Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 92 (5.12.1934)
- Date
- 1934-12-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sieg der Idee \ Von FABIUS SCHACH Will man die Eigenart des Chanukkafestes nicht nur in »einer äußeren Gestaltung — Fc*>t ohne Arbeitsverbot, ohne besonderes ' Gepräge im Gotteshause — sondern auch in seinem seelischen Gcnalt mit einem prägnanten Worte charakterisieren, so wird man es als Fest ohne Romantik, bezeichnen. Cnd doch fängt gerade die Gebetscinlage dieses Festen mit den Worten an: „Für die Wunder . ... (al hanissim).11 WunderV Es ist da» Wunder eines großen Gedankens, der Sieg der Idee, was hier gefeiert wird. Das Ereignis ist liier historisch zu klar, um romantisch zu sein, das gewaltige Geschehen. — psychologisch gesehen — zu natürlich, um Kaum für Wunder zu haben. Des Juden Empfinden war stets für Wundereinwirkungen aufgeschlossen — vielleicht darum, weil sein Lebcnsschkksal wie ein Wunder anmutet. Der Sieg der -Cottesidee über die rohe Kraft, der Sieg des Sittlichen über das Heidmsch-SftnUchc, den wir im Chanukka feiern, scheint wie ein Wunder, und ist doch der Vernunft faßbar. Es zeigt sich darin, wie -in allen großen jüdisch-■geschichtlichen Vorgängen, daß Gerechtigkeit . und Wahrheit Ewigkeitswert hol Jen und daß sie daher über alles Zeitliche den Sieg davontragen. Die jüdische Geschichte ist die: Geschichte dieses Gedankens — nicht immer in seiner Reinheit —, diese Idee ist die Trägerin aller Kraft und aller Größe in Israel. Aufschwung und Niedergang, Glück und Unglück alles kann an dieser Idee gemessen werden. Keines unserer Feste ist so geeignet, uns die Lehre von der Lebenskraft der Wahrheit einzuprägen, wie das Chanukka. Daher tut es in unserer'.Zeit not, daß wir uns an diesem Gedanken aufrichten, * daß wir aus ihm' Dulderkraft und Sicgcshoffnung schöpfen. Was ist da vor 2200 Jahren geschehen? Ein Volk, in Freiheit erzogen, eine Gemeinschaft, die keine andere Gebundenheit als an das Sittlich-Religiöse kannte, wird durch rohe Macht erobert und nicht nur der staatlichen Selbständigkeit, sondern auch der "Ehre, der Lebenskraft beraubt. Noch mehr: der Eroberer strebt dahin, dqn Juden mit Gewalt ihre Religion, ihr Lcbenselcment zu nehmen. Verdunkelt isCdie ehemalige Größe dieses Volkes, gewichen ist sein Ruhm. Es wird gedemütigt, sein Heiligtum ist verunreinigt, alles Hohe entweiht. Götzenbilder voller Sinnlichkeit sollen das rein geistige Göttliche verdrängen, Symbole roher Kraft sollen das Ideal der sittlichen Reinheit besiegen. Und der lange schwere Druck hat bereits Würde tosigkeit und Verzweiflung in den jüdischen Reihen gezeugt, das Volk hat mit der Gottesidee seinen inneren Halt verloren, das Griechische hat sich mit dem Asiatischen zu einem fremden Gebilde ■ verschmolzen, zu einer Verleugnung des höheren Lebenssinnes. Und -als wäre alles Gefühl für Würde in Israel tot, beugt sich das "Volk auch innerlich dem Feinde, ahmt seine Sitten und Gebräuche nach und zerstört selbst den Kern seines Seins, - den Quell seiner Seelenkraft. Die Jugend schwelgt in fremdem Kulturclemcnt. Das Alter ist verzweifelt, hält" jeden Widerstand für unmöglich und verfällt dem Fatalismus. Nur wenige noch halten trotz aller Gefahr treu zum überlieferten Glauben der Väter und warten auf ein Wunder. Da* erscheint plötzlich der rechte Mann zur rechten Stunde, der wahre Träger des Gottesgedankens, des Volksfjedankeng. Ein Greis