Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-10-26 · 86-87 (26.10.1934) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
86-87 (26.10.1934)
Date
1934-10-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2613366-2613519-2613595--5253-2616999
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

14. Jahrgang Nummer 86/87 'liberale 3tifo«g 2. Beilage 26. Oktober 1934 Röliöiöfe Statine Don De. ftrifjuc (ßallmoE-^EanbfuEt a. fiL Es erhebt sich die große Frage nach Sinn und Bedeutung, nach Wert und Verwirklichung der Religion in unserem Dasein, die Frage, ob die religiöse Welt, eine Welt für sich ist, losgelöst von unserem sonstigen Leben, oder ob sie mit diesem Leben unlösbar verbunden, ob sie es entscheidend zu beeinflussen und in all seinen Erscheinungen sichtbarlich zu ge- ■ stalten vermag. . .. Können wir heute noch von einer „religiösen Kultur“ sprechen, noch an eine religiöse Kultur glauben,- wie sie etwa im christlichen Mittelalter herrschte? Da war in der Tat jede höhere Lebensäußerung Ausdruck des religiös-kirchlichen Geistes; Schule und Universität, Künste und Wissenschaften, standen unter dem Schutze und der Herrschaft der Kirche. Sie segnete Geburt, Ehe und Tod, weihte den Krieg wie den Frieden, und sie vermochte auch weltliche Mächte in ihren Bereich zu ziehen, selbst das Rittertum in ihren Dienst zu zwingen — durch große Aufgaben religiösen Charakters, durch die Kreuzzüge und die Bekehrung der Heiden. So ward die mittelalterliche Kultur eine Einheit im wahren Sinr.ne, eine religiöse ' SfiöifiHiberale Geltung 1 künftig lüdisdie Allgemeine Zeitung Kultur, als deren ewige Zeugen erhabene Dome ihre Türme gen Himmel strecken. . . Diese religiöse Kultur ist unwiederbringlich dahin. Diese Einheit ist verloren. Der Prozeß der Verweltlichung, .der im 15. Jahrhundert begann, hat zur Verselbständigung der Lebens- und Geistesmächte geführt; wie die Kunst, so löste sich auch die Wissenschaft von Religion und Kirche, ja, sie trat — von ihr bekämpft — nicht selten in schroffsten Gegensatz zu ihrer einstigen Schutzherrin, schuf sich durch eine-unabhängige Philosophie ihre eigene Basis. Und dieser Prozeß führte in ständigem Fortschreiten zu einer rein-weltlichen Kultur, auch im gesellschaftlichen Leben, die mit jener religiösen nichts mehr gemein haben wollte. Die" Welt ward zerrissen. Eine Kluft tat sich auf — unüberbrückbar, Freilich gab die Religion den Anspruch nicht auf — konnte ihn nicht aufgeben •—, in unser Leben 'gestaltend, befruchtend einzugreifen. Was wäre sie auch, wenn ihr nicht die Macht innewohnte, unser Dasein zu formen, unser Schaffen zu fördern — sie existierte im luftleeren Raum und müßte vergehen. Aber hat sie wirklich die Macht diesem, unserem heutigen so vielgestaltigen Leben ihr Gepräge aufzudrücken? Was kann sie den exakten Wissenschaften, was kann sie der Technik bedeuten, die doch unser kulturelles Sein entscheidend bestimmen, was. kann sie für Handel und Gewerbe, für das ganze Wirtschaftsleben sein, aus dem doch heute all unsere Sorge und Hoffnung quillt? Was vermag sie der Politik zu helfen? "ja, dürfen-wir von der Religion erwarten, dürfen wir fordern, daß sie so lebensnah sei, daß sie den Mächten Beistand leiste, die sich selber nicht zu helfen vermögen? Es ist in unseren Tagen viel die Rede von „religiöse r Verwirklichung“. Nicht nur im inneren Bereiche der Religion selbst soll Religion zur Wirklichkeit werden, sondern darüber hinaus in allen Formen unseres kulturellen Lebens soll ihre Wirksamkeit sichtbarlich in Erscheinung treten: die Welt des Heiligen soll -eingelten in die Welt des Profanen. Solche Sinngebung des menschlichen Seins erstrebt die gegenwärtige religiöse Bewegung allerorten. Im Judentum hätte es, so sollte man meinen, einer solchen Bewegung nicht bedurft, denn hier war die Scheidung