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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-10-19 · 84-85 (19.10.1934) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
84-85 (19.10.1934)
Date
1934-10-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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14. Jahrgang Nummer 84/85 I. Beilage 19. Oktober 1934 Stammbaum SQort St. S. Simon Was früher eine Liebhaberei war, ist heute vielleicht Notwendigkeit. Was gestern von manchen als Spiet angesehen worden ist, ist heute Ernst geworden. Was für Arier Pflicht ist, kann für uns Verpflichtung werden. Und so bedeutet für uns Juden die Beschäftigung mit dem Stammbaum zugleich Rückkehr und Einkehr zur Familie, zur Sippe, zum Stämme. Es ist nicht nur Familieninteresse, nicht nur die Sucht und der Ehrgeiz, klangvolle Namen aus der Vergangenheit wiederzuerwecken und uns 'mit ihnen zu schmücken. Sondern der Stammbaum ist zugleich ein Abriß unserer Geschichte. Das Sich-Vertiefen in die Zeiten der Eltern und Urelternist letzten Endes eine ethische Pflicht, kurz ein Gebot der Dankbarkeit und der Pietät. — Wir haben unter den Juden Stammbäume, die bis tief ins Mittelalter hineinreichen. Da gibt es Familien, die den schwarzen Tod, die Judenverbrennungen überdauert haben, die Plünderungen, Vernichtungen der Ghettos, Ausweisungen und Verfolgungen überstanden haben. Da kann man dann wieder an der stattlichen Zahl der "Geburten sehen, wie die Tage wieder besser wurden, der Wohlstand sich mählich hob, da sind dann 10 und 14 Kinder keine Seltenheit ... Dann kommt die Zeit der werdenden Kultur ünd mit ihr die der Oberkultur; die Kihderzahl nimmt rapide ab, die Seitenstämme sterben mit der verminderten Zahl der Eheschließungen ab, und mir Einzelne retten sich in dünnem Ström hinüber zur Gegenwart aus dem blühenden, einst fruchtbaren Stamme. . Veranlagungen vererben sich von Geschlecht zu Geschlecht, überspringen einmal die Generation, vielleicht um in der nächstfolgenden desto stärker in Erscheinung zu treten. Tugenden aber auch Fehler. Dort ist es die musikalische Begabung, die sich in. drei und vier Generationen nachwcisen läßt, hier ist es die mathematische, da die künstlerische. — Aber auch physiologische Eigenschaften sind es, die in der Art erhalten bleiben. Vor mir liegt ein Stammbaum, in der Links händi g k e i t durch mehrere Generationen vererbt ist, dort kommen im Wechsel der Generationen, besonders betont, Zwillinge zur Welt. Die einen werden noch an der Wurzel ihrer alten Namen den sephardischen Ursprung erkennen, die andern, daß sie von Askenasys abstammen. Zu verschiedenen Epochen der Geschichte sind Juden von Osten und Westen in Deutschland eingewandert, wieder ausgewandert und wiedeveingewandert. Deswegen auch haben sie so vielfach Lebensanschauimgen, Gewohnheiten und äußeren Habitus von dem Lande angenommen', wo sie früher weilten, haben in ihrem Sprachschatz noch Worte verwahrt, die aus dem Mittelhochdeutschen herrühren, die die Umgangssprache der Deutschen längst, nicht mehr kennt. Immer wenn ich mich mit Familienforschung beschäftige, mitten, wenn ich in den alten Totenbüchem suche, niuß ich an den jovialen Sohn, des großen Pragacr Raw, an Isaya Muszkat denken; er war gleich seinem Vater ein frommer Rabbi, geehrt und geachtet in der ganzen Gemeinde, gutmütig, schlagfertig von unerschütterlichem 'Humor. Streng hielt er auf „gute Familie“. Psch! pflegte er zu sagen; „der Chaim ist aus einer Familie, Psch!“ Das Psch war '.las Zeichen der größten Hochachtung. Hatte Isaya Muszkat Psch! gesagt, dann durfte bedenkenlos geheiratet werden. Einmal, er war’nun schon ein'älterer Mann, seine Augen glänzten noch immer listig und launig, um den Mund spielte das leicht sarkastische Lächeln, nur die vielfach gefurchte Stirne zeigte das beginnende Alter, die Enkelkinder fingen bereits an, flügge zu werden, tricben’s ein wenig toll, lagen ihm mit diesem und jenem in den Ohren, da wurde es ihm schließlich ein wenig zu viel, und kurz und bündig sagte er: „Kinderchen, macht, was Ihr wollt, aber nur um eines bitte ich Euch bei Gott, verderbt mir meinen Psch nicht!