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Jüdische allgemeine Zeitung · 1934-11-21 · 90 (21.11.1934) · page 2

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
90 (21.11.1934)
Date
1934-11-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Wieviel Halbjnden gibt es? Der „Weftdeutlche Beobachter" ober das Problem der Mifchrafle Im Anschluß an eine Behauptung des Vorsitzenden des Reichsbundes nichtarischer, und nicht reinarischcr Christen", Alexander-Katz, es gäbe in Deutschland 5—6 Millionen Mttchünge, was bedeuten würde, daß jeder, zehnte Deutsche von der Ariergesclzgebung betroffen werde, beschäftigt sich Walter Ewald im ^Westdeutschen Beobachter*', Köln, mit dem Problem der Halbjuden in Deutschland. Nach der Feststellung, daß man die Frage nach der Zahl der Mischlinge nur beantworten könne, wenn man einen Blick in die Geschichte tue, fährt der Verfasser fort: ' „Erst nach der Emanzipation — also nach dem Jahre 1812 — können wir im eigentlichen Sinne von einer Vermischung deutschen und jüdischen Blutes sprechen. Gewiß gah es auch schon Im 17. und 18. Jahrhundert Taufen mit Mischehen im Gefolge, diese kommen ihrer geringen Zahl wegen aber nicht so sehr in Betracht. Außerdem kennt die Ariergesetzgebung im öffentlichen Leben ja auch eine bestimmte Grenze, nämlich die der Urgroßeltern1, die Partei mit ihren Gliederungen geht .selbstverständlich weiter zurück. Bei der von 1812—1850 lebenden Generation handelt es sich meist um 1 die Urgroßeltern heute Lebender. Wer einen getauften Juden unter seiner Urgroßeltern reihe hat, wird von der Judengesetzgebung nicht mehr erfaßt, somit fällt diese Generation bei einer Aufstellung der als „Nichtarier". nach dem Gesetz geltenden Personen weg; hier sei aber schon mit diesem Zeitpunkt angefangen. Wenn wir heute such keine genauen Angaben. über Mischlinge aus dem vorigen Jahrhundert vorfinden, so gibt es doch genug Quellen, die uns alle*' Wissenswerte sagen. So müssen in erster Linie die Judeataufen berücksichtigt werden. Es wurden in ganz Preußen von 1812 bis 1850.3500 Juden getauft, bei den 150 000 Juden, die Preußen zu jener Zeit beherbergte, eine sehr geringe Zahl. Ein großer Teil dieser Getauften hat ebenfalls wieder getaufte Ehegatten erwählt. Rechnen wir 3000 Ehen — eine sehr hoch gegriffene Zahl! — und nehmen wir wirklich an, diese Familien hätten durchschnittlich bis zur Gegenwart immer drei Kinder pro Ehe gehabt, eine Zahl, die, wie aus andern Angaben ersichtlich, ebenfalls sehr hoch geschätzt wurde, so kommen wir auf 9000 Kinder in der Generation 1830—1860, deren Kinder 36000, Generation' 1860 bis 1890, deren Kinder wieder sind günstigenfalls die Väter der beute Lebenden, Öfter jedoch die heutige Generation; die 3500 getauften Juden haben hente also höchstens 75 000 Nachkommen. Hinzu kommen die Nachkommen der zirka 2000 getauften Juden in andern deutschen Ländern; bei gleicher Rechnung wie •ben ergäbe das also nochmals 40 000 Mischlinge. Gefährlicher für den Bestand des Volkes wurden die stärker einsetzenden Mischehen in den 60er bis 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Von 1875—1900 gab es nach jüdischen- Angaben rund 19 000 Mischehen, worunter allerdings nur die Ehen mosaischer Juden mit Christen verstanden werden. Hinzu kommen ■ngetfthr 20000 Eben mit TEuIUncen. Diese rund 40 000 Fomilien Haben aber nicht so großen Schaden angerichtet, wie man bei ihrer Zahl xunachst vermuten könnte, denn: Die Mischehe war •in Hort der Kinderarmut. Auf eine Mischehe kamen 1,7 Kinder, aut eine rein jüdische 3,8! Setzen wir wieder den ungünstigsten Fall an und nehmen an, aus diesen 40 000 Ehen seien - 75 000 Nachkommen entstanden. Für die Zeitspanne von 1850—1875 stehen uns