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Jüdische allgemeine Zeitung · 1934-11-14 · 89 (14.11.1934) · page 9

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
89 (14.11.1934)
Date
1934-11-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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1. Beilage 14. November 1934 JÜDISCHE AUGEMHNE zetruNQ Religiöfes Leben in Paläftina Reifeeindrücke / von Dr. max dienemann Unser geschätzter Mitarbeiter Ilablriner Dr. Max DieneraauD,' der sich augenblicklich auf einer Palästina-Reise l*;fiadet, :-eudet uns _ den nachstehenden ersten Bericht.' in dein er da> rel&iöde Leben in den palästinensischen Stadien schildert. Jerusalem, im November. Es kann sich bei einer Schilderung wie dieser nur um E i» - tl rücke handeln und nicht um ein geschlossenes Gesamtbild. x Denn erstens ist auch auf diesem Gebiet alles in einem prachtvollen Werden, nirgends' kann man von einem So-sein sprechen, alle» ist in einem ständigen Fluß. Und dann kann man Erez Israel keineswegs in diesen Dingen als eine Einheit nehmen, die Dinge Hegen in den Städten völlig anders als auf dem Lande, und -was die Städte anlangt, so hat auch hier jede ihr eigenes Gesicht. Man nehSe z. B. zuerst Jerusalem. Es hat'cine gar nicht zu über- - sehende Fülle von Stätten regelmäßigen Gebetes, aber — es klafft eine große Kluft zwischen dem alten Jischuw, der alten Prägung des palästinensischen Frömmigkeit3Jebens, und der Arbeiterjugend, den Arbeitern überhaupt und der Jugend. Die Fülle der in stetem Gebrauch befindlichen Gebetsstätten hat jeweils ihren eigenen Ritus, sei es ostjüdischer, sei es jemenitischer, bucharischer, persischer, sefardischer — jede Landschaff, in der Juden ihr eigenes geistiges Leben führten, hat ihren Widerhall in Erez Israel — aber mau sieht nur die Älteren, man siebt nur wenige, vielleicht mit Ausnahme der Kultstätten in Meah Schcarsin, dem alten ostjüdischen Viertel orthodoxester Prägung. In der größten Synagoge der Altstadt, der Churwa, sah ich am Sabbatvorinitlag höchstens 15 Menschen. Will man vom religiösen Leben reden, so darf man nicht mit der Synagoge anfangen, man muß ansetzen beim* Schabbat als solchem. Das religiöse Leben hat ein von Europa aus gar nicht zu beurteilendes, vergleichsweise' zu verstehendes Aussehen, weil der Schabbat eben eine wirklich alle umfassende Geltung hat. Er prägt. Und was einen Liberalen besonders interessiert, man kümmert sich um die Quisquilien der religionsgcsctzlichen Sabbathcjligung kaum, aber das gesamte gewerbliche Leben steht still, der ganze Verkehr steht still. Hier ruhen die Keime zu einer künftigen Entwicklung von Formen, des religiösen Lebens. Die Vorbedingungen sind da. Man kann ohne Übertreibung sagen: mit dem Zunehmen der Einwanderung deutscher Juden zeigen sich neue Ansätze. Zunächst: es bilden sich Zirkel, in denen deutsche Juden unt..r Anpassung an den alten Ritus des Landes die geordnete Form ihres Gemcindelebcns und.ihrer Gebctsart vorbildlich lebendig machen. In diesen Kreisen ist ein ausgesprochenes' religiöses Bedürfnis da, ein Verlangen nach der seelischen Heimat der Synagoge und ihren Einrichtungen. Was vermißt wird, nicht nur in .den Kreisen der einwandernden deutschen Juden, sondern auch in weiten Kreisen .desalten Jischuw, das ist eine würdevolle Form der Trauung und des Beerdigungswesens. Die Trauung ist zunächst rein formaler Rechtsakt, und sie muß erst zu der religiösen Weihe emporgehoben werden, die uns selbstverständlich una geläufig ist." Das Beerdigungswesen ist in hohem Maße der Änderung bedürftig. Der Friedhof auf dem ölbcrg ist Eigentum der einzelnen Kohclim. der alten Umd*- mannschafteiij und sie sind geldlich daran interessiert, so daß \or einer Beerdigung erst die Angehörigen um den Platz feilschen müssen. Man kennt keinen Sarg, die Chewnith dulden kein Hinausfahren des Toten, man trägt ihn in Tücher gehüllt, meist muß auf - dem Friedhof in Anwesenheit der Trauernden das Grab erst in seinem rechten Maß au» dem Felsen gesprengt verVlrn.