ist es, ein Mann echter, schlichter Frömmigkeit, dem die .Schmach seines Volkes das Herz gebrochen hat. Er fühlt in sich den höheren Ruf, für die heilige Sache sein Leben zu opfern und voller Eiter fordert er dma Volk zum Kampfe für die Ehre Gottes, die Ehre Israels auf. Nur Wenige neben seinen Hcldenaöhncn folgen seinem Rufe. Zaghaft, ängstlich, voller Phi Iis Unbedenklichkeit, steht die Volksmasse da. Das Volk will geweckt, gerüttelt sein. Die Makkabfier verstanden es, weil sie die Fühlung mit dem .Volke nie verloren haben. Sie verstanden es, an seinen schlummernden Idealismus, an seine besten und stärksten Triebe zu appellieren. Und das Gewaltige, nie Geahnte geschah. Immer größer wurde die Schar derer, , die einsahen, daß man groß und stark nur in seinem Element sein kann. Sic legten ihre griechischen Spielereien ab, kehrten zurück zum Judentum, zum eigenen _ Wesen, und sie wurden stark, weil eine große Idee sie beseelte, und die Begeisterung verbürgte ihren Sieg. . " Die Makkahäer waren Helden, aber keine berufsmäßigen Krieger, die Not ihres Volkes zwang sie, das Schwert zu ergreifen und sie taten ihre Pflicht. Das Wunder der Makkabäerkämpfe ist das Wunder fester Überzeugung, das Wunder großer Willenskraft. Denn der Geist ist es, von dem alle Kraft ausgeht. Und wenn wir dieses Wunder besingen, so besingen wir die menschliche Größe, die vom Göttlichen in uns ausgeht und Wunder vollbringt. Wie groß die Macht des Glaubens ist, und was der Mensch in seiner Lebensheiligune vermag, das hat im Laufe der Jahrtausende Israel bewiesen. Nicht nur in ihrer Urheimat war die ■ Judenheit stark, sondern auch überall, wo dos Schicksal sie hinstellte — stark freilich in immer anderer' Gestalt, stark im Dulden, stark im Glauben und Hoffen, stark-im Wirken für die Zukunft Ja, als die Judenheit ihre äußere Heimat verlor, wurde der Glaube an den Fortschritt der Menschlichkeit, an den Sieg der Gerechtigkeit ihre innere Heimat. Diese Gemeinschaft, die wie kaum eine zweite für Recht und Wahrheit litt, erhob den Glauben an den Mciuchlichkeitsgedanken zum Leberisainn, zum Zwecke alles Wirkens. Diese Leidensgemeinschaft, die täglich neue Enttäuschungen erlebte, trug die Fahne des Idealismus, der Lebensbejahung immer hoch. Man spricht heute viel vom Schicksal der Völker, und es will angesichts der neuen Erlebnisse scheinen, daß' .es das Schicksal der Juden ist, zu dulden und darin ihre Größe zu erkennen. Aber Schicksal ist nicht Verhängnis. Wir Juden sind keine Fatalisten. Wir wissen, daß der Mensch irgendwie an seinem Schicksal mitarbeitet, daß schon die Art, wie er es aufnimmt, entscheidend sein kann dafür, ob dos Erlebnis ihn erhebt oder erdrückt. Wir können unser Schicksar nicht abwenden, aber wir können daraus etwas machen. Unsere Väter haben uns dos Beispiel vorgelebt, wie man auch in Zeiten .schwerer Not durch ^-Einigkeit und Opferfreudigkeit, durch den wahren religiösen Idealismus Schönes gestalten kann. Jedes Kapitel unserer Geschichte zeugt davon, daß das Leid der Weg zur inneren Läuterung, der Weg zu Gott ist, Die Formen mögen wandeln, der Geist muß bleiben. Es mag über die Religion hinaus Bindungen des Blutes, der Geschichte geben, das Seelisch-Stärkste in der Judenheit aber war stets das Religiöse gewesen. Die Juden haben gewiß ihren Anteil an der menschlichen Kultur, und sie haben auf allen Gebieten Schönes geleistet, - wahrhaft schöpferisch aber seit den Propheten" waren