Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 93 (12.12.1934)
- Date
- 1934-12-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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i&imw mm mm mmmm Bund — oder nicht? Warum ich biindifch bin Es ist heute bei der bündischen Jugend vielfach Mode geworden, bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten zu betonen: „das ist bündisch" oder „das ist nicht bündisch". Man macht sich eine Schablone zurecht. Alles, was gerade in diese Schablone paßt, ist „bündisch"; das andere tut man mit den beliebten Ausdrücken: „Spießer", ..Bonzen" usw. ab. Der Begriff „hündisch^ droht immer mehr zu einem Schlagwort zu werden und somit zu verflachen. Warum wollen wir jungen Menschen eigentlich dieses bündische Wesen? . Was heißt überhaupt .,bündisch" sein? In jedem jungen Menschen lebt ein Drang zum Widerspruch, ein revolutionärer Geist. Fast jeder junge Mensch ist Idealist. Und in seinem Idealismus will er die alten-Formen der Gesellschaft nicht mehr anerkennen, er will sich ihnen nicht mehr fügen. Er merkt, dal» so furchtbar vieles in der bürgerlichen Gesellschaft morsch und faul ist. Und da entsteht zunächst aus der Ablehnung des Alten, „Bürgerlichen" heraus eine Gemeinschaft von jungen Menschen, die da nicht mehr mitmachen wollen. Aber diese Menschen merken sehr bald, daß ihnen irgend etwas fehlt. Zu den alten Formen zurückkehren? — unmöglich. Die Jugendbewegung steht also plötzlich vor der schweren Aufgabe, etwas ganz Neues zu schaffen, neue Formen des Zusammenlebens, aber auch, und das ist vielleicht noch wesentlicher, neue Formen für das Leben jedes Einzelnen. Die jungen .Menschen gehen zusammen auf Fahrt, sie sitzen am Lagerfeuer, sie singen zusammen, im Heimabend versuchen sie zusammen zu arbeiten. Und aus all diesem Gemeinsamen heraus entsteht ein neues Erleben, ein neues Lebensgefühl, vielleicht eüie neue Weltschau. Selbstverständlich dürfen die Formen der Jugendbewegung niemals erstarren. Die Jugendbewegung wird urtd muß stets ringen undsuchen, sie muß wirklich „B e w e g u n g" bleiben. Wir jungen Menschen wollen an alle Fragen des Lebens herantreten ohne jedes Vorurteil und dazu Stellung nehmen mit ehrlichem Wollen. Wir wollen .prüfen, was auch für uns gültig sein muß und was unnötige, überlebte Formen sind. Aber da stehen wir vor einer großen Schwierigkeit. Es ist eben viel'leichter, Altes über Bord zu werfen, als. Neues zu schaffen. Es kommen Formschwicrigkeiten. namentlich bei den jungen Menschen von 15, 16 und mehr. Was soll man an die Stelle von Tanzen, Rauchen usw. setzen? Das sind Fragen, vor die namentlich die Fü h r c r immer wieder gestellt werden. Solange wir nichts gefunden haben (und bis jetzt sind .wir noch nicht so weit), was an Stelle dieses Alten treten soll, solange werden immer wieder die meisten unserer bündischen Menschen, sobald sie älter werden, für die, Jugendbewegung verloren gehen. Noch etwasanderes ist uns bündischen Menschen' eigen: ein leidenschaftlicher Wille zur Wahrheit, zur Ehrlichkeit. Ein bündischer' Mensch ist offen. Nichts ist ihm verhaßter als Intrigen, als dieses fürchterliche Hintenherumreden. Selbstverständlich muß ein bündischer Mensch auch Wahrheit vertragen können. Er darf sich nie gekränkt fühlen, wenn ein Vorwurf berechtigt ist. Ein bündischer Mensch weiß, daß er nicht nur für sich da ist, daß er verantwortlich ist für die Gemeinschaft, in der er steht. Das ist einmal zunächst der Bund. Aber das Verantwortungsbewußtsein des bündischen Menschen beschränkt sich nicht auf den Bund allein. So fühlen gerade wir jüdischen bündischen Menschen uns - ganz besonders verantwortlich