leider keine Angaben zur Verfügung. Aus Mischehen, die in dieser Zeit eingegangen wurden, werden wohl heute ebenfallls 75 000 Mischlinge leben. - War die Entwicklung -las zur Jahrhundertwende durchaus „normal", d. h. nicht unbedingt für den Volkakörper bedrohlich, vor und nach dem Kriege nahm sie Formen an, die ernstlich eine Gefahr darstellten! Kamen 1880 auf 100 jüdische Heiraten 4,4 Mischehen, so schnellte dieser Anteil 1910 auf 19 hinauf; erschreckend hoch sind die Zahlen von Hamburg und Magdeburg: von 173 Juden haben im Jahre 1920 100 jüdische und 73 Mischehen geschlossen» in Magdeburg sogar' von 225 Juden 100 jüdische und 125 Mischehen! Die aus diesen Ehen entsprossenen Kinder stellen die noch 'nicht erwerbstätige Jugend dar. Kerner sei auch noch an die Zahl der unehelichen Kinder erinnert, die deutsche Frauen aus Verbindungen mit Juden bekommen haben. Diese Zahl ist allerdings nicht so groß, wie sie eigentlich sein müßte, da Frauen, die sich mit Juden eingelassen hatten, oft noch einen Schritt weitergingen und durch ärztliche Kunst die Geburt verhinderten. Wenn wir alle diese Umstände beachten, so kommen wir bei ungünstigster Zählung auf ungefähr 400 000 Mischlinge. Naturgemäß, fährt der Verfasser fort, stehen Mischlinge unserm Herzen näher als Juden, da sie ja auch deutsches Blut in ihren Adern haben. Und doch müssen wir noch unerbittlicher unsern Grundsatz hier verfechten: Hassescheidung I Dem Juden gegenüber können wir immer Abstand halten, bei dem Mischling ist diese Grenze verschwommen und droht gar zu leicht' sich mit Deutschem zu verfilzen! Aus 400000 Mischlingen werden ohne Gegenwehr 1200000 morgen und 5 000 000 übermorgen, um das Jahr 2000 wäre also dann die Zeit gekommen, von 5 Millionen Fremdblütigen zu sprechen. Bei Judenstämmlingen finden -wir einen sehr hohen Prozentsatz Asozialer; alle aber sind Menschen zweier Rassen, zerrissen und unstet. Anbeter von Paneuropa, Anhänger des Marxismus und Vorkämpfer der Anarchie. Tragen sie dazu einen deutschen Nomen, da der jüdische Blutseinschlag von mütterlicher Seite kommt, so gelten sie im Volke als Deutsche und richten so größten Schaden an. Zum Abschluß seien noch einige typische Vertreter der Mischrossc angeführt. Der Verfasser des. „Fröhlichen Weinberg", ein Schweinestück eigener Art, Zuckmayer, ist Mischling, ebenso der berüchtigte Walter Hasenclevcr, der in „Ehen werden im Himmel geschlossen" alles Christliche durch den Schinutz zieht. Erschreckend deutlich zeigt sich aber der Weg des Mischlings bei Düsterberg. Man mag die persönlichen Qualitäten dieses Mannes anerkennen, wenn man sich ihn als obersten Herrn des ■ Deutschen Reiches, als welcher er 1932 bei der Reichsprasidentenwahl von den Deutscbnationolcn ausersehen war, vorstellt, so wird man nicht den Eindruck los: So. hätte es ohne Hitler im Jahre 2100 ausgesehen, ein Mischling als Herrscher, ein Volk von Mischlingen und die letzten, aussterbenden Deutschen als Sklaven!" Fortsetzung von der 1. Seite. ist Lfoung der Juden frage doch auf dem Wege der Assimilation ergeben könne. Professor Oswald Menghin schließt sein Buch mit einem starken Bekenntnis zur Menschlichkeit: „Cbcr allen Rechten und Pflichten der Völker stehen lrcilich letzte Bindungen für alle, die Menschen sein wollen, und diese legen jedem einzelnen von uns das Gebot auf, nach bestem Wissen und Gewissen mitzuhelfen, daß die Tragik des Erdcndascins für niemanden durch unsere eigene Schuld noch tiefer werde, als es durch die Härte der Tntsachen unvermeidlich ist." Das sind Worte, die ähnlich auch schon wiederholt von maßgeblicher deutscher Seite ausgesprochen wurden und die wir dankbar annehmen wollen, was uns aber freilich nicht hindert, «i betonen, daß wir