Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 82-83 (12.10.1934)
- Date
- 1934-10-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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14. Jahrgang Nummer 82/83 3Böi|d)'Hbetale 3etfung \ *» 1. Beilage 12. Oktober 1934 99 Ich möchte auswandern ... Der Hilfsverein ber Deuffdjen 3uben an ber Arbeit 99 Sprechstunde Berlin, Oranienburgerstraße 31. Im Gang vor der Beratungsstelle des „Hilfsvereins der Deutschen Juden“ sitzen zwei Dutzend Menschen. Juden der verschiedensten Typen und Klassen: der polnische Handwerker .neben dem kleinen Kaufmann .aus dem Berliner Westen, der Arzt, der Rechtsanwalt neben dem jungen Mädchen aus dem Mittelstand. Einige haben sich abgesondert und starren sorgenvoll schweigend vor sich hin, andere debattieren erregt. Der Leiter der Beratungsstelle erlaubt uns, eine Stunde aus dem Alltag dieses Büros mitzuerleben. „Der Nächste bitte!“ Ein junger Mensch. Arbeitsloser Buchhalter. „Ich habe zwar etwas erspartes Geld :— aber keine Aussicht auf Stellung. Ich möchte hinaus“. „Wohin wollen. Sie?“ „Ich weiß es nicht. Was raten.Sie mir?“ „Haben Sie Verwandte, im Ausland?“ , Er vereint, besinnt sich, denkt lange nach. „Doch...“ Und irgend ein verschollener Onkel taucht aus dem Gedächtnis auf. In Amerika. Nähere Adresse unbekannt. ’ „Wir werden uns in Ihrer Sache bemühen. Sie erhalten Bescheid.“ Reicher Reeder in. China . Der junge Mann geht. „Wie wollen Sie dem helfen mit seinem verschollenen. Onkel?“ fragt man skeptisch. „Da haben wir schon schwierigere Fälle bearbeitet! Kürzlich erzählte uns jemand von einem Verwandten in China. Wir forschten durch unsere Vertrauensleute nach und fanden — einen reichen Reeder, der sofort bereit war,.die Ueberfahrt für seinen Verwandten hier zu zahlen und ihn drüben zu unterstützen. Nicht immer ist es so leicht, diese Verwandtenherzen zu erweichen. Aber da haben wir eine langjährige Praxis. Vor einiger Zeit haben wir eine schwedische Familie dazu gebracht, ihre deutschen Verwandten mit einem ansehnlichen Betrag im Monat zu unterstützen!“ - „Wie finden Sie diese Leute im Ausland heraus?“ „Durch Behörden, Zeitungsinserate, persönliche Recherchen suchen wir die Leute, die; wir brauchen, um unseren Schützlingen zu helfen.“. 70 Briefe um einen Menschen Die nächsten Besucher: ein Ehepaar. Ein zweites, befreundetes, wartet noch draußen. Sie haben gemeinsam ein Unternehmen mit vier Filialen betrieben. Es mußte Tags zuvor geschlossen werden. Zwei Familien stehen vor dem Nichts, besitzen kein Bargeld, suchen eine neue Existenz. Schon die ersten Fragen , zeigen, wie sich in jedem Einzelfall die Komplikationen häufen. Eines der Ehepaare ist gesetzlich,' das andere nur jüdisch getraut. Beide Familien besitzen nur Fremdenpässe. Ueberall Schwierigkeiten! Aber die Beratungsstelle wird versuchen, sie zu überwinden. Sofort werden die Verhandlungen mit Behörden, Konsulaten,‘ausländischen Stellen eingeleitet. Jeder Fall muß individuell und mit dem ganzen Rüstzeug . dreißigjähriger Erfahrungen und Beziehungen in aller Welt behandelt werden. Oft werden wegen eines einzigen Menschen siebzig Briefe geschrieben, unzählige Gänge gemacht. /. Eine dunkle Persönlichkeit Der Nächste! Diesmal kein Auswanderer, sondern ein sichtlich nicht ganz einwandfreier