insbesondere seine Organisation, die Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland, Heil und gutes Gelingen! Von Breslau, der Gemeinde mit tiesinnerlicher Wischer Gesinnung, ist schon oft erfreulicher Anstoß für das Geistesleben der deutschen Juden ausgegangen. Wir brauchen nur den Namen Adrccham Geiger zu nennen, und sofort wird uns klar, was das liberale Judentum dem Breslauer Mutterboden zu danken hat. Es war Zeit, daß sich liberales Judentum ein Sprachrohr fchuf, durch welches es sich an die Oeffentlichkeit wenen kann. Was an liberalen Organen noch vorhanden ist, ncht nicht aus, um Schritt zu halten mit der Publizistik anderer Geistesrichtungen im Judentum. Was erwarten wir nun von dem neuen Organ jüdischliberaler Richtung? Wir erwarten von ihm, daß es von -er großen Wandlung Zeugnis ablege, die sich in den letzten Jahren im deutschen liberalen Judentum angebahnt hat, einer Wandlung, vor der noch immer die Gegner, teils bewußt, teils unbewußt, die Augen verschließen, die aber auch viele der eigenen Freunde nicht sehen wollen oder nicht ,ehen können. Wer es mit einer Sache gut meint, die ihm am Herzen liegt, muß sich ehrlich über diele Sacke klar werden, und so muß hier ausgesprochen werden, daß das deutsche liberale Judentum in der großen Gefahr stand, vor lauter Liberalismus des Judentums verlustig zu gehen. Wann hörte man denn vom liberalen Judentum? Alle drei Jahre einmal bei den Repräsentantenwahlen! Dann war wieder Ruhe im Lande. Nachdem sich die Reformbewegung mit der Sturmkraft, die jeder wahren Volksbewegung eigen ist, in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts den Weg in die Gemeindestuben gebahnt hatte, glaubte sich der Liberalismus im Gefühl des glücklich Besitzenden der Ruhe hingeben zu können. Die Versuche, die die großen Führer der Reform gemacht halten,; die Grundsätze des liberalen Judentums in breiteren Schichten der deutschen jüdischen Oeffentlichkeit geistig sestzulegen, mißlangen, als die Rabbinerkonferenzen nicht den Mut fanden, die entscheidenden Schritte zu tun. Das liberale Judentum, geistig ungenügend fundiert, wurde von Männern bewacht und gefördert, die zwar ehrliche und treue Juden waren und in der Gemeindeverwaltung Hervorragendes leisteten, die aber allmählich die Fühlung mit den großen Fragen der jüdischen Allgemeinheit verloren und sich immer mehr auf unfruchtbare Kämpfe über Einzelfragen einstellten. Der Antisemitismus der achtziger Jahre und der Nationalismus der neunziger Jahre zeugte ein neues Geschlecht, ein Geschlecht, das das Jude-Sein nicht mehr auf guten Glauben hinnahm, sondern das alte Ringen Israels mit dem Engel wieder aufnahm, den Kampf mit sich selbst, um den Sinn des jüdischen Daseins. Die Antwort, die das Nationaljudentum auf diese Frage gab, war klar und eindeutig, fand aber entschiedenen Widerspruch nicht nur aus Gründen deutschen Nationalbewußtseins, nein, immer stärker rang sich in der Jugend das Bewußtsein durch, daß eine jüdische Bewegung nur aus jüdischen Beweggründen zu verstehen, zu bekämpfen und zu verwerfen sei. Wir jungen liberalen Juden — und diese Jugend ist unabhängig vom Lebensalter — wissen heute, daß liberales Judentum in allererster Linie Judentum überhaupt ist. Das uralte hellige Band, das uns mit den Vätern verbindet, eint uns auch mit den Juden der ganzen Welt. Darum gibt es keine Frage der I ud Lutz e i t, an der teilzunchmen das liberale Judentum sich versagen darf: alle Juden sind Bürgen für einander. Dieses starke Gefühl der Gemeinbürgschaft muß auch aus den Spalten dieser Zeitung wiederklingen, ihr darf nichts Jüdisches fremd bleiben. Wenn sich die deutschen Juden ihre Organisation geben, wenn der Wanderstrom unserer ostjüdischen Brüder wieder durch die Welt jagt, wenn in Palästina sich Juden den alten, heiligen Mutterboden wieder zu erringen suchen, daß er ihren Kindern freie Heimat werde, so haben auch wir die Pflicht und das Recht, mitzuraten und mitzutaten. Wild man die deutschen liberalen Juden in allen Fragen der Judenheit an der Seite ihrer anders gesinnten jüdischen Brüder finden, so dürfen wir