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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-09-28 · 78-79 (28.9.1934) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
78-79 (28.9.1934)
Date
1934-09-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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14. Jahrgang Nummer 78/79 (ibetale 3eitang 1. Beilage 28. September 1934 dar Nachkommenschaft Arisch-jüdische Mischehen Von Dr. Felix Heimanti Der Sturmwind, der seit den Januartagen des Vorjahres-über uns hinwegfegt, hat-viele Aeste geknickt und manchen Stamm zerbrochen. Wir haben geglaubt und wir^glauben, zum deutschen Volke deshalb zu gehören, weil uns mit ihm Gemeinsamkeiten in reichem Maße verbinden. Seit den Tagen des großen Konstantin leben Juden nachweisbar auf deutschem Böden. Das erste Dokument, das sie erwähnt, ist eine Verordnung des Kaisers für die Kölner jüdische Gemeinde vom 11. Dezember 321 n. Wir leben auf gleicher Heimaterde Wie unsere nichtjüdischeil Mitbürger, in gleichem Boden, wie ihre Vorfahren schlummern die unseren, ln die gleiche staatliche und wirtschaftliche Ordnung 'viele Jahrzehnte hindurch verflochten, eine Ordnung, die unsere Elfern und Großeltern haben mitschaffen helfen, ge- ' hörten wir-bis vor kurzem — wie Julius Goldstein sich einmal ausdrückte — ,,zur Nationalökonomie des Deutschen Reiches.“ Seit den Tagen der Befreiungskriege haben deutsche Juden auf allen Schlachtfeldern für ihr Vaterland, gekämpft und geblutet. Die deutsche Sprache ist unsere Muttersprache, und deutsche Lieder sind die Lieder unserer Heimat. Die „Loreley“ wird man auch noch in fünfzig und hundert Jahren als echtes deutsches Volkslied preisen, und yier Dichter des Sanges „Stolz weht die Flagge schwarz-weiß-rot“ liegt auf dem Friedhof der Berliner jüdischen Gemeinde in Weißensee begraben. Aus dem Kulturleben Deutschlands sind viele Künstler, Techniker, Naturwissenschaftler, Musiker, Schauspieler, Juristen, Mediziner, Philosophen, Schriftsteller und Forscher schlechthin nicht wegzudenken. Ein beträchtlicher Teil der Deutschland zugefallenen Nobelpreise ist deutschen Juden zu verdanken. Und. trotz alledem läßt man die von den meisten von uns empfundene Lebenseinheit von Deutschtum und Judentum nicht mehr gelten. Viele von uns gingen seelisch und körperlich an diesem Zwiespalt der tiefinnerlichen Einstellung und der staatlichen Auffassung zugrunde, manche zerbrachen an den wirtschaftlichen Auswirkungen der Staatsräson. Aber dem' Großteil von uns bot etwas doch starken Halt: Die Verbindung mit dem Judentum, der Stolz auf die jüdische Vergangenheit, das Bewußtsein, in eine Zeit hineingestellt zu sein, die Bewährung und Opfer verlangt und sich nicht mit dem bloßen Lippenbekenntnis begnügt. Das Wort „Jude“ bekam wieder einen hellen Klang, die Geister der Ahnen stiegen auf, und aus weiten Fernen klang durch den Qualm mittelalterlicher Scheiterhaufen hindurch das alte, ewig junge Bekenntnis: „Höre Israel der Ewige, unser Go t.t, der Ewige ist ei nzig!“ Wird unser Schicksal so von uns zwar als hart, aber doch als sinnvoll aufgefaßt, so erscheint den' Nichtjuden, die durch die „Arierbestimmungen“ uns gleichgesetzt sind, ihr Geschick bitter uftd unverständlich. Die Tragik solcher Menschen ist wohl zu verstehen; wir ahnen, was in ihrer Seele vorgeht; wir begreifen, daß sie, anders als wir fühlen müssen; wir - richten uns an anserem Judentum auf; sie aber finden aus den sich für sie ergebenden seelischen Widersprü- "chen oft keinen Ausweg. Man soll ihnen keinen, Vorwurf machen, wenn sie aus ihrer Herzensnot heraus mit Gott und der Welt hadern, und wenn sie von den mitunter längst Dahingegangenen, denen sie immerhin ihr Leben verdanken,- in.der Weise sprechen, in der das z. B. der Stabsarzt a. D. Dr. med Hübner in Groß-Logisch in Schlesien in seiner Broschüre „N i c h t a r i e r - Bastardierung des deutschen Volkes?