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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-09-21 · 76-77 (21.9.1934) · page 9

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
76-77 (21.9.1934)
Date
1934-09-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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14. Jahrgang Nummer 76/77 3ftöifdi'(Uieta(e Leitung 1. Beilage 21. September 1934 (Befangcnos tm6 (Befaßtes am Canbönttenfejt Don Obcekänioc Stagnus 7>aei6fof5n der Glaube an den ewigen Schutz Gottes voll auf. Überhören wir die Mahnung nicht. Sie gibt uns Lebensfreude auch in der. Zone-der Gefahr, und in ihr erst recht. ’ ' Nach den Hohen Festtagen mit ihrer Fülle gewaltiger gottesdienstlicher Eindrücke, mit ihrem tiefen Ernst und der Bußstimmung, wie sie sich am Versöhnungstag offenbart — diesem'Versöhnungstag, den es in keiner, anderen Religionsgemeinschaft gibt — naht nun das Laubhüttenfest, die „Zeit unserer Freude“. . Der Eingang des Festes läßt die verschiedenen, frei erfundenen Kompositionen des Mah towu erklingen. Sie sind ausnahmslos feierlich religiösen Stils. Vom Beginn des Abendgottesdienstes an wieder jene wundersame Weise der „Maarowaus“, die' wir an den: drei Wallfahrtsfesten hören. Die Melodie zu diesen Einschaltungen, die im konservativen Ritus noch vorgetragen werden und Geistesprodukte unserer mittelalterlichen Dichter (Peitanim) sind, hat auch der liberale Ritus übernommen. Die Weise atmet lange: nicht den Emst, dem wir an den Hohen'Feiertagen in den Melodien der gleichen Gebete begegnen; aber auch wieder die Mischung von Dur und Moll. Bei Michmaucho erklingt die eigentliche Festtagsmelodie. Wieder die merkwürdige Erscheinung dieses musikalischen Signums des Sukkotfestes, daß es mit jüdischer Tradition herzlich wenig zu tun hat. Eine echtsf a wische Weise, in der Harmonisierung verschiedentlich aufgefaßt: die Einen harmonisieren sie in Dur, die Andern in Moll. Der zweite Teil der Melodie mit seinen lebhafteren Rhythmen deutet auf eine alte Melodie zu einem Reigen hin, der wir begegnet sind. Aber am äußersten Schluß besinnt man sich wieder auf den schwermütigen Eingang. Lewandowski, dem Berliner Synagogenkomponisten, erschien der zweite Teil der Melodie, zu trivial; darum ver^ wandte er nur den ersten Teil der Weise und komponierte Eigenes hinzu. Der mit dem gottesdienstlichen Kultus innig Verbundene und Vertraute denkt beim Sukkotfest an drei Charakteristika: Lulaw-Esrog, Laubhütte-Sukkoh und Umgang. Der Gottesdienst hat mit der gemütvollen Weise des Kiddusch geschlossen. Und wenige Minuten später erklingt dieser Kid- ' dusch wieder, wenn wir uns in der Sukkoh befinden-. In den letzten Jahrzehnten, da .die Sukkoh immer mehr aus dem Privatleben verschwunden ist, besitzt fast jede Syn.agoge ihre Laubhütte, in die sich die Menschen drängen. Sie alle wollen teilhaben, nicht nur an dem Gebot des Aufenthalts in der Laubhütte, sondern an der einzig' schönen Poesie, die mit diesem Aufenthalt verbunden ist. Laubdach und Wände schmücken Früchte und Blumen des Herbstes, weiß gedeckter Tisch, Wein und Schaubrote — Sukkot-Stimmiing, schöne Kiudheitserinnerung in einst so sorgloser Zeit. - Nicht nur die Kidduschweise hören wir hier: audh die mannigfachen Melodien zum 126. Psalm und das vertraute Rezitativ des Tischgebetes. Halb gesagt, halb gesungen — oft eine triviale Melodie irgendeines Kinderliedes. Schadet nichts. Alles schöne Tradition! Die Welt njit ihren Leiden ist irgendwo draußen. Wir singen in unserer Sukkoh. ... Der Morgengottesdienst der Festtage weicht nur wenig in seinen Melodien von den übrigen Festen ab. Nun nehmen wir den Lulaw und. Esrog zur Hand. „Danket dem