Mann. Er inserierte: mit ein paar hundert Mark ist die Auswanderung nach Brasilien möglich, einschließlich Passage und. Beteiligung an einem gutgehenden Transportgeschäft. Die Herren von der Beratungsstelle lüfteten die Anonymität des Inserenten und bestellten ihn herauf. Ein paar kurze, prägnante Fragen — und der Mann hat sich in seiner eigenen Schlinge gefangen und muß zugeben, daß die Aussichten drüben — falls seine,,Kompagnons“ überhaupt jemals hinübergelangten — doch nicht so sicher sind..: Mit einer deutlichen Warnung läßt man ihn laufen. Lauter Fragen . Es sind nicht immer gutgekleidete, leicht zu behandelnde Menschen, die zur Beratungsstelle.kommen. Manche, vor allem TJurchwanderer, befinden sich oft in einem unbeschreiblichen Zustand: tagelang ohne richtige.Nahrung und Wohnung. Hier ist schnellste Hilfe, Kenntnis aller einschlägigen Gesetzesbestimmungen, kluge Verhandlungstechnik notwendig. Takt gehört zu den Verhandlungen mit den Behörden, und es spricht sehr für die Mitarbeiter des Hilfsvereins,' daß sie trotz der ungeheuren Schwierigkeiten der Materie fast immer die Unterstützung finden, die sie brauchen. Der Hilfsverein ist von der obersten Behörde für das Auswanderungswesen, dem Reichswänderungsamt, als gemeinnützige Auskun ftsstelle für jüdische Aus- und Durchwanderung anerkannt. Die Beratungsstelle in der Oranienburgerstraße ist erst im letzten Jahr, als sich Ende März die Ratsuchenden drängten und täglich 3—400 Menschen erschienen, eröffnet worden; von den Mitarbeitern mußten übermenschliche Leistungen vollbracht werden. Das Hauptbüro in der Martin Lutherstraße 01 wurde plötzlich viel zu eng. Dort, im Westen, werden die Spezialfälle erledigt — wenn man davon sprechen kann, denn im Grunde ist jeder Fall, so charakteristisch er auch sein mag, ein Spezialfall. Aber für die Martin Lutherstraße ist die Beratung bei schwierigeren Existenzfragen Vorbehalten. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, der Hilfsverein werde ausschließlich von bedürftigen Juden - benötigt. Die Praxis zeigt das Gegenteil. Leute, die sich mit etwas Kapital im Ausland eine neue Existenz aufbauen wollen, wenden sich dorthin. Zu gewaltigen Bergen türmt sich die tägliche Korrespondenz. Aus ganz Deutschland laufen Anfragen ein, mit dem ganzen ■Ausland steht der Hilfsverein in schriftlicher Beziehung, aus allen Ländern kommen Antworten, Be-, richte, Nachfragen. Ebensoviele Briefe treffen ein, wie persönliche Besuche in den beiden Beratungsstellen gemacht werden. Wieder sind es diegleichen Fragen, denen man in diesen Schreiben begegnet; wohin sollen wir auswandern? Und wieder müssen die gleichen. Rückfragen gestellt werden: Beruf? Sprachkenntnisse? Verwandte? Dann erst kann der Hilfsverein an die Einwanderungsländer, herantreten.' Das Ziel 34 überseeische Staaten waren bisher das Ziel der Auswanderung. Ein ungeheures Tatsachenmaterial wurde gesammelt, man kennt die Verhältnisse und Einwanderungsbestimmungen jedes Landes und er; gänzt das Material über die neuen' Vorschriften je-- weils in einem von Zeit zu Zeit erscheinenden Korrespondenzblatt. Rund 360 Vertrauensleute, auch viele' vom Hilfsverein unterstützte Auswanderer berichten ständig über die Lebensbedingungen in aller Welt, über ihre eigenen Erfahrungen, über die Wirtschafts- Verhältnisse, über