- A!f das empfindet man als .Mißstand. Hier sind die Ansätze' zu Bemühungen um eine neue Ordnung. Und es ist bezeichnend, daß hundertfühfzif Jahre nach Beginn der europäischen llcform auch hier das erste Bedürfnis nach einer neuen Ästhetik des Frümmigkeitslcbens ist und ullcs wesentlich \um Ästhetischen liesttmnil ist. Mau hat noch keine Form eines Religionsunterrichtes gefunden. Zwar könnte man fragen: Bedarf es denn eines solchenV Die Jugend wächst hier in den Schulen "ganz selbstverständlich in die Quellen hinein. Die Kinder lernen die Thora ganz als Unterrichtsfach, sie kennen Aggadah, religiöse Lyrik, wozu also, wenn man die Quelle kennt, einen systematischen Unterricht? In Europa begann das Bedürfnis nach systematischem Religionsunterricht, ah die Bekanntschaft mit den Quellen aufhörte. So einfach aber liegt es nicht. Erstens lernt man die Quellenbücher als literarische Erzeugnisse kennen, und dann: in einem gewissen Alter müssen mit den jungen Menschen religiöse Probleme erörtert werden, sie verlangen danach, sie bedürfen dessen zur Ordnung ihrer Seele. Man kennt in Europa den Typ: liberales Judentum. Wie steht es mit den Aussichten dieses Typs in Erez Israel? Das ist nicht eindeutig zu beantworten. Vieles von dem, was m Europa heiß umkämpft war, schaltet hier aus oder ist selbstverständlich. Die liberale Forderung nach der Landessprache im Gebet um der Verständlichkeit willen schaltet aus,. Hebräisch ist die Landessprache, Worum man in den klassischen Jahren der Reform in Deutschland kämpfte, die Entlastung des Gottesdienstes von den Pijutim, ist hier erfüllt, man sagt sowieso keine Pijutim. Die moderne Predigt, die sich entwickelt, muß hebräisch »ein, denn die Hebräisierung ist Notwendigkeit. Die Probleme, die der Sabbat bietet, schalten aus, der Schabbat ist du, und man braucht sich nicht den Kopf zu zerbrechen, wie man den Widerspruch zwischen der religiösen Anforderung des Sabbat und dem Wirtschaftsleben auflöst. Man könnte sagen; ein liberales Judentum müßte in Erez Israel das Aussehen des Judenturas haben, da» in Europa das konservative ist. Der Schwerpunkt liegt darauf, daß die neue Ordnung von Menschen geschaffen wird, die nicht dogmatisch sich binden. Beispielsweise könnte man sagen: Der für Erez Israel beute notwendige und einzig aussichtsreiche Typ liberaler FrSmmlgkeit - ist der, der in Deutschland in der Person Franz Roieoiwcigi seinen vorbildlichen Ausdruck in einer LaienpersfinUehkeit fand. Aber man muß sehr bald von liberalen Kreisen aus mit der Hilfe zu .solcher neuen Gemeindebildung beginnen. Sonst nehmen andere Kreise es in die Hand und schaffen unter der Firma konservatives Judentum, was in Wahrheit liberales Judentum ist. Und es "will mir scheinen, daß, weil grad aus der neuen Einwanderung von Deutschland die neuen starken Bedürfnisse auftauchen, deutscht- Persönlichkeiten die gegebenen Fahrer werde-1. Nebe» ihrer Religiosität und ihrem Wissen" ist Vorbedingung; völliges Beherrschen des Hebrlischcn in Schrift und Rede und Vortrag. Von anderen Städten als Jerusalem, vom Land, von der Wandlung in der Arbeiterschaft in einer nächsten Schilderung. UNSERE QEsaiiam Die Kultusreform des Jofia In einem Augenblick, in dem der deutsche Protestantismus eine zentralistische Einigung von Staat und Kirche herbeiführt, scheint eine Parallele der Erinnerung wert, die einen gleichartigen Versuch der inner jüdischen Geschichte darstellen könnte. Das war in" den Tagen der Regierung Josias, Königs von Juda (638—608 v.). Damals wurde die Macht des Palästina patronisierenden