auch bei-allem Bemühen, die Dinge losgelöst von unserem Schicksal zu betrachten, zu einer Anerkennung der Menghinscbcn Thesen nicht kommen können- Und wie sollte das auch anders sein! Widerspricht sich doch der Verfasser selbst wiederholt in durchaus nicht unerheblicher Weise und geht ,WegeJ ohne sie zu Ende zu gehen, -; Menghin konzediert den Deutschen und uns deutschen Juden •in gewisses Maß von Homogenität, will aber diese Homogenität vor allem auf die ,,SprachgcmcinBchaftM beschränkt wissen, von der er mit Recht sagt, daß sie noch nicht „Volksgemeinschaft" bedeute. Er übersieht dabei aber, daß es keineswegs die Sprache allein Ist, die uns deutsche Juden mit unserem Vaterlande seit Jahrhunderten verbindet.; Wir glauben, daß Gemeinsamkeiten mit ■ unseren nichtjüdischen Mitbürgern. in reichem Maße, vorhanden «nd und daß unsere und unserer Väter und Mütter Arbeit für Deutschland nicht so ohne weiteres hinwegdiskutiert werden kann. Alle diese Dinge — Mitarbeit am Aufbau der deutschen Kultur ■nd Volkswirtschaft bis zu unserer Ausschaltung im Vorjahre, die opfervolle Teilnahme der deutschen Juden an den Kämpfen tan die Einheit und die Erhaltung des Reiches berührt Menghin iberbaupt nicht, dafür aber beschäftigt er sich um so mehr mit den doch historisch bedingten und wandelbaren — in der ungesunden "Atmosphäre einer in das Ghetto gesperrten oder auf bestimmte Stadtberufe beschränkten Bevölkerung entstandenen — Besonderheiten der Juden, von denen er nennt: „Übersteigerung des Verstände s lebens und übertriebene Erworbssueht." Dem Verfasser Ut offenbar nicht bekannt, daß — auch schon vor der nationalsozialistischen Revolution — von jüdischer Seite aus versacht hat, hier Wandel zu schaffen und dafr'ahtk außerhalb des Zionismus mit aller Intensität daran gearbeitet wurde und wird, in planvoller, nicht über, »türzter Umschichtung Deutschlands Juden aus übersteigertem Intellektualismus heraus wieder mehr zur Handarbeit zurückzuführen und mit der Scholle zu verbinden. Wenn Oswald Meughin glaubt, uns deshalb als „jüdisches Volk" bezeichnen ■u können, weil der „Geist des Ghettos" uns bis-zum heutigen Tage umschlinge, gleichviel welch innerjüdischer Einstellung wir seien, „ja~ gleichgültig, ob wir noch dem Judentum angehören oder nicht -— und wenn er in demselben Atemzuge von dem Fluidum, das aus der Religion über die Kultur auf die^ Menschen ströme und von einem „jüdischen Volkstum** spricht, das vor allem durch Religion und Kult zusammengehalten werde, so vermögen wir aus diesem Widerspruche einen Ausweg nicht zu finden, es sei denn, daß wir dem Verfasser in seiner geheimnisvollen Begründung zu folgen in der Lage sind, daß der Jude nämlich aus seiner Umgebung, die ja oft überhaupt nicht jüdisch war, besonders aber dann nicht, wenn er abtrünnig wurde, .,Geist vom Geiste seiner Väter einziehe". Die Religion hat — man kann das nicht oft genug sagen — ihre Eigengesetzlichkeit, Sic erhebt den Anspruch, ob suhlte, d. Ii. von den Verschiedenheiten der Menschen unabhängige Wahrheit zu sein. Es gibt nur eine Gottheit, zu der freilich verschiedene Wege hinführen. Gott schuf den Menschen in seinem Ebenbildc, nicht also den Israeliten, und das erste Menschenpaar wird von der Bibel ausdrücklich zu Ahnen des «esamten Menschengeschlechtes gemacht. Die Religion der Tora lehrt die Gleichberechtigung aller Rassen auf Grund der Auffassung, daß alle Menschen Gottes Geschöpfe seien und infolge ihrer GoUclrcnbildlichkcit allesamt zu sittlichem Leben berufen wurden. Wa* hat dies aber alles mit dem Begriff „Volkstum" zu tun? Prof. Dr. Julius Goldstein hat einmal mit Recht gesagt, daß i n Zeiten schicksalhafter Schwere nur die geistige und kulturelle, die staatliche und die