von Heiligem und Profanem, von Religion und Kultur von Hause aus niemals so scharf, vielmehr war das ganze mensch-. liehe Leben, der Gesamtheit wie des Einzelnen, durchwirkt, durchpulst von religiösen Handlungen, die das Dasein , weihen, ihm einen .Sinn zu geben vermochten. Dies aber ist anders geworden. Die unbeschränkte. Betätigung auch unserer religiösen Gemeinschaft auf allen Gebieten menschlicher Kultur, der Wissenschaft und der .Technik, der Kunst und der Literatur, des Handels und der Industrie, der Wirtschaft und der Politik, die Wirksamkeit in allen Bezirken des öffentlichen Lebens, in allen Kreisen der Gesellschaft hat auch hier einen Gegensatz von religiöser und profaner Anschauung gezeitigt, hat zum mindesten die religiöse Welt in der Bewertung sinken und damit nicht selten ganz versinken lassen,. . - Aber es wäre verkehrt, daraus die Folgerung zu ziehen, die Religion solle nunmehr die Forderung stellen, man. möge -von der Mitarbeit an den allgemeinen Kulturb'estrebungen sich fernhalten, um nicht , ihre -eigene Existenz zu gefährden. Unsere Religion verlangt im .Gegenteil, daß wir uns von der Gemeinschaft picht ausschließen, daß wir unsere Kräfte dem Wohle der Menschheit widmen, an den Fortschritten der tCultur. tätigen Anteil nehmen. Denn unsere Religion ist eine Religion der Tat, Wie sie lebendig sein will in unserem alltäglichen Leben, da sie alle und jede Verrichtung unseres Tagewerks durch Beziehung zum Heiligen -weiht, so “erstrebt sie auch im Leben da draußen Verwirklichung ihrer wesentlichen Forde- - rungen. Nicht daß sie Herrschaft-ausüben wollte oder könnte, über alle Lebensäußerungen, über Geistesbewegungen, über Schöpfungen der Gedanken — und Gefühlswelt, über Philosophie, Kunst uiid Literatur, . oder gar über die praktische Tätigkeit der Menschen. Die Zeiten des religiösen Gewissenszwangs, der Geistesknechtschaft sind endgültig vorbei. Aber sie muß Stellung nehmen zn all dem Geschehen, muß die Frage nach dem Sinn dieses Tuns stellen, denn' - das ist religiöse Anschauung, daß all dies menschliche Tun einen Sinn haben, müsse, daß alles Zeitliche, Menschliche eine Beziehung haben müsse zum Ewigen, zum Göttlichen. Und auch hier wieder ist nicht ein Mystisches, ein Transzendentes das Entscheidende, . sondern ein durchaus Reales, Faßbares, Diesseitiges. Es ist die Forderung der Sittlichkeit, der Gerechtigkeit, da nur durch deren Verwirklichung das menschliche Sein und Tun einen Sinn erhält; denn das ist die große welthistorische Bedeutung der Religion •Israels, daß in ihr das Religiöse mit dem Ethischen sich unzertrennlich verknüpft, daß jede Verwirklichung der Religion zugleich auch eine Verwirklichung der Moral sein muß, deren Fundament Gerechtigkeit ist. Dies ist der Aspekt, unter dem Kultur geschaut, dies das Maß, mit dem Kultur gemessen, dies der’ Ausgangspunkt, von dein aus die Frage und die Forderung nach religiöser Kultur gestellt werden muß. Darum geht im Grunde genommen der übermenschliche Kampf, das religiöse Ringen der großen Propheten, der Kampf eines Jeremia. Nicht um Macht Größe, Ehre, Freiheit seines Volkes geht es ihm, Sünderin um Aufbau der Menschheit durch sittliche Kräfte, nicht nur um eine Reform des Gottesdienstes, um eine gerechte Regierung, eine, moralische Politik, sondern er fordert Moral als Politik, Gerechtigkeit Und Sittlichkeit als Lebensgestaltung. Darin ruht die Lebensnähe, darin die Wirklichkeitsoffenbarung unserer Religion. Das ist der „gläubige Realismus“, ist die „religiöse Verwirklichung“ im Sinne des Judentums. Aber unsere Religion kennt auch den ungeheuren Konflikt der absoluten göttlichen Gerechtigkeit mit den Gebundenheiten irdischen Lebens und fügt darum dem Recht die Gnade ein, das Erbarmen, weil ohne Gnade — wie' ohne Gerechtigkeit — die Welt nicht zu bestehen vermag. Daher ist