Assyrien durch die Skythen-Einfälle stark beunruhigt. Zuvor hatte sich schon das wiedererstarkte Ägypten er/olgrcich gegen die imperialistischen Neigungen Assyriens erhoben. TVahum prophezeite: „Ninive ist wie ein Wasserteich, dessen Wasser fliehen. Wohl ruft man: Halt, halt! Aber da ist niemand, der sie aufhält." Die Schwäche Assyriens löste Juda die Zunge. Sprecher wurden die Propheten, die im Wechsel der Verhältnisse den Unwertbeweis der herrschenden religiösen Übung erblickten, die die Altäre Judas überschwemmte. Der erste energische lleformversuch Hiskias, den religiösen Kultus in Jerusalem zu zentrali- . sleren, war unter dem Weichling Manasse dem verletzten Starrsinn der atavistischen Provinz und der allgemeinen Assimilationswut an heidnische Unsitten und Ünsittlichkeit zum Opfer gefallen. Der Bauer war stärker als der Städter. Die Gegenreform hatte allenthalben in Gestalt, der Baal- und Aschera-Kulte gesiegt. Jetzt aber erwachte nicht nur der nationale Eigenwille, sondern auch die Kritik und die Ablehnung der'Uberfremdung durch den herrschenden Götzendienst. Plan und Ordnung aber wuchs dem Unternehmen erst durch eine Schrift zu, die in den Tempelräumen nicht ganz zweifellos aufgewunden', sicher aber dem König Josia ausgehändigt wurde und erst eigentlich die neue Kultusvcrfassung enthielt. ' Dieses „Sefer ha-tora" (Buch der Lehre) war nach heute herrschender Ansicht nichts anderes als das fünfte Buch Moses, wenngleich nicht sicher ist, ob in seiner endgültigen Gestalt. Die in diesem Zusammenhang bedeutungsvollen Worte aber lauteten: „Dann geschehe es: der Ort, den der Ewige, euer Gott, erwählen wird, seinen Namen dortselbst ruhen zu lassen, dahin sollt ihr bringen alles, was ich euch gebiete: eure Ganzopfer und eure Schlachtopfcr, eure Zehnten und die Hebe eurer Hand und alles Ausgesuchte eurer Gelübde, die ihr dem Ewigen gelobet. Hüte dich, datt du nicht darbringst deine Ganzopfer an jedem Orte, den du siehst, sondern an dem Orte, den der Ewige erwählen wird in einem deiner Stämme, dort sollst du darbringen deine Ganzopfer, dort sollst du verrichten alles, was ich dir gebiete.li < - Josia, maßlos erregt durch den Fund, führte die Forderung radikal durch. Seine Soldaten zerstörten die Altäre des Baal und der Aschcra. vertrieben die „heiligen Mädchen" (Kcdcschoth), die Hexenmeister und Nekromanten aus dem Lande. Dann ließ Josia durch Boten die Altesten von Jchuda und' Jcruscholajim, die Dorfschulzen und Familienhäuptcr aller Sipocn ' nach Jerusalem zum Bundeschluß entbieten. Line große, Passahfeicr beschloß den Feldzug. Mit diesem Feste war die Zentralisation des Kultus legalisiert. Die im Sefer ha-tora geforderten Abgaben an das Heiligtum machten die bisherigen Feiern im Lande unmöglich. Die drei großen Erntefeste des jüdischen Bauern, Pcssach, Schowuaus und Sukkaus, wurden fortan zu Festen der Wallfahrt nach den Vorhöfen des Tempels von Jerusalem. II. K. DIE BIBEL ERZÄHLT im Wochenabfchnitt Wajeze vom Schicksal Jakobs. Kr verläßt das llaiis »einer Eltern, um nach .Haran zu gehen. Beim Anbruch der Nacht legt er sieh auf freiem Felde zur Kulte. Du erscheint ihm Gott im Truumc. Er verheißt ihm seine schützende Liebt und die Kückkehr uueh Runauii. Der Boden, auf dem er ruht, soll du» Land seiner Nachkommen werden. Durch ihn sollen alle Völkt.r der Erde gesegnet sein. Seines Gottes gewiß, setzt Jakob »einen Weg fort und kommt in das Haus seine* Oheims. Zwanzig Jahre dient er Laban,als Hirte und muß sich immer von neuem gegen seine Unredlichkeit wahren, bis er schließlich mit seinen Frauen und Kindern mit allein Besitz, den er erworben, heimlich das Haus seines Oheims verläßt. - Jüdische Jugend scheidet in unseren Tagen aus ihrem Elternhaus, um. sich fern von dee. Heimat ihr Schicksal zu zimmern. Nur