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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-10-26 · 86-87 (26.10.1934) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
86-87 (26.10.1934)
Date
1934-10-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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*■*. janrgang Nummer 86/87 3üöif(Hifretflle Rettung 1- Beilage . 26. Oktober 1934 Vom Rechtsanwalt zum Bauern Der erste Entschluß - Von vornanfangen ~ Mit der Frau auf dem Lehrguf »Die Akademiker-Krankheit“ ist verschwunden Der■ Verfasser dieses Artikels, ein früherer oeistifre Arhi-It n;„ i . Rechtsanwalt, ist ein Schüler des hmdwirt- Such hier nicht’le^ht Fh.t-T’0 Ajbe,t "'asldu;rlidl schaftlirhen Kursus des ORT in Litauen. Der geleistet , e t’ abtr s,.e "llrde kren>-inschattlieh Aufsatz ist mit Genehmigung der ORT-Gese/tvorn anfinoen JU?-ger’ - Menschen, die allewieder von schuft, Abteilung Deutschland, dar vom Liiaiiwolhen? ’ Ü S,Ch 3 6 e,n nel,eS Lebcn baucu ischeu ORT soeben herauspcpebcneti Broschüre i ,,,.«.,« , , > „Wir wefden Bauern“ entnommen. . ' vor sich nfein CR " gcht dJC ra^ikale l,'n-s‘ellunjj .lesen, so würde man diesen Rechtsanwalt' gelinde kennH w!p »V’erpVachsen iSt Urld nur eins SorKd Oehen in a ‘xfl0 LTKTL'lft' ,st das Kommen und .gesagt, für geistig nicht ganz normal gehalten Jtaben ketoe'Laünen“? d,e.Ernt.e ausfallen? Ein Bauer, der halbes lader Na*“*; JedeGeburt eines Fohlen oder Wie kann ein Mensch, der ein IangesSStudium hinter narniehV^ ■+ heute viel und ln°rgen ' das Ausschlupfen-der Kucken, das Keimen tlgji sich hat und hierbei ein erhebliche!Kapital investiert beiten^uR^H' »’u?aue.r' der IeidenschaftsIos arfa '' ""^r.tc,t nlan n,I> Ungeduld und Bangen. Man ■ hat, alles aufgeben und von vorn anfan/en? wie kann lan^ oder’k^zweSl, 1 t °bp si-e hsdwer oder leicht, —» — 1 —• f"' ".. ~ e.« toh, d„ bU» „„ „n d™ Kopf gearbeitet SS T.“»' aX monp O _i « ■ . _ * 'l0!bt;'cht- D,'e früher von den Aerzten festgestellte ty pische Akademikerkrankheit. I lerzueurose. ist eben- .talls verschwunden. n im.*V.nCh ""^'rlidl ist "*ehl mehr viel von dem-sogeea"U HlVK.ul'‘^»euseheul-. zu. spüren. Ich habe geseid 'n,' w C °i Me,"sdl afrdl ol,ne ««--liönc Kleider und auskomt^t TI'L'a,L‘r' Kino und Kaffeehäuser a rh l f!; lJ,€?,lnuf “nt?r Daunendecken,-sondern auch aut htrohsackeii schlafen kann. Der Schlaf nach mliipJ s ’n fArbelt ,‘.sl. viel ^erquickender als^hff unruhige ^Schlaf des Geistesarbeiters. .iüiaS..!2ici,..s‘?!lcB'ich in.der Landwirtschaft immer sorgt mit Liebe für ein Gedeihen von., Tieren und Pflanzen und erntet mit derselben Freude das, was man großgezogen hat Jetzt erst begreift manr'-wie alles im Leben auf Stirb und Werde aufgebaut ist, wie klein und Akten studiert hat, hinter dem Pfluge hergehen" mehr 8 ZSr* Jcb . Diese Fragen waren ehedem berechtigt heute sind worden ™°nat‘£er0 Landarbeit ein Bauer aus mir ge- . M . —-. sie gegenstandslos geworden. Die Zdt zwingt den Brille und de Aeu(!erIlch erinnert an mir außer der .. Nahlr^’*^ Rechtsanua,t odl'r Bauer, in der weiiüdischpn „aeti ■ ön‘le und der etwas zu hohen Stirn kaum mehr etwas - ten Natur ist. ** habe geglaubt, daß ich jüdischen Akademiker, der in seinem alten ' Beruf nicht mehr arbeiten kann,, sofern er über keine nennenswerten Kapitalien verfügt, einen neuen We" zu gehen. ° Für alle jungen .Rechtsanwälte, die ihre Anwalts- ■ ..nicht mehr ausüben können, .gab . es nur zwei