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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-09-28 · 78-79 (28.9.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
78-79 (28.9.1934)
Date
1934-09-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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if Berlin Freitag, 28. September 1934 Doppelnummer Preis 20 Pfg. Nr. 78/79 ***■ 14. Jahrgang 3rftt heutiges Subentum unb reltgtöfen Uufbau Dte „Jüdisch ■ liberale Zeitung“ erscheint zweimal wöchentlich» Dienstags und Freitags- Neuer Anfang Von Max Dienemann Mit den beiden Tagen des Schlußfestes klingt die Festeszeit des Jahresanfangs ab. Der letzte Tag, Simchat Thora, „Freude an der Thora“, ist noch einmal ein großer Jubelakkord. Es ist etwas Rijhrendes und_ zugleich Gewaltiges, daß nachdem die Festtage vorüber sind, die der seelischen Erneuerung des Individuums gewidmet sind, am letzten .Tage das Gut in den Mittelpunkt gestellt wird, von dem aus die Gemeinschaft begründet ist, und von dem aus die Gemeinschaft den Einzelnen trägt. Es ist, als ob mit Nachdruck gesagt werden soll: was wir sind, was wir sollen,, alles ist von der Thora her, ihr Geistiges und ihre Lebensordnung ist die Bürgschaft unseres .Lebens und unserer Dauer. Daß an diesem Tage Jung und Alt in Freude verbunden sind, ist ein Band besonderer nachdrücklicher Gemeinsamkeit. Und in der Art der. Vorlesung aus der Thora, in dem Anreihen des ersten Abschnitts des ersten Buches an den’ letzten Abschnitt des letzten Buches versinnbildlich sich die Ewigkeit der Überlieferung, die nie zu unterbrechende Dauer des „Lernens“, und daß auf jegliche .Vollendung ein immer wieder neuer Anfang mit neuem . Durchdenken und neuem Gestaltungswillen folgen muß. . . Aber nun handelt es sich bei diesem Fest-nicht nur darum, Bedeutung und Sinn grad dieses Tages zu ergründen, mit dieser Pflicht erwächst zugleich die ändere, gleichsam die Summe der ganzen Festzeit zu ziehen, zu fragen, was denn nun aus den mannigfachen und vielgestaltigen Anregungen dieser Zeit als besondere Aufgabe sich vor uns stellt. Auch hierbei wird es nicht möglich sein, erschöpfend alles darzustellen. Aber auf eines sei mit einem gewissen Nachdruck hingewiesen. Alle Andacht und innere Erhebung bleibt zwecklos, wenn sie sich nicht umsetzt in Tat. Es wird sicher an solcher Tat nicht fehlen. Mancher Impuls zu einer neuen persönlichen Frömmigkeit, aus den erhabenen Tagen geschöpft, wird zu fruchtbarer Wirkung gelangen. Aber es kommt in der gegenwärtigen Situation des Judentums, in der Frömmigkeitsbereitschaft des heutigen deutschen Judentums nicht auf die Tat allein an, sondern auf die geordnete Tat, auf eine Ordnung des jüdischen Frömmigkeitslebens. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, ist, in der Jugend vor allem, ein Wille da, zu wissen, woran man sich halten soll, was als gemeinverbindlidh gelten soll und was nicht. Und je stärker der Wille zu praktischer Frömmigkeit aufblüht, um so ernster ist vielleicht die Gefahr einer Regellosigkeit in dem neuen Tun. Was in der abgelaufenen Epoche, auch wenn es vom Übel war, möglich war, ja ihr.angemessen .war und aus ihr herauswuchs, das wird in einer neuen Epoche des Gemeinschaftsdenkens und des Willens zur Einordnung zum Übel, das jede Umfangreiches Beweismaterial Irene Harands Der Prozess um die „Weisen von Zion" Wien. Demnächst findet hier der mit großer Spannung erwartete Prozeß stattf in dem Frau Irene Harand, die bekannte Führerin der christlichen Bewegung gegen den Antisemitismus in Oesterreich, den Beweis erbringen will, daß die Verbreitung von judenfeindlichen Anschuldigungen aus den „Protokollen der Weisen von Zion“ mit Recht als Verleumdung' bezeichnet werden kann. Die Vorgeschichte des Prozesses ist folgende: Am 10. Mai hatte die von Frau Irene Harand herausgegebene Zeitung „Gerechtigkeit“ einen Aufsatz veröffentlicht, in dem erklärt wurde, daß die seinerzeit in Wien erschienene, inzwischen behördlich eingestellte Zeitsdhrift „Der Stürmer“ allwöchentlich das Strafgesetz