Ewigen“. Die Festtagsweise klingt wieder. Wir schwingen den Lulaw. nach ganz bestimmten Richtungen unter den ‘ Klängen dieser Weise. Köstlicher Geruch umweht uns. Süß duftet die Myrthe, wundervoll herb der Esrog. Die Gemeinde singt hierzu die Festtagsweise. Wenn das Mußafgebet verrichtet ist, öffnet sich noch einmal die Heilige Lade. Der damit Beehrte hebt eine Thorarolle aus. Um den Vorbeter scharen sich diejenigen, die mit dem Lulaw am Umgang teilnehmen wollen. In breitem C-Moll ruft der Vorbeter betend zu Gott: „Hauschano“ — o, hilf doch! Ein starker Ernst ist in diese Phase des Gottesdienstes getreten. Flehendes Moll illustriert den Text, mit dem wir uns innig .betend zu Gott wenden. Leise murmeln die Gehenden mit. In den geöffneten Hechal, der umzogen wird, und von ihm aus zu' dem Allerhöchsten mögen diese innigen Gebete dringen. Dann, genau so wie am Schluß aller ernsten schwermütigen Mollweisen, leuchtet mit einem Mal hell und klar in C-dur der Schluß auf: „Damit alle Völker der Erde erkennen, daß der Ewige Gott ist, keiner sonst.“ Mit dieser trostvollen Verheißung entläßt uns der Sukkot-Gottesdienst. Es ist bedauerlich, daß in vielen. Gemeinden dem Hoschanarabba-Gottesdienst nicht die große Beachtung geschenkt wird, die er eigentlich verdient. Es ist immer nur ein bestimmter Stamm stark religiös eingestellter Menschen, der diesem wunderschönen Frühgottesdienst beiwohnt. Der Vorbeter ist hier vor eine ebenso schwierige wie interessante Aufgabe gestellt. Wie überhaupt die drei letzten Festestage für den Vorbefer stark erhöhte Anforderungen mit sich bringen. . . , Der Hoschanarabba-Gottesdienst, der im konservativen Ritus noch mit dem weißen Gewand vom Vorbeter verrichtet wird, erinnert in seiner Zusammenstellung wohl fast an sämtliche Feste des Jahres. Auch in den Sangweisen. c’" 'r“-1 des Gottesdienstes. gilt dem Wochentag, der andere Teil wiederum den Hohen Festen. Und der übrige bedeutet den Ausklang des Sukkot-Festes. Auch die Melodien wechseln fortwährend. Statt des einmaligen, ein siebenmaliger Umgang mit dem Lulaw und Esrog. Dann tritt das Bachweidenbünde!, im Volksausdruck „Scheines“ genannt, in die Erscheinung. Feierlich, dreimal in immer erhöhtcrem Tonfall, vernehmen wir in Dur „die Stimme des Künders“, sie kündet und spricht. „Dein mächtiger Helfer, er wird kommen.“ Eine wahrhaft erhabene gottesdienstliche Handlung, wenn die Thorarollen wieder eingestellt und von den duftenden' Kulte Pflanzen Abschied genommen wird. Möchten doch diese Zeilen dazu beitragen, dem Hoschanarabba-Frühgottesdienst mehr Geltung zu verschaffen. Das Schluß fest Schmini azeret zeigt uns das Bethaus wieder’mit weißen Vorhängen. Der Toten wird noch einmal mit innigen Gebeten und Gesängen gedacht. Und dann noch einmal die ungemein schwermütige Weise, die wir bereits am ersten Tage Peßach zum Tal-Gebet vernommen haben: Geschem, Regen — wir beten zu Gott, daß wir den Winter mit all seinen Härten überstellen mögen „zum Segen und nicht zum Fluch, zum Leben und nicht zum Tod“. Die Weise zu diesem Gebet ist in ihrem Grundmotiv sehr alt. Die musikalische Illustrierung jedoch, die zur Dichtung des mittelalterlichen Poeten gesungen wird, ist zumeist freie Komposition. Bunte Fähnlein, Wimpel, strahlende Kindergesichter, helles Licht und — — reichlich viel Lärm im Gottcshausc. Das sind die Charakteristika des Sijnchat-Thora- Festes. Man hat so oft versucht, die gottesdienstliche Stille auch an diesem Abend herzustellen. Hat man vergessen, daß es nichts Ursprünglicheres gibt als ein fröhliches Kindergemüt? Laßt die Kinder jubeln! Es gibt ja so wenig wahrhaft freudige Momente in unserem jüdischen Lehen jetzt. - Laßt sie wissen, daß wir Simchat-Thora feiern. Die Eindrücke des vorangehenden Abendgottesdienstes gehen nicht spurlos an dem. Kindergemüt vorüber. Es wird stiller und ruhiger. Dann aber, wenn die Alten und Geehrten die Thora, dieses „ewige Licht“, das uns auch vorangezogen ist in der Wüste des Exils, aus der Heiligen Lade heben, dann sammeln sich die Kleinen mit ihren Fähnlein. Ein fröhlicher Umzug mit fröhlichen Melodien und doch so ernstem Text. „Ono adonaj hauschiohno!