für unser Judentum. Wir wissen, daß wir in ein paar Jahren das deutsche Judentum bilden werden. Und dieses deutsche Judentum soll in sich gefestigt sein. Seine Menschen sollen erfüllt sein von der Liebe zu ihrem Judentum, sie sollen Juden sein, nicht nur weil sie als „Nichtarier" geboren sind, sondern weil sie durchdrungen sind von der besonderen Aufgabe des Judentums, au^erwähltcs Volk, Künder des messianischen Reiches zu sein. Lieben kann man aber nur, was man kennt. Es ist also unsere Aufgabe, unser Judentum kennen zu lernen bis ins kleinste, uns vertraut zu machen mit seinen großen Werken, besonders mit der Bibel. Der bündische Jude muß positiv jüdisch sein, er muß ringen um sein Judentum, muß suchen. Gerader, offener Mensch sein lind Jude sein: muß eins werden in ihm. Wir jungen jüdischen Menschen haben es heute schwerer denn je. Aber wir haben einen starken Willen und werden durchhalten. Aber'das können wir, so glaube ich, besser, wenn wir bündische Menschen sind. Wir wollen nicht nur bündisch sein, wir müssen es; denn wir fühlendes ist die Lebensform, die uns gemäß ist. Wir wollen unser Leben gestalten als aufrechte, starke, ehrliche, verantwortungsbewußte Menschen in guter Kameradschaft, wir wollen es gestalten als Juden. Liselotte Strauß. Bund fiir alle? In der Zeit nach dem Umbruch unserer Beziehungen zur Umwelt hat sich im deutsch-jüdischen Menschen eine entscheidende Wandlung vollzogen: Mit der Abstempelung zum Nichtarier begann er sich dem Juden zu nähern. Manchem Erwachsenen, dessen Weltanschauung sich in einem vergangenen Zeitalter gefestigt hatte, muß dieser Schritt sehr schwer gewesen sein; leicht aber konnten die Kinder den neuen Weg geführt werden. Während dem Elternhaus und der jüdischen Schule wichtige Aufgaben ' persönlicher Erziehung und geistiger Bildung zufielen, hatte der Bund das entscheidende Problem zu lösen: die-Formung des Seelischen und die Erziehung zur Gemeinschaft. Am schwierigsten ist die Frage ' der inneren Umstellung des Jugendlichen zwischen 16 und 22 Jahren, des -Alteren" also, zu lösen. Bestehen die Ansprüche des Bundes, auch diesen Menschen zu erfassen zu Hecht? Wir werden einer Klärung der Frage uns nähern, wenn wir die Situation, aus der die Alteren kamen, in Beziehung zu wichtigen Wesensmerkmalen des Bundes setzen. Die meisten dieser Altersschicht kamen aus assimilierten Kreisen, die ihr Gemeinschaftsbedürfnis teils in allgemein-politischen oder gesellschaftlichen Gruppen befriedigt fanden, teils in einem kleinen Freundeskreis Geselligkeit pflegten. Nur ein verhältnismäßig kleiner Teil kam aus der jüdischen Jugendbewegung ' selbst* \ Der junge Mensch, der nicht aus der Jugendbewegung kam, und nun — sei es durch äußeren Druck, sei es aus innerem Drang — sich zum Anschluß an eine jüdische Gruppe angezogen fühlt, wird kaum den Weg zum jüdischen Bund finden. Wir wollen diese Behauptung an drei Wescnsmcrkmalcn des Bundes erweisen, am Totalitätsauspruch des Bundes, am Führergedanken und an der „hündischen. Form". Der Anspruch auf Totalität ist ein Kennzeichen des echten Bundes: er muß den Menschen, der ihm angehört, so zu durchdringen suchen, daß er in jeder seiner Handlungen, seinem Denken und Fühlen vom Wesen des Bundes erfüllt ist. Das Kind, das in den Bund kommt, fügt sich dem Totalitätsanspruch gern. Bei ihm ist' Bereitschaft vorhanden, im Bunde „aufzugehen". Der Ältere jedoch, der zum Bund soll, ist schon eigene Wege gegangen. Falls wirk- - lieh Probleme ihn bewegten, hat er versucht, allein mit ihnen fertig zu werden, sich selbständig zu einer Lösung durchzuringen. Er steht deshalb dem Bund von vornherein urteilend