Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 76-77 (21.9.1934)
- Date
- 1934-09-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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die jüdische Jugend, mögen das Fest feiern in Erinnerung an die tiefe geschichtliche Bedeutung der „Generation der Wanderung“. Auch wir sind heute eine Übergangsgeneration, die Jungen und die Alten, und viele von uns werden das Gefühl haben, kein festes Dach, sondern eine bewegliche Hütte über dem Haupt zu haben. Wie aber nach dem tiefsinnigen Brauch unserer Väter die ' Hütte so gebaut werden muß,- daß der Himmel hereinsehen kann, so sollten auch wir diese Zeit des Übergangs benutzen zu einer sichtbaren Verbindung mit dem .Ewigen. Unserer Jugend mag dieses Fest ein sichtbares Symbol dafür sein, daß für das Judentum die Erkenntnis Gottes und die F es t i gu n g r e 1 i giösen Sinnes unabhängig ist von festem Boden, ja -von einem bestimmten Boden. „Ich gedenke in Liebe Dir, meinem Volk, die Huld Deiner Jugend, die Liebe Deiner Brautzeit, wie Du mir nachgewandelt bist in der Wüste, einem Lande ohne Saat.“ An uns vollzieht sich heute ein ähnliches Erleben. Aus einem Stadium äußerer Ruhe und Sicherheit sind wir in ejne Zeit tiefster Erschütterung hineingeworfen worden. An uns ist -es, dafür zu sorgen, daß sie zu einer Zeit innerer Festigung und Selbstbesinnung werde. Darum sollen wir heute, soll namentlich die Jugend sich ihre Sukkoh bauen. Sie soll sie nicht nur bauen, sondern, sie soll in ihr sitzen und hier in ihr von der Geschichte ihres Volkes ihr Herz vollwerden lassen. Sache der Bünde wäre es, wo auch immer sie stehen, dafür zu sorgen, daß kein, jüdisches Kind existiert, das nicht wenigstens einmal in dieser Festwoche Mn der Laubhütte gesessen hätte, nicht nur, um Brot und Wein zu essen, sondern um sich vor Augen zu führen, wie Isjael sich sein Judentum in vierzig Jahren des Herumschweifens, in vierzig Jahren des Hüttendaseins, erarbeitet hat. Wäre diese Generation des Übergangs nicht gewesen, so hätte der Führer der nächsten Generation, Josua, auf seine Frage, ob das Volk'dem Ewigen dienen wolle, nicht die einmütige Antwort erhalten: „Nur dem Ewigen wollen wir dienen.“ Es ist der Geist ihrer Väter, der Geist der Sukkoh, der aus ihnen sprach. Auch an uns ist es, an dieser Wende der Zeit.eine Hütte zu errichten, die uiclit-nur inneren. Frieden, sondern vor allem innere Stärke- und Erhebung über diese „Generation des Übergangs“ sich ergießen läßt. Denn kein echter Frieden ohne inneres .Erfülltsein! Das ist der Sinn des Festes der Hütten. Lionel Jacob gestorben ■, Bd allen deutschen Juden, die Gelegenheit hatten, mit unseren englischen Juden in nähere Fühlung zu treten, also insbesondere bei den Besuchern der Londoner Sitzung der letzten Jahre, wird die Nachricht vom Tode Lionel Jacobs das Gefühl wehmütiger Erschütterung auslösen. Es entsprach nicht seiner schlichten, stillen Natur, im Kreis der offiziellen Kongreßredner eine große Rolle zu spielen, wohl aber hat er beim inneren Aufbau des englischen 1 i bera Ion. J u den t u m s tätig und entscheidend mitgewirkt. Insbesondere verliert die „Jewish Religious Union.