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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-10-05 · 80-81 (5.10.1934) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
80-81 (5.10.1934)
Date
1934-10-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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14. Jahrgang Nummer 80/81 JüöifdMUietale 3ei(ung 2. Beilage 5. Oktober 1934 Übrigens . . . Repräsentanten “? jüdisclie OeffeHtKchkeit . . _ . . erfährtuber die Sitzungen der in der atlKKa Repräsentantenversammlung nur aus den amtlichen Verlautbarungen in den jüdischen Blättern. Nicht alles. Aber hinreichend. Selbst gekürzte Reden verraten mitunter noch genügend von der Dürftigkeit manchen Inhalts. ■ Während unten im Saal die Meinungen aneinander branden, ob für ein baufälliges Haus Mittel bereit gestellt werden sollen oder nidit, ob es ratsam ist, eine bestimmte Stelle etatsmäßig zu besetzen oder nicht, während ein Referent mit dem Aufgebot; aller. Sachlichkeit Gründe ins Treffen führt, die für die Ablehnung irgend eines Testaments sprechen, steht die Zuhörertribüne leer. Der naturgegebene Widerstreit der Meinungen, der sich aus der abendfüllenden Tagesordnung ergibt, vollzieht sich unter _Aus~. Schluß der Oeffentlichkeit. Sie darf aber beruhigt sein, selbst die erregtesten Gemüter besänftigen sich nach Einnahme einer ebenso leicht erreichbaren wie bekömmlichen Limonade oder einer Tasse Kaffee, dessen Qualität dank der Menschenkenntnis des Herstellers so beschaffen ist, daß er nicht zur Erregung beiträgt. Es sind auch schon versöhnliche Worte in einer Repräsentantenversammlung gesprochen worden. Der Wille zur gebotenen Einigkeit ist jedenfalls glücklicherweise da. In entscheidenden Fragen immer. Der Weg... Der Weg führte sozusagen' über den Hof der Neuen Synagoge in der Oranienburgerstraße. Dort war, wie auch im Bezirk anderer Berliner Gottes-' häuser, während der Sukkot-Tage eine Gemeinde- Sukka aufgestellt — würdiger, religiöser Ausdruck dieses symbolhaftem Festes.. Durchzogen vom Duft des Laubes und der Blumen. Geschmückt mit Kasta- •nienketten, mit Aepfeln und Traubenbündeln. Es war eine glückliche Eingebung Heinrich Sterns, des Vorsitzenden der Repräsentantenversammlung, die Mitglieder des ' Gemeindeparlaments vor der letzten Sitzung in diese Sukka zu bitten. Die Tafel war festlich^weiß gedeckt. Kerzen, aus silbernen Leuchtern hoch aufstrebend, verbreiteten mildes Licht. Durch das Laub des Daches schimmerten vorschriftsmäßig die Sterne. Als der Stern der Versammlung nach dem Kiddusch und dem Segensspruch über den ■ Barche« . -inr JJmfänaremer( Fralrtjonastärke,.1. das1 Licht klüger Worte der Versöhnung üna der'EinigRelt ausstrahlte und Dr. Klee im Namen des Gemeindevorstandes gleichen Gefühlen Ausdruck verlieh, war die umfangreiche Tagesordnung vergessen, vergessen waren Fraktionsmeinungen. Die Hütte des Friedens war ausgebreitet. . „ Mit halbstündiger Verspätung wurde die Repräsentäntenversammlung unter dem Vorsitz Heinrich Sterns eröffnet... Benjäinitt. I Zum Tode Alexander Moszkowskis Der lächelnde Philosoph Kleinigkeiten Von Leopold Zunz Es ist wenig bekannt, daß der eigentliche Schöpfer der ■modernen Wissenschaft des Judentums, Leopold Zunz, der. vor 140 Jahren in Detmold geboren wurde, ehe er der machtvolle Regenerator der jüdischen. Wissenschaft wurde, sich durch Mitarbeit an deutschen belletristischen Zeitschriften! einen Teil seines Lebensunterhaltes verdiente. So lieferte er auch Beiträge für die Berliner Zeitschrift „Der Gesellschafter“, die der bekannte