“ Das war der kürzeste, wenn auch vielleicht etwas drastische Ausdruck seiner Ethik. Und so Unrecht hatte er nicht! Augenschein nicht nur von den ausgezeichneten "Einrichtungen des Krankenhauses, sondern von d.'m. Werte der sozialen Krankcnhausfürsofge überzeugte, die in besonderer Weise die Worte bewahrheiten: „Gesunder Geist im gesunden Körper“. So bedeutet die soziale Krankenhausfürsorge einen wichtigen Pfeiler jüdischer Fainilienpflegc. l>r. O. ft. Schicksale in einer Spredhstunde Gesunder Geist im gesunden Körper Im Judentum war es stets oberstes Gesetz, die Pflege des- Familienlebens, die innige. Gestaltung der Beziehungen innerhalb der Familie, die sorgfältige Erziehungder Kinder unter selbstloser Hintansetzung eigener Wünsche zu fördern. Da die Gesundheit eines 'der köstlichsten Güter der Menschen ist, haben die Juden stets versucht, durch Gesetze und zweckdienliche Maßnahmen die Gesundheit zu schützen. Es ist ein Verdienst der Leitung des Jüdischen Krankenhauses in Berlin, daß es einen besonderen sozialen Fürsorgedienst eingerichtet hat. Die soziale Krankenhausfürsorge erstreckt sich nicht nur auf fürsorgerischen Zuspruch, sondern auch vor allem auf die persönlichen sozialen und wirtschaftlichen Umstände des Kranken. Die Leitung der sozialen Krankenhausfürsorge liegt in den Händen einer warmfühlenden, geschulten und erfahrenen Fürsorgerin. Um die. Vielgestaltigkeit der Tätigkeit der Krankenhausfürsorgerin zu beleuchten, seien nur einige wenige Beispiele aus einer Sprechstunde berichtet. * Herr E. ist zu einer Besprechung vorgeladcn worden. Seine Frau hat vor 14 Tagen in der Frauenabteilung des Krankenhauses entbunden. Herr E. ist erst kürzlich nacli Berlin gekommen und war noch nicht in der Lage, sich eine eigene Wohnung einzurichten, er hat' ein-möbliertes Zimmer, hofft aber, daß seine Tätigkeit sich bald so.gestalten wird, daß es ihm möglich sein wird, mit seiner Frau und dem Kinde eine Famibengemeinschaftim eigenen Heim zu begründen. Er bittet die Fürsorgerin um Rat und Beistand. Die Fürsorgerin kann ihm zu seiner Freude berichten, daß Frau und Kind am nächsten Tag für mehrere Wochen in ein Erholungsheim kommen, wo die Mutter Gelegenheit hat, das Kind zu stillen und in der frischen Luft ihre Kräfte wieder völlig herzustellen, so daß sie nach Ablauf der Zeit die Führung des Haushalts übernehmen kann.. Durch Rücksprache mit einer Wohlfahrtsstelle hat die Fürsorgerin es erreicht, daß die Familie Möbel kostenlos überlassen bekommt, die für die Einrichtung einer kleinen Wohnung notwendig sind, die Herr E. in einem billigen Vorort Berlins gefunden hat. Er hat seiner Frau soeben, bei dem Besuch im Krankenhausc von der glücklichen Wendung der Dinge berichtet. Bisher war sie von der Sorge bedrückt gewesen, daß sie unler Fremden in irgend einem möblierten Zimmer mit Mann und Kind hausen müsse, nicht in der Lage, aus eigener Kraft den Haushalt und das Heim zu gestalten. Mit. warmem Dank verläßt Herr E. die Beratungsstelle. r * In besonderem Maße erstreckt sich die Fürsorge auf die Pflege des jüdischen Kindes, insbesondere in den oft, schwierigen Entwicklungsjahren, in der Zeit nach dem Abgang von der Schule und vor Erlernung eines Berufs. Die'nächste Besucherin, Frau P„ erscheint mit ihrer 16jährigen Tochter Ruth. .Die' Tochter hat beinahe drei Monate im Krankenhaus gelegen. Sie wollte im Winter eine hauswirtschaftliche Ausbildungsschuli besuchen. Die Mutter fürchtet aber, daß die Kräfte des jungen Mädchens eine solche Lehrzeit noch nicht gestatten, zumal sie selbst durch ein Leiden nicht