Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 76-77 (21.9.1934)
- Date
- 1934-09-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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14. Jahrgang Nummer 76/77 Eine Reise und ein Besuch Von Hans Samter Das schwedische Judentum umfaßt nur eine kleine Gruppe. 6- bis 7000 Menschen sind es, die sich auf die 6,5 Millionen schwedischen Einwohner verteilen. Wenngleich in Stockholm wohl der wesentliche Teil von ihnen wohnt, gibt es doch jüdische Gemeinden an den verschiedensten Orten, und Gotenburg wie Malmoe sind Rabbinatssitze, während die Juden der Orte Karlstad, Norkoeping, Helsingborg u. a. nur zu den Hohen'Feiertagen in die Synagogenstädte fahren und sonst behelfsmäßig eigene Gottesdienste abhalten. Sie unterscheiden sich hier in nichts von den nichtjüdischen Bewohnern Skandinaviens, über deren Frömmigkeit’auch nichts dadurch ausgesagt wird, daß man weiß, daß ihnen in ihrer abgelegenen Siedlung die Gelegenheit zum Kirchenbesuch fehlt'; man muß in diesem Zusammenhang an den Bauern Isak aus Knut Hamsuns tiefstem Werk „Segen der Erde“ erinnern, der — wenn Kirchenbesuch ein Kriterium sein soll — nicht fromm ist. Außerdem aber muß man sich sehr vorschen: es mag am.Meer liegen oder, an der rauhen Luft oder der nördlichen Sonne, daß man den skandinavischen Juden am Aussehen •'nur sehr schwer als solchen erkennt. Und das, obgleich es ein schwedisches Judentum überhaupt erst seit 1800 gibt, da vorher den Juden der Zutritt in das Land nicht gestattet war. Und auch daun ging ihr Hineinwachsen keineswegs reibungslos vor sich, im Gegenteil mußten sie sich jahrzehntelang hartnäckig gegen die sie bedrohende religiöse Intoleranz zur Wehr setzen. Erst um 1870 wurden sie emanzipiert, dann aber in überraschender Schnelligkeit und so gründlich, daß jeder Rest der Fremdheit schwand. Der alte Herr jedenfalls, den ich auf der ersten Fahrt in Schweden von-Helsingborg zur Halbinsel Kullen zum Banknachbarn hatte, schien jeden Zweifel über seine Abstammung auszuschließen,-als er in einem jüdischen Kalender las, dessen Umschlagseite mit hebräischen Buchstaben gezeichnet war. Es entspann' sich ein Gespräch zwischen uns, bei dem es um neuere Fragen des Judentums ging, vor allem — was ihn am stärksten bewegte, als er hörte, woher ich »^m Z c*a? £e‘stige Problem der deutschen Juden. Als ich ihn dann andeutend fragte, zu welcher Richtung des Judentums er gehöre, lächelte er nur: „Zu keiner; denn ich bin — evangelischer Geistlicher.“ Gleichberechtigung in Gefahr? 'Man war von einem Vorurteil befangen, als man nach Schweden kam. ' Hier und dort erzählte niän, daß wohl heute noch den Juden dort in der Frage der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung keine Schranken gesetzt seien, daß aber bedeutsame antisemitische Strömungen sich gezeigt hätten und man daher nicht wissen könne, was in Zukunft bevorstände. Sowenig man aber Bedrohliches verkleinern will, so wenig besteht für die schwedischen Juden ein Grund, heute in dieser Hinsicht besorgt zu sein. Es besteht wohl eine antisemitische Bewegung, und sogar eine sehr judenfelndliche Zeitung. Als Gegenströmungen sind, jedenfalls für diesen Augenblick, zu erkennen einmal die Regierung, die alle Benachteiligungen schärfstens ablehnt, dann und vor allem das Königshaus, das dem Antisemitismus in jeder Form ebenfalls entgegensteht, und schließlich die Situation und Verteilung der Juden selbst. Gewiß gehören sie überwiegend zu den höheren sozialen Schichten, aber sie treten nicht allzusehr hervor, sind nicht übermäßig stark in Positionen ver-. treten, die besondere Angriffspunkte bieten, und fallen — ähnlich