über den Judenheitsfragen nicht die Fragen des Judentums vergessen. Man hat lange versucht, den Begriff des liberalen Jrckentums zu erklären und zu deuten. Wir glauben heute, daß man vom falschen Ende angefangen hat. Man hat immer gezeigt, was das liberale Judentum nicht ist, hat Unterschiede klargelegt, Spalten vergrößert, Riste aufgetan und hat schließlich über lauter Negativen vergessen, uns liberalen Juden die große Wirklichkeit unseres Judentums aufzuschließen und zu verkünden. Erst die letzten Jahre haben hierin grundlegend Wandel geschaffen. Man hat gefühlt, daß hinter liberalem Judentum doch mehr steckt als die Fragen des Orgel-Gottesdienstes, der Verbindlichkeit der Spestegesetze und des Fahrens am Savbath. Eine Jugend wächst heran und greift in die Speichen unseres Räderwerkes ein, die sich der unvergänglichen Ehre bewußt ist, die darin liegt, Träger der größten geistig-sittlichen Bewegung zu sein, die die Weltgeschichte kennt. Diese geistigsittlichen Kräfte im Judentum auszugestalten, sie im Leben des einzelnen und in dem der «Gesamtheit in die Tat umrufetzen. genügt ihr und iü r>r o-lvnSriel und -zweck geworden. Kein Hohn und kein spöttischer Zweifel wird sie davon abbringen, das große Ethos, das im Judentum liegt, für sich auszumünzen unb sich als dauerndes Lebensgut zu sichern. Und nur darin wird sie den liberalen Charakter ihres Judentums betonen, daß ihr die Formen unerheblich sind, in denen sich die Ewigkeitsgedanken des Judentums ausprägen; sie stößt niemanden von sich, dem die Form teuer ist; sie weist niemanden ab, dem der Gedanke alles, die Form als unwesentliches Beiwerk erscheint. Werden wir vor der Welt wieder erkannt sein als Juden, nicht nur dem Namen, sondern der Gesinnung und den Taten nach, so werden wir auch daran gehen dürfen, uns unser Judentum auszugestalten nach unserer Herzen Sehnen, damit es ein Judentum sei, das nicht nur vor den Vätern bestehen, sondern auch den Kindern etwas sein kann, woran ihr Herz hängen, ihr Gemüt sich aufrichten und ihr Geist sich erheben darf. Gottesdienst, Wissen und jüdische Tat im Leben des einzelnen und der Gemeinschaft wird aufblühen auf dem Boden der neuerkannten und neuerfüllten^ewig alten Wahrheit. Es wird nicht an Gegensätzen schien, in den eigenen Reihen nicht und nicht in den Reihen, die von anderer Vorstellungsweise her sich zum Ideal ihres Judentums durchringen. Mögen auch Kämpfe kommen, Israel war immer einig in Herzensdingen, viel gegliedert in 'Sachen des Geistes! Israel rüstet in diesen Tagen zur Feier des Lichtfestes. Uns ist Chanukah eine heilige Erinnerung an ein Aller, größtes: den Sieg der Idee über die Macht der Masse! Möchte doch auch uns liberalen Juden der Heldenkampf der Makkabäer eine dauernde Mahnung sein daran, daß nur Begeisterung, Opfermut, unermüdliche Tat ein Ideal zum Siege führen kann. Auch für uns gilt heute mehr denn je das Prophetenwort des Chanukahfestes: rtoqx rnrna* 'jttq-dk q rba *61 Sto vb „Nicht durch Heeresmacht, nicht durch Stärke, sondern durch meinen Geist, spricht der Herr der Heerscharen!" D!I>I>l>chlIIIIII!IIIlIl«,IIIIIINIUst»»IIstIIIIIMIIIIIIII!»I«lI«II!»MlNIMHtt,MlI,»>ch«N»I,I,s'IMIINiII»WIN„,^ f MW-libllM logenMn zu Bmlao. | | 3m Saale -er .Gesellschaft Eintracht', Eaoenhienftraße 12, Ü § Eingang nur ftnger Z | Montag, den 6. Dezember, abenös 8 Uhr j | Vortrag -es Herrn vank-irettor Sander: { I begriff und Wen öes prWliWNy. | | — ftnschlleßrn-: ftußeror-entltche Mitgliederversammlung. — I ^IIIII>4l>IlIIIIIIIIIlSlHII»IIIIlII«lUIIII»III„S»,jIIIllIIIIch»IIII»IlSiIIIIlIII'»IIUIIIIIII»I«Ii:i»I!II!!