gegenüber, indem er sein eigenes Denken als Maßstab anlegt. Auch bedingt sein Alter einen gewissen Skeptizismus. Von äußeren Schwierigkeiten, wie Beruf, abgesehen, hat sich i n ihm ein Eigenbereich gebildet, den die Totalität des Bundes nicht durchdringen kann. Er kennt schon ein Privatleben. Ein zweiter Wesenszug des Bundes ist der Führergedanke. Während auch hier der Jüngere Entgegenkommen zeigt, muß der Ältere versagen. Die Unfähigkeit, Gefolgschaft zu leisten, ist beim jüdischen Jugendlichen nicht nur eine Frage des Lebensalters. Der Hauptgrund des Bercitschaftsmangcls ist ein anderer: der jüdische Jugendliche ist noch in libcralistischem Geiste aufgewachsen und hat sich, im Gegensatz zu seiner Umgebung, vom libcraliätischen Geist, der bedingungslose Gefolgschaft ausschließt, noch nicht völlig befreit. Dieser Ältere ist — anders als die Umwelt — noch rationalistisch befangen, und er würde, wenn an ihn eine Forderung des Führers gestellt würde, antworten: „ich habe es mir anders gedacht , oder, bestenfalls, nur: „Warum?". ... Als Drittes wäre schließlich die bündische Form zu nennen, ein scheinbar Süßeres, das den Älteren abstößt. Er faßt es —. mißverständlicherweise — als eine Zumutung auf, „in kurzer Hose herumlaufen zu müssen". Er veräußerlicht damit Form und deren Insignien und setzt sich über sie mit Bezeichnungen wie „Fahrtenromantik", ..Fahnenkult" und „Lagerfeuer-Rausch hinweg. Schon hat sich der Ältere an die Alltäglichkeit, nn Beruf und Gesellschaft soweit assimiliert, daß er den Gehalt der Form nicht erkennen will. Für die Zukunft jüdischer Bünde wäre jedenfalls zu überlegen, ob die Totalität des Bundes nicht stark in den Bereich, der dem Lehrhaus und dem Gotteshaus vorbehalten sein müßte, hinübergreift; es wäre zu bedenken, daß das Führerpriuzip seine Grenze im Glauben an den alleinigen Führuhgsanspruch Gottes und seiner Lehre haben muß, daß schließlich bündische Form durch jüdisches Brauchtum - zu ersetzen ist. Vielleicht ist auch schon eine neue -jüdisch u n d hündisch bestimmte-Form im Entstehen (ich denke nn bündische Feiern jüdischer Feste, oder den festen Begriff des Oncg Schabhat); Tatsache-ist jedenfalls, daß zionistische Bünde „bündische" Form und Haltung durch r.chaluzischc" ersetzen konnten: Welches ist nun "die dem nicht aus der Jugendbewegung kommenden Alteren gemäße Gemeinschaft? Ihm bleibt die lockere Form der W e r k gr u p p c, der Arbeitsgemeinschaft, und für seine Fortbildung das Lehrhaus, die Volkshochschule. Doch sucht die" große Masse der Alteren — darüber darf man nicht hinwegsehen — überkommene Formen der Geselligkeit, wie Tanzvergnügen und Kleinkunstabcndc, und findet in diesen Formen Befriedigung. Sehr schwer ist allerdings die Lage des Älteren, der aus der Jugendbewegung hervorgegangen ist, später aber, aus sachlichen oder persönlichen-Gründen, die Bundesarbeit abgebrochen hat.- Ihm wird es nu llt leicht, dem Bunde sich wieder einzufügen, er hat ..den Anschluß verpaßt". Andererseits genügen ihm die allgemeinen Gcselligkeitsformen erst recht nicht. Was bleibt ihm? Das Bewußtsein, in der großen jüdischen Gemeinschaft zu stehen und der Wille, über alle (Kindischen und organisatorischen Grenzen hinweg, Tür diese Gemeinschaft zu wirken. Ein Außenseiter. Erftes Fiikrerfeminar desLande*nuxfchuffva(H>erfchlvJientIprjwlifchvnJuKentlrrrbuiulr Glriwitz. Da:« erste. Kührcrscniiuiir des l.iiudcKiui!