“ ihren langjährigen Vizepräsidenten, die „World Union“ ein rege mitarbeitendes Mitglied des Government Body. Damit ist aber nur die äußere Bedeutung dieses gütigen und klugen Mannes wiedergegeben. Es gibt wohl keinen unserer deutschen Delegierten, der nicht seine und seiner gleichgesinnten Gattin Gastfreundschaft genossen hat. Hier in seinem eigenen Hause erfuhren wir, daß Lionel Jacob ein ungemein vielseitig gebildeter Mann war, dem jüdisches und profanes Wissen, und nicht nur englisches, wohl vertraut war. Die deutsche Literatur /.. Bekannte er, der fast akzentlos Deutsch sprach, wie kaum ein Deutscher. Ebenso war er ein gründlicher und feinsinniger Dante-Kenner. Diese allgemeine Bildung ergänzte wohltuend sein von schlichter Gläubigkeit durchleuchtetes jüdisches Wissen. In dem Jdeincn Konferenzsaal, in dem sich in den letzten Jahren alle wichtigen Ereignisse des englischen liberalen Judentums lind die meisten Sitzungen der eWorld Union“ abgespielt haben, hängt sein Bild neben denen von Claude Montefiore, Lily Montagu, Israel Mattuck und dem vor ihm heimgegangenen Israel Abrahams. . Neben diesen unseren teuren englischen Freunden werden wir deutschen Juden die gewinnende und gütige Persönlichkeit von Lionel Jacob immer Jn unserem Herzen tragen. H. St, Oer Verlauf des Jom Kippur Starker Synagogenbesucli in Deutschland Die Beteiligung am Gottesdienst des Versöhnungstages in Berlin war außerordentlich stark und dürfte die des Vorjahres noch iibertroffen haben. Sämtliche Synagogen und die zahlreichen Betsäle waren bis zum Schluß des Gottesdienstes mit andächtigen Besuchern überfüllt. Auch aus zahlreichen anderen Städten Deutschlands wird eine besonders starke Beteiligung am Jom Kippur-Gottesdienst gemeldet. Der Schofarbläser an der Klagemauer Jerusalem. An der Klagemauer ist es am 'Jom Kippur zu einem Zwischenfall gekommen, als ein gewisser. Chajim Rüben Horowitz, angeblich ein Mitglied, der revisionistischen Partei, entgegen d e m j;e 11 e n d e n Klagemauer- Keg 1 e m e n t den Versuch machte, an der Klagemauer Schofar zu blasen. Horowitz wurde verhaftet; das Schofar bcschhignahintM Der Zwischenfall Ciat zu keinen weiteren Folgen geführt. Die Wiener Gotteshäuser unter polizeilichem Schutz Wien. Der Versölmungstag ist in Wien vollkommen ruhig verlaufen. Auffallend war die große Zahl der geschlossenen Geschäfte. Sämtliche Synagogen und Bethäuser ReichsausschuB jüdischer Sportverbände gegründet Der Deutsche Makkabi-Kreis E. V. und der Sportbund des Reichs verba n des jüdischer Frontsoldaten haben den Reiclisausscliuß jüdischer Sportverbände gegründet. Diesem müssen laut Verfügung des Herrn Reichssportführers, Aktenzeichen Nr. 7017 34 Lü Ru, und Nr. 5534 34 Lü/Ms., sämtliche jüdischen Tum- und Sportvereine angeschlossen sein. Der Reiclisausscliuß setzt sich zusammen aus den Herren Dr. Rabau, Dr. Friedentlial und Paul Lewinsolm vom Deutschen Makkabi-Kreis E. V. und den Herren Dr. Löwensteiri, Dr. Elsbach und Walter Beck vom Sportbund des Rciclisbundes jüdischer Frontsoldaten. Die Geschäftsführung wird wahrgenommen durch die Herren Lewinsohn und Beck. Die organisatorische, sportliche und weltanschauliche Selbständigkeit der beiden Organisationen bleibt vollkommen gewahrt. waren überfüllt. Am Vortag des Jom Kippur waren der Wiener Polizei Berichte zugegangen, daß von bestimmten Gruppen, ernste antijüdische Störungen am Versöhnungstag geplant seien. Die Polizei hatte-daraufhin umfassende Vorkehrungen getroffen. In der Umgebung der jüdischen Bethäuser-waren starke W ac ha b t e i lun gen aufgestellt. Es ist nirgends zu Zwischenfällen gekommen. Antireligiöser Terror in Sowjetrußland Moskau. Am Jom Kippur waren sowohl die Synagogen als auch die von kommunistischer Seite veranstalteten a n t i-re 1 i giö s en Versammlungen stark besucht. Während in den Synagogen das ältere Element vorherrschte, war die Jugend zum größten Teil durch ihre Organisationen zu den anti-religiösen Kundgebungen abkommandiert worden. In einem Falle haben sogar. Gottesdienst und anti-religiöse Versammlung unter demselben Dach stattgefunden; hier war ein Teil der