“ O, Ewiger, hilf doch! Selbst in diesem fröhlichen Moment das Flehen des Geplagten, Gehetzten um Hilfe. “ Die Gesänge des Umzuges sind frei erfundene Kompositionen. Eine Tradition existiert hierfür nicht. Die kommt erst am,Tage wieder zur vollsten Geltung, wenn die feierliche Handlung der Beendigung der Thor a ve rlesun g und des Anfanges B’reschit darauf hindeutet, daß unsere Thora ohn’ Ende ist. Moses Tod, sein unerfülltes Sehnen, 'ein unvergleichliches Symbol unseres eigenen Lebens, wird beklagt. Und schon wieder freie heitere Melodie: „Ssissu w’ssimchu“, jubelt es am Feste der Freude. — Das Mußafgebet ist vorüber. Der Schlußkaddisch erklingt. Von Peßach bis Chanukkah, alle Melodien sind in ihm enthalten. Ergriffen folgt .die Gemeinde und singt fröhlich mit der Chamikkah- Melodie: „Ausse scholaum bimraumow“ — er möge Frieden bringen in seinen Höhen und Frieden über uns, wie über ganz Israel. Die Laubhütte — ein Symbol Von Max Dienemann Das Symbol des Hüttenfestes, die Laubhütte, spricht zu uns nicht in der Unmittelbarkeit, in der sie einst im Lande Israel und heut auch wieder dort zu den Menschen spricht. Dort entspricht sie. der klimatischen Möglichkeit, dort kann man wirklich in ihr wohnen, sie fügt sich in die Landschaft ein, sie ist ein Stück natürlichen Lebens. Bei uns aber ist sie nur Symbol; noch.so schön mag es sein,' es bleibt Symbol, Das Fest der Freude Von Rabbiner Dr. Sfeckelmacfier-Batf Ourkbeim Die Erdennähe um! tlfc optimistische Diesscilsbcjalumg des Judentums läßt deutlich die Feier des Hüttcufcstes erkennen. Das Hüttenfest wird ja chag, das heißt F reu den» fest schlechthin, genannt. * Auch die Bezeidhmmg seman siinchatenu, Zeit unserer Freude, weist , sinnfällig , auf dj.*n frohen Grundzug des' Hiittenfestvs"hin._Eine: Religion aber, die eine solche Feier vorschreibt, ist ein Glaube, der das Leben auf dieser Erde bejaht und es als wertvoll ansieht.- Das Hüttenfest gibt uns auch darüber Aufschluß, warum das Judentum die Fröhlichkeit des diesseitigen Lebens nicht' unterdrücken möchte. Das Hüttenfest ist das Haupterntefest des ackerbautreiheuden Israel in der biblischen Zeit gewesen. Der jüdische Bauer bat das Jahr hindurch unermüdlich' in seinen Feldern und Weinbergen gearbeitet, er hatte, wenn die Zeit des Hüttenfestes kam, den Ertrag seines mühevollen Schaffens heimgebraeht. Da sollte er nach getaner Arbeit einige freudvolle, festliche Tage begehen, aber nicht etwa um der Freude selbst willen, sondcAi weil diese Freude, wie die Formulierung des Festgebotes „Und Ihr sollt- Euch freuen vordem Ewigen Eure m Gott e“ aiideutct, im Dienste eines hohen, sittlichen, gottgewollten Zweckes stand, weil sie die Arbeitskraft der schwer und hart arbeitenden bäuerlichen Bevölkerung mehrte, weil auch im alten Israel Kraft mir durch Freude erzeugt.wurde. Das Festgebot des Hüftenfcstes, das uns -atiffordcrt, einigen freudvollen Stunden uus hinzugebcu, bedarf daher-— gewifl keiner weiteren Begründung und Rechtfertigung. leb möchte sogar meinen, daß dieses Gebot für uns lieute eine erhöhte Bedeutung besitzt. Denn gerade wir, die wir~bekümmert und niedergeschlagen sind, wir bedürfen einiger festlicher Stunden, die Freude auslösen, damit wir mit neuer Kraft und