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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-09-21 · 76-77 (21.9.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
76-77 (21.9.1934)
Date
1934-09-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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bMiier-Suiisar zu Berlin. Berlin Doppelnummer Preis 20 Pfg. Freitag, 21. September 1934 Nr. 76/77 — 14. Jahrgang Die „Jüdisch-liberale Zeitung*4 erscheint zweimal wöchentlich: Dienstags und Freitags U0IICD1) Srür beutfdjesSubeittum unb religiösen fllufbau ßtt tlieiex flummex &ehxeißent Herbert Connor, Oberkantor Magnus Davidsolm, Rabbiner Dr. Max Dienemann, Dr. Stefan Fraenkel, Helen Herz, Hans Samter, Dr. Theodor. Simon, Rabbiner Dr. Steckelmacher, Eugen Tannenbaum, Julius Walter, Lutz Weltmann Die nächste Ausgabe der „J1Z“ erscheint als Doppelnummer Freitag, 28. September Fest der Arbeit Von Heinrich Stern Sukkot-Rundschreiben des Preussischen Landesverbandes „Höge wieder die Hütte des Friedens ausgebreitet sein Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden hat anläßlich des bevorstehenden Sukkot- Festes ein Rundschreiben an die ihm angeschlossenen Gemeinden gerichtet, dem wir folgendes entnehmen: „Wir wenden uns heute wiederum an unsere Verbandsgemeinde und alle die, denen ein starkes und vertieftes Judentum am Herzen liegt, um zu lebendiger Gestaltung des Festes, das auf die hohen Feiertage folgt, aufzurufen. Wenn wir am Jom Kippur- Abend das. Gotteshaus verlassen, so entspricht es altem Brauch, den ersten Pfosten der Sukkoh für das Hüttenfest zu errichten. So verknüpft sich uns ein Festtag mit den'ändern. Sukkot spricht in unseren Tagen lebendiger zu uns als je. Auch in unseren Tagen befinden sich Tausende unserer Brüder auf der Wanderung. So wird uns die Hütte zum Symbol der Ungewißheit auch des sc,heinbar fest Gegründeten in unserem Leben.' Aber noch ein anderer Sinn verbindet sich mit diesem Wort. Die Hütte ist uns eine Stätte der Ruhe ■’ und Zuflucht, wie sie es unseren Vätern war in. den Jahren des Zugesdurch die Wüste. Den Sinn des Hüttenfestes gilt es für alle Juden wieder lebendig zu machen. Deshalb geben wir eine von Herrn Rabbiner Dr. J. Hoffmann, Frankfurt a. Main zusammengestellte Reihe vori Anregungen für die Sukkottage und das Simchat Thorafest bekannt,’ wobei wir * betonen möchten, daß die Ausgestaltung jeder einzelnen Gemeinde überlassen sein soll. In allen Gemeinden sollte mindestens eine gemeinschaftliche Sukkoh errichtet .werden, möglichst auf dem Synagogen- oder Schulhof; sofern dies nicht tunlich erscheint, Icönnte dies in einem ändern geschlossenen Hofe geschehen. Bei der Aufstellung und Ausschmückung soll die Schuljugend zur tätigen Mitarbeit herangezogen werden; die Anfertigung des schönsten Schmuckes könnte prämiiert werden. In der Sukkoh soll die Jugend zu Kiddusch und kleinen Mahlzeiten, sowie zu jüdisch betonter Geselligkeit in kleinen Zirkeln sich zusammenfinden. Wichtig erscheint die Veranstaltung von kleinen Simchat Thorafeiern, die mehr eine religiöse und kulturelle Note tragen und nicht im Stile gewöhnlicher Belustigungen abgehalten werden sollen. Auch hier könnten Kurzreferate abgehalten werden über Bibelkunde, über die Bibel in der-Synagoge und im Hause, über die Bedeutung der Bibel für die Formung des jüdischen Charakters und für die Gesittung der Menschheit. Ueber allem soil der Leitgedanke stehen, durch diese Feste den Teilnehmern ein freudiges Erlebnis zu schenken, das dazu beiträgt, stolzes Bekenntnis zum Judentum zu fördern. Unser Ziel soll sein, daß in keiner jüdischen Gemeinde die Sukkoh fehle und der Feststrauß in jüdischen Häusern seine Stätte finden soll. Wir wollen uns mit diesen alten und heiligen Symbolen erneut verbinden, sie sollen unser jüdisches Gefühl und zugleich unseren Zusammenhang mit dem Landeder . Väter stärken, das für viele auch ein Land der Kinder ist, und in dessen 'Landschaft und Naturzeitablauf Feststrauß und Sukkoh ihre eigentliche Wurzel haben.