Theaterschriftstellcr Gubitz herausgab. In den Jahrgängen 1817 lind 1818 dieser damals viel gelesenen Zeitschrift ist der junge Philologiestudent der Berliner Universität mit einer Reihe von Aphorismen vertreten, von denen wir nachstehend einige veröffentlichen. Je feiner ein Mensch, desto fühlbarer ist sein Verweis. Von Eltern, die täglich zanken, fühlen die Kinder kaum Schläge. * Wirksamer Tadel muß wie magnetisches Eisen an beiden Enden armiert sein mit — Lob. » . Obschon es leichter ist, zehn Laster sich angewöhnen, als eine einzige Tugend; dennoch söhnen zehn Tugenden eines Menschen uns nicht mit seinem einzigen Laster aus. * . Es'gibt zweierlei Oberflächlichkeiten: die eine schlechtere ist die “Mutter, die andere bessere die Tochter der Vielseitig- Die kleinen Köpfe sind darin den großen'ähnlich: daß sie' überall große Köpfe voraussetzen. Nur die mittelmäßigen vermuten stets kleine anzutreffen. .Eine bescheidene Anzeige meldet seinen Tod. Ohne Titel — der lächelnde Philosoph und Polyhistor hatte keinen. Ohne Angabe' des Alters — der berühmte Humorist, der mit 25 Jahren die unvergängliche Humorgestalt des „Anton Notenquetscher“ schuf, und seit seinem 60. Jahre, in einer Zeit, da andere ihr Lebenswerk abgeschlossen haben, die wissenschaftliche Welt mit tiefgründigen, philosophischen . Werken bereicherte, deren Hauptgebiet die Grenzscheide der menschlichen Erkenntnis.berührt, ist fast 84 Jahre alt geworden. Von Alexander/Moszkowski hat einmal jemand gesagt, mit dem Hiimor sei er verheiratet, in die Philosopliie sei er verliebt. Jedenfalls hat er sich bis in sein höchstes Alter hinein für diese Ehe nicht minder geistig frisch erhalten als für diese Liebe. Groß ist die Reihe der Werke, die er geschrieben, unermeßlich die Zahl der Anekdoten, Witze und Aphorismen, die aus der nie. versiegenden Quelle seines beweglichen Geistes flössen. Ein schweres Augenleiden hinderte ihn daran, zu lesen und die Dinge der Umwelt mit klarem Blick zu erkennen. Das hinderte ihn aber nicht, alle Zeiterscheinungen so zu erfühlen, und . zu erleben, als ob er an allem persönlichen Anteil gehabt hätte. Vor mehr als 20 Jahren schon sah er das Zukunftskino voraus, das nicht nur die Bewegung, sondern auch die Sprache wiederzugeben imstande sein werde, „das Kino mit allen seinen fernen Möglichkeiten, mit Synchronismus des Tones, erhöhtem Relief der Darbietung und optischer Tief bühne“. Dieser Mann, dem auch Technisches nicht fremd war, war, wenigstens in seinen letztcn.Jahren, ein Feind des Telefons. Als ich zu seinem 80. Geburtstage für , eine große Berliner Tageszeitung einen Artikel über die ' Wanderungen und Wandlungen des Witzes von ihm erbat, mußte ich erst mit ihm korrespondieren, da er nicht .zu. bewegen war, an den Apparat zu kommen. Er wohnte damals in der Fasanenstraße, der Synagoge gegenüber. In der engen Wohnung eines Gartenhauses. Aber aus dieser Enge führte der Weg in die irdische und übenirdische Welt. Das schmale Rechteck seines Arbeitszimmers ■ war rings umstellt von' Büchern. Die meisten davon hatten ihn selbst zum Verfasser. Da standen in langen Reihen die Jahresbände der „Lustigen Blätter“, die Alexander Moszkowski zusammen mit Dr. Otto Eysler begründet hatte und deren Chefredakteur und eifrigster Mitarbeiter er jahrzehntelang gewesen ikar. Da standen die vergilbten gebundenen ... hlefte der. stachligen „Wespen“, die er zusammen mit JuliuM . geschickte, der Jurisprudenz, deren Autor er war. In allen seinen Büchern, ob sie sich mit einem Einblick in die Gedankenwelt eines großen Physikers