Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-09-07 · 72-73 (7.9.1934) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
72-73 (7.9.1934)
Date
1934-09-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2613366-2613519-2613587--5170-2616944
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

kündigen waren. Bei seiner Ankunft empfing den Zeugen ein festliches Mahl als Belohnung für ihn selbst, sowie als Ansporn für andere. Stimmten astronomische Berechnung und Zeugenaussagen miteinander überein, so wurde der Neumond geheiligt. Für diese Zeugenaussagen gab es ganz genau bestimmte. Vorschriften.' Wurden die Aussagen nicht übereinstimmend befunden, so wurden die Zeugen nichtanerkannt. Anfangs hatte man, nachdem der Gerichtshof die Neumondsweihe begangen hatte, Feuer auf den Bergen angezündet, damit auch die entfernt Wohnenden es erfuhren. Als aber auch die Heiden Feuersäulen aufsteigen ließen, um das Volk irrezuführen,' wurden Boten ausgeschickt, die der Bevölkerung die Neumondhciligung berichteten. Die Gegenden, die von den Boten vor dem Neumond nicht mehr erreicht werden konnten, mußten nunmehr zweifelshalber zwei Tage feiern.' Diesen zweiten Feiertag nannte man den „Feiertag der Zerstreuten“. Die Institution der Bekanntgabe der Monate durch Boten gestaltete sich indessen immer schwieriger. Einen Ausweg aus dieser Kamalität bot der konstante Kalender, der es künftig jedem ermöglichte, auch ohne astronomische und halachische Kenntnisse die Neumonde jederzeit zu bestimmen. Der Mann, der dieses Werk verfaßte, war der Patriarch Hillel II (330-305). Dieser bedeutsame Schritt erfolgte'im Jahre 4105 der jüdischen Weltära, d. i. der 1. Tischri Montag, den 24. September 344 der gewöhnlichen Zeitrechnung. u. a. Mahnung Von Rabbinats-Kandidat Rudolf Brasch Oie heiligsten Tage des jüdischen Jahres nahen: der Tag des Oerichtes und der »Tag der Versöhnung. Eines aber ist das an ahnen am tiefsteu und inahnendstcn in all ihren Gedanken und Gebeten uns vergegenwärtigt und zur Aufgabe gemacht wird: Vergegenwärtigt: die Einheit und Geschlossenheit unserer Gemeinschaft — und so zur 'Aufgabe gemacht: die Einigkeit. Versöhnung wollen wir finden mit Gott. Aber mit Gott versöhnt sein kann nur der, der mit deir Menschen versöhnt ist. Ein Fluch fast ist dieses jüdische Schicksal des Getrenntseins. " Gewiß ist es kein Charakteristikum unserer Gemeinschaft — es n i e gewesen. Waren doch gerade wir es, die immer wieder über dem Trennenden das Einende, das Gemeinsame sahen, nicht nur in der Lehre, sondern auch im Leben. Aber gerade darum müssen wir dieses unserem Wesen Widersprechende überwinden. So sei es mit Bewußtsein hervorgehoben, aber nicht vergessend, daß dies nur Schatten ist neben vielem Licht. Vor 3000 J ah r c n : Salomon stirbt: Der jüdische Staat zerfällt in Israel und Judäa und diese beiden Bruderreiche: sic bekämpfen sich, sie töten sich, sie schmähen sich! Vor 2500 Jahren: Jeremias — von seinen Volksgenossen verkannt und verbannt — und als er ihnen die Wahrheit furchtlos ins Angesicht sagt, da wirft , man ihn in eine Schlammgrube, und er versinkt —, und er wäre dort umgekommen, hätte ihn nicht einer gerettet — und dieser Eine selbst war ein Äthiopier. Vor 500 Jahren: Als die Juden aus Spanien vertrieben werden, da wenden sich die von der Insel Mallorca nach Nordafrika, nach Marokko und bitten ihre Brüder uin Hilfe. Aber diese wollen sie nicht kennen, wollen ihnen nicht helfen, sie nicht aufnehmen. Und erst als der mohammedanische Bürgermeister sich für sie einsetzt, wird ihnen geholfen. Vor 200 Jahren: In Frankreich" sollen Sonderbestimmungen für die Juden erlassen werden. Da wenden sich die südfranzösischen Juden, die von Bordeaux, von Bayonne und Avignon, an die Regierung. Sie wären die edlen und anständigen Juden, sie kämen her vom Stamme Juda, dem die Könige entsprossen. Für sie würden doch diese Gesetze nicht gelten?!? Aber für diese anderen, die nur vom Stamme Benjamin herkämen, für.diese könnten ruhig Ausnahmegesetze erlassen werden!