Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 91 (28.11.1934)
- Date
- 1934-11-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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1. Beilage 28. November 1934 JÜDISCHE AUGEHHNE 1MITUNQ Uufere Chanukka-Hymne Von ARNO NADEL Die Chänukka-Hymne, der freudige Gesang, den wir in Deutschland und in den Synagogen (in den Synagogen intonierte man sie viel später als im Haus) . nach der uns so lieb gewordenen Melodie anstimmen, kennt man außerhalb Deutschlands kaum. Der hebräische Text stammt von einem mittelalterlichen Piut-Dichter, namens Mordechaj, wie man aus den Anfangsbuchstaben der fünf Strophen entnehmen kann. Er soll um 1250 gelebt haben. Das Lied besingt nach der einleitenden allgemeinen Lob- Strophe die Siege der Juden über ihre Feinde in den verschiedenen Zeitaltern, die Triumphe über Pharao, Agag (gemeint ist dessen Nachkomme Haman) und Jawan (Syrien, wegen der griechischen Annektion so genannt). Die Melodie stammt aus dem 16. Jahrhundert, wenn nicht, wie ich vermute, aus späterer Zeit. Sie ist zu prächtig bewegt, um aus der Zeit des Volksliedes „So weiß ich eins, das mich erfreut, das plümlein auff preiter heyde" oder des . Lutherschen Chorals „Nun freut euch lieben Christen gmein" ihren Ursprungherzuleiten, wie Fachkenner annehmen. "Mit den genannten beiden Melodien hat sie nämlich, wahrscheinlich rein zufällig, nur den Anfang gemein. Sonst ist sie, wie gesagt, viel weiter und moderner ausgebaut Dafür aber, daß sie über 200 Jahre in deutschem - Gebrauch ist, kann ich mich deshalb verbürgen, weil ich sie in dem ältesten hebräischen Melodien-Kompendium (um 1700), oder genauer die ersten acht Takte, mehrmals, für den Chanukkagebrauch bestimmt, gefunden habe. Zum ersten Male gedruckt ist sie 1815 in London in den „Hebrew Melodies" von Lord Byron zu dem Texte „On Jordans banks" in der Aufzeichnung von Braham und Nathan. Jüdisch ist die Melodie keineswegs, d. h. sie entspricht nicht der Musik, die wir als solche, etwa den alten hebräischen Rezitativen folgend, bezeichnen. Sie ist gut deutsch, eine Art Marsch, und eignet sich deshalb vorzüglich für die Kennzeichnung eines Siegesgefühls. Man nannte sie, ebenso wie die zionistische Hatikwah, ihrer . Popularität wegen,- die jüdische Nationalhymne. Es dürfte, wohl den Leser interessieren, neben der allbekannten, der Musik vorzüglich angepaßten freien Übertragung „Schirm und Schutz in Sturm und Graus" zwei Strophen in der weit genaueren Ubersetzung von Michael Sachs kennenzulernen. Ich setze sie hierher. Du mein Schild, Hort meiner Macht I Schön ist's, Dir den Dank zu singen. Bau mein Heiligtum in Pracht, Daß den Dank wir dort Dir bringen. Wenn den Feind, der trotzig bellt, Einst Dein Armzerschmetternd füllt, Dann wird hell im Jubclklang Freudig lauter Lobgesang Für die Tempclwe^h, Dir klingen. Leidesfülle einst mich tränkte, Kummer hat die Kraft gebrochen, Schwere Fron mein Leben kränkte In des trotzigen Wütrichs Jochen. Aber Deine Hand roll Ruhm Löst Dein teures Eigentum, Pharao und seine Brut Wie ein Stein sank in die Flut, Wegspült sie das eitle Pochen. Noch mehr aber, schon für den Oneg Schabbat des Festes, gehört hierher ein im vorigen Jahrhundert vielfach gesungenes deutsches Kinderfied eines Dichters; der sich mit N. M. zeichnet: „Des Kindes Chanukkah". Dessen Melodie stammt von dem seinerzeit sehr angesehenen Chasan Adolf Schönfeld, der 1892, nach etwa 40jährigem Wirken in Posen, daselbst gestorben ist. Chanukkah, Chanukkah, Chanukkah in allen Straßen, Chanukkah, Chanukkah, Chanukkah in allen Zonen, Wo nur Judas' Söhne wohnen, Die