«Mi*hii**t-» Ohcrschlcirieil der jüdischen Jngrudvcrhilndc, dos hier stjillfund. wurde mit einer l'Vciliig-KiddiiHi-b-L'Yicr eröffnet, die vout^tru 11 d deu tsch - j iid i seh« r Juvenil" gctriiguu wurde. In der Begrüßungsansprache betonte ilcr Lciler de» LundcsatisschtiiiHr», Dr. lludolt 11 o Ilhorn, der die.'Tagung vorbildlich vorbereitet hatte, die Ptlicht der Zusammenarbeit für sämtlichejungen jüdischen Memchen ohne Unterschied ihrer hündischen Zugehörigkeit. Nach dem offiziellen Teil Beuten sich die Bunde in einem grollen Kreis zusammen und sangen deutsche und hcbruisclic Lieder. Nach Sabbat-Ausgang stieg das MualcrJieiin. Ks begann mit einer Singrssr, worauf Ernst Sawsok in einem Ifofarat aber den Sinn- und die Grenzen der jüdischen Jugendbewegung ausfahrte, daß hündische Erziehung nicht Selbstzweck sei, BantSarn stets, in Verantwtirtunp gegenüber der großen jüdiachen Gemeinschaft zu erfolgen habe. Im religiösen iMustcrheini.charakterisierte« Studienreferendar P a v i d die Gestalt des Simsori und erbrachte an dem aufgezeigten Uei.-picl den Nachwei», daß dio llcldr'n der . Bibel denen des klassi-t-hcu Altertum» keineswegs nachstunden. Am Sonnnbcnil-Ahcml veraiihlallclc der llrrliuhiz ilruthcii rinrn Onrß Sthiibhat, der für viele der Teilnehmer , zu einem starken Krlrhnis wurde. Am nächsten .Murgen traten weit filier 61X Teilnehmer verschiedenster Altersstufen zur Miistcrfnhrt unter I^ilnug win Krim Sllidicnrütin-Co Idstein, Glciwilz, an. In einer ArUili.hrsprr.-_ chuii" machte dcr-Gculiäflsführcr des llrii-hsiiuMchuMir", Dr. Ilriuio Sommerfeld, die Örtsringlritcr, die Mitglieder de» IjiimIc»- ausschussc» und die Vertreter der llüiidc mit dem Aufgnli»iikrri« von llcichsaiissrhiiß und l.aiidcsiius«rhiiß-und den Ortsriugrn bekannt und besprach anschließend in einer Arlieilsgcnirinschofl den gegenwärtigen Stand der Beruf» u m » e Ii i r Ii t u n g. Ks wurden daliei insbesondere die inneren Gründe, welche bei den einzelnen Gruppen zur Forderung der Bcnifsiimschielltung fuhren, liernu»- . gearbeitet. Dabei wurde gezeigt, daß lifo gegenwärtige Gesetzgebung hei entsprechender Umstellung und vernünftiger llrrllf»wabl noch eine Reihe von Möglichkeiten belli»«. — Stiidienrefereliilar D n v i d referierte über „J (1 «1 i s e Ii c .1 Ii g e n d I i t c r-n-t u r". Er besprach' etwa 40 Bücher und gab auf diese Weise den Führern für ihre jüdisch-geistige Arbeit in den llümlcn viele wertvolle. Anregungen. Ein weitere» Referat' hielt- Rabbiner Dr. Och» über das Thema: :,Warum mü»scii wir die Bibel im Urtezt lesen?" Mit der-überragenden Sachkenntnis de« Gelehrten und tiefen Begeisterung für das Judentum erbrachte Dr. Och» den Nachweis, daß es au* psychologischen, religiösen und sprachlichen Motiven für die Juden von heute nur den Weg über da» Hebräische gülie, um in den Geist "der Bibel unil jüdische» Erlebnis wirklich einzudringen. - In seinem Schlußwort ermahnte Dr. Sommerfeld die Teilnehmer, die ernste, nürhterne Zusammenarbeit unil die gute Kameradschaft, nicht aber geistreirhe Spielereien 'zu pflegen. Ein deutsches nndein hebräische» Lied unil ein von David vorgetragener Midrasch schlössen die_Tngiing. Do» Entgegenkommen der Synagogen-Gemeinde Gle.iwitz und liesonders die rege Anteilnahme ihres Vorsitzenden, Justizrat Kochmann, zeugte von dem Verständnis der alteren Ceneration für die Bestrebungen der Jugend. — Alles in allem hat »ich gezeigt, daß OberbDndische, unparteiische Arbeit junger .jüdischer Menschen »ehr wohl möglich ist, wenn man den Blick über die eigene Biindesideologie hinaus auf die Gemeinsamen jüdischen Grundfragen richtet. e ■ Herbert Buky. Die Jacobsonstlttung «. n, vergibt zu Ostern 1933 einige Freisteiren in dem mit der Staad. Oberrcalschule (ehem. Jacobsonschnle) verbundenen Schülerheim.. Bewerbungen baldigst an den Vorstand der Jacobsonstiftung z. Hd. d. Herrn Architekt Jacobson, Hamburg, Feldbruiuienstr. 24.