Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 78-79 (28.9.1934)
- Date
- 1934-09-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Änftqutfäfen Von Dr. T. Simon Icli kenne sie alle, die kleinen Läden, die Berlin das Antlitz der „gewordenen Stadt“ aufdrücken, die in die ungeschichtlichste Weltstadt. Geschichte bringen. Unwiderstehlich ziehen sie mich an; in den niederen Schaufenstern stehen die alten Berliner, die antiken Möbel, die alten Tassen in den köstlichen Vitrinen. Hier kann maii die Kulturverbundenheit aller Länder sozusagen direkt von der Straße her studieren. Hier . steht deutsches Biedermeier neben französischem Empire, hier Danziger Barock neben italienischer Renaissance, hier sind spanische und maurische Gegenstände, dort alt-persische Waffen. Aber ob man die Straßen von Wien öder Paris, von Madrid oder London, von Berlin oder Budapest absucht, immer ist irgendwo jüdische Kultur vertreten, überall" sieht man neben den alten Stickereien,- neben den prunkenden Waffen die alten Leuchter. Erinnherungs- und Wahrzeichen des Jüdischen. Die Inhaber der meisten Antiquitätengeschäfte sind mir persönlich bekannt. Ich gehe hinein in eines der Geschäfte. Alle Antiquitätenhändler sind wie eine große Familie, meist sind sie sogar tatsächlich verwandt, freuen sich, wenn man ihren Bruder in Baden- Baden oder den Onkel in Paris kennt. Kunsthändler geben ihren ständigen Abnehmern oft auf Kredit. Ich zahle etwas an, nehme den Gegenstand mit und . . . ja, dann" kommt das dicke Ende, dann zähle ich ab. Bei Frau Grün muß ich ja noch das Biedermeier-Tintenfaß bezahlen, es ist aus Silber, ich habe es gekauft, weil es zufälliger Weise das Monogramm meiner Großmutter trägt. Ich trete ein, sie zeigt mir ihre neuesten Ervyerbungen; Frau Grün ist eine kluge Frau, aber auch bei inr kommt.es vor, diese Angst „sich bekauft zu ha-, ben.“ Auf der Auktion geht es schnell. „Was man von der Minute ausgeschlagen, gibt keine Ewigkeit zurück“. Das Antiquitätengeschäft ist ein schwieriges Geschäft, es ist eine Art Börsengeschäft: Die „großen Stücke“ werden am variablen Markte notiert, da weiß der Kunstkenner Bescheid, da sind die Direktoren . der großen ■ Museen, da sind die berühmten Sammler am „Markte“, die „Schwankungen“ richten sich natürlich auch nach Mode und Wirtschaftslage, aber Käufer und Verkäufer sind als Abgeber wie als Reflektanten mehr oder weniger bekannt. Dann kommen die kuranten Artikel: das.Biedermeierzimmer, die Renaissancetruhe, eine „Brücke“ — das sind so Gegenstände des „täglichen Bedarfs“, hier kann der Antiquitätenhändler damit rechnen, daß er sie in einer gewissen Zeit absetzt, er weiß also ungefähr den AVert, und wann er -sein Geld wieder sieht. Das sind Stücke des „Ein- - heitsmarktes“. Dann aber kommt das Gros der „unnotierten Werte“, da entscheidet Zufall, Beziehung, Freundschaft den Preis. Der Händler läßt sich ein Angebot machen," denn hier weiß der Sammler wirklich besser als der Händler den Wert. Klingelzügej Tassen, Nippes, Leuchter, Waffen, Stickereien werden meist mit größeren Stücken zusammen in der Versteigerung als „Los“ erstanden. Geht das Hauptstück, beispielsweise ein Schrank im Danziger Barock, zu einem hohen Preis fort, so läßt sich über die Beigaben diskutieren. Frau Grün macht mich auf eine schöne Vitrine aufmerksam, die angefüllt ist mit Meißner Tassen, Berliner Porzellan, Höchster und Thüringer Manufaktur, mit Figuren und Figurinen und fragt mich mit ihrem liebenswürdigsten Lächeln: ■ „Was glauben Sie, daß ich für die ganze Sache bezahlt habe, wenn sie r i ch t i g e r r a t e n , aber genau, bei Heller und Pfennig, dann bekommen Sie die beiden Cloisonne-Leuchter, handgetriebene Arbeit geschenkt.“ „Und wenn ich nicht richtig schätze, was dann?