historische Bindung für das Verhalten der Menschen entscheidend ist. Es sind jetzt genau zwanzig Jahre her, daß die Theorien schwiegen und die Herzen sprachen! Damals strömten, gleich den Nichrjuden, Tausendc und Abertausende von deutschen Juden, wo immer sie auch waren, lrciwillig zu den Fahnen; auch von Ubersee eilten viele nach Deutschland. Und wie damals, so auch in der Nachkriegszeit Wie die Wenden, Masuren, Polen, Litauer, so bewiesen auch Deutschlands Juden bei den großen Verbundenheitsdemonstrationen und Abstimmungen die Treue zu ihrem Vaterlande. In den Kämpfen um Westpreußen, Posen und Obcrschlcsien ist viel Blut — auch jüdisches — für Deutschland vergossen, sind viele Existenzen — auch jüdische — für Deutschland vernichtet worden. Redner der Studentenschaft bei der Riesenkundgebung der Breslauer Hochschulen am , 14. Mai 1919 gegen den Friedensvertrag von Versailles und die Abtretung Oberschlesiens war ein deutsch-oberschlcsischcr Jude, der freiwillig am Feldzuge teilgenommen hatte und nach jahrelanger Kriegstätigkeit soeben zur Universität zurückgekehrt war. Wir deutschen Juden wissen, daß uns die herrschende Auffassung verwehrt, „Volksgenossen" zu sein. Das kann ' uns aber nicht hindern — selbst Strömungen im eigenen Lager zum Trotz —, uns als Schicksals verbunden mit dem. deutschen Volke zu betrachten. Erfüllt von der Synthese von Deutschtum und Judentum gehen wir, unbeirrt durch Einflüsse von außen und innen, unseren Weg weiter. Wir biedern uns nicht an und melden uns nicht zum Worte, wenn man uns dazu nicht auffordert, aber wir bewahren unsere innere Haltung als Deutsche wie als Juden. Edrnond Flcg weist uns Richtung und Ziel, wenn er von den zwei untren nb aren Geboten spricht, die den Juden in allen Ländern ihrer Zerstreuung auferlegt, sind und von der doppelten Aufgabe, die sie in Würde und Stolz zu erfüllen haben: Bis zum Opfer ihres Lebens Bürger jener Länder zu sein, in die Gott sie geführt hat, zugleich aber auch jedem Vatcrlande den Schatz an Menschentum zu weihen, den sie von Israel übernommen haben. Dm neu konstituierte Wachalter-Quartett. Wladyslaw Waghalter, Dr. Rudolf Ruheinann, Owse Schwtff, Hans Kraus. 22. November, 20 Uhr» - im Brüdorvereinssaa! I. Kammermusikabeod unter Mitwirkung von Jolaatha Wa^halter (Geige), Ruth Waghalter (Klavier). Li in feil au Von HEINRICH STERN Die Sitzungen der sogenannten Warburg- Kommission der Reichsvertretung, die sich mit der verfassungsmäßigen Grundlegung dieses unseres wichtigsten Organs beschäftigen soll, haben begonnen. An anderer Stelle dieses Blattes berichten wir über die Wünsche, die die Körperschaften der Berliner jüdischen Gemeinde in der vor der Niedersetzung der Kommission stattgehabten Repräsentantenversammlung ausgesprochen haben. Ich halte persönlich an meiner „idealen Forderung" der Reichsgemeinde fest, die ich schon einmal in der Jüdisch-liberalen Zeitung vertreten habe. Scheitert, wie leider anzunehmen ist, diese Forderung namentlich an dem Widerstand der süddeutschen Landesverbände, so lege ich an dieser Stelle der Kommission meinen in der letzten Beiratssitzung vorgetragenen Vorschlag noch einmal ans Herz: Man teile für die laufende Arbeit den Präsidialaüsschuß der Reichsvertretung in*zwei Abteilungen. Der eine, der die Vertretung nach außen, insbesondere in politischen Fragen, übernehmen soll, soll in der Mehrheit von Vertrauensmännern der großen jüdischen Organisationen besetzt werden, ohne daß die Gemeinden ganz darin fehlen sollen. Umgekehrt müßte der zweite Ausschuß, der die Aufbauarbeit nach innen, insbesondere Wirtschafts- und Erziehungsaufgaben, zu betreuen hat, der also auf dem eigentlichen Arbeitsgebiet der Gemeinden tätig ist und für den auch