befaßten oder „Die Welt von der Kehrseite“ betrachteten, ob sie das Geheimnis der Sprache ergründeten oder zu den Tiefen metaphysischer und naturwissenschaftlicher Probleme vordrangen, immer verbindet sich nicht nur der.Scherz mit dem Emst, die Ironie mit der Selbstironie, sondern auch die rastlose Beweglichkeit seines Geistes mit einem umfassenden Wissen und der originellen Beleuchtung der Probleme, die er aufgreift. Als Humorist hat Moszkowski in seltener Art die gestaltende Kraft und den sprühenden Einfall vereinigt, der die Gegensätze geistreich verbindet. Das Gebiet des jüdischen Witzes hat er in seinen Büchern „Die jüdische Kiste“ und „Der jüdische Witz und seine Philosophie“ bearbeitet. Auch in seiner „Unsterblichen Kiste“, in der er die 333 besten. Witze der Weltliteratur verpackt hat, befindet sich ein Schmuckkästchen mit orientalischen Perlen der Weisheit, des Witzes und des Humors. Der. Öffentlichkeit ist sein Name schon lange entschwunden. Die köstlichen Einfälle, mit der er sie sein langes Leben hindurch beschenkt hat, sind aus ihrem Ge-' dächtnis nicht zu tilgen; auch wenn die Vaterschaft vergessen ist. .E. Ta. Alexander Moszkowski: Aus dar „Unsterblichen Kiste“ Ein Komponist besuchte den Tonkünstler Moritz Moszkowski (den Bruder Alexanders) und trat bei Ihm mit den Worten ein: „Herrgott, ist das draußen ein Dreckwetter!“ M. M.: „A propos Dreck — haben Sie wieder etwas komponiert?“ Nach einer Glanzleistung der gefeierten Sängerin Rosa Sucher verfaßte ein Enthusiast eine Hymne, in der-er die Vortragende als die Göttin des Gesanges be'zefclmctc. ' Die Zeitung, der er das Gedieht zum Abdruck cinsaudte, versah das Manuskript mit der Randbemerkung:^ „Der Mensch vergö-ttre die Sucher nicht!“ Als die große Tragödin Sarah Bernhardt noch Prototyp aller Magerkeit war, entwarf eine Pariser Zeitung nachstehendes Stimmungsbild: Mitternacht auf dem Boulevard.-An der Ecke des Grand Hotel kommt eine leere Equipage vorgefahren. Wer steigt aus? Sarah'Bernhardt! 1 (Aus einem Roman.) Nach diesem Schicksalsschiägc ging Artur in 'ein Restaurant, setzte sich in eine stille Ecke.-iiell sich drei Eier kommen und versank in dumpfes Brüten. - Herr Meyer ist unschlüssig, was für eine Karte er . ausspielen soll und dreht sich nach dem hinter ihm stehenden Kiebitz um. Der deutet mit dem Zeigefinger auf seine eigene Brust. Meyer spielt folglich Coeur und verliert. „Das hab’ Ich von Ihren Ratschlägen! Was fällt Ihnen ein, mit dem Finger aufs H e r z zu zeigenl“ — Der Kiebitz: Nun, heiß’ ich denn Herz? Ich heiß’ doch Carol *' Der Bankdirektor P. sendet seinen Prokuristen nach Frankfurt zur Generalversammlung der PhoCnicia, mit der Weisung, ihm. möglichst rasch über;das, Resultatdtr.Ven Am nächsten Tag telegrafiert der Prokurist: „Alles verkaufen!“ Als er zurückkehrt, begrüßt ihn sein Chef: „Ich bin Ihnen im höchsten Grade dankbar! ' Ich habe, alle Aktien verkauft und dadurch einen großen Verlust vermieden. Aber sagen Sic mir nur, wie war es Ihnen möglich, schon Hm 12 Uhr zu depeschieren, so.daß ich Ihr Telegramm noch zum Börsenbeginn erhielt? Die Generalversammlung begann doch erst um halb zwölf? Die hat doch gewiß bis um 3 gedauert? „Sogar bis 4 Uhr. Ich habe aber nur das erste Wort Wort gehört. Der Präsident eröffnete die Versammlung, indem er sagte: „Leider . . .“ Weiteres wartete Ich nicht ab. Als ich das Wort „Leider“ hörte, war ich schon draußen und fuhr nach dem Telegraphenamt.