sie nur in der religiösen Ethik. Sie waren es, die der Menschheit den Weg schlichter religiöser Größe zeigten, und sie lehrten nicht nur, sie lebten diesen Gedanken. Chanukka ist 'die Zeit geschichtlichen Nachdenkens, die Zeit der Besinnung auf unser inneres Wesen und unserem, Lebensainn, Daher kehren wir immer wieder zu unseren großen Ahnen zurück ' und schöpfen aus ihren Taten Trost und Hoffnung. Hat uns da? Leid der Gegenwart gezeigt, daß wir im Streben zum ewigen Ziel t des Judentums nicht immer den richtigen Weg gegangen sind, so scheuen wir uns nicht, umzukehren — umzukehren nicht in ein neues Ghetto, sondern in unsere kleinere, aber reiche Welt, in der wir unser Judentum mit Stolz tragen und dabei alles Große und Schöne, das wir der Umwelt verdanken, freudigen Herzens pflegen. Wir folgen dem Rufe unserer Seele, aber auch dem Hufe der Zeit. Wir sind und bleiben jüdische Menschen deutscher Kultur und deutschen Schicksals. Was in uns zu einer Einheit geworden ist, das vermag kein Zeitgeschehen rückgängig zu machen. So feiern wir. unsere Makkahäer. Wie unsere Väter zünden wir das Chanukkalicbt, das Symbol des Geistes, in unseren Häusern an. Wir erkennen die Zusammenhänge der Geschichte, die Kraft der Eigenart, aber auch den Geist der Zeit, die Pflichten der Gegenwart für die Zukunft. Alle Verkennung soll uns nicht abbringen von der Bahn des Lebenden, Fortschreitenden, des Wirkens und Schaffens für uns, unsere engere und weitere Gemeinschaft. Chanukka heißt Neuweihe, dos ist für uns Symbol und Weisung. Weihen wir unser Tun dem ewigen Ideal der Wahrheit, dann sind wir nicht Epigonen, sondernwürdige Nochkommen der Makbabäer. Franz Rofenzweig Zur fünften Wiederkehr feines Todestages Von AHTUR WOLFFERS Am 10. Dezember jährt sich zum fünften Male der Todestag Franz Roscnzweifp. Auch wer diesen großen Lehrer in Israel nur aus seinen Schriften kennt, weiß: der Verlust, den die Judenheit an jenem 10. Dezember 1929 erlitt, wiegt heute noch schwerer als damals. Daß uns in der Bedrängnis dieser Zeit die geistige Ordnung stiftende und wegweisende Persönlichkeit Franz Rosenzweips fehlt, macht sie um vieles verworrener. Franz Rosenzweig wurde am 25. Dezember 1886 in Kussel geboren. Nachdem er seine Schulbildung mit dem Reifezeugnis abgeschlossen hatte, studierte er zunächst Medizin und dann Geschichte bei Friedrich Meincckc, dem er sein erstes großes Werk „Hegel und der Staat" widmete. Allmählich erwuchs in dem Studenten ein Drang nach vertiefter Kenntnis des Judentums. 1913 lernte er Hermann Cohen kennen, der damals an der Berliner Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums dozierte. Rosenzweig wurde sein Schüler. Als der Weltkrieg ausbrach, ging er als Freiwilliger an die Front. Von dort sandte er 1917" an Cohen einen berühmt gewordenen Offenen Brief, „Zeit ist* s", in dem er Vorschläge für eine völlige Erneuerung des jüdischen Bildungswesens machte." Daneben entstanden an der Front, auf Fcldpostkarten, die er an seine Mutter nach Hause schickte, die ersten Aufzeichnungen zu seinem großen Werk „Der Stern der Erlösun g". Dos ist ein in umfassender Weise von Gott, Welt und Mensch handelndes philosophisches Buch von sprachlicher und gedanklicher Schönheit, ober sehr schwer zugänglich, zu einem Teil unverstanden geblieben. Rosenzweig selbst hat sich daher damit einverstanden erklärt, daß man mit der verhältnismäßig leichten Einleitung zum dritten Teil