“ „Ja“, überlegt sie, „also für den Fall, daß Sie daneben hauen," kaufen Sie mir die goldene Berliner Tasse, die hübsche-Tasse mit dem Blumenmuster, und die niedliche graziöse Höchster ab für dreißig Mark, aber diesmal cash down, ohne zu handeln, einverstanden?“ „Ja“, sagte ich. Ich sehe mir die Figurinen, die Tassen, "die Nippes, die sehr kostbare Vitrine an, ich sehe wie prüfend zu Frau Grün, rechne, schätze, mein Geld stellt! Im Geiste sehe ich mich schon vor meiner Frau mit drei Tassen und ohne Geld. Also es gilt! Ich suche ihre Kaufmentalität, die Gegenstände, die Zeitverhältnisse — all das suche idi auf einen Generalnenner zu bringen und rufe klar und energisch, „325 Mark, keinen Pfennig mehr und keinen weniger!“ Frau Grün erbleicht. „Ich fürchte fast, Sie haben’s erraten,- aber -ich will doch noch einmal im Buche nachsehen“. Sie schlägt das altertümliche Hauptbuch auf, „Nr. S24, eine Biedermeiervitrine mit Inhalt, wahrhaftig — 325 Mk.!“ iWir lachen, sie holt Papier und Schnur, die beiden Leuchter werden eingepackt; „Sehen Sie, jetzt freut’s" mich doch, daß Sie es getroffen haben, sind Sie doch neulich vom Kauf der Teplitzer Eierbecher zurückgetreten, als Sie sahen; daß ich mich . davon nicht trennen konnte, ja mir hätt’s ein Stück Herz gekostet, wenn ich sie hätte weggeben sollen.“ »Ja> ja, Händler und Sammler,- das ist schwer TISCHLKIM-I )Z)i4 5 GUTE. MÖBEL“ G, LOBEK - A. 1) I T T M A X X - INNENARCHITEKTEN' BERUX-SCHÖXEllEllG. WAllTIll'UOSTU. -10, FERNRUF 0 1. «D09 zu vereinen. Aber wir Juden sind alle irgendwie traditions- oder religiös-gebunden. Vor allem Gewordenen empfinden wir Pietät, selbst vor den Eierbechern, die Ihnen lieb und wert sind, weil sie aus Ihrer Heimat stammen, weil sie irgendwie an Ihre Jugendzeit, an Ihr Elternhaus erinnert werden... Also, auf Wiedersehen“. Damit will ich das Paket ergreifen. „Aber was sage ich meiner Frau?“ „Erzählen Sie bitte Ihrer Frau Gemahlin, Sie hätten zwei, handgetriebene Cloisonne=Leuchter eingekauft, die hätten Sie nichts gekostet!“ Sie denken vielleicht, die Geschichte sei nicht wahr? Gut, auf meinem Balkon können Sie sie allabendlich brennen sehen! J üd ischer M usi ker im Schatten Beethovens Von Gerhard Goldschlag Ignaz Moscheies ist der Nachwelt als glänzender Pianist und einer der gesuchtesten Klavierpädagogen seiner Zeit bekannt. Als Felix Mendelssohn 1843 das Leipziger Konservatorium begründete, war es sein erstes Bemühen, den in London Lebenden für das junge Institut zu gewinnen, dessen Lehrkörper Moscheies 27 Jahre lang bis zu seinem Tode angehören sollte. Doch nicht hiervon soll die Rede sein, auch nicht von der Bedeutung des Komponisten Moscheies, der die Musik durch eine Fülle virtuoser, -originell gefärbter und rhythmisch markanter Werke, die engere Klavierlileratur durch interessante Studien von bleibendem Wert bereicherte. Zeitgemäß jedoch und wert einem größeren Leserkreis unserer ■ Gemeinschaft zugänglich gemacht zu werden, erscheint mir ein Ereignis in Moscheies’ Leben, das nach seinen eigenen Aussagen neben der Freundschaft Mendelssohns sein größtes, köstlichstes Erlebnis war: seine Begegnung mit Beethoven und der sich hieran knüpfende Freundschaftsverkchr zwischen Beiden — Dinge, die geeignet sind, um das Charakterbild dieses jüdischen Alusikers den unvergänglichen Lorbeer menschlichen Seelenadels zu flechten. Begegnung in der Musikalienhandlung Trotz seines Lehrers Dionys Weber, der nur drei Musikgötter, Mozart, Cleinenti und Bach, kannte, fühlte sich Moscheles schon in frühester Jugend mit unbezwinglicher Gewalt zu Beethovens. Tonschöpfungen hingezogen. Kaum sieben Jahre alt, ruht er nicht, bis er die Pathetique auswendig beherrscht, eine tiefe, unwiderstehliche Macht treibt den Jüngling immer wieder in die Geisteswelt des Titanen, und als er, 14jährig, seine Musikstudien in Wien fortzusetzen beschließt, bestimmt ihn hierzu vor allem der Gedanke, dem „Gegenstände