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Jüdisch-liberale Zeitung · 1920-12-03 · 1 (3.12.1920) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
1 (3.12.1920)
Date
1920-12-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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7 füfipp^4 >v»-. Ms -em Vreslaver Hemein-tteben. Bon Geh. Sanitätsrat Dr. Reich, Breslau. I. Zu den wichtigsten Aufgaben, welche dieses Blatt zu erfüllen haben wird, gehört die freimütige Berichterstattung über die Angelegenheiten unserer Breslauer Gemeinde und die Tätigkeit ihrer Körperschaften. Unsere Gemeindemitglieder, welche der liberalen Sache bei den letzten Reprüsentantenwahlen zu einem besonders glänzenden und entscheidenden Siege verholfen haben, sollen dadurch ständig über dasjenige auf dem laufenden erhalten werden, was die Männer ihres Vertrauens in Ausübung der ihnen übertragenen Mandate beschließen und tun; es soll der Wählerschaft dadurch die Kontrolle darüber ermöglicht werden, daß die Verwaltung auch wirklich in einem liberalen Geiste geführt wird, liberal — wohlverstanden! — nicht in parteireligiösem Sinne, sondern im Geiste jener unparteiischen Gerechtigkeit, welche diesem Begriffe inne wohnt. Aber auch außerhalb Breslaus wird das Interesse für die Verhältnisse dieser bedeutendsten Großgemeinde des deutschen Ostens sicherlich stets rege und lebendig sein. Um nun den Zusammenhang zwischen dem bisher Geschehenen und den Gegenständen der künftigen regelmäßigen Berichterstattung herzustellen, tvill ich im folgenden kurz das »nichtigste, was sich seit dem Abschluß des Wahlkampfes im Schoße unserer Gemeindeverwaltung zugetragcn hat, behandeln. In der ersten Sitzung der neugewählten Versammlung am 21. März d. I. wurde nach den Einleitungsansprachen, die sämtlich in den Wunsch nach friedlicher Zusammenarbeit aller Parteien zum Segen der Gemeinde und des Judentums ausklangen, zur Wahl eines neuen Gemeinderabbiners an Stelle unseres dahingeschiedenen hochverdienten Herrn Professor Dr. Guttmann geschritten. Mit'einer Einstimmigkeit, die von dem in unserer Körperschaft herrschenden Geiste erfreuliche Kunde gab, wurde Herr Rabbiner Dr. Vogelstein aus Königsberg zum Gcmeiitderabbiner an der neuen Synagoge gewählt. Ihm ging aus seinem bisherigen Wirkungskreise der Ruf cines wahrhaft liberalen Geistlichen voran, der bei aller Betonung dieses seines Standpunktes und wohl gerade aus dieser Gesinnung heraus jedem anderen Bekenntnis gegenüber Verständnis und Entgegenkommen bewiesen hatte'. Darum fanden sich alle zusammen, Liberale, Konservative, Zionisten, um ihm ihr Vertrauen auszusprechen und ihn auf den Sitz zu erheben, den einst Geiger, Joel, Guttinann zierten. Und tvir haben nachdem, was die ersten Monate seiner Tätigkeit uns gelehrt haben, alle Ursache, mit den besten Erwartungen und Hoffnungen seiner Wirksamkeit als Kanzelredner, als Jugenderzieher und als Seelsorger entgegen zu sehen. Mit der Rabbinerwahl in einem gewissen inneren Zusammenhänge stand cine Vorstandsvorlage, die wohl allgemeine Zustimlnung in der Gemeinde gefunden haben dürfte. Es handelte sich um Ablösung der Kasualien unserer Rabbiner bei Trauungen und Beerdigungen. Bisher wurden die Gebühren für die hierbei entfaltete seelsorgerische Tätigkeit von deir Gerneindemitgliedern an die Rabbiirer selbst entrichtet, und zwar nach eigenem Gutdünken. Das soll nun aufhören. In Zukunft werden die Gebilhren an die Gerneinde nach festen, deur Einkommen entsprechenden Normen bezahlt und das Gehalt der Rabbiner entsprechend dem Ausfall der Sportel»: erhöht. Es soll dirrch diese citri) den Rabbinern erwünschte Neuregelung auch der Schein vermieden werden, als ob es für den Seelsorger einen Unterschied zwisriien Arm tind Reich geben könnte. Eine weitere