wie in Dänemark — auch nicht durch Namen usw. auf. (Das bekannteste Beispiel dafür: der in der ganzen Welt bekannte Bankier Marcus- Wallenberg ist völlig frei von jüdischem Blut). Bleibt noch eines zu erwähnen, wovon in der letzten Zeit ja häufig genug gesprochen wurde: .die schwedische Presse. In ihr besteht ein jüdischer Einfluß, da der Besitzer des großen Zeitungskonzerns Bonnier Jude ist. Die große Ausdehnung dieses Unternehmens läßt es als wichtigen schwedischen Kulturfaktor erscheinen, in dem dazugehörigen Buchverlag sind viele schwedische und auch mancher deutsche Dichter gefördert- und der Oeffentlichkeit vorgestellt worden. Ein Einfluß des jüdischen Besitzers auf die Haltung der Schriftleitungen besteht nach einhelliger Aussage aller, die darüber sprachen, so gut wie garnicht, in der Redaktion aber sind Juden kaum vertreten. Und es muß in diesem Zusammenhang erwähnt werden, daß die stark gegen den Nationalsozialismus eingestellte nicht-marxistische Zeitung des Landes, das Gotenburger Börsen- und Handelsblatt,' vollkommen frei von allem jüdischen Einfluß in Verlag, Redaktion und Kapital ist. Eine Schwächung des yvirt-. schaftlichen Niveaus in Schweden, die unvermeidbar ist, wenn den Bauern nicht auf irgendeine Weise ge- ' holfen werden kann, würde sich für die Juden vielleicht nicht nur wirtschaftlich, sondern auch anderweitig bemerkbar machen. Aber im Augenblick kann davon nicht "die Rede sein. ifiÖiUMiftetale 3eifttitg 2. Beilage 21. September 1934 Die Ausgewanderten Viel Auswanderer hat es in Schweden nicht gegeben, die meisten waren vorsichtig genug, sich vorher zu informieren, ob die Einreise sinnvoll, sei. Hier waren schärfste Abmahnungen notwendig, die erfreulicherweise auch meist befolgt wurden. Denn davon abgesehen, daß es kaum jemandem möglich ist, in Schweden die Arbeitserlaubnis zu bekommen — die eine vielbesprochene Ausnahme dreier deutscher Aerzte, die leider nicht glücklich endete, aber doch mehr öder Weniger wieder vergessen ist, besagt weiter nichts —, ist es nicht weniger schwer, ein Geschäft zu eröffnen. Ein altes und keineswegs zu diesem Zweck geschaffenes Gesetz verbietet nämlich Ausländern die Eröffnung gewerblicher Unternehmungen, wenn dadurch die Interessen schwedischer Gewerbetreibender geschädigt werden. Risiko und Schwierigkeiten sind also in den meisten Fällen übergroß. Ein Besuch in Berlin Die Reise von der Siidkiiste Schwedens bis zur Hauptstadt Stockholm nimmt mehr Zeit in Anspruch," als es für einen kurzen Aufenthalt lohnt. Aber auch der geistige Führer der Gotenburger jüdischen Gemeinde, Rabbiner Dr. L ö b, war grade nicht anwesend, als ich von ihm noch ein genaueres Bild vom jüdischen Leben Schwedens zu erhalten hoffte.- Ein guter Zufall fügte cs, daß er wenige Tage später nach Berlin kam. Der kluge und menschliche Rabbiner, mit dem sprechen zu dürfen grade für junge-Menschen Glück und Mahnung ist, ist von deutscher Abkunft, aber seit langem in Schweden beheimatet. Er ist wie die Gotenburger und wie die Stockholmer Gemeinde durch: und durch religiös liberal ge-, sinnt; nur in Malmoe gibt es " eine orthodoxe Gemeinde. Natürlich sind in Gotenburg wie überall nicht alle Gemeindemitglieder “konsequente Vertreter des liberalen Gedankens, es gibt auch einige Zionisten unter ihnen, deren Interesse aber vorläufig ein theoretisches ist und keineswegs zur Uebersiedhtng führen wird. ' ' Das Wissen um die Schwierigkeit der Aufgabe, schwedischen Juden Rabbiner zu sein, macht die Person dieses Mannes so sympathisch, er weiß, daß die Umstände und nicht die Menschen die Schuld tragen, wenn nicht alles ganz so ist, wie es sein könnte. Dabei ist das Gemeindeleben