den' Glauben nie verlassen! Wenn die kleinen Lichtlein strahlen In den silbernen Gestellen Und das Zimmer sanft' erhellen, Wer versuchte, das Glück zu malen, Das erglühet auf den Wangen, Leuchtet in dem Aug' der Kleinen, 'Die so heiter hier erscheinen, Um Geschenke zu empfangen! Auf und ab im Zimmer schreitet Beim Gesang nach alter Sitte Der Papa mit festem Schritte, Von der Kinderschar begleitet. N Nun erfolgt die größte Freude. Hat das Spielen erst begonnen, Ob verloren, .ob gewonnen, Glücklich 'amd die Kinder beutet Denken sie auch an die Helden, Die mit Löwenmut gestritten, Die gekämpft, für uns gelitten ' . Und.da» HriligtTim.her»teU<an?- .. ^. Gianukkäh,'' Chanukkah, Cbannkkah' in "allen Straßen, Chanukkah, Chanukkah, Chanukkah in allen Zonen, Wo nur Judas Söhne wohnen, ' Die den Glauben 'nie verlassen! Die zweistimmige sehr hübsche Melodie habe ich im Berliner Gemeindeblatt 1926 (Nr. 12) mitgeteilt. Die Strophe „Auf und ab im Zimmer schreitet" verwendet die Musik der Chanukka-Hymne. Wir bereiten Chanukka vor Hochbetrieb im Heim — Es wird geprobt —" Ein Vertrag mit den Eltern — Chanukka der Tat Seit zwei Wochen herrscht bei uns im Heim Hochbetrieb. Solltest Du einmal zu uns kommen, Du würdest Dein blaues Wunder erleben! " Jede Gruppe — bei uns im Heim arbeiten 20 Gruppen — hat ihre besondere Arbeit. Das kam so. Sechs Wochen vor Chanukka begann das alte Spiel: Wir suchten ein Stück zum Aufführen. Nach zwei Wochen gaben wir's auf. Und nach der bewährten Parole, selbst ist der Mann, schrieben vir uns unser Chanukkastück selbst. Wir wollten nicht eines von den üblichen Stücken haben, in denen das artige Kind mit seinen Eltern zum Schluß gerührt am Chanukkaleuchter steht, nachdem der fremde Mann durch den Glanz der Lichter zu ihnen gefunden hat. Es kamen nur zwei Dinge "in Frage: Entweder wir schrieben, wie wir Chanukka erleben, oder die Chanukkageschichte selbst. Wir entschlossen uns für das Letztere. Und wenn Du jetzt, denn davon wollt ich. ja erzählen, durch unser Heim gehst, so hörst Du Elcasar zum König Anüochus sprechen. „Mich schreckt Ihr nicht, in allen Lebenszeiten, Ersah ich seine knöcherne Gestalt. Komm Bruder Tod, Du sollst willkommen sein, - Dein eis'ger Hauch bewahret meine Ehre. Denn nicht in Schimpf und Schande will" ich sterben, Nur treu und edel, wie ich stets gelebt" Und aus einem anderen Zimmer wird Dir die Stimme Hanna's entgegentönen: _ ■ ■ „Ich ruf den Herrn zum einzig wahren Zeugen, Daß ich getan, was mir die Pflicht gebot. Er wird zu Ihm den wahren Weg mir zeigen, Den Weg der Freude, nicht zum grausen Tod . . . Blind ist Dein Recht, es wird Dein Szepter wanken, Das Du in blutgetränkten Händen hältst." Aber . nicht nur die Proben gelten der Vorbereitung des Eltemvormittags, den wir machen. Da müssen Kulissen gemalt werden, Bilder werden für eine Ausstellung zusammengestellt, und in einem kleinen Zimmer werden Lieder,; die sich für Chanukka eignen, ausgesucht. Im übrigen wird in allen Gruppen gearbeitet, für das, was wir unser Chanukka der Tat nennen. Wir glauben nämlich, daß es absolut nicht genügt, daß wir nur Chanukka feiern. Nirgends können wir unseren Willen zur Gemeinschaft so Btark zum Ausdruck bringen, wie an den jüdischen Feiertagen, wo wir die Geraeinschaft auch mit den Menschen, die nicht im Bund sind, spüren. So haben wir uns zu einer Chanukkafcier mit einer Gruppe von Kindern verabredet, die von der Gemeinde versorgt werden müssen. Das macht viel Arbeit! Wir müssen doch schließlich eine solche Feier noch besser vorbereiten, als irgend eine andere. So reparieren unsere Jungens S pie 1 zeu g, das sie nun, wenn es wieder