des Werkes anfängt und sich von da aus vorwärts und rückwärts wciterlicst. Als Franz Rosenzwcig aus dem Weltkrieg heimkehrte, gründete er eine"" Familie und — in Frankfurt am Main — ein Lchrhaus. „Denn erst mit der Ehe wird er (sc. der Jude) ein vollwertiges Glied des Volks; nicht umsonst betetsein Vater bei seiner Geburt, es möge ihm vergönnt sein, ihn zu erziehen zur Tor«, «um Trauhimmel und zu guten Werken. Tora, sie Lernen und Halten, ist die allzeit gewärtige Grundlage eines jüdischen Lebens; mit der Ehe beginnt die volle Verwirklichung dieses Lebens; erst da sind eigentlich die „guten Werke" möglich" („Stern der Erlösung"). 1921 wurde Rosenzweig von einer schweren Körperlähmung befallen, die ihn bis an sein Ende nicht mehr verließ und ihm zunächst die. Bewegung und später die Sprache raubte. Auch dann hörte er nicht auf zu wirken. Mit dem einzigen Finger, über den er die Herrschaft behalten hatte, bewegte er den Zeiger einer Buchstabenskala und deutete so Worte an, die von seiner Frau aufgeschrieben wurden. Auf diese Weise vollzog sich seine Mitarbeit an der von Martin Buber gemeinsam mit ihm unternommenen Verdeutschung der Bibel. Zahlreiche von Rosenzweigs Schriften zur Philosophie und Religion sind in dem Sammelband „Z weis tromland" vereinigt. Seinem Lehrer Hermann Cohen huldigte er in einer Einleitung zu dessen „Jüdischen Schriften*1, Rosenzwcig hat wesentliche Ideen Cohens innerlich überwunden, und doch stammt das Schönste, was je einer über den großen Neukantianer gesagt hat, von ihm, wie denn überhaupt in den Beziehungen Rosenzweigs zu seinen - Lehrern und Schülern das altjüdischc Ethos des Lehrcr- Schülerverhältnisses neues Lehen gewann. Neben „Zeit Ists", seiner jüdischen Erstlingsachrift, bestehen noch zwei Offene Briefe über jüdische Probleme. Der eine heißt „Bildung und kein Ende" und behandelt vor allem die Frage der jüdischen Volkshochschule. In ihm findet sich auch ein gewichtiger Beitrag zur Kritik des Zionismus. Rosenzweig sagt von ihm, er sei ein guter Diagnostiker und ein schlechter Therapeutiker, d. h. er hat Vorzügliches f;eleistet in der Analyse der politischen, geistigen und wirtschaftichen Situation der Juden, seine Rezepte sind Gaber für eine wirkliche Meisterung der durch das jüdische Diasporadasein im einzelnen jüdischen Menschen, in der jüdischen Gesamtheit und in den Beziehungen zwischen Juden und Umwelt entstehenden Problematik nicht geeignet. In der Schrift „Die Bauleute", einem Offenen Brief an Martin Buber, tritt Rosenzweig' für eine Erneuerung des Religionsgesetzes ein. Neben den eigentlichen schriftstellerischen Arbeiten hat uns Rosenzweig^einc Reihe wertvoller Ubersetzungen geschenkt, die nicht nur den Inhalt, sondernauch den Rhythmus 'der Originaltexte wiederzugeben sich bemühen. Die Zusammenarbeit mit Buber bei der Verdeutschung der Bibel wurde bereits erwähnt. Im Nachwort zu seiner Übertragung von Hymnen und Gedichten Jehuda Halcvis hat Rosenzweig seine Art des übersetze na, wie einst Luther in seinem „Sendbrief vom Dolmetschen", ausführlich begründet und dabei eine ganze Sprachphilosophie entwickelt. Uber „Die Schrift und Luther" hat er übrigens eine besondere kleine Arbeit veröffentlicht. In diesen Tagen sollte Franz Rosenzweigs gedacht werden; denn „das Andenken des Gerechten ist zum Segen". ■ Arbeitsgemeinschaften der Jüdischen Reform-Gemeinde. Schon seit mehreren Jahren veranstaltet die Jugendgemeinschaft der