seiner heiligsten Verehrung“ nahe zu sein. Er wird der Schüler Albrechtsbergers und Salieris, die auch zu . Beethovens Lehrmeistern gehört hatten, und wartet auf die Gelegenheit, seinem Abgott zu begegnen. Endlich, im Jahre 1810, erfüllt sich der heißeste Wunsch seines Herzens. In der Musikalienhandlung von Artaria sieht und spricht der ■ 16jährige den 40jährigen Meister. Der erwärmt sich schnell für den jugendlichen Verehrer, der mit einem Konzert im kleinen Redoutensaal bereits einen unbestrittenen Erfolg davongetragen hatte. Am Notenpult mit Meyerbeer In der Folgezeit versäumt Moscheles keine Gelegenheit, Beethoven zu sehen und zu hören. Er ist regelmäßiger Besucher der Schuppanzighschen Quartettabendc sowie der Augartenkonzerte, in denen der Gewaltige nicht selten als Dirigent und Klavierspieler auftritt. Er ist gern gesehener Gast bei den Musiksoireen des Wiener Hochadels, er gehört zu dem intimen Kreis, der Beethovenverehrer, die sich unter Führung der Gräfin Erdödy oder der Baronin von Pereira um den Meister scharen. Ja, als es sich darum handelt, die Mittel für die in der Schlacht von Hanau verwundeten Soldaten aufzubringen, wirkt er gemeinsam mit vielen berühmten Musikern wie Salieri, Spohr, Schuppanzigh, Hummel bei einer Wohltätigkeitsaufführung der A-dur-Symplionie und der großen Schlachtenmusik unter der.Leitung des Meisters im Saale der Universität mit. Er saß damals am gleichen Notenpult mit dem jungen Meyer beer, der die große Trommel nach Beethovens Urteil gar zu zaghaft bediente. Die 1814 im Aufträge des Musikverlegers Artaria erfolgende Fertigstellung des „Fidelio“-Klavierauszuges durch Moscheles bringt selbstverständlich eine weitere Annäherung zwischen beiden Künstlern zustande. In seiner später erschienenen Beethoven-Biographie kann sich Moscheles nidht genug tun, die unendliche Geduld, Nachsicht und Hilfsbereit-, schaft des Meisters während der gemeinsamen Arbeit hervorzuheben, und dankbar gedenkt er der unzähligen anregenden Belehrungen, deren er hierbei teilhaftig wurde. Beethoven vertraut dem Freund Große Konzertreisen durch Deutschland entführten Moscheles dem Beethoven’schen Gesichtskreis. Erfolg reiht sidh an Erfolg. Wohl versuchen Neider und Feinde, den tauben, mißtrauischen Meister gegen Moscheles einzunehmen, indem sie von fälschlichen Riesenhonoraren berichten und hiermit die kargen Lebensverdienste Beethovens in Vergleich ziehen. Beethoven bleibt unerschütterlich. Er weiß, daß Moscheles ihm treu ist, daß er in der Fremde, vor allem in England; für ihn eintritt und wirbt. Das Freundschaftsverhältnis der beiden Männer bleibt ungetrübt, und so oft der Weg Moscheles nach Wien führt, gilt sein erster Besuch dem Wiedersehen mit Beethoven. ■ , Nur einmal, im Herbst des Jahres 1826, muß er auf die Erfüllung dieses Herzenswunsches verzichten, da sich Beethoven noch in Gneixendorf, auf dem Gute seines Bruders Johann befindet, von wo er erst im Dezember mit den Keimen der tödlichen Krankheit nach Wien zurückkehrt. Als die Nachricht hiervon nach London dringt, ist Moscheles erschüttert und untröstlich. Die Tatsache, daß der große . Künstler unter Nahrungssorgen leidet, ist für ihn unfaßlich _ und beschämt ihn aufs tiefste. Auch Beethovens Stolz kann es nur schwer über sich gewinnen, sich in dieser Lage seine« englischen Freunden zu eröffnen. Endlich, am 22. Februar 1827, läßt er das von Schindler verfaßte Schreiben an'Moscheles hera'usgehen; in dem er ihn bittet, sich bei der Philharmonischen Gesellschaft um das Zustandekommen eines seit langem geplanten Konzertes zu verwenden. Acht Tage vor dem Tode Ein zweiter erschütternder Brief Beethovens folgt am 14. März. Er berichtet von seinen viermaligen Operationen und von der furchtbaren Aussicht, sich auch noch einer fünften unterziehen zu müssen. „Was soll aus mir werden, wenn Os noch einige Zeit so fortgdht? Wahrlich; ein hartes Los hat mich getroffen. Doch ergebe ich mich in den Willen des Schicksals und bitte nur Gott stets, er möge es in . seinem göttlichen Willen so fügen, daß ich, solange ich noch hier den Tod im Leben erleiden muß, vor Mangel geschützt werde.