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Jüdische allgemeine Zeitung · 1934-12-05 · 92 (5.12.1934) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
92 (5.12.1934)
Date
1934-12-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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2. Beilage 5. Dezember 1934 JÜDISCHE AUGEHEINE ZEITUNG Jüdifche Wunderkinder Die ehrgeizigen Eltern — Ein fiebenjähriger Trommelmrtuofe — Berühmte Geiger und Pianiften — Die jüngfie Dichterin der Welt — Gedichte im Schulhefi — Mit vier Jahren Fußballer — Ein Nachfolger Breitbarts ha ist heute beinahe schon vergessen, ddß man das 19. Jahrhundert gerne und oft das Jahrhundert des Kindes "cnannt hat, vielleicht deshalb, weil man — um ein wenig iisychoanalogisch zu reden — dabei an Entwicklung, Aufbau, Zukunft dachte und solche Hoffnungen damals etwas Mürkcr als sonst — sie sind ja immer da — ini Unterbewußtsein schwangen. Es wurde sehr viel vom Kinde geredet tu Ende des 19. Jahrhunderts, wie man zwei Jahrzehnte vorher — Zufall oder Folgewirkun"? — Iiildcnde Künste erzeugen weniger Wunderkinder: Cra(>hik, Malerei, Bildhauerei, Architektur erfordern neben Talent auch gewisse technische Kenntnisse, die nur durch Studium rrwurtieu werden können. Immerhin: das Talcuf äußert sich oft bereits sehr früh, und die jüdische Bildhaueriu Barbara U (ti in e n t h n 1 zeigte bereits mit sechzehn'Jahren ein überraschendes Können. Auf der Bühne und im Film sind die Wunderkinder zuhause. Die meisten von ihnen sind vor und zwischen den Kulissen au fgc- ALS KIND BESTAUNT AI.S MANN BEWTNDICIIT 'I ■ ich« viel über die Frau, über Frauenemanzipation und Frauenrechte gesprochen hatte. Der Name für das 20. Jahrhundert steht noch nicht fest — wird es —- wieder ala eine Art Fortentwicklung — das Jahr- Iiuädert dpi Jugend heißen? Vielleicht. -Aber nur dann, wenn die. Jugend hält, was man sich von ihr verspricht. Auch von der jüdischen Jugend verspricht man sich sehr viel, und man setzt große, ja man setzt alle Hoffnungen auf sie. Jedes jüdische Kind, das/ heute geboren wird, es wira in die Arme geschlossen mit einer zitternden Freude, einem hoffnungsvollem Bangen und mit der stummen Frage: „Wie wird sich dein und wie wird sich durch dich unser.Schicksal gestalten?" ■ Im Jahrhundert - des Kindes sind auch viele Wunderkinder geboren worden: nahezu auf allen künstlerischen Gebieten. Besonders stark war.die Musik-vcrtrcten: man sah auf dem Konzertpodium Geiger und Pianisten, ja sogar, Dirigentenin. kurzen ■ Höschen und .kurzen Röckchen, mit koketten Stiitzcnkrägclchen und noch koketteren Haatschlcifchen. Alle diese kleinen Künstler konnten etwas — ohne Zweifel. Auch die. kleinen Judcnkiridcr, über die der Beifallsjubel einer enthusiasmierten und gerührten Menge hinbraustc. Man staunte, wie. so ein Dreikäsehoch auf der Geige oder auf dem Klavier die schwierigsten Passagen wirklich spielend bewältigte, und kleine Mädchen, die man sich nur mit Püppchcn vorstellen konnte, ja, die selber noch aussahen wie kleine Puppen, dieselben Kunststücke vollbrachten. - Es waren ihrer viele — bald allzuviele. Der Buhm der Wunderkinder ließ manche Eltern, hauptsächlich Mütter, nicht schlafen und raubte dann auch manchem Kinde den Schlaf, dessen hübsches Talent rasch zum Virtuosenlum aufgezüchtet wurde und — leider — sehr oft an dieser Ubcrzüchtung zugrunde ging. - Die wirklichen Genies brauchten aber kein Gewächshaus und keine Dbcrdüngung. Sie wuchsen von allein sehr schnell — eines der großen Beispiele war Mozart — und ihre große Kunst nahm die Kräfte ihres Wachstums allein aus der außergewöhnlichen Begabung, dieihnen von Natur aus verliehen war. Die wirklich bedeutenden Wunderkinder unter-dcn musikalischen