übertrete, indem sie Verleumdungen und Lügen verbreite. Zum Schluß wurde der Staatsanwalt ersucht einzugreifen. Oer Herausgeber der angegriffenen Zeitschriftverklagte die Verfasserin des Auf-, satzes, Irene Harand, und den verantwortlichen Redakteur jüdischen Geschichte angeführt, die vom Heldenmut der Juden Zeugnis ablegen. Da in der antisemitischen Wiener Wochenschrift der'Inhalt des von Henry Ford im Jahre 1921 herausgegebenen Buches „Der internationale Jude“ und die in ihm enthaltenen Beschuldigungen gegen die Juden wiedergegeben worden waren, enthält der Schriftsatz auch den Antrag auf Vernehmung des Automobilfabrikanten Ford in Detroit darüber, daß er dieses Buch feierlich widerrufen und an den damaligen Führer der'amerikanischen Juden, Louis MarshaU, einen Brief gerichtet hat, der folgenden Passus enthielt: „Als Ehrenmann halte ich es für meine. Pflicht, das Unrecht wieder gutzumachen, das ich an den Juden als meinen Mitmenschen und Brüdern begangen habe, indem ich sie um.Entschuldigung bitte für den .Schmerz, den ich ihnen ohne Absicht bereitet habe, indem ich die Lügen mit allem Nachdruck widerrufe, der;,Gerechtigkeit“, Franz Weniger, wegen Ehrenbeleidigung. . die ich durch diese Veröffentlichung verbreitet habe, und Die Beklagten boten den Wahrheitsbeweis für ihre Behauptungen an. Nunmehr haben.sie durch ihren Verteidiger Dr. Zalman die, Anträge zum Wahrheitsbeweis überreicht. Der 127 Seiten umfassende Schriftsatz geht-sehr ausführlich auf die vom Wiener „Stürmer“ veröffentlichte Anschuldigungen gegen die Juden ein, deren gerichtsordnungsmäßiger Behandlung und Widerlegung grundsätzliche Bedeutung beigemessen wird. In dem Schriftsatz werden zunächst die „P r o t o k o 11 e der Weisen von Zion“ besprochen, deren Echtheit.der „Stürmer“ behauptet hatte. Auf 40 Seiten wird die Entstehungsgeschichte der „Protokolle“ geschildert und der Nadhweisangetreten, daß es sich hier um . eine der plumpsten Fälschungen der Weltgeschichte ' und ein Plagiat handle, das zu. Judenpogromen geführt habe. indem ich ihnen die uneingeschränkte Versicherung gebe, daß ich ihnen in Freundschaft und mit gutem Willen gegenüberstehen werde.“ Auch auf die phantastische Behauptung der Zeitschrift, der Weltkrieg sei ein Werk jüdischer Freimaurer gewesen, geht der Schriftsatz ausführlich ein, indem er alle Staatsr mäaner aufzählt, die zur Zeit des Kriegsausbruchs im Amte waren, und unter denen keineinzigerjude sich befand. Es werden sodann an Hand von' statistischem Material die Angriffe widerlegt, die, das Wiener antisemitische Blatt hn besonderen gegen die deutschen Juden wegen ihrer Rolle im' Krieg und ihrer Berufsgliederung gerichtet hatte. Zur Rassenfragt, die in diesem Blatt wiederholt behandelt worden war, werden Sachverständige aus dem Gebiet der Rassenkunde angeboten, die bezeugen sollen, daß weder aus den physischen noch aus den seelischen Merkmalen der jüdischen Frau Harand hatte angekündigt, sie werde bei der Verhand- Menschengruppe auf deren Minderwertigkeit gelung die echten'Protokolle über den im Jahre 1897 schlossen werden kann. Sehr ausführlich werden aurti die abgehaltenen 1. Zionistenkongreß vorlegen, und beantragt mm\fLügen behandelt, die.von der antisemitischen Zeitung über die Vorladung und Vernehmung einer Reihe von. Teilnehmern an diesem. Kongreß, die bezeugen sollen, daß auf ihm ausschließlich die Frage der Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten'Heimstätte für die Juden ln Palästina besprochen wurde. Ferner wird .in dem Schriftsatz gegen die Behauptung' des Wiener „Stürmer“ -Stellung genommen; daß die Geschichte der Juden „ihre Ehrlosigkeit und Feigheit“ beweise. Auf 30 Seiten werden die wichtigsten'Ereignisse aus der d e n T ä 1 m u d verbreitet worden waren. Zum Schluß befaßt sich der Schriftsatz mit den in jener Zeitschrift erschienenen Karikaturen, die deshalb als schurkisch bezeichnet werden, weil durch sie hervorragende jüdische; Gelehrte, Schriftsteller und Künstler als bösartig, widerwärtig und ekelerregend hingestellt worden