in der Lage ist, den Haushalt, dem noch ein jüngerer Knabe*, angehort, allein ohne Hilfe der Tochter zu führen. Ihr Ehemann ist als Vertreter viel von Berlin abwesend. Das Einkommen der Familie ist kärglich, so dal) es keine besondere Pflege der erholungsbedürftigen Tochter gestattet. Die Fürsorgerin ist in der Lage, der liocherfreufen Frau und Mutter mitzuteilen, daß Ruth schon am nächsten Tage unentgeltlich in einer Erholungsstätte in der Nähe von Berlin aufgenommen werden kann, in der sie ein paar Wochen bleiben darf. Nach der Rückkehr wird das Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinde der Familie regelmäßig Gutscheine zur Verfügung stellen, die eine bessere Ernährung der Tochter während der ersten Monate der Ausbildung ermöglichen. Frau P. selbst erhält einen Überweisungsschein an einen Spezialisten „für Gelenklciden. Frau P. betont in ihren Dankesworten, wie glücklich sie sei, daß durch diese Fiirsorgcmaßnahmen die Tochter der Familie erhalten bliebe. Sie sei sonst vielleicht genötigt gewesen, sich von dem Kind zu trennen und es zu Verwandten ins Ausland zu geben. * Bevor der nächste Ratsuchende eintritt, weist die Fürsorgerin, Fräulein O., darauf hin, daß man bestrebt sei, vor allein kinderreiche Familien zu entlasten. Frau W., die Frau eines seit drei Monaten schwer leidenden Ingenieurs, der sich jetzt auf dem Wege der Besserung befindet, berichtet der Fürsorgerin, daß dank ihrer Beratung sich ihre wirtschaftliche Lage wesentlich gebessert habe. Die beiden jüngsten Kinder sind in einem Kindergarten aufgenommen', die drei älteren schulpflichtigen Kinder gehen nachmittags in einen Hort, sie sind außerdem einer Wandergruppe angeschlossen und während der Herbstferien bei einer Familie im Harz untergebracht. Frau W. meint; „Nun kann ich der Rückkehr meines Mannes aus dem Krankenhausc etwas beruhigter entgegensehen..“ So sehr er an den'Kindem hängt, so haben ihn doch bei seinem leidenden Zustand Lärm und Unruhe der fünf Kinder in unserer beschränkten 2-Zimmer-Wohnung oft gestört. Durch die stundenweise Unterbringung der Kinder wird sich für ihn der Lärm nicht mehr so fühlbar machen.“ Die Fürsorgerin kann zu ihrer weiteren Freude die Mitteilung machen, daß die Firma, bei der der Ingenieur angcstellt ist, entgegenkommenderweise Herrn W. noch eine verkürzte Arbeitszeit bewilligt hat. Auch hier wird das jüdische Wohlfahrtsamt ergänzend cingrcifen. - Außerdem wird eine ständige gesundheitliche Überwachung des Mannes erfolgen. * Die Fürsorge erstreckt sich über das Krankenhaus Jiinaus auch auf die erste Zeit nach der Entlassung der Patienten. Besonders bei weiblichen Kranken wird für die ersten Wochen eine Haushalthilfe durch die jüdische Hauspflegc vermittelt. Nicht unwesentlich ist auch, daß die Krankenhausfürsorge den schwierigen Schriftwechsel mit Krankenkassen, Arbeitgebern u. a. erledigt, Es wäre zu wünschen, daß jeder Jude sich einmal durch Die Preisrichter des Jüdischen Kulturbunds Rhein-Ruhr sichten Stücke 5& CUitown suchen eine (faüfine Vor--riiiigen Monaten hatte der Jüdische Kulturbund Rhein-Kahr ein Preisnusschreib n für das beste indische Stück erlassen, das sieh zur Auf f lihrung . eignet. Wir haben jetzt, einige Wochen nach Ablauf des Einsendungsierntins, den Dramaturgen des Jüdischen Kallurbünds Rhein-Ruhe, (ierit, Walter- Rosenbaitm, gebeten, uns die Erfahrungen der Preisrichter zu schildern_ Noch gibt cs keine 'dramatische jüdische Literatur (von wenigen Ein/clfällcu abgesehen), die den Spiclplaufordorimgen der jüdischen Kulturbünde gerecht wcrdcnTianii. Gewiß besteht die Möglichkeit, ältere früher erfolgreiche Dramen für die Kulturbünde licrausziisuchcn mul gegebenenfalls zu bearbeiten. Doch so reizvoll diese Tätigkeit auch fiir einen Dramaturgen sein mag, sic ist bestimmt keine Lösung des Rcpertoircprohlcms. Jede" Neubearbeitung eines