besonders wichtige Vorlage befaßte sich mit der neuen Gebührenordnung für Beerdigungen. Bisher betrugen die Selbstkosten der Verlvaltuug für eitle Beerdigung 75 Mark; sie sind jetzt durch Steigcrling der baren Auslagen für Sarg, Sterveklcid, Wagen, Gehälter der Beamten, Löhne usw. auf 560 Mark gestiegen. Während bisher die Gemeinde einen Zuschuß von 75 000 Mark für Beerdigungen zu leisten hatte, würde nunmehr dieser Betrag bis zu l60 000 Mark sich erhöhen. Eine neue, diesen. Verhältnissen Rechnung tragende Gebührenordnung war deshalb eine bittere, aber dringende Notwendigkeit. Bei ihrer Festsetzung ließen sich beide Gemeindebehörden von durchaus sozialen Gesichtspunkten leiten. Die schwachen Schultern sollen möglichst elltlastet, die verntögenden entsprechend zu den Lasten herangezogen werden. Währeitd bisher die Einkommenstufen von 1050—3000 Mark mit einer Gebühr von 60 Mark herangezogcu wurden, bleiben sie in Zukunft völlig frei davon; iver aber voll dieser Vergünstigung keinen Oiebauch machen tvill, zahlt die rnüßige Gebühr voll 20 Mark. Wer allerdings in dieser Stcuerstuse seinen verstorbenen Angehörigen eine Grabstätte in erster Reihe oder ein Erbbegräbnis sichern will, der Hai hierfür den immerhin sehr mäßigen Betrag von 100 Mark zu entrichten. Aber auch bei den übrigen Steuerstufen geht das auf gesunder sozialer Auffassung beruhende Bestreben dahin, allmählich die Gebühren dem steigenden Einkommen gemäß nach oben zu staffeln und nur die wohlhabendsten Kreise stärker heranzuziehen. Und so steigt langsam die Gebühr von 80 Mark bei einem Einkommen von 3000—4500 Mark auf 2400 Mark bei einem Einkommen von mehr als 200 000 Mark. Die Erhöhung der Einkünfte aus Beerdigungsgebühren erleichterte den Gemeindekörperschaften den Entschluß, eine angemessene Erhöhung des Diensteinkomrnens der Leichenwärter, Wagenführer und Leichenwärterinncn eintreten zu lassen, die bei der Erhöhung der Bezüge der übrigen Beamten seinerzeit nicht berücksichtigt worden waren; auch diese Vorlage fand einstimmige Annahme. Von welcher Gesinnung unsere Gemeindebehörden unserer Beamtenschaft gegenüber erfüllt sind, geht aus dem Driuglichkeitsantrage des Vorstandes in der Sitzung von: 21. März hervor, wonach zu den schon bisher belvilligten 50 Prozent Teuerungszulagen 'noch weitere 100 Prozent unseren Beamten und ihren Relikten gewährt werden sollen. Einstimmig lvurde auch dieser Antrag von dem Repräsentanten-Kollcgiun: zun: Beschlüsse erhöbe:: und damit der erfreuliche Beweis geliefert, daß in der Sorge für einen ausreichenden Lebensunterhalt unserer Beamten und damit für die Erhaltung eines zufriedenen und berufsfreudigen Bcamteukörpers alle Parteien übereinstimmen. Dieselbe Uebereinstimmung zeigte sich auch in einem anderen Punkte, der auf ganz anderen: Oiebiete liegt, sachlich zwar von geringer Bedeutung, grundsätzlich aber von größter Wichtigkeit ist. Es betrifft dies die Vorlage des Vorstandes, zur Jubiläumsstiftung für den verstorbenen Tr. Israel Hildesheimer, dessen 100. Geburtstag auf den 15. Mai d. I. fiel, eine Spende von 1000 Mark zu bewilligen. Hildesheimers Bedeutung als Forscher, als Gelehrter der profanen Wissenschaften und als Talmudgelehrter, als Wohltäter der Armen und Bedrückten ist bekannt. Ebenso bekannt ist aber auch, daß er die Säule und Stütze des orthodoxen Judentums war. Seine Hanptschöpfuug, die ihn: an: meiste:: an: Herzen lag, war das Berliner Rabbiner-Seminar, die Hochburg der Orthodoxie, in der der junge Nachwuchs der Rabbiner in streng orthodoxen: Geist ausgebildet tvird. Die liberale Majorität der Repräsentantenversaminlung stimmte trotzdem mit den übrigen Vertretern für Bewilligung der Spende und gab sonnt den Beweis, daß sie in wahren: Sinne liberal ist, denn liberal sein heißt gerecht