waren. Durch diese- Karikaturen seien der jüdischen Rasse geflissentlich die bösartigsten und widerwärtigsten Züge angedichtef worden. neue Gestaltung zum Scheitern bringen kann. Es gilt jetzt, führend die neuen Willensreguitgen zu einer Gemeinsamkeit der Ordnung zu binden. Dazu muß man sich gegen zweierlei Stimmen^ wenden, so erfreulich sie an sieh sind. Es werden - Stimmen laut, die sagen, die Menschen unserer Zeit, einer Geschlediterreihe,die jeder Forinbindüng entwöhnt worden sind, können noch nicht zu einer Ordnung gelangen, sie müssen erst wieder zur Gottesfurcht, zur „Jiroh“, gelangen, sie müssen, sich erst wieder eine religiöse Grundstimmung erobern, aus der dann, vielleicht noch -sie selbst, aber vermutlich erst ihre Kinder zu einer Ordnung und Regel sich durchringen. Es Werden Stimmen laut, die •sagen wie jene ersten, unsere Zeitgenossen können noch nicht an eine gefügte Ordnung der. Mizwot herankommen, unser Qeschlecht muß erst lernen, erst wenn man gelernt hat, kann man zum neuen Aufbau kommen. Es steckt ein Körnchen Wahrheit in solchen Reden, aber eben nur ein Körnchen,.und Im letzten und tiefsten.erscheinen sie mir falsch. Es heißt im Qrunde sich der letzten Verantwortung, den Konsequenzen des entscheidenden Entschlusses entziehen, es ist ein Ausweichen vor der letzten, unerbittlichen Forderung. Es bedeutet: die volle Schwere des Entschlusses und der Entscheidung auf andere Schultern legen. — .;. . Das aber darf eben nicht sein. Wenn eine Umkehr, eine Rückkehr vollzogen werden muß,- dann muß sie auch eine .vollständige sein.'Nicht eine Rückkehr zum Schulchan Aruch, das ist unmöglich, aber eine 'Umkehr von dem Wege der Anarchie,, daß jeder in religiösen Dingen „tut, was gut-ist in seinen Augen“, sondern daß man eine Ordnung findet. Ein bestimmtes, täglich zu sprechendes Gebet, und sei es noch so kurz, eine Form der Sabbatheiligung, eine Uebereinkunft über das, was als am Sabbat verbotene Arbeit zu. gelten hat, kurzum ein neuer Anfang in Form und Regel. Viele hungern darnach, verlangen nach einer solchen Führung. Wjr sind, ohne daß wir uns im entferntesten vergleichen wollen,- in einer Situation, wie einst als die Männer der großen Versammlung eine Grundlegung jüdischer Frömmigkeit bewirkten. Man komme nicht mit dem Gerede, das bedeute - einen neuen Schulchan Aruch. Schulchan Aruch war Abschluß, war Erstarrung, war ein Panzer in einer Zeit, da die lebendige Religiosität versiegte. Heute aber handelt es sich nicht um Abschluß, um das Ziehen einer Summe, sondern um Anfängen, um neues Bauen, um Gewöhnung an Ordnung und Regel. Wenn unser Geschlecht nur um Gottesfurcht und Lernen ringen würde, ginge das Geschlecht nach uns, das eingewöhnt werden muß, leer aiis. An unserem, regelvollen Tun muß seine Tat sich entzünden. Wo sind die Menschen, die zu dieser Erkenntnis sich durchringen? Wann, wie und wo wird man das Amt dieser neuen Führung an sich nehmen und fordernd und weisend vor die Menschen unserer Gemeinden treten? Nicht ein einzelner vor seinen Kreis, j sondern vor den großen Kreis'aljer? So sollte heute am Schluß der Feste, am-Freudentag mit der Thora, die Fragestellung aller derer sein, -die nicht nur Andacht und Erbauung in einer Stunde wollten, sondern zukunftstüchtige Tat. Nehfqpollt'EriblHjiof: Die Bibel ethisches Gemeingut Czernowltz. In der Gemeinde Chisilau fand die Einweihung der neuerbauten Kirche 9tatt. Bei der Einfahrt in die Gemeinde wurden der Metropolit-Erzbischof N e c - tä r i e und die hohe Beamtenschaft von der Ortsbevölkerung, auch von den Juden, begrüßt. Der Rabbiner von Zastavna, Gottesmann, trat mit einer Thorar.olle vor den Metropoliten hin, der sichtlich gerührt auf die Begrüßung erwiderte. In dieser bewegten Zeit, sagte der Kirchenfürst, ist es eine Freude, feststellen zu können, welch, ein harmomiimnuwuiumuuuitniimumiminutuuimmiminiiiiiiuuiwtmaiiiiiiffliiiaiiiiiiHinnniiiiiiiiiaiiiiiiiiiiiM Die nächste Nnomer der „HZ“ erscheint wegen der Feiertage Freitag, , den 5. Oktober

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