in Gotenhurg (und nach allem offenbar überall in Schweden) gut. Abträglich sind ’ ihm aber die in Schweden sehr häufigen Mischehen. Es ist eine merkwürdige Erscheinung, daß. dabei Juden nicht, wie es etwa-in vielen Fällen in Deutsejdaud bei Mischehen geschah, in tiefere soziale Schichten, sondern im Gegenteil höher hinauf heiraten. Aber ein altes Gesetz verbietet , dem nichtjüdischen Ehepartner den Ueliertritt zur jüdischen Religion, da kein schwedischer Mensch durch liebertritt eine andere als die Stäatsreligion erwerben kann. .Und die Kinder solcher Mischehen fallen, wenn nicht vorher etwas Anderes ausdrücklich vereinbart ist, 'initiier der Staatsreligiou zu. Welche Folgen das für das jüdische Leben haben' muß, ist verständlich. - — Von diesen Schwierigkeiten spricht Dr. Löh nicht minder freimütig als von den Erfolgen und Möglichkeiten. Der Gottesdienst der liberalen Synagogen enthält eine ganze Anzahl schwedischer Gebete neben den hebräischen, durch die auch die nur wenig Hebräisch verstehenden. Gemeindemitglieder berührt werden. Für die seelische und geistige Not, die über die deutschen Juden in so vielfältiger Gestalt gekommen ist, herrscht allenthalben Verständnis. Haien ffetj et§äftit: ’jjfi naCe Die rasch ziehenden Wolken warfen leichte Schatten über die lauschende Menge. Man spielte die vierte Brahms- Symphonie. Voßberg, sonst ein Feind besuchter Lokale, hatte sich entschlossen, das-traditionelle Konzert des Kur-Orchesters zu besuchen. Er . saß abseits und genoß die vertrauten Melodien des Werkes, das er liebte. Zwei Tische entfernt, hatte eine junge Frau sich eben erst zu Beginn der ^Symphonie cingefunden. Das blumige leichte Kleid, der große weiße Hut gaben der Erscheinung etwas Sommerliches, Freudiges. Aber 'das Gesicht spiegelte eine Schwermut wieder, die mit der lichten Gestalt seltsam kontrastierte. Voßberg verstand sich auf Physiognomien; er wußte, Musik kann das Heimlichste aus der Seele locken. Sehr bald hatte er aufgehört, zuzuhören — er sah hur. Unverhüllt traten Trauer und Sehnsucht aus diesem klaren Antlitz hervor. Er las darin und fühlte sich wie einer, der Verbotenes erhascht. Aber seine Teilnahme war geweckt; er konnte dem- Reiz nicht widerstehen, die mädchenhafte Stirn und die Augen zu betrachten, die ihre Reinheit bewahrt hatten. Diesmal naflim er die wechselnden Stimmungen der einzelnen Sätze nur durch den Ausdruck dieser Augen auf. Sie waren das Instrument, das ihm Klang und Rhythmus vermittelte. Er starrte zu dir Frau hin. Jetzt mochte sie seinen Blick fühlen. Aber sie wandte nur instinktiv den Kopf ab, als wiche sie der zu grellen Sonne aus. Voßberg war sicher, daß sie ihn als Menschen gar nicht aufgenommen hatte. Sie gehörte nun der Musik, und ihr ganzes Wesen schien die Töne zu trinken- Als die Symphonie endete, stand Voßberg auf, ohne zu überlegen. Gewohnt, jedem Einfall nachzugeben, seinem suggestiven Willen vertrauend, folgte er der Fremden, ohne seinen Schritt zu beschleunigen, aber doch so, daß sie cs bemerken mußte. Die geistvolle Häßlichkeit seines schmalen Kopfes, die adlige Haltung seiner Gestalt hoben ihn aus der’ Menge der Durchschnittserscheinungcn heraus. Aber Olga sah ihn trotzdem nicht. In jener leisen Benommenheit, der sie meist nach eindrucksvoller Musik verfiel, ging sic ruhig die Waldstraße entlang. Endlich zwang sie Voßbergs beharrlicher Blick, ihn anzusehen. Sie war erstaunt, nicht so sehr über sein Auftauchen, das ihr unwichtig schien, als über seine' ersten Worte: „Werden Sie das nächste Mal zu der Bruckner-Symphonie kommen?“ \ Sie hob den Kopf und überließ sich dadurch der Eindringlichkeit seines Blickes. Sie blieb stehen und sagte mit unwillkürlicher Folgsamkeit: „Ich verstehe Bruckner nicht!