Land und Leute; und sie sind gegebenenfalls bereit, alles Nötige zu besorgen, wenn , einem Auswanderer-die Wege geebnet werden sollen. So ist es möglich gewesen, allein im Jahre 1933 rund 60 000 Juden zu betreuen. Ein aufgeklärtes „Verbrechen" Seltsame Schicksale, die hier in neue -Bahnen gelenkt wurden, und von denen Stöße von Briefen erzählen; Berufe, für die in irgend einer Ecke der Welt Verwendungsmöglichkeiten entdeckt wurden. So ist kürzlich ein Schaf scherm eister-von Persien angefordert worden; aus Afghanistan kam die Anfrage nach einem Oberbuchhalter; in Bombay sucht man einen Buchdrucker, einen Chemiker in Kolumbien. Die ganze Welt trifft sich auf dem Schreibtisch des Generalsekretärs. Da will ein Mann nach Brasilien; er ist in Warschau geboren, seine Frau in China, die Tochter in Berlin — und der Hilfsverein muß - versuchen, Geburtsurkunden, Heiratsscheine, Führungszeugnisse zu beschaffen. Ein anderer hat ein Jahr in Paris, eines in London, ein drittes in Wien oder Berlin gelebt und will pach U r u gu a y auswandern — die dortigen Behörden aber verlangen lückenlose Leumundszeugnisse, denn ein einziger fehlender Monat könnte ja auf eine Straftat des Auswanderers schließen lassen. Wieder ein anderer ist schon auf dem Sprung zur Abreise nach Uebersee, da kommt die Absage des betreffenden Konsuls, denn in den Papieren des Auswanderers steht „Strafe wegen Bahnvergehens“ —! Endlose Recherchen und Schreibereien, bis.man dem Konsul schwarz auf weiß vorzeigen kann,. daß der „Verbrecher“ nur. mit seinem Auto an einem Bahnübergang zu lange gehalten hat... Abraham statt Samuel Einmal wurde monatelang mit Montevideo korrespondiert, um einer fünfköpfigen Familie aus Zwickau, die Einreise zu verschaffen. Als' endlich die Papiere kamen, waren sie falsch ausgestellt — es war deutsche Nationalität angegeben, während die Familie Fremdenpässe besaß, und ein Kind hieß Abraham statt Samuel. Wieder waren Wochen um—Wochen nötig, um diese Fehler richtig zu stellen. Oder zwei polnische Waisenkinder sollen zu ihrer Tante nach Chicago reisen; es stellt sich jedoch heraus, daß die Eltern nur jüdisch getraut waren — und sämtliche Papiere müssen nach endlosem Briefwechsel, auf den Namen der Mutter ausgestellt werden. In einem anderen Fall konnte für eine siebenköpfige Familie das brasilianische Visum erst erteilt werden, nachdem ein Verwandter au& Brasilien, selbst nur ein kleiner Angestellter, nach Deutschland gekommen war, um die Visa zu beschaffen. Und oft scheinen die Schwierigkeiten fast unüberwindlich, wenn es sich darum handelt, Kauflcutc und Intellektuclle.ohne Mittel in einem anderen Land unterzubringen. Handwerker und Techniker haben es verhältnismäßig Um leichtesten. Auch sie fahren aber einer Zukunft entgegen, die doch zumeist unsicher ist trotz aller aufopfernden Fürsorge der Organisationen. /„-. — Henri Bergson, der 75 jährige Von M. S. Ruest- Am IS. Oktober vollendet der französische Philosoph Henri Bergson seinen 75. Geburtstag. Das System dieses hervorragenden Denkers hat uni die Jahrhundertwende den größten Einfluß auf die gesamte Geisteswelt ausgeübt. Die Jugend war es vor allem, die sich nach Befreiung vom Druck der mechanischen Weltanschauung sehnte und dem neuen Spiritualismus Bergsons huldigte, der im Anschluß an den