Genies waren Künstler, noch ehe sie Kunstunterricht genossen haben. Sic nahmen die Geige zur Hand, sie setzen sich ans Klavier und spielten spielend, bis man auf dieses spielende Spiel aufmerksam wurde und dem Drang, des Kindes nach Ausbildung, also wohlverstanden, & e m Drang des Kindes zur Kunst, nicht dem Ehrgeiz der Eltern, nachgab und die wissenschaftlichkünstlerische Formung des Genies in die Hand bewährter Fachleute Diesen Weg gingen Bronislav Hubcrmann, Misch» E1 - man, jascha Haifez (der Schwager Chaplins), um nur einige berühmt gewordene jüdische Wunderkinder zu nennen. Sic beseelten dank ihrer genialen Intuition ihre Geigen schon in frühester Jugend, als sie noch nicht viel von der Notenkunst und der Musiktheorie verstanden hatten. Und so ging es Yehuda Me null im, der wie ein leuchtender Stern am Musikhimmcl auftauchte und schon im Alter von zwölf Jahren mit seiner Geige die Welt eroberte. . . Von den großen Pianisten und Pianistinnen gutein gleiches: Moriz Itoscnthal, Leonid Kreuzer und Bernhard Schnabel waren Künstler, als sie zur Welt kamen. In Amerika erregte ein vierzehnjähriger Pianist, Esra Rach- Hn mit seiner fünfjährigen (1) Schwester, gleichfalls Pianistin, Aufsehen. Vor kurzem spielte in La Chaux-dc-Fonds in der Schweiz der elfjährige Harry Datyncr, und zwar Chopin in einer Weise, die in den Besprechungen vonseiten der Presse als phänomenal, der Knabe selbst als ein wahres Wunder bezeichnet wird. Die Zeit wird lehren, ob sich diese Wunder erfüllen werden. Als musikalische Kuriosität sei Theodor Lehr erwähnt, ein sieben Jahre altes Bürschchen, der als Trommclvirtuose sich,bereits einen Namen gemacht hat. Unter den Komponisten muß der Wiener Erich Wolfgang Kbrngold genannt werden, der ebenfalls schon mit zwölf Jahren — vielleicht schon früher — Opern und Konzert- . stücke komponiert hat. Der Geiger Mischa Elman mit seiner Familie. Im Oval: Jugcndbild des Wuiulrrgeigcra wachsen, haben oft schon als ganz kleine Kinder ala Statisten mitgemimt und wurden frühzeitig mit' den Geheimnissen von Kostüm, Schminke und Rampenlicht vertraut. Unter den Namen „Fritzchen" erregte vor einem Vierteljahrhundert' ein winzigerirantfSmlicbev- Rilmknalw dmm £ntxaclc«a von Jung und Alt — aber man hat nichtu davon'gehört, daß er auf der Bühne oder auf der Leinwand etwas Besonderes geworden wäre. Auch Jackie Coogans, des Weltlieblings, Filmkarriere scheint zu Ende zu sein. Jackie Coogan war doch wirklich ein Wunderkind. Niemand kann es bestreiten, und-viele», die ihn in „The Kid" mit Chaplin zusammen^ spielen gesehen, wird die Mimik, werden die Augen dieses kleinen, zerlumpten Judcnjtmgcn unvergeßlich sein. Heute hat Jackie seine süßen Bubiiocken verloren, er ist erwachsen und hat sich sogar kürzlich'verheiratet. Er war wohl dos hüchstbczahltc Filmkind. Übrigens hat in Berlin auch ein kleiner Judenjtinge, der 10jährige Mara Spiegel, und in Amerika der neunjährige Assi- Mundsluck versuch!, in Jackies Fußtapfeu zu treten, und beide haben im Film und auf der Bühne hübsche Erfolge gehabt. Von hier zur Literatur ist nicht weit — doch weiß man bisher nichts von einem großen Bühnenerfolg, den ein ' literarisches Wunderkind erzählt hätte. Als allcrjüngste Dichterin der Welt wurde vor einigen Jahren Natalie C r a n e gepriesen, ein kleines amerikanisches" Judcumüdchcn von 12 Jahren. Es erschienen vuu ihr zwei Bunde Gedichte, deren Sprache so schön ist, daß der Ehrenpräsident der amerikanischen Dichtcrakadcmic, Mr. Markhant, öffentlich Zweifeln an der Echtheit der Gedichte Ausdruck verlieh. Daraufhin wurde er vom Vater der Dichterin wegen Be- ' leidiguug verklagt. Vor Ccricht kannte die kleine Dichterin den Beweis dafür erbringen, daß sie selbst und