“ Moscheles hat inzwischen bereits gehandelt. Durch seine Vermittlung-gehen 100 Pfd. an den Kranken und treffen am 18. März, also 8 Tage vor dem Tode, in Wien ein. Beethoven ist überglücklich. Es ist der letzte Lichtstrahl im Dunkel seiner irdischen Leidenszeit. Gerührt dankt der Todgeweihte dem Freunde. „Ihr edles Benehmen wird mir unvergeßlich bleiben.“ Moscheles wirbt für Beethoven Auch nach Beethovens Tode setzen sich Moscheles’ Verdienste um Verständnis für den unsterblichen Genius fort. Durch nimmermüdes Eintreten für die Werke des großen Komponisten — besonders in seiner Eigenschaft als Mitdirektor der Londoner Philharmonischen Gesellschaft — schafft er ihm gemeinsam mit einigen wenigen Gesinnungsgenossen nach und nach den Widerhall und die Anerkennung, die uns heute selbstverständlich erscheinen. Und als er 1837 das Unmögliche möglich macht, nämlich eine Aufführung der IX. Symphonie gegen jahrelange Gegnerschaft und Vorurteile. zustandezubringen, kann er mit Berechtigung ausrufen: „Das reiche England hat sich um einen Schatz bereichert, und wie froh bin ich, daß ich ihn ausgraben durfte.“ So hat sich der Kreis geschlossen. Die Welt von Schönheit, Wonne, Trost und Erhebung, mit denen Beethoven Ignaz Moscheles seit frühester Kindheit beschenkt hat, sie trägt reiche Früchte auf dem Boden eines beispielhaften Freundesherzens. Was Moscheles Beethoven vergelten durfte, geschah nicht aus Ehrgeiz oder um des Verdienstes willen. Es entsprang der Güte, Tiefe, Dankbarkeit und Oberfülle seines jüdischen Herzens, und deshalb ist er nicht der jüdische Musiker im Schatten, sondern im Lichte Beethovens; dehn ein Strahl des ewigen Lichtes, das von diesem Genius ausgeht, vergoldet auch für immer sein Angedenken. Geiger, Charakterdarsteller und Opernregisseur Zum Tode Jacques Goldbergs Jacques Goldberg, der, 74 Jahre alt, in Berlin gestorben ist, war ein Sohn des Oberkantors der Jüdischen Gemeinde in Braunschweig. In einem musikliebenden Elternhaus heranwachsend, würde er selbst von seinem Vater im Geigenspiel unterwiesen — mit solchem Gelingen, daß er schon als Knabe: von 16 Jahren die Reise nach Amerika antreten konnte, um dort in großen Orchestern als Geiger und als-Solovirtuose mitzuwirken. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wurde er gleichwohl der Musik untreu, denn eine neuerwachte starke Neigung zog ihn zur Bühne. Er wurde ein anerkannter Charakterdarsteller und Regisseur, und als er in dieser Eigenschaft nach verschiedenen anderen Engagements auch an das Deutsche Landestheater in Prag kam, begann die dritte" und letzte Phase seiner künstlerischen Tätigkeit, indem er sich für die Opernregie spezialisierte. Auf diesem Gebiet verhalten ihm Takt und Geschmack, Ideenreichtum und entwickeltes musikalisches Verständnis zu den stärksten Erfolgen, die’seinen Ruf fest begründeten. Er betätigte ihn am Theater des Westens in Berlin, am Hamburger Stadttheater, in weiteren deutschen Großstädten und im Ausland. Er war an der Deutschen Oper in London, an der Finnischen Oper in Helsingfors, an der Königlichen Oper in Stockholm und am Metropolitan Opera House in New York als Oberspielleiter tätig und trug auch an seinem Teil dazu bei, die deutsche Kunst und vor allem das Werk Richard Wagners zu verbreiten, dem er immer mit hingebender Begeisterung diente. Im Vorstand der Vereinigung künstlerischer Bühnenvorstände setzte Goldberg sich zwei Jahrzehnte hindurch für die Standesinteressen seiner Kollegen ein; die Unterstützungskasse der Vereinigung verdankte ihm ihre Begründung. R. W.