Irrationalismus Schopenhauers eine neue Metaphysik geschaffen hatte. Wenn auch nach dem Weltkriege, die internationale Wirkung des französischen Philosophen äbebbte,- so spricht die Tatsache, daß der erst kürzlich im Prag stattgehabte Philosophenkongreß Bergson zum Ehrenpräaidenten der nächsten Tagung ln Paris bestimmte, für die große Wertschätzung, die ihm von seinen Berufsgcnossetb entgegengebracht wird. " ln seinem 1889 erschienenen Erstlingswerke „Essais sur les donnees immediates de la conscience“ legt Bergson das Fundament zu seinem neuen Denkgebäude, das er in weiteren Schriften immer mehr äusbaut. Während er schon in dieser Schrift den dreifachen- Charakter der intuitiv zu erfassenden Bewußtseinsvorgänge: Intensität, Dauer und Freiheit, fest- - stellt, behandelt er in seiner nächsten Arbeit „MaflSre et ’ Memoire1' die Beziehungen des Geistes zum Körper. Am geistvollsten hat Bergson seine Ideen in seinem Hauptwerk „L’Evolution crcatrice“' ausgeführt, in dem er eine- Metaphysik des Lebens entwickelt. Das Leben kann weder jin Mechanismus noch in der Teleologie 6cmcn Ausdruck finden. Denn cs ist nichts Statisches und verwirklicht nicht - einen vorher entworfenen Plan. In jedem Augenblick des fort- . schreitenden Lebensprozesses entfaltet sich'das Dasein in eigener Weise und schafft sich in jedem Augenblick sein eigenes Ziel. Bergson, der von der- Biologie ausgegangen ist, stellt in seiner Weltanschauung dem verstandesmäßigen ein instinkthaftes Erkennen gegenüber, das er auch „Intuition“ nennt. Der Verstand, der nur das Statische in der Welt erfaßt, ist eine praktische Fähigkeit, die. der Herrschaft über die Materie dient-.’ Aber neben dem Verstand besteht noch die Fähigkeit des Instinkts, der als-selbständige, . vom Verstand ganz abgesonderte Entwicklungslinie anzusehen ist. Im Menschen erliebt sich der Instinkt zur Intuition.' Der Instinkt geht auf die Zeit, der Verstand auf den Kaum. Am — wirksamsten ist die Intuition im Künstler, der das Ganze in seinem inneren Zusammenhang ergreift: Der Verstand zerlegt den Gegenstand in bekannte Elemente, vor allcni Symbole,, die Intuition kommt ohne sie aus und versetzt uns durch Sympathie in das Innere des Gegenstandes. Bergson verknüpft in blendenden Antithesen diese beiden Erkenntnisformen mit dem Elan vital, der Lcbcns- Schwungkraft, die bei ihm an'die Stelle des Ursachbegriffes und des Zweckgedankens tritt. Eigenartig ist auch die von Bergson aufgcstelltc Lehre von der. fundamentalen Verschiedenheit der Zeit vom Raume. Sie ist nicht eine' vierte Dimension des Raumes, sondern absolute Realität, ihr Wesen ist „dürfe“,1 was mit Dauer nur schlecht zu übersetzen ist. Zeit ist keine Einheit, kein Beharren, sondern schöpferische Entwicklung. Zeit als dürfe ist nicht ein Augenblick, der einen, anderen Augenblick verdrängt hat. Unser Charakter ist die Zusammenfassung. alles dessen, was. wir seit der Geburt erlebt haben, wenn auch nur ein Teil davon ins Bewußtsein tritt. Und diese Entwicklung ist nicht umkehrbar, - wir schaffen uns gleichsam neu in jedem Augenblick. Dieseschöpferische Entwicklung ermöglicht einen neuen .Freiheitsbegriff. Eine Tat ist frei, wenn die Entwicklung, aus der sie herauswächst, mit dem innersten Kern des Ich zusammen- VJhabitj Xurnftr. 41 BEKANNT DURCH QUALITÄTS-WAREN