ohne Hilfe die Gedichte geschrieben habe, denn sie verfaßte Bofort drei reizende Süehclchcn, die ihrem Inhalt nach — eines der Gedichte betraf ihre Mutter — nur Eigenprodukt sein konnten. Mr. Markham nahm alles zurück, der Prozeß war aber eine glänzende Reklame. Eine Photographie zeigte das kleine Mädchen an der Schreibmaschine — mit einer Puppe im -Arm. Das ist allerdings etwas zu amerikanisch. - Vardeni bat es in Berlin schon eine allerjüngste Dichterin gegeben; die zehnjährige Auguste oder, wie sie sich lieber nennen Jiört, Gusti Schidlof, Durch einen Zufall gelangten ihre ins Schufhcft feschriebenen dichterischen Versuche in die Hände eines bekannten 'crlincr Schriftstellers, der in einem Berliner Blatt ein langes Feuilleton über die kleine Gusti veröffentlichte. Eine andere Berliner Zeitung sandte darauf einen Reporter und einen Phntographen und brachte das Bild der Kleinen unter dem Titel „Deutschlands jüngste Dichterin". Andere Zeitungen brachten Bilder und Artikel, sehr gegen den Willen des Kindes und der Familie, die jeder Reklame abhold waren. Schließlich meldete sich auch ein Verleger, der die Gedichte unter dem Titel „Knospen. Gedichte eines Kindes" herausgab. Dos Büchlein ist längst vergriffen, die Dichterin, von der in der Zwischenzeit einige gute Romane erschienen sind, befindet sich zur Zeit in Palästina. Nicht 4iur geistige, auch körperliche Stärke ist manchen Kindern eigen: der elfjährige Helmut L i c h t e n f e ld trat die Nach-' folge Breitbarts an. Im Hamburger Zirkus Busch zeigte er das Kunststück, ein dreieinhalb Zentner schweres Pferd mühelos mit dem Genick hochzuheben. Daß es Judenkindem auch nicht an sportlicher Gewandtheit fehlt, beweisen die großen Erfolge" jüdischer Sportler auf allen Gebieten. Der vierjährige Sohn des berühmten amerikanischen Fußballers John Lcvi ist selbst schon ein patenter Stürmer, der nicht ganz-vier Jahre alte James Cohen und die fünfjährige Esther Schwarzmann sind Itekordschwimmer und haben sich im Wasser schon nette Preise erkämpft. Nicht alle jüdischen Wunderkinder haben gehalten, was sie versprochen haben, nicht zuletzt wegen der Ungeduld ihrer Eltern, Erzieher, Lehrer oder Manager. Viele jedoch, und das waren die echten Wunderkinder, sind den Weg aufwärts gegangen bis zu den Gipfeln des Ruhms. Aus den Wunderkindern sind bewunderte Menschen geworden, zum eigenen Ruhme und nicht zuletzt zum Ruhme des Stammes, dem Bie entsprossen und dem sie in den allermeisten Fällen auch treu geblieben sind: dem Stamme Judas, dem Judentum. Dr. S. Elbe. ♦ * Soll man? zugegeben: es gilW bedeut- Soll man nicht? «"«ere_Probleme "i «ler heutigen Zeit, die eine Lösung verlangen. Aber auch die inimler wichtigen Fragen ilcs täglichen Lebet« wullen geklärt sein.. Also: Soll imin .. .V Wie sag' ichs..".? W issen L Sie, daß es früher unmöglich gewesen wäre, daß die ehrenwerten Mitglieder des englischen Unterhauses den feierlichen Sitzungssaal in Wcstnnnslcr anders als im Gehruck und Zylinder betreten hätten? Da saßen sie "mit dem Ihn auf dem köpf und nahmen ihn nur ab, wenn es ihnen geglückt »ar, das Auge des Speakers ituf sich zu ziehen, der ihnen datur das Wort erteilte. Das—ungeschriebene Gesetz verlangte, dalä «iah sich nur mit dem Zylinder auf ticin llaujii zum Wort melden konnte, aber man nahm ihn ab, wenn man sprach. t" Freilich gab es auch Ausnahmen. Der alte Gladstouc nahm sich die Freiheit heraus, sowohl als Premierminister wie als Führer der Opposition harhaupt dazusitzen. Dem Beispiel Gladstoncs folgten die Minister,' die es doch wohl als etwas unbequem empfanden, hei den vielen Anfragen, die an sie gestellt wurden, immer den Hut auftind abzusetzen Wir haben in licrliu die verdienstvolle liinriehtnng