“ „Das dachte ich mir“, stellte Voßberg fest. Es ist eben grade Brahms, der Ihnen hilft?“ Plötzlich war es selbstverständlich, daß er weiter neben ihr ging. Sie errötete auf eine Art, die ihn rührte. „Ich heiße Herbert Voßberg —sagte er. „Würden Sie mir erlauben, Sie heute Abend wiederzusehen?“ Sie sah an ihm vorbei: „Ich habe keine Zeit, weder jetzt noch abends.“ „Das würde ich außerordentlich bedauern, gnädige Frau. Es' gibt Situationen, in denen es verkehrt ist, konventionell zu bandeln — —", fuhr er fort, undseine Art erinnerte in keiner Nuance an die Routine eines Verführers. "Sic betrachtete ihn ohne Scheu, mit der Sicheiüicit eines Kindes, das sich nicht bedroht fühlt. Dagegen ertappte er sich bei einer ungewohnten Verwirrung, als sic antwortete: „Wir werden uns vielleicht morgen früh ani Brunnen sehen, wenn Sie wollen. Für jetzt guten Abend!“ Sic machte eine Wendung nach links, und dann verschwand ihr flatterndes Kleid in der Menge. So hatte es begonnen. Drei Wochen hindurch waren sie täglich viele Stunden beisammen gewesen. Auf weiten Wahlspaziergängen ergaben sich Gespräche, die sie, einander näher brachten, als es ein jahrelanger Verkehr in der Großstadt hätte tun können. Olga Steinitz lernte in Voßberg einen Mann von bestrickenden Eigenschaften kennen. Wirtschaftlich unabhängig, besaß er doch Verständnis für den Kampf dieser Frau, die .in guten Verhältnissen groll geworden, min plötzlich mit dem Pfennig rechnen mußte. Durch ihr musikalisches Talent hatte sich Olga eine erste Stellung an der Hochschule geschaffen. Sie war eine Geigerin von Ruf geworden. Ihre Hauptbcgabting lag in ihrer pädagogischen Fälligkeit. Eiiisclmcidcudc Veränderungen im politischen Leben, drängten sie aus diesem Beruf heraus. So verlor sie mit einem Schlage nicht nur die Einnahmequelle, sondern auch den Inhalt ihres künstlerischen Lebens., Eine Krankheit überfiel die ohnehin seelisch schwer Leidende — also begegnete Voßberg einer Frau', die lim ihre Gesundung rang und nach neuen Zielen 'suchte. Mit strenger Selbstkritik begabt, hatte Voßberg schon in der Jugend cingcschcn, daß er kein Mann für die Ehe war. Selbstherrlich, launenhaft, von krankhaft gesteigertem Freiheitsbedürfnis, mußte er eine Bindung ablehncn, die nur durch Einfühlung und Opferwillen denkbar ist. Aber Olgas Wirkung auf ihn nahm täglich zu, und als der Al>schicd bevorstand, stellte er sich zuin ersten Male in seinem nun 42jährigen Leben die Frage, ob eine Heirat zu wagen wäre — Indessen war auch in Olga allmählich ein Gefühl erwacht, das sie mit überraschend neuer Lebensfreude, erfüllte. Voßbergs fanatische Liebe zur Musik war die Brücke gewesen, auf der man sich anfangs zueinander getastet hatte. Hundert Gemeinsamkeiten ergaben sich — es sah aus,' als hätte das Schicksal den beiden ein Glück Vorbehalten, an das sie nicht mehr geglaubt hatten. Am vorletzten Tage seines Urlaubs begann Voßberg, von der Zukunft zu sprechen. Bis zu dieser Stunde“war in Olga niemals das Bewußtsein ihres Rassenunterschiedes aufgetaucht. Durch ihre Kunst mit Menschen aller Nationalitäten in Verbindung, hatte' sic keinen Anlaß gehabt, ihr Judentum als erschwerend für freundschaftliche Beziehungen mit Andersgläubigen zu empfinden. — — Als Voßberg jetzt mit erzwungener Ruhe die Möglichkeit einer Vereinigung erwähnte, stiegen unklare Bedenken in ihr auf. Aber das dauerte nur einen Moment — die Seligkeit, sich diesen Mann gewönnen zu haben; siegte über die leise pochende Mahnung ihres Innern. ' Als habe er ihren Gedanken erraten, sagte er plötzlich: „Jetzt werde ich alles mit Dir teilen — —!“