Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 75 (18.9.1934)
- Date
- 1934-09-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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14. Jahrgang Nummer, 75 3ttdifdi'IUieta(e 3eifnng Beilage 18. September 1934 Jom Kippur Von Lndwig Meidner Wenn an dem hohen, düstern, furchtbaren Tag der Mensch, gepackt an seines Wesens Wurzel,' im Sturm der Reue schwankt und zittert — dann schlägt die rechte Faust voll Orimm dorthin, wo aller Sünden. Qual und Ausgang ist, und bebend stammelts: Oschamnu, bogadnu, gosalnu, dibarnu daufi... Aus dem Kalender der“ indischen Künstler hilfe. Gebete bes Verfötjnungsfages Von Max Dienemann Aus den Bussgebeten Zahlreich sind Deines Volkes Anliegen und begrenzt seine Einsicht, sein Bedürfen und Begehren zahllos; ach, höre auf unser Flehen, noch ehe wir Dich rufen, Du großer,; mächtiger und erhabener Gott. Dahingeschwunden sind die Meister des Lebens, die wohlgeordnetes Gebet mit lauterem 1 Mund zu reihen verstanden, nackt sind wir zurückgeblieben, und groß ist das Unheil angewachseh, darum erreicht uns Hilfe nicht. Wir haben nicht die Stirn, von Dir zu. verlangen^ gefrevelt haben wir, abgefallen sind wir, und krumme Wege sind wir gegangen; nur Gnade können wir erbitten, Loblied Dir vortragend, wir, die wir im Hause Gottes stehen in der Nachtzeit. - Aus dem Neilagebet (Schlussgebet) Dix reichst den Sündern dig Hand, und Deine Rechte ist hingesteckt, die Reuigen aufzunehmen; Du lehrtest uns, Herr unser Gott, vor Dir all unsere Sünden zu bekennen, damit wir ablassen von dem Unrecht unserer Hände, dann nimmst Du uns an in vollkommener Bußie vor Dir. Du weißt, daß uns am Ende Wurm und Made bereitet ist, darum hast Du gemehrt unsere Vergebung. Was sind wir, was unser Leben, was unsere Liebe, was unsere Frömmigkeit, was unsere Hilfe, was unsere Kraft, was unsere Stärke? Und was könnten w‘r sagen vor Dir, Herr unser Gott und Gott unserer1 Väter? Wahrlich, alle Helden sind wie nichts vor . Dir, und die Männer berühmten Namens, als ob sie nie gewesen wären, die sich Weise dünken, als wären sie bar des Wissens, die sich verständig dünken, als hätten sie keine Vernunft, denn ihrer Taten Fülle ist Wüste und ihre Lebeiistage sind vergänglich vor Dir, und der Vorrang des Menschen vor dem Tier ist nichts, denn alles ist vergänglich. Woher kommt Aus höchster Feierlichkeit, die die Gemeinschaft der Betenden am Versöhnungstag umschließt, steigt am Vorabend des heiligsten Festes die altehrwürdige Melodie des Kol Nidre auf, deren Töne bald mild und weich, bald feierlich ernst und erschreckend das Ringen der Seele nach Versöhnung widerspiegeln. Kol Nidre — „alle Oelübde“ — ist die Eingangsformel des weihevollen Abends, der von diesen Worten in aramäischer Sprache seinen Namen erhalten hat. Ein großes Mysterium umschließt dieses Gebet, das an die Tiefen der Seele rührt und, in einer Zeit der Verfolgung und zwangsweisen Bekehrung der Juden entstanden, ein erschütterndes Zeugnis 'jüdischen Seelenleids und jüdischer Oottestreue ist. Es ist bekannt, daß diese Melodie über die jüdische Gemeinschaft hinaus ihren Weg gefunden hat, und zwar in der freien Bearbeitung von Max Bruch. Generalfeldmarschall von Moltke ließ sich das Kol Nidre wiederholt von dem Violinvirtuosen Joachim Vorspielen, und der Dichter Nikolaus Lenau wünschte, daß man die Melodie dieses „Schmerzensgebetes“ an. seinem Totenbett singe. Ein Freund des Dichters, Karl Beck, schildert in seineu Tagebüchern, wie Lenau diesen „über und über in Trauer gehüllten, lang austönenden Nachtgesang bußfertiger, zerknirschter, reuestammelnder Menschenkinder“ in seiner ungarischen Heimat kennengelernt hat. „Der Vorabend des Versöhnungstages war gekommen. Ich drückte mich in einen Winkel der Synagoge, um den Gläubigen kein Ärgernis zu geben. - Mächtige Wachskerzen flammten, das' Volk