sein. # # « Gemeindesteuern. Für das Steuerjahr 1020/21 sind Gemeindesteuern noch nicht erhoben, nicht einu:al ausgeschrieben. Hier und da wundert man sich, empfindet inan sogar gewissen Unmut darüber, daß denniächst der Beitrag für mehrere Quartale wird auf einmal gezahlt werden müssen. Nach unseren Informationen wird das tatsächlich nicht zu umgehen sein. Allein nur können unsere Leser versichern, daß dies nicht durch unsere Gemeindebehörden verschuldet ist. Die Verlegenheit ist vielinehr eine Folge der Reichssteuer-ttzesetzgebung, die dem Staat, den Städten und Gemeinden die bisherigen Unterlagen für Steuerveranlagung entzogen hat, ohne Vorsorge getroffen zu haben, die dadurch entstandenen Lücken auszufüllen. Die sich daraus ergebende Notlage ist bei fast allen öffentlichrechtlichen steuererhebenden Körperschaften die gleiche, wie für unsere Gemeinde. Deren Vertretung, Vorstand und Repräsentanten, haben seit Monaten alle Hebel in Bewegung gesetzt, itm zu einer Steuererhebung zu gelangen, und es ist das in den letzte:: Tagen endlich erreicht worden, sodaß nunmehr mit der Veranlagung begonnen werden kann. Nach deren mehrere Wochen beanspruchenden Erledigung wird die Einziehung vorgenominen werden. Vereine unö Versammlungen. Die Ortsgruppe Breslau des Ientralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens dielt am Sonntag im Kammermusiksaal eine außerordentlich zahlreich besuchte Versammlung ab, in der der Syndikus des Vereins. Herr Dr. Wiener-Berlin, über das Thema „Boykott uns Pogrome" referierte. Er wies darauf bin, daß sich ans der großen antisemitischen Welle zwei Richtlinien neuerdings offenkundig herausyeben, nämlich das Bestreben eines planmäßigen Boykotts der Mischen Mitbürger «tf allen Ges bieten und ferner das Spielen mit dem Gedanken an Unruhen und unter Umständen sogar Pogrome. Was den Boykott betreffe, so sei es zum großen Teil das altbekannte Programm, das mit erneuter Kraft verfochten werde. Es richte sich in erster Linie gegen Presse und Buchhandel. Besonders gefährlich aber fei die Bewegung auf den Universitäten, wo man vor wüstester Agitation gegen hochbedeutende Gelehrte nicht zurüchcheue, und in den Schulen, wo insbesondere durch den deuischnationalcn Jugendbund Haß und' Zwietracht in die jugendlichen Herzen gesät werde. Neuerdings zeige sich nun auch eine planmäßige aniijüdifche Strömung in Handel und Industrie, die um so schärier bekämpft werden muffe, als es sich hier um Existenzfragen handele. Interessant war in diesem Zusammenhang die Mitteilung des Redners, daß sich auch in Breslau eine deutschvölkische Bank auf genossenschaftlicher Grundlage aufgetan haj. Bezüglich der Pogrombewegung betonte der Redner mit Recht, saß es unausbleiblich zu Tätlichkeiten kommen müsse, wenn die schamlose antisemitische Hetze wie bisher die Gemüter verwirre und in Wallung bringe, eine Tatsache, die geeignet fei, den deutschen Namen im Auslande aufs schwerste zu gefährden. Nachdem der Redner in seinem Schlußwort unter großem Beifall zur tatkräftigen Förderung des schweren Kampfes, den der Zentralverein führt, aufgerufen hatte, erfreute das Vereinsmitglied, Herr Oberregisseur A r n f e l d , die Versammlung mit der unübertrefflichen Wiedergabe von Dichtungen aus den Werken Beer- Hofsmanns, Feibels und Zuckermanns. Meinem Jungen. Mein Junge spielt zum erstenmal allein Heut vor der.Tür im hellen Sonnenschein. Bin ich eim Kerl! so blickt er stolz umher. Wenn nur die Welt so furchtbar groß nicht wär'! Und wie er kühn sein Reich durchwandern will, Da schreit's ihm höhnend nach: „Hepp, hepp, halt stillt“ Noch kennt er nicht das "ü ort, doch in dem Ton Spürt er bestürzt des Hasses Stimme schon. Er schrickt empor, er ballt die kleine Faust Und sucht umher; ich seh's, ihm bangt, ihm graust. Komm