“ « - •- Frau Salomonson liest jedes Jahr das Alte Testament durch. Sie weiß nichts davon, daß sich in ihrem urväterlichen Exemplar durch irgend einen ZufalFzwei Blätter zusammengeklebt haben, so daß sic von Seite 3 (Adam und Eva) immer auf Seite 6 (Erbauung der Arche Noa) gerät. Und so spricht sic denn alljährlich mit unverminderter Andacht halblaut vor sieh hin: . Und -Adam erkannte Eva,' sein. Weib, . - . und hat sie ausgeklebt von innen und von außen mit Pech . .-.“ Vijla statt Synagoge Vietz' (Ostbalm). Durch Aussterben und durch Fortig, und da kein Nachwuchs vorhanden ist, kann selbst t hohen Feiertagen kein Minjan mehr aufgestellt werden, cshalb wurde der Beschluß gefaßt, die Synagoge zu erkaufen. Sie wurde von dem Fabrikbesitzer Strunk worben, der beabsichtigt, auf dem Grundstück eine Villa zu ■richten. Der Erlös von dem Verkauf der Synagoge wird Ir Einfriedung des Friedhofes verwendet. ■ Kopenlcker Wäscherei A. Wensch MB Trocknet £© Freien. Solide Preise. Fordern Sie Preäslis^! Köpenick, Orünauer Straße 77, F4 Kopemck 1160 3ü!iifdjes itt allen ftalenbem Gerson,RothschildundMischehe Zur Erkenntnis der,Entwicklung des deutschen Bürgertums im IQ. Jahrhundert sind die alten Kalender der damals überaus einflußreichen satirischen Zeitschrift „Kladderadatsch“ von größter Bedeutung: in der Ironie wird hier die Wirklichkeit unverkennbar deutlich. Und da zu dieser Wirklichkeit die Juden ebenfalls gehörten, so findet sich auch mancherlei für uns gerade heute Interessantes darin. Nicht nur der „Jüdische Kalender“, der nur eine Gelegenheit zu Witzen ist, die oft jeder Beziehung zum Jüdischen ermangeln und nur durch Sprache usw. jüdisch aufgemacht sind. Aber dann stößt man in einem Kalender aus dem Jahre .1859, der also über achtzig Jahre alt ist, auf einen Hymnus auf das jüdische Geschäft von Gerson, nicht im Inseratenteil, sondern mitten im Text, der amüsant genüg ist: Gerson! Gerson! nenne mir den Zauber! —- Meiner Seele wilden Tanz: Der mich {aßt, wenn von der Schleusenbrücke Ich seh strahlen Deines Ladens Glanz! ' Schmäle nicht! wenn Sprache ich verleihe Meiner Seele Sympathie! Ach, der Silber-Aliasstoff, der neue — So was Schönes sah 'man nie! Ach! Du kannst nickt meinen Schmerz begreifen — Den Ich selbst verstehe k§um! Dieser Burnus mit den rosa Schleifen — Ist mein allerkühnster Traum! Ja! in Deinem Laden drlmien: — Ist schon hier des Himmels Lust für mich! Sollt’ ich einst’in der Lolt’rie gewinnen: — . Gerson! Gerson! Freue Dich! ' Und da das damals nicht als Reklame erschien^ son- .dem als eine nette und liebenswürdige Satire auffgefaßt wurde, brauchen wir auch hier den Versen gegenüber keine Bedenken zu haben, sondern dürfen sie als Lob eines jüdischen Geschäfts mit der allem, was an dieser Stelle erschien, gebührenden Vorsicht gern aufnehmen. . " Ernsteren Hintergrund hat eine Geschichte von noch bissigerer Ironie, die acht Jahre später erscheint. „Englands Haus der Gemeinen oder Liebe und Weltgeschichte'Hieißt sie. Es wird darin von einem netten jungen Mann erzählt: „Er liebte. O" entsetzliche Angewohnheit! Sein Herz „brannte lichterloh für ein Mädchen, das diese Liebe allerdings um- . gehend franko erwiderte, aber dieses Mädchen hatte einen Geburtsfehler: sie' war Jüdin!“ Die Widerstände gegen diese Liebe aber gehen,-nicht von der christlichen Familie aus, sondern vom Vater des jüdischen Mädchens, „Herrn Markus^ Lewy Meier, aus der ausgebreiteten Familie Meier, Fondsspekulant, erstes Papier, eigene Equipage“, und er tut den furchtbaren Schwur: „Meine Tochter wird nicht eher kriegen einen Christen, bis Rothschildchen sitzen wird Im Parlament."

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