stand, gesenkten Hauptes, in weiten, schneeweißen Sterbegewändera. Da begann der Vorbeter sein tiefernstes, herzzerwühlendes Entsündigungslied, reich an Schrecken und Onade. Ich rang mit einer seltenen Rührung, schluchzte krampfhaft, Tränen schossen mir aus den Augen, ich stürzte wund und geläutert in die Nacht hinaus. In jener unvergeßlichen Stunde haftete kein einziger schwarzer Punkt an meiner Seele. Und wer hat diese Weise geschaffen? Die Leutchen wissen’s nicht. Das Lied ist von Großahnen auf Urenkel gekommen. Solche Schmerzensgesänge der Völker, dünkt mich, werden schwerlich von einem Einzelnen gedichtet, ich möchte sagen, die rätselhaften gehen, fertig und gerundet, in Hunderten zugleich auf. Jahre waren verstrichen, und ich hatte kaum einige Takte mehr dieses Liedes im Gedächtnis behalten, strengte mich auch fruchtlos an, mir das Gante zurückzurufen; aber als ich die alte- Welt verlassen und auf dem stürmischen Ozean stets näher, und näher der neuen freien Welt zuschwamm, das Kol Nidre? —. der Dichter bereiste im Jahre 1832 Nordamerika — als mein bisheriges Leben mir ein schwüles, wüstes Traumgebilde schien, als ich wieder einmal nach langer Frist beten und weinen konnte, da plötzlich ging das Kol Nidre über mein genesendes Herz. Seit damals ruht cs sicher gebettet auf den Saiten meiner Fiedel und ist mir zu Willen, wenn ich es rufe. Ach, ich wünschte wohl, daß es einst an meinem Totenbett von Freundesstimmen mir vorgesungen werde." Während bis vor kurzem über die Herkunft der Kol Nidre-Melodie große Unklarlicit herrschte, und manche, besonders im Anfangsmotiv Spuren von Zigeunennusik zu— finden glaubten, andere die Abstammung von byzantinischer Kirchenmusik für wahrscheinlich hielten, wieder andere, durch den Textsinn veranlaßt, an ihre Entstehung im Kreise der Maranen dachten, hat Prof. A. Z. I d e 1 s o h n , Dozent für jüdische Musik an dem Hebrew Union College in Cincinnati, nachgewiesen, daß die Melodie aus der Zeit zwischen M5U und 1550 stammt, und daß der. K o m pon i s t vermutlich in Mitteleuropa lebte und in der s ü d wes tde u t se h en Tradition erzogen wurde. Weder das im 11. Jahrhundert erschienene Machsor Vitry noch der um die Wende dcsl-l. Jahrhunderts lebende Mainzer Rabbi Maharil wissen von einer feststehenden Melodie zu berichten; sie geben vielmehr nur erste musikalische Anleitungen. Erst um das Jahr 1600 erfährt man durch - Mordechai Jaffe aus Prag, der -über mangelnde Übereinstimmung der fixierten Melodie mit dem damals üblichen Text Klage führt, von einer bestimmten Folge der musikalischen Motive. Idelsohn stützt seine Theorie durch die Tatsache, daß die' Rezitationsweisen des Kol Nidre bei sämtlichen Zweigen der orientalischen Juden keinerlei Ähnlichkeit mit der uns vertrauten Melodie haben! Das Kol Nidre geliört zur- Gruppe _ der sogenannten Missinai-Gcsä.nge. Das sind Weisen, die alle denselben Stil, die lose Form, die Vorherrschaft der Motive und die Anwendung der gleichen Motive bei verschiedenen Melodien besitzen. Dieselben Eigentümlichkeiten in-der Form und im motivischen Inhalt-zeigen auch die deutschen Minnelieder. Das Schlußmotiv des Kol Nidre, z. B:, (las auch in anderen Gebeten der drohen Feiertage verwendet wird, findet sich nach - Idelsohn häutig auch als Schlußmotiv im Minnesang, so daß der Musikgelehrte, auch durch eine Reiheanderer Gründe unterstüzt, die Quelle der Melodie des Kol Nidre nach Südwestdeutschland verlegen konnte. Sie dürfte wahrscheinlich im westlichen Rheinland entstanden sein. Der persönliche Gott / Von Lothar Lubasch Im neuesten Heft der .Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des ludentums setzt sich Rabbiner Dr. Lothar Lubasch mit dem Problem auseinander, in welcher Weise sich ein Gottesbegriff, , der dem religiösen Bedürfnis entspricht, aus der weltanschau--. liehen Bewegung der Gegenwart heraus begründen läßt. Aus dem in vieler Hinsicht den denkenden Laien anregenden Aufsatz veröffentlichen wir hier die Schlußfolgerungen. Wir sehen uns |n einer Welt befangen, "die in steter Entwicklung begriffen ist, eine ewige Lebendigkeit ist ihr Kennzeichen; Nun ist dieses Werden kein planloses und willkürliches, sondern es,wird durch Folgerichtigkeit, Zusammenhänge und Notwendigkeit beherrscht. Die. mechanistische Theorie behauptet, daß unpersönliche Naturgesetze den Gang der Welt bestimmen, und daß in ihnen allein der Weltlauf seine zureichende Begründung erfährt. Selbst dann, wenn wir diese der Religion widersprechende Behauptung zugeben' _ wollten, läßt sich eine Tatsache auf diese Weise nicht err klären, die Existenz der moralischen. Weltordnung. Diese besagt, daß dem Menschen eine besondere Stellung im Zusammenhang der Dinge zugedacht ist. Der Mensch wird nicht' nur von mechanischer Kausalität beherrscht, er ist niefit nur Gegenstand und Objekt wie der Stein, den die Schwerkraft nach einer Richtung hin bewegt, sondern zu seiner Bestimmung gehört die persönliche Entscheidung, er hat Anteil an der sittlichen Weitordnung. Ist nun eine moralische Weltordnung denkbar, die von einer abstrakten, unpersönlichen Macht dem Ich des Menschen seinen Antrieb verleiht? Ein blinder Mechanismus wird niemals diese Bedingung zu er-' füllen vermögen. Prinzipien und Gesetze werden nie den Menschen zur Höhe seiner Bestimmung führen können. Der objektive Befund einer moralischen 'Macht im Leben, die immer wieder unser Sein durchbricht, erfordert unweigerlich den persönlichen Gesetzgeber. Die Idee der Allmacht, die zum Gottesbegriff gehört, verlangt in ihrerhöchsten Form ebenfalls den persönlichen Gott. Der Mensch selbst ist das beste Beispiel für die Beherrschung der Natur ohne mechanischen Zwang. Durch persönliche Willenskraft vermögen wir den kausal bestimmten Gang unseres Körpers einem von uns selbst gesetzten Ziel unterzuordnen. Innerhalb gewisser Grenzen leiten wir durch unsere Persönlichkeit die Kräfte des Körpers. Wir durchbrechen nie ihren mechanisdhen Zusammenhang, aber Wir ordnen ihn einer anderen höheren Gesetzmäßigkeit unter. Die Herrschaft über fremde Menschen erfolgt nicht durch kausal mechanisches Eingreifen, sondern durch dieeigentümliche Macht der Persönlichkeit. Jede menschliche Führernatur, zu der wir aufblicken, wirkt auf uns durch die persönliche Eigenart ihres Wesens. Auch die pathologischen Erscheinungen wie Hypnose, Suggestion usw. enthüllen die übermechaniscben Kräfte des Menschen, die nur in der Persönlichkeit ihren zureichenden Grund haben. Obertragen wir unsere Resultate auf Gott, so dürfen wir sagen, daß das Prinzip einer höchsten Macht, die nicht nur die äußere Beherrschung der Welt verkörpert, sondern die vor allem die innere Macht über alles Sein mit Einschluß des menschlich Individuellen besitzt, nur in der Form der Persönlichkeit denkbar ist. Betrachten wir den Begriff derGeistigkeit, den wir Gott zuerkennen, so tritt uns das Oeistige, das die höchste Form des Seins verkörpert, nur als persönlicher Geist gegenüber. Wie geartet er auch immer sein mag, ob es sich Um! ein logisches, ethisches oder ästhetisches Prinzip handelt^ immer ist die Persönlichkeit sein Charakteristikum. Vielleicht läßt sich das logische Moment des geistigen Lebens am ehesten als unpersönliches Prinzip denken. Aber dieses Logische ist nur eine Abstraktion, kein lebendiges Prinzip. Das Geistige ist mehr als Logik, es ist Leben und zielsetzender Wille. Geistigkeit läßt sich daher -nicht vom Moment des Persö»- lichen loslösen, es findet in ihm seine höchste Vollendung und Realisierung. Die Beziehung zwischen Gott und Welt erhält durch den Begriff der Persönlichkeit ihre Aufhellung. Betrachten wir das Verhältnis von Ursache und Wirkung, mit dem wir die Welt zu erklären suchen, so ergibt sich, daß die Wirkung, nicht