mit neuem Lebensmut unsere täglichen Pflichten erfüllen. Unser Hüttenfest mit seinen wundervollen, Freude bewirkenden Symbolen wie Fcststrauft und FeethÜtte müßte daher gerade heute" ganz besonders festlich und freudig begangen werden. — Das Hüttenfest hat, wie jeder weiß; der die Leidensgeschichte Israels kennt, von jeher Trost und Aufrichtung gespendet, indem es auf den. guten Gott hinwies, der schützende Hütten baut. -Wenn es noch so düster aussah in den Herzen der Väter, wandelte sich alles Dunkel in Helfe und Licht, wenn sic die geschmückte Festhütte betraten und Gott lobten und priesen, weil er_jJc am Leben erhalten und sie hat erreichen lassen die festliche Zeit. Auch uns laßt heute das Hüttenfest die gleiche Erhebung und den gleichen Trost zuteil werden. Mit neuem Mut und mit neuer Kraft dürfen wir, nachdem wir die festlichen Tage begangen haben, unseren schweren, sorgenvollen Weg gehen und beweisen, daß auch uns das heilige Fest seinen Segen gespendet hat. Lächelnde Weisheit Esrog und Pfc;rä Rabbi Mordcchai hatte die Gewohnheit, das Jahr über gelegentlich ein wenig Geld bciseitezulcgcn, um sich , davon zum Sukkotfest eine schöne Esrog-Frucht zu kaufen. Als er' einmal nach Brody reiste, um sich einen. Esrog zu besorgen, begegnete er einem jüdischen Fuhrmann, der neben seinem gestürzten Pferd saß und weinte. Rabbi Mordcchai überlegte" nicht lange und gab' dem Mann das Geld, von dem er sich einen Esrog kaufen wollte. „Nimm — und besorge dir dafür ein.neues Pferd!“ Der Fuhrmann dankte dem Rabbi überglücklich. Als Mordechai ohne Esrog zuhause ankam, sagte seine Frau: „Alle Welt hat einen Esrog, nur du nicht!“ Mordechai erwiderte: „Alle Welt wird den Segcn_über den Esrog sprechen, ich aber spreche den Scgcn'über ein Pferd..“ Was ist ein Schochct? __ ___ _ . . Vor einem Wiener Gericht war ein Kultusbcamtcr wegen Erinnerung, und also entbehrt es der Unmittelbarkeit. Aber eines geringfügigen Vergehens angeklagt. Auf die Frage des :__u. „ c..—k«i hincreetelli. und iedermann ’ Vorsitzenden nach seinem Beruf, antwortete der Angeklagte: .Vorbeter, Lehrer und Schochct.“ Der Vorsitzende, den, je mehr es Symbol ist, sichtbar hingestellt, und jedermann zum Nachdenken auffordemd, um so nachdrücklicher muß 'man darnach suchen, was denn für Sinn in ihm verborgen sein kann. Die Alten schon begannen mit solchem Suchen. Sie fragten: warum soll man in der Hütte wohnen? Und sie antworteten: das soll zu dem Menschen sprechen „geh aus deiner festgefügten Wohnung hinaus und weil’ in flüchtigster Bleibe“. Will heißen: spinn dich nicht ein in den Gedanken der Sicherheit, den die wohlgebaute, festumhegte Wohnung gewährt, und lerne selbst, dich in Unsicherheit und Gefahr einfügen. Wer wollte verkennen, wie stark diese Mahnung uns selbst trifft; wie viel besser es für unseren Seelenfrieden, gewesen wäre, wenn man immer diese Mahnung der Hütte am Hüttenfest bedacht hätte. Erst auf diesem Grunde blüht dieser Ausdruck unbekannt war, -erfuhr auf sein Befragen, daß Schochet Schächter heiße. Der Landgerichtsrat hielt es nun für angehracht, den Angeklagten dauernd mit „Sie Schochct“ zu apostrophieren. Die Verhandlung ging zu Ende, der Mahn wurde freigesprochen. Nach Verkündung des Freispruchs erbat er sich .die Erlaubnis, noch ein paar Worte sagen zu dürfen, was ihm der Vorsitzende nach einer schroffen Abfertigung schließlich gestattete. „Ich möchte mir nur erlauben,“ sagte der Freigesprochene, „den Herrn Vorsitzenden darauf aufmerksam zu machen, daß rieh Vorbetcr für die Juden, Lehrer für die Jugend, Schochet jedoch nur für Ochsen bin.“ HJioabit, Xumftr. 42 BEKANNT DURCH QUAUTATS-WAREN

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