die Anrufung des Ef raclium wechanun- — des „barmherzigen, gnädigen Gottes“ der Höhepunkt unserer Festliturgie au den heiligsten Tagen. Und noch eine andere religiöse Kulturidee-schließt dieser sich an,-ist aufs engste mit ihr verbunden: die Idee der Einheit des Menschengeschlechtes: „daß sie alle einen Bund bilden“ ist unser Gehet, einen Bund der religiösen Verwirklichung, eine Menschengemeinschaft,-, in der alle Kulturfunktionen eine Sinngebung empfangen durch Einbeziehung des religiösen Gehalts. Denn erst diese Sinngebung der Welt und des Lebens hebt den Menschen -empor aus dem Realen _. in das Reich des Irrealen und Ewig-gültigen, verleiht* ihm die Fälligkeit, im realen Gewände der Zeitgeschichte den idealen Gehalt zeitloser Wahrheiten zu erkennen. Unter diesem Aspekt dürfen wir auch die großen . Leistungen bedeutender Juden innerhalb der allgeneinen Kultur betrachten. Es mag immerhin schwierig sein, mit Sicherheit'festzustellen, welche besondere Nuance die jahrhundertelange Mitarbeitder Juden in die europäische Kultur gebracht hat; daß sie aber in der Richtung jener religiösen Kulturidcch der Gerechtigkeit und der Einheit liegt, kann nicht bestritten werden. Insofern für viele dieser Männer das Judentum eine „Geistesreligion" war, mußte das Religiöse in allen Bezirken dcs_Gcisti'vii wifksam werden. So offenbart es sieh in der philosophischen Gedankenwelt eines Hermann Cohen, wie in der künstlerischen Gestaltenwelt eines Max Liebermanu: „Nur wer den Odem Gottes in der Natur spürt, wird in Wahrheit kiiusltcrisch gestalten können“, sagt er einmal. Sie bekundet sich vielleicht am schönsten in dem Schaffen Friedrich Gutidol fs, der die gesamte neuere Geisfcsgeschiehte — nicht nur die Literaturkunde — entscheidend beeinflußt hat. „Gundolf hat unserer Historie Beziehung' zu Höchstem und Wurzel im Tiefsten gegeben, Qualitätstrieb und- Lebensverstand, heldisches. Maß .und steiles Forschen, Träger eines schöpferischen Willens, verkündet er eilt -neues Ethos und ein neues Weltbild. „Die Gcisteswissenscliaft als Lebenswissenschaft, als Menschenwissenschaft, als echte Wertwissenschaft ist liier zum ersten Male verwirklicht“, schrieb von ihm Herbert Cysarz. Es ist — und das ist in der Tat religiöse Kulturlcistung — eine Sinngebung unseres Seins, eine tiefere Erkenntnis unserer Existenz. Wir sind nicht nur von dieser Welt, wir sind eingetaucht in eine höhere, sind umgeben von göttlichem Geiste; und dieser muß siegen über Zertall und Entscelung, über die Profanierung der^ Kultur, -tjgjin „die Religion ist“, wie Hegel sagt,;,Anfang trrnl Ende von allem- — ist das Zentrum, das alles belebt, beseelt, begeistet.“ —", ü>as oinotiöc ßan6 Conöoncr ©ottosöicnjlc / Von Margarete Qoldstein-Berlin Jenseits aller Differenzierung, alles Trennenden und Unterscheidenden wurde niemals deutlicher als in diesem Jahre an den hohen jüdischen Feiertagen in Berlin wie stark das gemeinsame religiöse Band uns alle eint, wie gleiche Gedanken und Erinnerungen, tiefes religiöses Erichen uns alle ergreift. Wir keimen die Äusdrucksformcii, die Stimmung, die Glaiibenshaltung. Sie bedürfen hier keiner eingehenden Darstellung. Anders waren die folgenden Feiertage, die ich zum ersten Male in der Liheral-Jewisli Synagogue in. St. john’s Wood Road in London verbrachte. Ich möchtehier mehr von dem sprechen, was dort anders gestaltet ist,, anders wirkt und dem von Deutschland kommenden Judenbesonders auffällt, wobei natürlich auch viel Gemeinsames gestreift werden mul!. Kol nidre: Im dicht besetzten Gotteshaus waltet eine einheitlich erhebende Stimmung. Lange vor Beginn ist jeder Platz, besetzt, — kein Zuspätkommender stört die weihevolle Stille. Ein würdiger Gottesdienst, vielfach von englischen Gebelen, von Hymnen und Psalmen durchzogen, hält die Andächtigen fast drei Stunden im Banne. Die