Möglichkeiten: eine der juristischen ähnliche Tätigkeit als Kaufmann, Syndikus oder Hausverwalter zu suchen oder sich auf, Handwerk oder Landwirtschaft umzu-. schichten. Viele gingen den erstgenannten Weg, nahmen jede noch so unsichere Position an, immer in der Hoffnung, den früheren Lebensstandard mit einigen Abstrichen beibehalten zu können. Viele suchten auch im Ausland, meist als Kaufleute, ihr Glück. Nur wenige faßten festen Fuß-; viele verloren den schwankenden Boden vollends unter den Füßen. Ich denke an die Menge der Kollegen, die heute, mit den Händen * o » q , . «=» ',—-1 ....v ->-»• i iuuuv.il -uuu^ius rtuge Dcraüi sein im behob, bei Verwandten herumsitzen, das wenige, wenn der Freund des heimgegangenen Freundes gedenkt der was sie besitzen, aufzehren. , "ein Dichter. 4»m rlpnlrnrienh .InrmM.ln_ n„!.i <_ i ..v .... Leben heißt arbeiten. Das haben die erkannt, die sich zur Berufsumschichtung entschlossen. 'Man wird mir entgegenhalten, daß allein mit dem Entschluß noch nichts getan ist, daß vor der Verwirklichung des Entschlusses, Bauer zu werden, jeder Rechtsanwalt, (Bin XHcfftcc tot ttacfjt «um €o6cstaa ffialtor (Calfes / Don fflax Am 3. November 1004 ist der Diehter Watt fr Cate im Alter von 23 Jahren aus dem Leben geschieden. Ein f reund des Dichters -widmet ihm die nachstehenden Warte zum Gedächtnis. Es kann keine kühl abwägende Betrachtung, keine allein literaturkritisch, geisteswissenschaftlich abgrenzende und ein- Qrdnende Würdigung gemeint und,ins Auge gefaßt sein, kierens und Entblößcns, ausgerüstet hierzu schon durch die unheimliche Fülle seines .Wissens und also der Vcrgteichsniöglichkeiten und Hlickberogenheiten — imd er war, rührend, ein ganz einfältiges Kind, wie sein Franziskus es von sich bekennt; „ich war ein. Kind, sic alle' wuitten's nicht.“ Ein e.,n* Kmd war er, und ein freies Lachen der Einfalt hat er lachen können und hat doch den Tod gedichtet, immer wieder den' ein Dichter, ein denke risch“ ringender Geist,'7n Te^sdrang T°d’ *!“ Wa"CT Cal,S7 und Welterleiden ein genialischer Mensch gewesen ist Dreißig F P^teus hat Arthur Bruckmann, der Freund, den Jahre nach Watter Ca.es Tode EriÄ ~ ''erbund™e>* «—««*■. Doch auch die andere zugleich unser Wille und Verlangen nach neuer Deutung, neuer Erfassung, hinein in diese Blätter, die ***** hinterlassen sind, in Walter. Calfe lyrisches Werk, das Fragpnent eines Dramas, die Notizen eines Tagebuchs, senken wir uns auch hinein in das geleitende Wort, das Fritz Mauthner ’dem toten DreiundzAvanzigjährigen, das Arthur Bruckmann, der nun auch schon Abgeschiedene, damals dem eng verbundenen Freunde in schmerzendem Ergriffensein gesprochen hat. Wir blättern, wir lesen, der teure Schatten steigt nach dreißig Jahren wieder auf, wird ganz wieder und in .noch gewandeltem Sinne lebendige Gestalt — die Frage, schon in seinem Leben .immer wieder getan,* drängt in uns dringlicher und 38M*li6etaIe 8cftiwo . . künftig Jüdische Allgemeine Zeitung der mit Liebe an seinem Berufe gehangen haft zurückschrecken njuß. Es.ist richtig, daß Menschen, die andere bürgerliche Berufe bekleidet haben, mit ‘denen sie nicht so verwachsen waren, auf die sie nicht in dem' Maße ihren Geist und ihr Kapital verwandt haben, die nicht auf so. hohem, verantwortungsvollem Posten gestanden haben, den Schritt leichter tun, als ein Rechtsanwalt. Doch auch dieser kann.es, wenn.er will. ~ Ich will von mir sprechen als von Emern, bei dem das Experiment geglückt