“, Selbstverlag des Verfassers, tut. Der Vater Dr. Hübners hat vor 56 Jahren die . Tochter eines damals hochangesehenen jüdischen Bankdirektors, dessen Frau arischer Abkunft war, geheiratet. Der Ur-Urgroßvater hat den siebenjährigen Krieg im Belling’schen Husarenregiment mitgemacht, der Vater 1870/71 im 3. Garderegiment zu Fuß als Kriegsfreiwilliger gefochten, in jenem Regiment, dem auch Hindenburg angehörte. Im Jahre 1914 hat sich der damals 63 jährige Vater des Verfassers wieder zur Verfügung gestellt und hat eine Landsturmkom-,- pagnie geführt. Dr. Hübner selbst ist Frontkämpfer gewesen und besitzt mehrere Kriegsauszeichnungen. Er gilt nach den herrschenden Bestimmungen ebenso als Nichtarier wie seine blondhaarigen und blauäugigen Kinder, deren Gesichter in der Schrift abgebildet sind- Der Vater hatte es bisher nicht über das Herz gebracht, mit seinen Angehörigen über sein und ihr Nichtariertum zu sprechen, er hat sogar selbst — wie er sagt — bis vor kurzem nicht gewußt, daß er nichtarisch ist. Sein ältester Sohn war schon 1932 in der Hitlerjugend, der zweite war ebendort Kameradschaftsführer. Dr. Hübner selbst ist trotz seiner Abstammung Nationalsozialist. Er bejaht auch sehr entschieden die Notwendigkeit der Rassengesetzgebung, wünscht jedoch, daß die an den Mischehen der Vorfahren doch unschuldigen Nachkommen für die Handlungsweise ihrer Ahnen nicht zur Rechenschaft gezogen und „entehrenden Ausnahmebestimmungen“ unterworfen werden sollen. Unter alles das, was die Ahnen „unwissend gefehlt“ haben, - sei ein Schlußstrich zu setzen:' Keine Diffamierung und Ehrlosmachung der Abkömmlinge aus Mischehen, Wie'derimiirjijimimimjiiiiiiuiJiiimutumummtmmmtmmuifmmuiimmiimmmmiiniimmumiiriumiMriiiJimiiimiiiiiniit Oh, hilf uns doch! Von Fritz Nauenberg Oh, hilf uns doch, Die wir verstoßen, Verbannt, gemartert, Jeden Tag. Und jede Stunde, Die uns quält, - ' Nimm sie, oh GOTT, Mit Deinen Händen. Nimm uns’re- Buße, Die wir tragen Und unser Herz, •Nimm es zu DIR. Doch gib in Stunden Der. Verwüstung uns DEIN Bild, - - Daß wir es küssen mögen. Reich’ uns die Hände,. Die uns schufen. Reich’ DEINEN Mantel, Zeige DICH. Damit wir beten, > Glauben, weinen können, Ganz inniglich. Gib uns ein Wort nur, Einen guten Blick. . Nichts als die Demut Wollen wir DIR bringen. Doch zeige DICH Und rufe uns zu DIR Von dieser Erde, Die zu Tode sinkt. Schon sterben alte Frauen Ohne DICH, Und junge Männer v Sterben ungeweiht. Nimm uns zu DIR ' Und zeige. DICH ' Der Menge. Untl zeige;ihnen, Den Verführten, Den Weg zu DIR In Ewigkeit. Aus dem im Berthold Levy Verlag, Berlin, crscjticneuen Versband „Stille Stunde“ von Fritz Nauenberg. imiiiiiiriimiiuiiriujiiiiiutifiiiimmiuniiiJiimmiiiiiiiiiiNiiitimniiimiiiiiiriiriiritiiiiiiifiiiimimiiiHNimiiiiiimHiiiMninii aufnahme in die deutsche Volksgemeinschaft mit allen Rechten und Pflichten, aber für alle Zeiten strenge Verhinderung dieser „Sünde wider das Blut“. Die Mischehen seien, — so meint der Verfasser — im übrigen überwiegend zwischen stark nordischen Vätern („Adel“) und gebildetem Bürgertum einerseits und Jüdinnen der gebildeten Kreise anderer-, seits geschlossen worden. In den Adern der, nebenbei zahlenmäßig geringen, Abkömmlinge aus jüdisch-. arischen Mischehen (2 :1000 der Bevölkerung) kreise vielfach mehr nordisches Blut als in denen der großen Mehrzahl der auch als arisch bezeichneten ostbaltischen und sudetischen Bevölkerungsteile Ostdeutschlands. Man dürfte diese Mischlinge daher nicht ohne weiteres als „Fremdstämmige“ oder gar als „Juden“ bezeichnen und dürfte ihnen aus Gründen der Gerechtigkeit die Staatsbürgerrechte nicht entziehen oder vorenthalten. Die Abkömmlinge solcher Mischlinge würden im übrigen in wenigen Generationen im deutschen Volke aufgehen, ohne seine rassenmäßige Zusammensetzung verschlechtert zu haben. Soweit der Verfasser, der trotz seiner Forderung qaeh künftiger Verhinderung von Mischehen eine Minderung der Rasse durch Kreuzung leugnet, sich zum. Beweise des Gegenteils auf Acußenuigen des Fürstim Bismarck beruft, und. dafür eine Reihe von Beispielen anführt. i^'n- S,*nt* ‘n k.c'ner Weise berufen uiijl sefbst- /erstaunlich auch nicht in der Lage, dem Verfasser die Antwort auf die Frage zu geben, von der er'sägt, daß sie heute Tausende und Abertausende' stellen