her, mein Kind/laß dir ins Auge schaun. Noch liegt darin ein grenzenlos Vertraun, Ein heiliger Glaube und ein froher Mut: Wie ist doch alles um mich schön und gut! Dies Aug' ein See, drin sich der Himmel malt, Der leuchtend alle Sterne widerstrahlt. Ein Schmerz faßt mich, ein Zorn ingrimmig, wild, Wie bald zerstört die Welt dies reine Bild! Das Wort, das heute ihn zuerst beirrt, Ist so ein Stein, mit dem's zertrümmert wird, Mit dem man in sein Heiligtum ihm bricht — Halt fest, mein Kind, verlier' dich selber nicht. Die Scharte nur, die du dir selbst verseht, Wird nie im Leben wieder ausgewetzt. Ob auch die Menschen in dir untergehn, Der Mensch soll um so herrlicher erstehn. Du haD noch immer mehr, als man dir raubt, Behältst du nur, was du einst rein geglaubt. Und reißt man dir die Blüten aus dem Garten, Wir sind vom alten Stamm, wir können warten. Es kommt ein Sommer wohl, ein Herbsttag blinkt, Der Blüten dir zugleich und Früchte bringt. Sei fest, sei stolz, und eins noch laß dich lehren: Dich wehren, Jung', dich wehren! Aus der Gedichtsammlung: „Aus jüdischer Seele' von N- Loewenberg. Verlag M. Glogau jun., Hamburg. Gedächtnisrede gehalten bei der Gedenkfeier für die in: Weltkriege gefallenen Kameraden auf den: Ehrenfriedhofe in Eosel bei Breslau an: 16. Septernier 1020 von Dr. Ernst Fraenlet. „Und wen» wir wieder heimwärts ziehn. Schmückt uns kein Kranz von Rosen, Krönt unser:: Helm kein Eichengrün: Wenn wir erst wieder beimwärts ziehn, Klingt uns kein Jubeltosen." Euch, Ihr lieben toten Kameraden, an deren Brust bei der Heimkehr keine Rose prangte, Euch, deren Helm kein lebensfrisches Eichengrün krönte, Erich, denen das große Glück nicht vergönnt war, bei der Heimkehr das Jubeln des Weibes und der Kinder zu hören, das große, stille Leuchten auf dem Antlitz der Mutter zu^ sehen, Euch grüßen wir in dieser erinnerungsschweren Stunde. Wir grüßen Euch, die Ihr hier in heimischer Erde begraben liegt, und unsere Gedanken schweifen lveit über Berg und Tal hin zu den kleinen, vielleicht schon eingeebneten Hügeln in Frankreichs blutiger Erde, in den weiten einsamen Steppen Rußlands und Polens und auf den Bergeshöhen der Alpen und des Balkans. Wir grüßen Euch, und aus wehmutsvollem Herzen drängen sich uns auf die Lippen drei kurze, aber inhaltsschwere Worte: „Wir dankeir Euch." Hochverehrte Gednchtnisversammlung! Wie oft, wenn wir durch das brandende und ruhelose Leben der Großstadt gehen und Menschen sremd- und teilnahmslos, ja oft sogar feindlichen Blickes an einander vorüberhasten sehen, als hätten sie nie das ungeheure, gemeinsame Erlebnis des Weltkrieges gehabt, als hätten sie, oder doch wenigstens die meisten von ihnen nicht Jahr uni Jahr und Tag um Tag als Freunde und Kameraden im Schützengraben und im Angriff dem gleichen Tode ins Antlitz geschaut, wie oft, wenn wir sehen, wie die Unruhe und der Streit des Tages Menschen auseinander gerissen hat, die jahrelang zusammengehört haben durch das feste Band gemeinsamen Lebens, steigt die bittere Frage in uns auf: Ist es nicht wirklich Wahrheit, was einst der alte Philosoph Marc Aurel in müder Resignation sprach: „Warte nur eine kleine Frist, und du Haft alles vergessen, warte nur eine kleine Frist, und alles hat dich vergessen." Vergessen scheint zu sein, daß ein gemeinsamer Herzschlag in uns allen war, vergessen, daß ein gemeinsamer Wille uns beseelte, vergessen, daß eine gemeinsame bange Furcht Mütter und Väter daheim in Fesseln hielt. Vergessen aber auch scheinen in der Not der Stunde und der Gegenwart alle diejenigen zu sein, die mit dem Tvd die Liebe zum Vaterland, die Treue für die Heimat besiegelt haben: und dennoch, so sehr auch der Schein für die Berechtigung jenes müden Philosvphenwvrtes spricht: Es ist nicht wahr und es kann nicht wahr sein. Tenn