erscheint. Als mir mein Beruf genommen wurde, fiel all das zusammen, was für mich ' die Welt bedeutete. Kurz vorher hatte ich geheiratet und einen standesgemäßen Hausstand gegründet. Es war für mich von vornherein klar, daß ich von vorn anfangen mußte. Sehr schnell reifte in mir der Gedanke, Landwirt zu werden. Ich stamme ^“ aus einer kleinen Stadt, und die.Liebe zur Natur istdringlicher herauf:-wer war dieser junge Mensch, wer war mir angeboren. So ging ich mit meiner Frau zunächst unser teurer Freund, wer war Walter Cale? zu einem kleinen Bauern mit 20 Morgen Land, einem Dies war er, daß er diese Gedichte geformt, gelebt und Pferd und einer Kuh, der nebenbei eine Gärtnerei klingen gemacht hat, diese Gedichte in ihrer zarten, fühlsamen, i betrieb. Es war ein schwerer Anfang. Die Anleitung aus Tiefen fönenden, ins Feme verschwebenden Musikalität, zur Arbeit gab ein Knecht. Wir kamen gerade in die Und daß dieser selbe Geist der klarsten, denkerischen For- Kartoffelemte und die Glieder, insbesondere der Rükmulierung, der prägnantesten Begrifflichkeit, der strengsten ken wurden einer schweren Prüfung unterzogen, zutogizität fähig war, wenn er daran ging,'philosophisch zu mal keine Rücksicht darauf genommen wurde, daß deuten, Welt und Erscheinung als ein Philosoph zu meistern. . wir Anfänger waren. Nach einem Mopat mußte ich- Dies zugleich war Walter Cale, daß er der Mensch der alle Arbeiten tun, die ein Knecht verrichtete. Was unendlich, vielen Gespräche war, die wir, die Freunde, mit mir als denkendem Menschen besonders fehlte, war ihm hatten, daß er in diese Gespräche alle die denkerischen., der Mangel all jeglicher Anleitung. Es wurde ge- Bedrängnisse seines Geistes, die Nöte und wehen Erfahrnisse pflügt, geeggt, gedüngt, aber wozu alles getan wurde, seines Lehensringens und Lebensleidens herantrug, und daß er, das wurde mir nicht klar. Zweierlei-habe ich bei dem dieser selbe Mensch, die tollsten Einfälle entfesselter Laune Bauern gelernt: jede Arbeit zu verrichten und mich an den’Augenblick verlorenen Glücksgefühls geliebt hat. Ein Menschen unterzuordnen, die geistig nicht auftneiner . Geselliger war er, sehr aufgeschlossen den Freuden, kulti- Stufe stehen. ' vierten Feinheiten . gesellschaftlichen Lebens, und ein tief Aus dem Anwalt wurde ein Knecht/ Ich habe Einsamer war er zugleich. Er hat sie gedichtet, diese Einsamviele innere Kämpfe durchmache# müssen, sehe jedoch keit, die' ihn umfing, wenn es geschehen konnte, daß. er jetzt ein, daß diese radikaleUmstellung das abends unter seine Freunde trat, verlangend nach ihrem Wort, ein Wartender, bedürftig der Hilfe, und wenn von seinen Freunden auch ihm keine Antwort kam. Ein Genießender war er, sich verschwendend dionysisch an die Fülle und Herrlichkeit dieser Welt: „Aus jedem goldnen Becher sollst du schlürfen den Trank, den jede goldne Stunde reicht“ — und dieser selbe Walter Cale hat in sein Tagebuch, im Jahr noch seines' Todes, bauend noch an allen Möglichkeiten vor ihm liegenden Lebens, diese Forderung sich selbst gestellt: „Auszuschalten ist die Rücksicht auf persönliches Glück als lebensbildenden Faktor.