wie neu aussieht, den Kindern schenken können; Unsere Mädels stricken Strümpfe, und mit den Eltem ist ein merkwürdiger Vertrag abgeschlossen worden: Von dem, was wir an Süßigkeiten geschenkt bekommen sollen, sollen unsere Eltern uns schon heute einen Teil geben. Denn würde es uns schmecken, wenn wir wüßten, daß andere, mit denen wir teilen können, nichts haben? Und dann dürfen all die Kleinigkeiten nicht vergessen werden: Der Chanukkaleuchter für jedes Zimmer muß geputzt werden, pbot.' Sonnonfold. Auch die Mädchen arbeiten mit die Bilder in den Zimmern muß man auswechseln; schließlich gehören Chanukka nicht nur Karbenbilder ins Zimmer. Da haben« Pimpfe den. Juda Makkabi gemalt. Bilder von alten Chanukkaleuchtern hat eine Gruppe gesammelt, so etwas gehört Chanukka ins Heim. . _ ' Chanukka der Tat nennen wir unser Chanukka diese» Jahr. Wenn wir das erste Licht anzünden werden, brauchen wir nicht», mehr von Gemeinschaft, von Arlxrit für die Gemeinschaft zu sagen. Wer weiß, wie schön es ist, etwas dafür zu tun, spricht, nicht _ " G. F. " davon. DIE BIBEL ERZÄHLT im Wochcnabfchnitt Wqjtfthmo von Josef und »einen Brüdern. Sie beneiden ihn'-wegen der bevorzugten, Stellung, die sein Vater ihm einräumt. Sie hassen ihn, weil seine Träume ihm die Herrschaft über sie verheißen. Eines Tages kommt er zu ihnen aufs Feld. Ab sie ihn erblicken, lodert thr ümll ornfj und sie wollen ihn toten. 'Rüben, de* AJtöifei unter' ihnen, halt sie davon zurück. Doch sie werfen Josef in eine Grube und verkaufen ihn schließlich an vorüberziehende Iamaeliten, die ihn nach Ägypten bringen. So kommt Josef in das Haus Potiphars, eines ilofbeomten des Königs. o Die Erzählung unserer Sidra weist auf die Rivalität zwischen den israelitischen Stämmen'hin. Das Bild, inneren Unfriedens tritt uns in der Geschichte des Judentums häufig entgegen. Das Salomonische Reich wird geteilt. Israel kämpft gegen Juda. Im Nordreich werden Dynastien gestürzt. Im zweiten jüdischen Reich stehen sich in der Stunde höchster Gefahr Zeloten und Friedenspartei gegenüber. Auch nach dem VcrluBt der nationalen Selbständigkeit hören die inneren Gegensätze nicht auf. Die Karäer bestreiten die Gültigkeit der mündlichen Lehre. Um die Schriften des Maimohides, um das Recht der Philosophie wird leidenschaftlich gekämpft. Chassidismus und Talmudjudentum stehen in heftiger Fehde. Zu den politischen und religiösen Streitigkeiten kommt der Bildungsdünkel einzelner Gruppen. Die sephardischen Juden fühlen sich den aschkenasischen überlegen und beanspruchen eine aristokratische Sonderstellung. Dieser innere Unfriede hat stets die Widerstands- ~ -kraft des Judentums geschwächt Ihn im jüdischen Leben der Gegenwart zu beseitigen, ist die wichtigste Aufgabe, die uns gestellt ist. Es versteht sich von selbst, daß die Auseinandersetzung über die Grundfragen des Judentums weitergeführt werden muß. Im religiösen Leben ist Klarheit notwendig. Auch die politischen Probleme müssen gelöst werden. Es darf nicht unentschieden bleiben, ob -wir für' oder gegen das National-Judentum Stellung nehmen. Mit verschwommenen Formeln wird hier keinem geholfen. Doch das geistige Ringen um Wahrheit dort nicht die Form eines gehässigen politischen Machtkampfes annehmen. Jede Rivalität zu vermeiden, die Gegensätze zurückzustellen und das Verbindende zu betonen, alle vorhandenen Kräfte zu gemeinsamer Leistung zusammenzufassen, das ist die unabweisbare Forderung unserer Zeit Nur ein geeintes.deutsches Judentum wird imstande sein, sich in der Gefahr, die es bedroht,, zu behaupten. Lewkowitz-Berlin. fätußam mebe mm Moabit, Zutmftr. 41 BEKANNT DURCH QUALITXTS-WAREN