hinreißende Predigt Dr. Mattticks ist eine erhebende Einführung zum großen Tag. Der Haupttag, Day of Atonement: Die Platzkarten, die man vorher erhält, tragen keine Nummern. Nur die ersten Reihen sind reserviert für Schwerhörige, Gebrechliche, Kranke, ohne Ansehen von Rang und.. Stand. Keine Vorstands-, keine Bevorzugtenplätze! Der -Beginn des Gottesdienstes ist auf ■ 10.15 Uhr festgesetzt. Von 0.30 Uhr an kommen die Andächtigen in Scharen, setzen sich, wo eben Plätze frei siiid. Männer und Frauen, Eltern und Kinder, Verwandle und Freunde sitzen beieinander, wie der Raum es gestattet. Kein Drängen und Schieben. Alles wickelt sich ruhig und stHl ab, höflich und selbstverständlich. Um 10 Uhr ist das. Gotteshaus mit seinen 1300 Sitzen fast bis zum letzten Platz gefüllt. Es herrscht Stille, feierliche Ruhe, ein- Geist der Erwartung und Aufgeschlossenheit. Als bei Beginn Rabbi Maltuck und Claude Montefiore die Kanzel betreten, da erheben, sich die Andächtigen — wje bei jedem Gottesdienstbeginn — von ihren Sitzen, und als Mr. Montefiore mit einem Gebet den großen Tag eröffnet, da wird kein unnötiger Laut mehr vernommen. Es gibt keine Zuspätkommende, und bis zum Schluß des Tages ist würdevolle Stille. Kaum ein Kommen und Gehen! Nur nach der Vormittagspredigt verlassen ganz wenige. fiir kIIrze Zeit das Gotteshaus. Die meisten aber bleiben volle |neun Stunden auf ihrem Platze. Es gibt aber auch am -ganzen Tag nicht eine Minute, da man nicht gefesselt ist und Anteil nimmt. Es kommt niemals vor, daß man dem Gottesdienst nicht folgen kamiyweil die Anordnung der Gebete (zum allergrößten TcjLinder Landessprache), die reich eingestreuten Schriftvorlesmigcii, die lilyfimen und Ge-- säyge jede m verständlich sind. Jeder kann im Gebetbuch folgen, verliert niemals den Faden, und der ganze Tag ist eine sich steigernde Verherrlichung des Gattesgedankens. In wahrhafter Läuterung mul Erneuerung jvcrlällt man am Abend das Gotteshaus, und die letzten Stunden, die vielleicht . manchem schon einmal gedehnt erschienen, in denen er zeit- . weise abschweifte oder anderem iiaehliing: liier sind sie in jedem Augenblick in ihrer steten Steigerung mitreißend, aufwärlsstrebend dem letzten grollen Ziele zu! .Der Memorial Service, die S c e I cnf e i c r, am Nachmittag ist das Edelste au Interpretation .des Kadcliscli, was icli jemals erlebte. Das Ganze ist gestaltet und geformt als wahrhafte Glorifizierung des Unslerhlichkf'iLsgedankens. Mit Recht sagte mau folgdidcn Tage jemand zu mir: „Nach dieser Sceleufcier hat der Tod alte Schrecken verloren. .Er wird so herrlich geschildert, daß man all jene, die daliingeschieden, nur beneiden, nicht aber mehr beweinen kann.“ So war auch kein Aufgelöstsein in Tränen, keine verzweifelte Trauerstimmuug. In edlem Ernst und weihevollem Gedenken weilte mau bei jenen, die ihres Lehens Dauer vollendet; und das Kaddisch, das, wann immer ,I)r. Mattuck _ in seiner gemessenen schönen Sprache es betet, jeden die altehrwürdigen Worte, die vertrauten J-aute neu und stark lind tief empfinden läßt, war eine erschütternde, aber gleichzeitig erbebende Krönung der Feier. So begann der Nachmittag damit, die Stimmung zu letzter Weihe und Entsühnung, binr zuleiten, und die Schtußtöne des Scbofar weckten -gewaltige Akkorde der Belebung und Erhebung in jedem Einzelnen. Beim Ausgang aus dem Gotteshause am Abend - meinte eine fromme Seele zu mir: „Wie sehr freue ich mich darauf, diesen hohen Tag päclistcs Jahr wieder erleben zu dürfen!“ Die Vorlesung aus dem Buche Jona von Claude Montefiore war ein seltener Höhepunkt. Die Predigten des Tages Köpenicker Wäscherei Paul Ramlau KÖDenick. Glienicker Straße 37. — Telefon F 4 Köpenick 0142 _ . I ■ . „ «_„ - ktt>^,tfv,l« DmIba Ikhnlnvta und I lafn»HM/n tl/vlli ll

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.