“ Ein Psychologe war Walter Cale, ausgerüstet mit allen einzig Richtige war. Der Mangel an theoretischer Ausbildung und an Arbeit bei herannahendem Winter bewog mich, von dem Bauern wegzugehen und an einem Kursus, den die ORT-Gesellscheft, Abt. Deutschland, bei der landwirtschaftlichen Schule des ORT in Ungarina (Litauen) errichtet hatte, teilzunehmen. Meine Uebersiedlüng nach dem Lehrgut Ungarina bedeutete für meine- Frau und mich einen Aufstieg. Man lernte, daß Landwirtschaft' auch sauber und hygienisch betrieben werden kann! Der intensive theo- . . . . retische Uriterricht gab' ein Surrogat für die frühere Techniken psychologischen Spurens, psycholog.schen Demas- . Sinndeutung hat dieser Freund dem Freunde gefunden-, „er War ein Romantiker.“ bleiern Worte nun gilt .ca tlcfer nach-. »denken, zumal em versucht, das Protelschc ln der * getsttgen Ocstalt Watter Ca!£s in einem durchherrsChenden Orund-: aspekt aufzufassen, zusammenzufässen. Romantik, neue Romantik war eine Parole jener Zeit um . die Wende des-Jahrhunderts, -als Walter Cale den Weg zu sich selber suchte. Es' war nicht der einzige Schlachtruf, der ertönte, um gegen den Naturalismus und seine WiHcIicfikeftsforderung anzurennen. Bis hin zum Symbolismus schlug, .gegen die naturalistischen Programme, der Pendel extremster Gegen sitze aus, ln diese Situation hinein war Walter'Call gesteift. Unter den möglichen Antworten, Wirklichkeit, zu erfahren, uuf Wirklichkeit Antwort zu geben, gab dieser Zwanzigjährige die romantische Antwort. Hat es nicht Entscheidendes zu besagen, daß Walter Cales Gedicht und- Lied immer wieder ein Hymnus an die Nacht geworden ist? „Die Nächte hattenes ihm angetan“, berichtet Arthur Brückmänn in seinem biographischen Abriß.. Die Nacht, in der Tat, ist cs gewesen, die Walter Cale gelebt, die er gesungen hat: Tief aus der Feme .heb1 ich einen dunkeln, heb* ich getrcueji, dunkeln Nachtgesang. Die Menschen, die er gedichtet hat, sind Menschen der Nacht. Von Blanche, der Regina dcl Lago; weiß ihr Dichter zu sagen: „Nicht Tag au Tag, Nacht reihte sieh gespenstisch an Nacht, wie durch -wirre Träume schritt sie selber gleich einem Traum.“ Xaver Dampfkessel, der Phantast und Fabulierer, erzählt er seine skurrilen. 'scltsainen Gescliichteri, sei sind es Geschichten, die die Nacht ihm schenkte, und Geschichten von der Nacht, von nächtlichen Gängen und nacht-. . liehen Visionen. „Der Tag schien nie für uns zu dämmern“, vermeldet dieser Xaver Dampfkessel von seinen nächtlichen Licbeszügen mit seiner Dame Musica und ihrem nächtlichen Gefolg. Novalis, repräsentativste Oestalf romantischen Dichtens und Existierens, hat Hymnen gedichtet an die Nacht: „Trägt nicht alles, was uns begeistert, die Farbe der Nacht?“, heißt es bei Novalis. Es ist Tiefes ausgesagt von Walter Cale, wenn der Freund ihn einen Romantiker genannfhat: Walter Cale selber führt uns in die geheimnishaften Zusammenhänge romantischer Wesenheit, wenn beim nächtlichen Gastmahl Balthasar, der Baumeister, der Regina dcl Lago den Huldigungsgrull entbietet. Dann kündet er von den zweierlei Kindern, welche die Mutter gebar, die dunkjc Mutter. Beide Kinder entsendet sie zum Licht.' Die einen lösen sich von ihr. Die andern bleiben ihr verhaftet, „halb dem Lichte zugehörig und halb der Tiefe, welche sie gebar.“ Durch ihr Leben tragen sie die Sehnsucht nach dem Schoße der Mutter. Geschwisterkind sie, vereinigt im Wissen des Verborgenen — „selig in sielt schreiten sie leis zum - westlichen Tore, und segnend und milde empfängt sie der Schoß der harrenden Mutter.“ Von dieser Mutter weiß auch Novalis, wie er von den Odschwistern weiß, wie er von der Rückkehr welßT der be- £auftiau$' mix Moabit, Xurmftr. 42 BEKANNT DURCH QUALITÄTS-WAREN

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