ein Teil findet in dem Lande, das Gott einst Jakob verheißen, rettende Zuflucht, begegnet .dort in den Gruppen der Jugend kameradschaftlicher Gesinnung. Wie viele aber müssen in liebloser Fremde mit menschlicher Selbstsucht kämpfen! Vernimmt unsere Jugend, wenn sie ihren Schicksalsweg antritt, die Worte, die Gott einst zu Jakob gesprochen: „Ich werde mit Dir sein und Dich behüten überall, wohin Du gehst, und Dich in diese* Land zurückführen'"? Blickt sie mit unerschütterlichem Vertrauen ins Leben? Glaubt sie an die Größe und Zukunft' des Judentums? Diese Fragen lassen die Bedeutung der religiösen Erziehung unserer Kinder hervortreten. Man holt jetzt früher Versäumtes nach. Unsere Jugend soll in jüdischer Gedankenwelt heimisch werden und mit der Geschichte unseres Stammes' vertraut sein. Doch aus Wissen allein entsteht nicht lebendige Frömmigkeit. Wie Jakob, aus seinem Traume erwacht, einst Bprach: „Fürwahr, Gott ist an diesem Ort und ich. wußte ea nicht", müssen auch 'unsere Kinder aus eigenem Exleben ihren Gott finden. Sie werden dazu nur fihig sein, wenn ihr reUglSses Gefühl wach ist. Ks entzündet sich heute noch an den Erzählungen der heiligen Schrift, im Nacherleben dieser höchsten Schöpfungen frommen Empfindens. Ist die Bibel aber auch zur religiösen Erziehung unserer Kinder geeignet? Zeigt nicht geißle die Jakobsgeschichte, wie weit sich unsere sittliche Anschauung von der der Bibel entfernt hat? Ks ist ein Irrtum luchtjüdischer Bibelerlclarer, zu meinen, daß in der Erzählung yon- Jakob das jüdische Volk die Klugheit seines Ähnherrn verherrlicht. Die wirkliche Absicht der heiligen Schrift enthüllt sich in unserer Sidra. Sic läßt Jakob in die Hand eines Stärkeren und Listigeren geroten, aus dessen Gewalt er sich nur durch heimliche Flucht im Schutze der Nacht retten kann! Nicht den Sieg jüdischer Klugheit läßt uns die - Tora erleben, sie zeigt uns vielmehr, wie im Schicksal Jakobs sich'die Vergeltung vollzieht. Sie läßt so den Grundgedanken der Bibel erkennen, daß das Leben der Menschheit auf dem Fundament der Gerechtigkeit ruht. Das religiöse Gefühl unserer Jugend bedarf, nachdem es durch die Kraft der Bibel geweckt ist, sorgfältiger Pflege. Ihr dienen noch heute die Formen, die unser Glaube uns vorschreibt. Auch hier ist Versäumtes nachzuholen. Der Liberalismus hat »ich mit Hecht gegen die Überschätzung-religiöser Gebräuche gewandt,' er hat in diesem Kampf aber das Verständnis für den religiösen Wert und die erzieherische Bedeutung, frommer Uitcn verloren. Nur in einer religiösen Atmosphäre, wie sie im jüdischen Haus von. den Formcu des Judentums ausstrahlt, kann sich dus^ fromme Fühlen .unserer Kinder entfalten. " ~ Lewkowilz-Berlin. Weilteftunde in der Lindenftrufie Dci Sy ii a pogen »t r e i.n ' I.i H 3 en.» t ro tte eröffnete »eine Vl'intrrarbcit riiit triner musikalischen Wcihcstuiidc in der Synagoge. Narli einem UrgclprSludiuin, von Alexander Wcin- Ii u u n\ iiicistcihaft vorgetragen, sang Fräulein l.'en Kuppel zwei Arien. Kinc Cellnsunnte. von- Coltfried '/, e e 1 u n il e r gespielt, leitete in ilcm ergreifenden Crsang von Manfred I. e w » n - unwski, ilcm belichten Ohcrkaiitor dieser Synagoge, über, der zuerst zwei Gesänge uuh dem Prediger Salomo in der Vertonung von Arno Nadel vortrug, um dann den Höhepunkt seine» Können» fn zwei Gesängen von Üvorak undiler „Allmacht1.", von Schubert zu beweisen. Im Mittelpunkte des Abend» stand die Ansprache von Rabbiner Dr. 11 In m c n l h a I, der an das Buch . Kohelet anknüpfte und aufzeigte, welrhc' Schlüsse wir auch für unsere Zeit daraus ziehen können. Mit den Celloklangen des,Kol Midro fand die Feierstunde einen' würdigen Abschluß. * - Mi. W^immx WhuAtt, Xvatafr.il BEKANNT DURCH . QUALITA1S-WAREN

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