eindeutig aus dec Ursache zu erschließen ist. Um zu einem zwingenden Kausalschluß zu gelangen, ist die Erfahrung notwendig, d. h. die regelmäßige Beobachtung, daß einer bestimmten Ursache immer eine bestimmte Wirkung entspricht.' Die Kausalbeziehung allein aber reicht nicht aus, sobald es sich um das Werk der menschlichen Persönlichkeit 'handelt. Schon das handwerkliche Erzeugnis weist, abgesehen von der. Beziehung „Ursache—Wirkung“, die in ihm liegt, auf das persönlich geistige Moment hin, dem es seine Entstehung verdankt. Wir wissen bei Betrachtung eines Gegenstandes sofort, daß er seine Entstehung dem Schaffen einer Persönlichkeit verdankt. Diese Gewißheit wird um so stärker, je individueller der Gegenstand ist, um den es sich handelt Das Werk des Künstlers offenbart uns sofort die überkausale, persönliche Art, der es seine Gestaltung verdankt. Auch die Welt, und was sie erfüllt, wird daher nicht allein durch einen Kausalschluß erklärt. Überall drängt sich uns die Wahrnehmung auf, daß sie ein persönlicher Geist geschaffen hat, für den die menschliche Persönlichkeit nur eine schwache ' Analogie ist (Scheler). Wir dürfen nunmehr zum Ausgangspunkt unserer Betrachtung zurückkehren. Wir sahen den der Religion eigentümlichen Gegensatz zwischen dem Verlangen nach Gotteenähe, nach Erfassung des Göttlichen im Gebet und Erlebnis und dem polar entgegengesetzten Erleben der Gotfesferrw, des Andersartigen und Unvergleichbaren, dessen, das alles menschliche Erfahren und Denken transzendiert. Gott lst~däs Unbegreifliche, das schlechthin Irrationale, und von diesem Mysterium ist sein Wesen umfangen. Die unbegrenzte und unvergleichliche Verehrung, die wir Gott entgegenbringen, liegt in diesem- Geheimnis beschlossen, das uns vor den Nivellierung des Göttlichen an die Kreatur bewahrt. Wir halten aber ebenso daran fest, daß Gott sich in dieser Welt offenbart, in der Natur, im logischen Sein, in allem-Rationalen, das das Leben erfüllt. Oott umfaßt alle rationalen wie irrationalen Komponenten dieses Seins und' transzendier.!' zugleich unendlich’ diese Welt. Er'ist zugleich m allem Sein und überallem Sein, er ist erfaßbar und nicht erfaßbar, er ist persönlich und überpersönlich, er ist in allen Gegensätzen und über ihnen. Wir gelangen zu xlem paradoxen _ Resultat, daß wir Gottes Unerkennbarkeit erkennen. Der Begriff der Persönlichkeit, den wir dem Ewigen zuschreiben, ist ein vages Ahnen des Höchsten und Letzten, das alles Sein und alle Werte in sich vereinigt. Gptt ist für uns letztes und unergründliches Geheimnis. Aber auchhier bietet die menschliche Persönlichkeit eine wertvolle Analogie, auch sie ist uns'ja letztes und unauflösliches Geheimnis. Alle Versuche, mein Ich oder das des anderen rational zu erfassen, scheitern letztlich an dem undurchdringlichen Mysle-' riuni der Persönlichkeit. In ihrem Wesen liegt ihre Unerkennbarkeit beschlossen. Die Verehrung, dic-wir einem Menschen entgegenbringen, ruht auf diesem letzten Unfaßbaren, Irr ' analogem-Sinne übertragen wir diesen Gedanken'auf Oott. Jegliche Andacht und Verehrung, die wir dem höchsten Wesen' . zollen, verlangt diesen unauflösbaren Rest, der sich der zudringlichen Ratio entzieht., Die innere Gewißheit des frommen Beters, der sich im Gebet an den persönlichen, weltüberlegenen Gott wendet, wird durch eine rationale Überlegung nicht zerstört, sie findet im Gegenteil ihre Bestätigung durch die Analogie. Beide Momente, daS' der Gottesfeme wie das der Gottesnähe vereinigen sich im Begriff der Persönlichkeit Gottes. Dasjenige, was in der menschlichen Seele als ihr tiefster Sinn wächst und erblüht, findet der religiöse Mensch unendlich gesteigert und vollkommen in dem Ocheimnis der Persönlichkeit Gottes wieder, dem sein Ich sich im Gebet und frommen Erlehen erschließt. Johannes THOM, Hilensee, Eisenzahnstr. 45 Auto-Reparatur-Werfcstatt H f wjl'mtMdort 79681