Synagoge vor längerer Zeit konfisziert und in einen kommunistischen Jugendklub umgewandelt worden. Tagsüber wurden demonstrativ lärmende Kon-' zerte, Spiele und Tänze veranstaltet. Charakteristisch für den auf die jüdischen Arbeiter und Angestellten ausgeübten Druck ist die Tatsache, daß sehr viele Menschen zum Frühgöttesdienst in die Synagoge kamen, lim dann zur üblichen Zeit an ihren Beschäftigungsort zu eilen. Es wird gemeldet : Aus Deutschland Auf der rheinischen Grenzlandschäu, die in Bad Kreuzr nach stattfand, hielt Reichsbauernführer und Minister Walter Darre eine Ansprache, in der er hervorhob, daß die BörSe, die sich früher zwischen Produktion und Verbrauch eingeschaltet hätte, von jüdischen Spekulanten beherrscht worden sei. Aus der deutschen Börse und Wirtschaft werde das ^J u de n t u in vers c h winden. * Auf dem alten Friedhof der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt a. M. wurde für den im Jahre 1756 dort bestatteten berühmten Gelehrten Rabbi Jakob Josua ben Zwi Hirsch (Falk), der in der jüdischen Welt.unter dem Namen seines Hauptwerkes „Pne Jehoschua“ bekannt ist, ein Grabstein enthüllt. Das neue Grabmal wurde von dem Bildhauer Leo Horovitz dem alten verwitterten Stein nachgebildet. * Die Kreisbauernschaft Ansbach gibt bekannt: Wie aus Frankfurt a. M. hierher gemeldet wurde, war der letzte große Schlachtvieh markt dort vollständig frei von jüdischen Händlern. Die von der Fränkischen Tageszeitung in Nürnberg veröffentlichte Bekanntmachung schließt mit den Worten: „Wir in Franken freuen uns um so mehr, daß die Fernhaltung der Juden von den Vielimärkten nun auch auf den großen Sclüachtvielimärkten Platz gegriffen hat. Und noch einmal, deutscher Bauer: Schalte den Juden vom Viehhandel aus, damit du nicht mehr um den Lohn deiner Arbeit betrogen wirst.“ Wie aus Frankfurt gemeldet wird, ist von amtlicher Stelle die Entfernung der Tafel „Judenfreies Schwimmbad“ in der Badeanstalt in Jugenheim an der Bergstraße verfügt worden. Aus dem Ausland Auf der Heldenabteiiung des jüdischen Zeniralfriedliofs in Wien wurden die ersten 100 Grabsteine für im- Weltkrieg gefallene jüdische Soldaten und Offiziere enthüll!. Der Bund jüdischer Frontsoldaten Österreichs wird noch weitere 200 Gedenksteine aufstellen lassen. An der Heldengedenkfeier nahmen die Spitzen der Behörden, Vertreter der Generalität, des Offizierskorps und der militärischen Verbände teil. . 1 . * Auf Einladung der italienischen Regierung hat eine größere Anzahl jüdischer Kinder, die die italienischen Schulen in Palästina, Syrien, Ägypten, Tunis und den Balkanländeriy besuchten, einen einmonatigen Urlaub in Rom verbracht. Die Jüdische Gemeinde Rom hatte 'für die jugendlichen Gäste der italienischen Regierung einen Enip- - fang veranstaltet, an dem aucli Vertreter der faschistischen Partei teilnahmen. Nach einer Meldung aus New York wurde die Eröffnung des Staatsparia in ents von Pennsylvania, die ursprünglich auf den 10. September, den ersten Tag Roscli liasclianah, festgesetzt war, auf den 12. September verschoben. Die Verlegung der Eröffnung war vom Staatsgouverneur Gifford Pinchot als Zeichen der Achtung vor den' religiösen Gefühlen der jüdischen Staatsbür ge r verfügt worden. « Der Führer der ungarischen Pfeilkreuzlerpartei, Reichstagsabgeordneter Zolltang Mesko, wurde als verantwortlicher Redakteur des antisemitischen Wochenblattes „Nemzet szawa“, das einen besonders hetzerischen Artikel gegen die jüdische Bevölkerung veröffentlicht hatte, vom Budäpester Strafgericlitshof wegen Aufreizung zum Konfessionshaß zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt. * Der Stadtrat von Tel