Reform-Gemeinde Arbeitsgemeinschaften für ihre Mitglieder. Der der Erwachsenenbildung zukommenden Bedeutung, die in der jüdischen Öffentlichkeit erst im Laufe der letzten Zeit in ihrer ganzen Größe erkannt worden ist, Rechnung tragend, hat der Vorstand der Gemeinde beschlossen, in diesem'Winter Arbeitsgemeinschaften für Erwachsene einzurichten. Es sind zwei Arbeitsgemeinschaften geplant worden. Die erste, unter Leitung von Rabbiner Dr. Gottschalk, behandelt das Thema: Bibel und. Dichtung. In vier Doppelstunden soll die Dichtung in der Bibel und ihre Formen, ferner die Weiter- und Nachbildung biblischer Stoffe in der Dichtung besprochen werden. An diese Arbeitsgemeinschaft schließt sich, ün Februar nächsten Jahres beginnend, eine weitere an, deren Thema „Judentum und Christentum" lautet.* Die Leitung 'hat Dr. Roscnthal übernommen. KantJtreiße 158 IIITr. Dr. Julius L. Seligfoha über die Aufgaben der Reiehmertretung Der Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin hatte zu einer Vorstandssitzung eingeladen, bei der nach einem künstlerischen Auftakt durch Lotte Brandt', die mit kultivierten Gesangsvorträgen die Hörer in. ihren Bann zog, Rechtsanwalt Dr. Julius L. S c 1 i g 8 o h n , stellvertretender- Vorsitzender des Liberalen Vereins und Mitglied des Präsidial-Ausschussea der Reichsvertretung der deutschen Juden, über den gegenwärtigen Stand der Arbeit in der Reichsvertretung sprach und ein aufschlußreiches Bild von der umfassenden und tiefgreifenden Tätigkeit entrollte, die sich im dritten Stock des Hauses Kantslraße 158 entfaltet. Der Redner betonte die doppelte Aufgabe der Reichsvertrerung: die deutschen Juden im deutschen Kaum zu erhalten, wobei es zunächst nicht so sehr auf die Form ankomme, und den jungen Menschen in Deutschland zu helfen,' in materieller und seelischer Hinsicht, ihnen Ausbildungs*. und geistige Entwicklungsmöglichkeiten zu geben. Dr. Seligsohn beschränkte sich dabei keineswegs auf' theoretische Ausführungen; er bot vielmehr eine Reihe praktischer Beispiele, die die schwierige Situation beleuchteten. Nach einem Überblick über die Organisation der Rcichsvertretung und die bedeutsamen Aufgabengebiete des Zentralausschusses für Hilfe und Aufbau erörterte er eingehend die kulturellen und wirtschaftlichen Probleme, die sich aus der heutigen Lage der deutschen Juden im deutschen Lande ergeben, und wie sie sich in der Tätigkeit der Rcichsvertretung auswirken. Engehcnd sprach Dr. Scligsohn zum Schluß seines fesselnden Vortrags über die Frage der jüdischen Schule. Zahlreiche neue Schulen seien gegründet und von der Reichsvertrerung aufgebaut worden. Große Schwierigkeiten für die Zukunft bereite das zentrale Problem der Lehrer-Fortbildung. Es seien Lchrerfortbildungskursc eingerichtet worden sowie Lchrerschulungswochcn an verschiedenen Stellen des Reiches. Unbedingt geschaffen werden müsse eine Lehrmittelschau sowie eine Wanderbücherci. Von Bedeutung sei ferner die Gestaltung des Sabbat für die jüdische Jugend nach den Plänen, die die Rcichsvertretung ausgearbeitet habe. Die jüdische Bildung müsse auf das Wochenende, auf die Zeit von Freitagabend bis Sonntag abend, verlegt werden. ' An den Vortrag, schloß sich eine lebhafte Diskussion, in der sich vor allem Moritz R o e c n t h a 1, Wilhelm Marcus und Hermann Falkcnbcrg zu dem Fragenkomplex äußerten, wie die Jugend für die Idee, des Sabbat zu gewinnen sei. Hoffentlich findet der an den