der Geineindeulicnde. Sie finden in den großen Syna: gogen statt. Da werden von prominenten Mitgliedern der Gemeindeverwaltung Vortrüge gehalten. Glücklicherweise werden dabei weder Anfragen au die Gemeinde-Minister gerichtet, noch sonst Wortmeldungen aus dem Publikum entgegengenommen. Trotzdem halten es viele der männlichen Besucher für richtig, sich über den geheiligten Brauch, im Gotteshaus die Kopfbedeckung aufzubehalten, hinwegzusetzen. Eine 1 landhabc dazu bietet ihnen eine eiserne \Vaml,_ die an solchen Abenden vor'dem Tornschrcin aufgerichtet ist, so daß der "heilige Raum gewUtermntten in einen -weltlichen Vortrag»»aa\ verwandelt ist. Diese Unbehüteten in der Synagoge — es muß um der historischen . Wahrheit willen, gaarngt .werden —r konnten togae.noch einen anderen Gruna tür"ihreBarhäuptigkeit ins Treffen führen^Der Brauch der Kopfbedeckung im Gotteshause wurde erst lange nach uer exilischen Zeit zum Gesetz erhoben. In Babylonien entsprach die Kopfbedeckung zwar der allgemeinen Sitte, sie war aber nirgends als religiöser ilrauch vorgeschrieben. Auch in Europa scheint die Kopfbedeckung zuerst ini mohammedanischen Spanien streng durchgeführt worden zu' Beim In Frankreich war es am Anfang des 13. Jahrhunderts sogar üblich, am Torafest Knaben ohne Kopfbedeckung zur Tora aufzurufen. Die Einrichtung der Barbiiuptigkcit, wie sie die Uerliiicr lleformgemeinde in ihrem Gottesdienst vorschreibt, hat allerdings in Europa nirgendwo Nachahmung gefunden. Ein Gemeindeabend ist kein Gottesdienst. Auch wenn er an gottesdienstlicher Stelle stuttfindet.^Ein Vortrag über den Etat ist kein Gebet. Höchstens eine lütte . . . die Steuern pünktlich zu zahlen. Dennoch: Hütet den altehrwürdigen. Brauch 1 Tragt den Kopf hoch, aber mit Bedeckung! Trutz der eisernen Wand. Man soll nicht immer mit dem (hutloscn) Kopf durch die Wand. GewiLV nicht in der Synagoge. Eta. Das Lampenfeft in der Judengaffe Ein erdichteter Spaziergang Heinrich Heines- In »einem Hurh über Ludwig Börne gilit Heinrich Heims chic mtBchauYichc Schilderung des Chanukka-tesIcB in der Jnden-. Sjasse in Frankfurt a. M. AI» Heine «ich im Jahre 1827 auf der (eise nach - München befand, liett er sich durch den anregenden Verkehr mit Münte drei Tage lang in Frankfurt festhalten, und er berichtet ausführlich Ül>er die Gespräche, die beide miteinander — geführt haben. Der innere Gegensatz beider Naturen, der «pSter zu gehörigen wechselseitigen Anfeindungen führte, trat damals noch nicht zutage. Eine» Abends traten sie eine Wanderung durch das Judenquartier an. Es war nach Hernes Bericht gerade lim jene Zeit, als die jüdische Bevülkcrung~Frankfurta das Chonukka- Fest beging. " . , - ftAls wir", schreibt Heine; „dcnselben^Abcnd wieder durch die Judcngas&c gingen und das Gesnrich über die Insassen derselben wieder anknüpften, sprudelte die Quelle des ßörncschen Geistes um-BO heiterer, 'da auch jene Straße, die am Tage einen düsteren. Anblick gewährte, jetzt fröhlich illuminiert war und die Kinder Israels an jenem Abend, wie mir mein. Cicerone erklärte, ihr lustiges Lampenfest feierten. Dieses ist einst gestiftet worden zum ewigen Andenken an den Sieg, den die Makkabucr Ober den Königvon" Syrien so heldenmütig erfochten haben." ✓ Sie kamen" auf ihrem Weg auch an dem Stammsitz der Rothschilds vorbei. „Sehen Sie", meinte Hörne, „hier in diesenr- Ha'usc wohnt die alte Krau, die Lötitiu, die so viele Finanz- Bonapartes geboren bat,, die große Mutter aller Anleihen, die aber trotz der Weltherrschaft ihrer königlichen Söhne noch immer ihr kleines Stammschlößchen in der Judengaasc nicht verlassen will und Heute wegen de» großen Freudenfeste* ihre Venatcr mit

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