Awiw'hat die Namen von 140 neuen Straßen endgültig festgesetzt. Unter ihnen befindet sich auch eine Straße, die nach der Stadt W o r m s benannt ist. Zehn ukrainische Bauern aus dem Marktflecken Kozec bei Rowno in Wolhynien haben den Wunsch aus- -gesprochen, zum Judentum überzutreten, um dann nach Palästina auszuwandern. Die Bauern wollen sich verpflichten, nach ihrem Übertritt alle jüdischen Geselze und Gebräuche streng zu halten. * Die iin Juli wegen illegaler Einwanderung in Jerusalem verhafteten 32 jüdischen Mädchen aus Polen, die die ganze Zeit ihres Palästina-Aufenthalts im Gefängnis in Bethlehem verbringen mußten, sind mit 12 anderen jüdischen Einwanderern aus Polen per Schub auf einen griechischen Dampfer gebracht worden, mit dem sie die- Rückreise' antreten. * ■ Nachrichten .aus Jerusalem zufolge ist es unwahrscheinlich, daß die Absicht, der Palästina-Regierung, die Zahl der Lizenzen für die Ausübung der ärztlichen Praxis, insbesondere für Einwanderer aus Deutschland, zu beschränken, jetzt Gesetzeskraft erlangt. Es wird aber damit gerechnet, daß das Quotensystem der Ärzte zu einem späteren Zeitpunkt eingeSülirt werden wird. * " Der weit über Polen hinaus bekannte Mathematikprofessör Saul Henych Berliner ist in Joachimsthal,' wo er zur Kur \vreilte, im 60. Lebensjahr gestorben. Er entstammte einer hochangesehenen Rabbinerfamilie. * Aus Rom wird berichtet: Anläßlich der bevorstehenden Niederkunft der Gemahlin des italienischen Kronprinzen hat die Jüdische Gemeinde Rom beschlossen, j e d e r bedürftigen jüdischen Frau, die am selben Tage wie die Kronprinzessin ein Kind zur Welt bringen wird, ein Eli re ngeschenk von, 100 Lire und eine Säuglingsausstattung zu überreichen. * Nach einer Meldung aus New York ist der Chefredakteur des amerikanisch-jüdischen Blattes „Der Tag“, Dr. Cora.mk, von einer Reise nach Mexiko, Guatemala und Cuba zurückgekehrt, wo er, wie verlautet, Vorbereitungen für die Ansiedlung jüdischer Auswanderer getroffen hat. Reichsregierung gegen Boykottierung Die Beschäftigung jüdischer Arbeitnehmer Der Reichsarbeitsminister nimmt in einem Schreiben dagegen Stellung, daß Betriebsvertretungen und andere Stellen eine Entlassung nichtarischer Arbeitnehmer wegen ihrer Rassezugehörigkeit fordern. Es heißt in dem Schreiben: „Gegen Einflußnahmen außerbetrieblicher Stellen auf die Einstellung und Entlassung von Arbeitnehmern, etwa wegen deren Rassezugehörigkeit haben bereits der Reichsarbeitsminister und ich in einem Erlaß vom 31. Oktober 1933 Stellung genommen. Außerdem hat der Reichsarbeitsminister in einem Rundschreiben an die Treuhänder der Arbeit vom 24. November 1933 — III b Nr, 14872/33 — darauf hingewiesen, daß Betriebsvertretungen und andere Stellen sich mit der. Forderung, jüdische Arbeitnehmer zu entfernen, in Widerspruch zu den wiederholten Verlautbarungen der Reichs re gierung setzen. Aus der Tatsache nämlich, daß nach dem Willen der Reichsregierung im Wirtschaftsleben zwischen arischen lind nichtarischen Firmen zum Zwecke der Boykottierung nichtarischer Geschäfte nicht unterschieden Mverden solle, könne ohne weiteres abgeleitet werden, daß auch den nichtarischen Arbeitnehmern der Schutz der Regierung zustehe.“ Unzulässige Kündigungen Danzig., Die Vereint gu n g jüdischer Arbeitne in^er_,zu Danzig teilt mit: Auf Veranlassung einer hiesigen leitenden Stelle der N.S.B.O. verlangte der Betriebszellenobmann einer Danziger Firma die Entlassung einer judischen Angesteilten mit dem Bemerken, Teppichhaus Zentrum, C 2 Soandauerstr. 28 [grüner Teppictiiadenl Teppiche jeder Art. Läufer. Vorlagen. Steppdecken/[Gardinen. Keine Aufmachung — niedrige Preise