die letzten Endes aus den Gemeinden fließenden Gelder aufzubringen sind, in der Mehrheit von Vertrauensmännern der Gemeinden besetzt werden, ohne daß die Organisationen darin zu fehlen brauchen. Für große grundsätzliche Fragen können beide Ausschüsse zum Plenum zusammentreten. Diese einfache Arbeitsteilung wird den Wünschen aller Gruppen gerecht und ist organisatorisch leicht durchzuführen. In den jüdischen Blättern wird das Thema der Emanzipation mit Recht weiter eingehend erörtert. Erfreulicherweise will nun heute keiner mehr Gegner der Emanzipation gewesen sein; nur ihre Folgen sucht man in verschiedenartiger Weise auszulegen und damit sie zu bekämpfen oderzu preisen. Die Auseinandersetzung würde sich fördern lassen, wenn man folgendes beachtet. Die geschichtliche Notwendigkeit der Emanzipation für die deutschen Juden als solche kann auf keiner Seite bestritten werden. In doppelter Beziehung aber sind notwendige Grenzen in der Vergangenheit überschritten worden. Man hat bürgerlich-politische Gesichtspunkte in ein Gebiet hineingetragen, wo sie nicht hingehören, nämlich in das der religiösen Entwicklung, hat religiöse Gedanken und Formen nicht nach religiösen, sondern nach emanzipatorischen Gesichtspunkten umgebogen und damit, verbogen. Fernerhin hat man über der Emanzipation der Einzelpersönlichkeit die Forderungen der Gemeiiir schaft vergessen, deren Entwicklung keineswegs mit den^ Wünschen und Entwicklungsmöglichkeiten des Individuums den gleichen Weg geht: Heute schlägt das Pendel notwendigerweise nach der anderen Seite aus. Den Ausgleich zwischen Individuum und Gemeinschaft auf. dein Boden der Grundsätze-der Emanzipation zu finden, _ist die schwere, aber dankbare Aufgabe des liberalen Judentums. * In einer Ansprache in London hat der bekannte zionistische Politiker Professor Brodetsky das Loblied der jüdischen Jugend in Deutschland gesungen, ihre Treue zum Judentum, ihren Ernst und ihre Standhaftigkeit gepriesen. Wenn er aber behauptet hat, daß nur der Gedanke an Palästina es sei, der der jüdischen Jugend in Deutschland ihre Kräfte verliehen habe, so haben wir die Pflicht, hiergegen Einspruch zu erheben. Der Respekt, ja die.- Liebe zu Palästina ist bei vielen jungen deutschen Juden nicht das Ausschlaggebende. Sie hält sich hier und hält sich liier aufrecht in dem Bewußtsein, daß auf ihren Schultern die geschichtliche Aufgabe ruht, fünfzehnhundert Jahre jüdischer Geschichte in Deutschland weiter zu treiben, und der aus diesem Bewußtsein mächtig sich aufrichtende Zukunftsglaube und -wille. Auch das ist ein positives-Ideal, das der Andersdenkende verstehen und achten soll. Die Forderung des Anteils der Jugend am lebendigen jüdischen Gegenwartsdasein wird von Alfred Hirschberg in der CV-Zeitung wieder mit Energie vertreten. Wer, wie ich, seinerzeit ausgesprochenermaßen als Vertreter der jüdischen Jugend seine jüdische Arbeit begonnen hat, kann gar nicht anders, als dieser Forderung grundsätzlich zustimmen. Nur darf nie vergessen werden, einmal, daß die Gegenwartsarbeitin Gemeinden und Organisationen unzählige praktische Probleme enthält, die etwas voraussetzt, was auch der geistvollste und glaubensstärkste Vertreter der Jugend nicht besitzen kann: auf Tatsachen begründete Lebenserfahrung. Es ist bezeichnend, daß die zionistische Partei, die in ihrer Presse gerade gegen die Berliner Gemeindevertretung immer mit dem Schlagwort der Überalterung gekämpft hat, bei der ersten Gelegenheit, in der sie ein wichtiges Gemeindeamt zu vergeben hatte,. nicht einen Vertreter .der Jugend präsentierte, sondern einen Mann gereifter Erfahrung und in mittlerem Alter stehend. Im übrigen soll man aber die

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