“ _ „'Möge wieder die Hütte des Friedens .ausgebreitet sein über uns, über ganz Israel und über Jeruschalajim.“ Nach den großen Festen in der ersten Hälfte des Festmonats tritt — vielleicht mit Ausnahme des letzten Tages — das Hüttenfest im allgemeinen im. Bewußtsein unsererGemeirischaft etwasin den Hintergrund. Sehr mit Unrecht; denn die beiden Seiten seiner Bedeutung ruhen in den tiefsten Erlebnissen des Volkes . Israel. Wie oft bei unseren. Festen, wendet sich die eine Seite der Natur zu. Das Sukkot-Fest war das Erntefest unserer Ahnen. Es enthält insbesondere das Gebet um Regen, die feierliche Weihe des Wassers, und traf das arbeitende Bauern- und Hirtenvolk in dem entscheidenden Punkte seiner Existenz. Dieses Fest sollte heute nicht nur in Palästina mit allem Ernst gefeiert werden; denn es ist nach der biblischen Darstellung ein Fest der Arbeit überhaupt1. „Sieben Tage sollst Du dem Ewigen, Deinem Gott, ein Fest feiern an der Stätte, die Gott erwählen wird; denn , segnen wird Dich der Ewige, Dein Gott, in all Deinem Ertrag und bei allem, was Deine Hände vollbringen, und Du sollst Dich dessen freuen.“ Wir sehen also hier, daß es sich um eine Idee handelt, die gerade in neuerer Zeit der heutige Staat wieder in den Mittelpunkt seines-Festkalenders gestellt hat. Das Hüttenfest ist nach biblischer Darstellung das „Fest, der Arbeit“. Es ist berufen, der . Freude des schaffenden Menschen über alles das, was er vollbringt, Ausdruck zu geben. Diese Feier soll das ganze Volk ergreifen. Sie soll ergreifen nicht nur den Arbeitsherrn und seine Familie, sondern es heißt ausdrücklich: „Du sollst Dich freuenan diesem Fest, Du und Dein Sohn und Deine Tochter und Dein Knecht und Deine Magd und der Levite und der Fremdling, die Waise und die Witwe, die in Deinen Toren wohnen.“ Anteil an diesem Fest der Arbeit haben also nicht nur Arbeitgeber und Arbeitnehmer, sondern auch diejenigen, welche ohne Verschulden oder auf Grund höherer göttlicher Bestimmung zur Arbeit nicht berufen sind. Neben diese natürliche Bedeutung des Festes, die .- insbesondere in dem sinnigen Brauch des Fest- Straußes ihren Ausdruck findet, tritt von altersher auch „die geschichtliche Seite des Hüttenfestes. „In Hütten sollt Ihr sieben Tage wohnen; alle Eingeborenen Israels sollen in Hütten wohnen, damit ihre. Geschlechter! wissen, daß ich die Kinder Israels io Hütten habe wohnen lassen, als ich sie aus dem Lahde Ägyptenherausgeführt habe.“ Hier rührt also unsere Festsatzung an das große Erlebnis unseres Volkes, an' die Wüstenwanderung. Man hat mit Recht die Sukkoh als ein Symbol des göttlichen Schutzes in der Wüste dargestellt, und die Hütte des Friedens bildet in unserm Gebet ein immer wiederkehrendes ergreifendes Bild. Wir dürfen uns aber mit dieser einfachen Bedeutung nicht begnügen. Die Wichtigkeit des Hüttenfestes liegt darin, daß wir die Bedeutung der Zeit erkennen, in -welcher nach' der biblischen Darstellung das Volk in Hütten gewohnt hat. Sukkot ist das Fest der Übergangs generation. Im" allgemeinen spricht man von dieser Generation nur in bezug auf das, was sie nicht erreicht hat. Es ist die Generation, _ die sterben mußte, mit ihrem Führer sterben mußte, ehe sie das gelobte Land betrat. Das aber ist nicht die einzige Bedeutung, die sie in der’ Geschichte unseres Volkes einnimmt. Die Generation zwischen dem Schilfmeer und dem gelobten Land ist die unsterbliche Generation, in der die aus Ägypten wandernden ■ Gruppen einzelner Geschlechter und Stämme zum Gottesvolk .wurden. Es