„S„,III!,Il,liWWD Gberschleslen. Wir können es mit gutem Gewissen behaupten: Die Juden Oberschlesiens sind liberal; orthodox ist nur eine kleine Minderzahl der älteren Generation und ganz wenige von den Jüngeren. Aber es ist hier so wie vielerorten, wie fast überall: dies kleine Häuflein religiös intensiv interessierter Juden konnte im Laufe der letzten Generationen die liberale Mehrheit häufig unterducken, weil diöse sich allzu gleichgültig und lau zeigte und gegenüber den mit Festigkeit und Sachkenntnis vertretenen orthodoxen Forderungen nicht genügend liberales Rückgrat bewies. So konnten es die Konservativen durchsetzen, daß orthodoxe Rabbiner die Führer der meisten oberfchlefischen Gemeinden wurden und der ganze Gottesdienst orthodoxen Zuschnitt annahm oder behielt. Nur allmählich wurden hie und da diese Grundsätze durchbrochen, so in Ratibor, Leobschütz, Lublinitz, Rybnik. Oppeln war von altersher liberal; ausgezeichnete Führer des Liberalismus haben als Rabbiner dort gewirkt. Beuthen, ehedem orthodox, hat jetzt Orgelgottesdienst, ist aber noch ziemlich weit davon entfernt, als liberal gelten zu können. Der freiere Zug und die gesteigerte Neigung zur Kritik des Bestehenden, die durch die staatliche Umwälzung in unser ganzes öffentliches Leben kamen, hätten auch dem religiösen Liberalismus in Oberschlesien zu tatkräftigem Aufschwung verhelfen können. Aber zweierlei stand dem gerade in Oberschlesien entgegen. Da ist auf der einen Seite die überaus intensive Beteiligung der Juden an dem hier besonders rege pulsierenden Wirtschaftsleben, die ihnen allzu wenig Zeit läßt, sich um diese rein geistigen Werte zu kümmern, diese Dinge, der-m E'chtig*eit gerade der auf Erwerb eingestellte Gegenwartsmensch allzu leicht verkennt. Und das andere ist die Ungewißheit über die Zukunft des Landes, die lähmend auf den Gemütern lastet. Man sieht das Beispiel der in Massen aus den abgetretenen Ostprovinzen abwandernden Juden vor sich, rechnet, so zuversichtlich man auch auf ein Verbleiben Oberschlesiens bei Deutschland hofft, doch immerhin mit der entfernten Möglichkeit einer anderen Entscheidung, läßt sich dadurch die frische Initiative lähmen und schiebt seine Entscheidungen in jüdischen Dingen bis „nachher" hinaus. Während dessen aber sind neben den stets pflichtbewußten Konservativen besonders die Zionisten überall auf dem Posten und suchen, oft genug mit Erfolg, diejenigen, die Sehnsucht nach positiven jüdischen Werten haben und doch nicht orthodox sein können, an sich zu ziehen. Diese Gegenüberstellung zeigt, wie sehr diejenige Auffassung in die Irre geht, welche die allzu große Zurückhaltung des Liberalismus mit der Furcht vor einer Zerstörung der vielbesprochenen „Einheitsfront" der oberschlesischen Juden rechtfertigen möchte. Gewiß ist es selbstverständlich, daß wir den Feinden der Judenheit in geschlossener Phalanx gegenübertreten müssen und daß dies in einem so bedrohten Gebiete, wie Oberschlesien, zehnfach nottut. Das bedeutet aber nicht, daß der Jdeenkampf innerhalb des Judentums aufhören oder eingeschränkt werden müßte. Nur der kann dem Judentum wahrhaft nützen, der weiß und bekennt, wo innerhalb der jüdischen Kampffront er seinen Platz hat, welchem der getrennt marschierenden, aber vereint schlagenden Heerhaufen er angehört. Indes, was wir da eben sagten, hat nur für die Vergangenheit Geltung. Denn nun naht die Zeit der Abstimmung. Alles, was oberschlesisch ist und zu Oberschlesien Beziehungen hat, Beziehungen des Blutes, der Seele, der wirtschaftlichen Existenz, kurzum ganz Deutschland blickt nach der oberschlesischen Ecke, wo sich nicht nur ihr eigenes, nein, des ganzen Vaterlandes Schicksal entscheiden soll. Daß dabei die deutschen Juden Oberschlesiens und alle die, welche, weitum im Reiche wohnend, nach dem Friedensvertrage zur Teilnahme an der Abstimmung berufen sind, und deren wohlerworbenes Recht die Alliierten in diesen Tagen — hoffentlich erfolglos — einzuschränken oder zu nichts zu machen bestrebt sind, auf dem Platze fein und ihre Pflicht tun werden, das wissen wir alle. Die draußen rüsten sich zur Fahrt nach der Heimat, nach den Stätten, die Zeugen ihrer frohen Kinderspiele, chrer seligen Jugendjahre gewesen sind und die sie nun mit so ganz anderen Augen Wiedersehen werden, mit einem schweren Ernst und einer ganz neuen, vertieften Zärtlichkeit, in einer Stimmung wie die, mit der man an das Krankenlager eines teuren Angehörigen tritt... Daß nun in diesen allerletzten, heilig-ernsten Wochen jeder, aber auch wirklich jeder Gegensatz zwischen den jüdischen Parteien Oberschlesiens ruhen und ausge-