älteren Stückes ist eine Notlösung, der letzte Patinarcst ist nie zu beseitigen, die unmittelbare Wirksamkeit bleibt stets fraglich." Außerdem ist die Zahl der Stücke, die. sich zur Wiederaufnahme eignen, sehr begrenzt. Nnr das dramatische N e li s c h a f f c n kann auf die I lauer von den Spielplausorgeu befreien. So entschloß sich der Jüdische Kulturbund Rhein- Ruhr, durch ein Preisausschreiben das dramatische Schaffen zu fördern- Die Aussicht, noch in diesem Theaterwinter aufgeführt zu werden, ist ein Anreiz fiir jeden Autor. Deshalb übernahm der Kulturbund, die Verpflichtung, da» beste cingesandtc Werk, das die Bedingungen des Preisausschreiben» voll erfüllt, zur Uraufführung zu bringen. ,; ■ Wenige Tage nach Veröffentlichung unsere» Preisausschreibens in der gesamten jüdischen Presse gingen bereit» die .ersten Einsendungen-ein. Am Tage des- Einsendungs- Schlusses zählten wir 50 Trauerspiele, Schauspiele mul Lustspiele. Weit über Hälfte der cingcrcichtcn Arbeiten behandelt jüdische Stoffe.' Amhäufigsten, wurden biblische.Vorwürfe gewühlt, dann folgen Milieustücke, moderne Problcmsfiickc, Schauspiele um Persönlichkeiten ■ des jüdischen Lehens und zuletzt erst Dramen, die die Ereignisse der jüdischen Geschichte .verarbeiten. Seit dem 17. August machen die Einsendungen — nach ihren Eingangsnumnierii in Gruppen geteilt — ilircil Weg durch die Hände der sieben Preisrichter. Jeder Preisrichter verfertigt iilier jedes Stück ein ausführliches Gutachten, das in verschlossenem Umschlag dem Kulturbund zugcstellt wird. Diese Kritiken werden die Unterlagen der entscheidenden Sitzung des gesamten Kollegiums bilden. Nun lesen wir also Gereimtes und Ungereimtes, Ernstes und Heiteres, Jüdisches und Allgcmcingültigcs, bemüht ein gerechtes Urteil zu fällen, um so der jungen' jüdischer» Dramatik und unserem Theater zu dienen. - über das bisherige Ergebnis der Lektüre kann selbstverständlich nichts mitgctcilt werden. Jede Äußerung ist untersagt, damit die Preisrichter unbeeinflußt, nur auf ihr eigenes Urteil und ihre Liehe*zur Sache gestützt, ihr Gutachten abgeben können. - 50. Einsendungen zmn ersten Preisausschreiben nach dem besten, bühnenreifen — vornehmlich jüdischen — Stück eines jüdischen Autors bedeutet eine große Hoffnung, selbst für den Fall, daß keine eingcrcichte Arbeit den Bedingungen des Preisausschreibens voll gerechnet werden sollte, und als bühnenreif bezeichnet werden darf. Die Preise könnten dann nicht zur Verteilung gelangen. Doch es kann mit Sicherheit angenommen werden, daß sich unter den 50 Stücken Dramen finden werden, die so viel Begabung verraten, daß cs ihren Autoren' gelingen muß, — in enger Verbindung mit dem lebendigen Theaterbetrieb — ihre Stücke zu hearbeiten oder . neue Werke zu schreiben, die mit Recht in den Spiclplau der Kultiirbimdbüline aufgcnomnien werden können. Gerh. Wnlfer-Rosenhaum. Der Bettler und die Götterstatue Rabbi Josua beu Lcwi, ein bedeutender palästinensischer Haggadaist, der in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts n. lebte und bekannt ist wegen seiner Schilderung der iMiterwelt, die wohl die älteste Divina Commedia ist, weilte einmal in Rom. Hier gewahrte er mit Staunen den grellen Kontrast zwischen dem äußeren Glanz der Stadt und der Not der unteren Volksschichten. Da sah - er eine mit Decken zum Schutz vor der Witterung sorgfältig verhüllte Götterstatue, neben der ein mit zerfetzten Lumpen aufs dürftigste gekleideter Bettler kauerte. Es ist doch seltsam, dachte er, daß die Römer ihre Götter beschützen und ihre Nebenmenschenverkümmern lassen, während die Juden in Gott ihren Schutz suchen und ihren Nebenmehschen Liebe erweisen.- in diesem Gedanken rief er mit dem Psalmisten. aus: „Deine Gnadeitgaben-sind wie. Bergeshöhen,' deine streifgen Gerichte wie Abgrundtiefen.“

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