in jener Stunde, wo es wirklich zur Wahrheit werden ivürde, in jener Stunde, wo die vergessen werden würden, die im Glauben an den großen Gedanken von Volk und Vaterland sterben, in jener Stunde Hütte die deutsche Geschichte nicht nur, sondern die Weltgeschichte überhaupt ihren Sinn verloren, und am Sinn 'der Weltgeschichte verzweifeln, heißt das nicht am Sinn des Lebens überhaupt verzweifeln. Und so kämen wir in dieser Rot und in diesem Zweifel unserer Seele wie aus imrerem Zwange heraus zu der schicksalsschweren Frage: Was ist der Sinn des Todes aller derjenigen, die hier an dieser Stelle ruhen, und die fern von hier im Feindesland schlummern, deren „Sonne unterging, als es noch hell am Mittag war"? „Was in des Menschen Ziel? Die Augen sehens Nie zwischen noch nicku sein und nicht mehr sein!" Scheint dieses Ziel uns nickt besonders deshalb so unergründlich, so unauffindbar zu sein, weil all das kostbare Blut der besten unseres Volkes umsonst geflossen ist, weil wir sehen, daß trotz all der großen und größten Opfer Deutschland den Todesstoß empfangen hat? Und dennoch wollen wir nicht wanken. Wir wollen den starken und stillen Glauben in uns erwecken und pflegen, daß hinter all diesem scheinbaren Widerspruch das Walten und Wirken einer höheren Macht steht. Das Blut, das Eurem Herzen, Ihr lieben Kameraden entströmt ist, darf nicht umsonst geflossen sein, und keine Träne, die eine Mutter uni ihr Kind vergoß, soll umsonst vergossen sein. Wir wollen stets den Glauben in uns stärken, daß einst, wenn die Gegensätze der politischen und Glaubensmeinungen nicht mehr so schroff aufeinander prallen werden wie in unseren Tagen, daß dann die Erinnerung an gemeinsaines Leiden in vier langen Jahren, daß der genieinsame Schmerz und der gemeinsame Verlust von lieben Toten die Menschen einander wieder näher bringen tvird, daß im Andenken an all diese Gemeinsamkeiten ein Mensch im andern nicht mehr den Feind, sondern seinen Kameraden uftd den Freund sehen wird. Wir wollen ein jeder an seiner Stelle Mitarbeiten an dem einen großen Ziel, daß einst das Trennende verschwinden wird vor dem Gemeinsamen. Ties soll uns der tiefste und letzte Sinn Eures Opferganges sein. Aber nicht nur Euer, Ihr Toten, wollen wir in dieser Stunde gedenken, sondern in Andacht und in tiefer Verehrung wie vor etwas Heiligem wollen lvir uns auch neigen vor Euch, Ihr Mütter, die Ihr deni großen Gedanken des Vaterlands und dem unendlichen Gedanken der Versöhnung Eure Söhne geopfert habt. Ein großer Schmerz hat Eure Herzen erzittern lassen, welchen Glaubens und welchen Standes Ihr ward. Euch hat alle ein Band umschlungen, ein Band, das keine Macht zerreißen sollte, so lange die Liebe einer Mutter in der Welt bestehen wird. Wir aber, die wir mit Euch stritten und litten, wir wollen und können Euch, Ihr Kameraden, nie vergessen. Wir wollen unsere Kinder und Kindeskinder einstmals an diese Stätte des Friedens hinsühren, an dieses steinerne Zeichen dafür, daß Deutschlands jüdische Söhne in gleicher Pflichterfüllung und in gleicher Liebe für ihr Vaterland wie ihre christlichen Kameraden kämpften und starben, und wollen ihnen erzählen von ihrem Leiden und ihrem Heldentum. Und wenn wir dann von jenen Stunden sprechen werden, da wir im Unterstände nachts beini Trommelfeuer lagen, da wir mit einem Hurra auf den Lippen und dem Glauben an den einen einzigen Gott im Herzen vorwärtsstürmten, dann wollen wir ihnen ein Lied singen, das Lied, das wir als Knaben einst schon sangen, das Lied, das wir sangen, so oft einer von Euch zur letzten Ruhe hinabgeseukt wurde, das Lied, das klingen wird, so lang Treue Treue und Kameradschaft Kameradschaft bleibt: „Ich hat:' einen Kameraden, Einen bessern find'st Du nicht."

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