ist die erste Generation nach' dem Sinai, die erste Generation der Thora. Äußerlich in bitterster Unsicherheit der Natur und den umliegenden Völkern gegenüber, hat sie alle Kraft und die innere Stärkung, auf die Festigung des religiösen Bewußtseins verwandt. In der Wüste entstanden nicht nur die biblischen Gesetze, sondern auch die religiösen Institutionen. Dem schweifenden Wüstenvolk in Hütten entsprach die Schaffung des beweglichen Heiligtums, des Stiftzelts mit der Bundeslade. Es ist die große Zeit, die der unsterbliche Führer und Lehrer Mose dazu benutzt hat, um etwas von seinem Geist und seiner Intuition in das Volk einzuprägen. Mit Recht hat Elias Auerbach in seinem ausgezeichneten Buch „Wüste und gelobtes Land“ von dieser Periode gesagt: „Hier hielten sich die aus Ägypten kommenden Stämme etwa während der Dauer einer Generation auf, bis sie zur Eroberung Kanaans schritten. Hier wurden sie, die bisher Nomadensippeirund Sklavenhaufen gewesen waren, zu einem Volk.“ Diese Zeit religiöser Festigung ist noch in später Zeit, nach Jahrhunderten, den' Propheten Israels als die ideale Zeif-der religiösen Jugend erschienen. So hat der gewaltige Begründer der späteren Prophetie, Arnos, selbst ein Kind der Scholle, diese Zeit äußerer Unsicherheit und innerer Erstarkung seiner eigenen Generation als Spiegel vorgehalten — („Habt ihr mir denn SeUlacht-.uudSp.ciseopfer in der Wüste dargebracht, vierzig - Jahre lang, Haus Israel?“ Arnos 5, 25) —, und auch noch Jeremia— stellt (Kapitel 7, Vers 22 ff.) als das Entscheidende der Auszugsgeneration nicht den- Opferdienst, also die Religionsausübung, hin, sondern die religiöse Gesinnung. Die vorstehende Darstellung zeigt bereits klar, wie stark das Sukkot-Fest zu uns spricht oder sprechen könnte. Im heiligen Lande und außerhalb, überall da, wo jüdische Jugend wieder zur Scholle zurückkehrt, wird man den ursprünglichen Charakter des Festes, das Erntefest, feiern, ob mau sich nun den alten Feststrauß windet oder in den Ländern der Zerstreuung anstelle der exotischen Pflanzen "die heimischen Gewächse einflicht; überall, wo heute jüdische Jugend auf Hachscharah arbeitet, sollte mau mit besonderer Andacht dieses- Fest des Bodenertrages feiern. Darüber hinaus aber muß das Sukkal-Fest .zu dem werden, was es nach dein Sinn seines göttlichen Stifters bedeuten soll, ein Fest der Arbeit. Wie leicht wäre es, dieses Fest wirklich lebendig zu machen. In der Sukkoh sollten sich heute Arbeitgeber und .Arbeitnehmer vereinen und ein wahres jüdisches. Fest der Arbeit feiern. Art schönsten wäre'es natürlich, wenn der Arbeitgeber selbst in seinem Hanse eine solche Hütte herrichten könnte. Wo dies nicht möglich ist, sollten mindestens einmal in den sieben Tagen Hütten, welche die Gemeinde errichtet, in den Synagogen, in den Waisenhäusern, in den Altersheimen uswv besucht werden von jüdischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, die zusammen das uralte jüdische Fest der Arbeit feiern. Dies zu organisieren, wäre eine schöne Aufgabe für die Handwerker- und Mittclstandsvereihe. ln der Hütte sollte man dann neben dem herkömmlichen Gebet von sachkundigen Kennern unseres Schrifttums das vorlesen lassen, was Bibel und Talmud über Arbeitsgci-st und Arbei t-srccht lehren, wovon unsere, heutigen-Arbeitgeber und -nchmer sehr oft nichts wissen, oder wovon sie nicht wissen, daß es jüdischer Geist ist. Wir alle aber, insbesondere f Wichtiger Hinweis I ae . | In den Tagen bis zum 25.' Septem- | ber legt der. Briefträger die Abon- I nementsquittung für den Monat I Oktober in Höhe von Mk, 1,35 . I zuzüglich Post-Bestellgebühr vor. | Nur pünktliche Einlösung sichert | den Weiterbezug der | „Jüdisch-liberalen Zeitung“. i

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