Vorsitzenden, Herrn Landgerichtsrat Dri Martin " L e s s e r, herangetragene Wunsch, häufiger solche Abende zu veranstalten, an denen nicht rein "ideologische, sondern praktische Fragen des jüdischen Lebens erörtert werden, bald Verwirklichung. Zwei Tage für die jüdifche Frau Die von der Künstlcrhilfc der Jüdischen Gemeinde geschaffenen Tage für die jüdische Frau . sind bereits als feste Posten in den Etat der Berliner Jüdin eingesetzt. Die letzte dieser Veranstaltungen hatte ihren Rahmen bedeutend erweitert. Die Nachmittage für die Frau (und die Kinder) dehnten sich aus zü Abenden mit dem Mann. Es gab eine mit Chansons und Orchcstereinlagen garnierte Moden- . schau, eine kleine von Frau Berta Falkenberg eröffnete Ausstellung, die unter der Devise „Alles für Chanukka"stand, und abends ein sogenanntes gemüt- Lucy Gelber und ihre „Stars« ' J"*» T««*»1**» J . . . bei dem die Weintraub-Sinfoniker spielten. Für den Jugendnachmittag hatte Lucy Gelber, die rührige Intendantin der Kinderbühnc des Kulturbundes, eine veritable Revue gedichtet, die, gruppiert um den Schlager „Heut ist Mittwoch", den jugendlichen ' Mitwirkenden Gelegenheit' gab, die Zügel ihres Temperaments und ihrer schauspielerischen und tänzerischen Begabung schießen zu lassen. Nachdem die Kinder zu Bett geschickt waren, durften die Erwachsenen zum Gesellschaftsabend gehen. Die Veranstaltung — zu Gunsten des Winterhilfswerks des Deutschen Volkes — wurde durch Ansprachen von Dr. Alexander und Rabbiner Dr. Gottschalk eingeleitet. Das Mittelstück bildete ein unterhaltender Teil, künstlerisch von A(tlaß) bis Z(eelander), über die einfallsreiche Tänzerin Else Dubion, Annemarie Hase, Paula Lindberg, Camilla Spira, Egon Jacobsohn, Boris Kroyt und Max Mansfeld. Zu den Klängen des Orchesters der Künatlerhilfe, das ihr Gründer Berthold Goldschmidt und der begabte Fritz Wallenberg leiteten, wurde auch ein wenig getanzt. ..•; ■ Arthur Silbergleit-Abend Es war ein guter Gedanke der Künstlerhilfe, einen Abend zu veranstalten, der den Werken Arthur Silbergleits galt. Die Einleitungswortc sprach Egon Jacobsohn, der anstelle des erkrankten Fritz Engel einsprang und einen Essay Engels über Arthur Silbergleit vorlas. Johanna Meyer brachte dann veröffentlichte und unveröffentlichte Arbeiten Silbergleits zu Gehör, die die Zuhörer mit Interesse aufnahmen und dem Dichter sowohl wie seiner Interpretin durch freundlichen Beifall für zwei schön verlebte Stunden im Hause von Frau Toni Frankfurter in Dahlem dankten. Heitere Mufik um 1800 Dies war das Motto eines Konzertes, das der Pianist Hans Baer unter dem Protektorat der Künstlerhilfe in seinem Hause veranstaltete. Nach einem einleitenden Vortrag Dr. Oskar G u 11 - manns hörte, man eine hauptsächlich Haveln und Mozart gewidmete' Programm folge, die freilich nicht durchgehend den Grundgedanken des Abends wahrte, so etwa bei einem Mazartscben Klavierkonzert. Die beste Leistung bot der Hausherr selbst; perlendes . Laufwerk, Durchsichtigkeit und sensibelste Abtönung im Klanglichen zeichnen sein Mozartspiel aus, während er Webers Perpetuum mobile von der motorischen Seite her anpackt. — Der Klarinettist Helmut S p i 11 e 1 vom Kulturbuhdorchester entwickelte in einem Weber-Rondo beachtenswertes Können. Helene Lachmanski-Schnul sang — ihre Selbstbegleitung .war allerdings wenig glücklich — mit ansprechendem Vortrag einige einige Kostbarkeiten heiterer klassischer Liedkunst. ■ " F.