die-Frage, warum die Kinder aus solchen Ehen recht-' k)S werden sollen deshalb, weil einmal in neuerer Zeit in einer seit Jahrhunderten nachweisbar christlichdeutschen Familie ein „Reiß eines anderen Stammes" dazwischen gekommen sei. - — Fragt man uns aber nach unserem jüdischen Standpunkt, so wird., zur Frage der Verbindung mit- Menschen anderen Blutes das folgende zu sagen sein; Grundlehre unseres jüdischen Glaubens ist die Thora, sind die fünf Bücher Moses. Die religiösen Grundsätze der Thora, auf denen sich auch - die Rechtssatzungen des Judentums aufbaueu, sind die Quelle aller späteren Gesetzgebungen und sittlichen Normen^ der Juden bis auf den heutigen Tag. Die Thora lehrt mit aller Deutlichkeit die Gleichberechtigung aller . Rassen und aller Völker. „Gott schuf den Menschen nach seinem Ehenbildc*T heißt, es im ersten Buch Moses Kap. I. Vers 27. Nicht also den Israeliten, nicht diese oder jene Rasse, soiulcc» den Menschen schlechthin. Das erste Mensehenpaar wird ausdrücklich zu Ahnen des gesamten Menschengeschlechtes gemacht. Liebermann sagt in seiner QucUcndarstelluug Zur jüdischen Moral: „Die Religion der Thora lehrt die Gleichberechtigung aller Rassen auf Grund der Auffassung, daß alle Menschen Gottes Geschöpfe sind und Infolge ihrer QottebenbltdUchkcit allesamt zu sittlichem Leben berufen .wurden“. .Und er führt zur Proselyten-Frage Jene Jüdische Oesetzesstelle an, ln. der es heißt:'„Wenn jemand kommt, um zum Judentum überzutreten, sage man zu ihm: .Was bewegt Dich, Jude zu werden, weißt Du denn nicht, daß Israel zur Zeit gestoßen, zertreten und gemartert ist?' Wenn er sagt, wohl weiß, ich dies, und icfistehe nicht an, mich mit'ihnen zu verbinden", so nehme man ihn auf und mache ihn bekannt mit den Onindlehren der Religion, d. i. die Einheit Oottea und das Verbot des Götzendienstes". •Wenn sich die jüdische Rasse ln den meisten Ländern trotzdem verhältnismäßig rein erhalten hat, so war hierfür vor allem die Absonderung der And cren entscheidend, die wir-deutscjien Juden in der Jetztzeit ja wieder besonders deutlich empfinden'. Hinzu kamen die Besonderheit-der jüdischen Lehre und des jüdischen Lebens, die Tradition und die Schwere des jüdisqheu Schicksals, die selbsibewußle;' aufrechte Naturen -fester und fester mit ihrer jüdischen Gemeinschaft verband, wie sie andererseits Übertritte zu uns und Mischehen erschwerte. Nach der Emanzipation freilich '— also in den letzten vier Generationen —_ setzten infolge der allgemeinen religiösen familiären und-auch volklicjien'Auflockerung Taufen utuf Miscjifhen in hohem Maße ein. Wir Juden standen und stehen ihnen — vor allem. aus religiösen Gründen. — ablehnend gegenüber, umsomehr als wir wissen, daß es in der überwiegenden Mahrzahl dieser Fälle um Materielles ging. Aber wir wissen auch, daß es andererseits Dinge gibt, ■ die rationell nicht zu erfassen sind, und daß mitunter Wille und Wunsch selbst der Nächsten, Gesetz und Staatsraison zurücktreten müssen hinter die1 Imponderabilien des Herzens und der Seele. - Die Anekdote Justizrat Dr. Hermann Staub, der geistvolle Kommentator des B.G.B., der in frühen Jahren gestorben ist, war ein besonders witziger und schlagfertiger Jurist. „Meine Grab: schritt“, so äußerte er einmal, „soll lauten: Staub war ich, •Staub bin ich, das bedarf keines Kommentars.“ ln einer Handelssache vertrat Staub bei seinem Plädoyer mit besonderer Lebhaftigkeit die Ansicht seines Kommentars; der Gegenanwalt war, wie selbstverständlich, anderer- Meinung- Als der Gerichtshof nach der Beratung, in der er. sich gegen die Ansicht Staubs entschieden hatte, in den Sitzungssaal zurückkehrte, meinte der Präsident lächelnd zu Staub: ,„H.err Justizrat, soeben haben wir .Ihren.JCommentar 'gemordet.“ Worauf Staub prompt unter Lächeln erwiderte;— „Herr Präsident, sollte es nicht etwa ein-To tsc h 1 ag'gewesen sein?“ (Anmerkung für Nicht-Juristen: Zum Begriff des Totschlags gehört es, daß das Verbrechen ohne Überlegung ausgeführt wurde.) VJioabit, Xumfti BEKANNT DURCH QUALITXTS-WAREN 42

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