* . . So war es vor zwei Jahrtausenden, so war es vor zwei Jahrhunderten, so war es gestern — — und heute? — — heute, da wir es doch gelernt haben müßten, zusammenzuhalten, soll da wieder von neuem dieser Fluch beginnen?! Man betont ja mehr das dann, was man nicht ist, als das, was man ist, was wir alle sind, und wenn wir es auch nicht sein möchten, und wenn wir es auch nicht hören wollen: Jude — einfacher und bescheidener, aber wahrer und aufrichtiger — Jude! Haben wir denn noch immer nicht begriffen, worum es geht?! Dieser ewige Kampf und dieser endlose Streit! Wie sich dieses eine Volk in zwei Reiche spaltete, wie erst ein Äthiopier kommen mußte, um Jeremia zu retten, wie ein mohammedanischer Bürgermeister erst die Juden ermahnen mußte, Juden zu helfen! Und das sind nur wenige Beispiele von vielem Ernsten und Traurigen unserer Geschichte — von jenem Widerstreit, jenen Gegensätzen von. Prophet und Priester Pharisäer und Sadduzäer Rabbaniten und Karaiten Messiasgläubigen und Messiasleugnern Philosophen und Mystikern Und doch wurden diese Gegensätze immer wieder überb rückt. Indem man sie vom Politischen hinweg zu einer bloßen gedanklichen Auseinandersetzung werden ließ, wurden sie sogar zu einem befruchtenden Element in der Geschichte Israels! Esähu mechubod-ham’cliabbed es habbrijaus! Wer allein ist geehrt, so fragte Ben Soma, jener Weise der Mischna. Wer allein ist gerecht? Der auch Andere ehrt, Menschen die anders denken und fühlen als er. Denn wer Überzeugung hegt, der achtet auch Überzeugung! Auch zu uns spricht noch die Parabel von dem Eisen und dem Golde. Wie das Eisen unter den Hammerschlägen des Schmiedes ächzt und stöhnt, da fragt das Gold: warum stöhnst du? Siehe, mich schlägt doch audh der Hammer des Schmiedes und ich ächze nicht! Wie aber das Eisen antwortet: Du hast ja auch keinen Grund: Dich schlägt ja ein ' Fremder — Eisen schlägt Gold — Mich aber schlägt mein eigener Bruder: Eisen schlägt Eisen; darum ächze und stöhne ich! Wieviel weiter hätten wir Juden cs schon in der Geschichte gebracht, wenn wir die Energie, die wir in der gegenseitigen Polemik verbrauchten, nein — mißbrauchten, gebraucht hätten für unser Judentum. Sind doch auch Geschwister oft verschieden in ihrem Wesen und Denken und doch nicht geschieden, iin Gegenteil, sich helfend und ergänzend! Eisen schlägt Eisen! Weil mein Bruder mich schlägt, darum ächze und stöhne ich, und darum ruft uns diese Zeit des Nahens der ehrfurchtgebietenden Tage zu: Seid einig! Noch einmal sei es betont: es sollte nur gesprochen werden von den Ausnahmen, um deutlich und dringend uns Juden von heute zu warnen und zu ermahnen: seid einig! Geschwiegen aber wurde von dem, was wir erfuhren durch die Jahrtausende: von dem Sich-Finden und dem Sieh-Helfen. Vor Jahrtausenden gesprochen, gilt es auch heute noch: Kol Jisroel. Ganz Israel! Nochmals: Religiöses Ur-Ererlebnis Der in A’r. 65 der „HZ.“ veröffentlichte Aufsatz . „Re hgi ö s e sU r-i'. r l c b n i s“ r an Herbert Connor hat in unserem Leserkreis lebhaftes Interesse hervor getufen. Airs der Reihe der Zuschriften gebar wir gern den folgenden Raum. Durch diesen Aufsatz wird man zu verschiedenen Gedanken angeregt. Erstens: nie zu vergessen, daß der Kern aller wirklichen Religion eine Ethik ist, die in alien Kaltformen und Zeremonien des betreffenden Glaubens mehr oder weniger versteckt schlummert. . Von diesem Gedanken ausgehend,. müssen wir uns immer wieder -erinnern, daß das Judentum eine für die Zeit seiner Entstellung unerreicht hohe Ethik hatte; daß es, selbst wenn diese Ethik sich als ein von anderen Völkern übernommenes Gut erweisen würde, Israel durch dessen Bewahrung- und Überlieferung sich ein unglaublich hohes Verdienst um die Entwicklung der Kulturmenschheit erworben hat. Mail denke nur an die Sa b b a t-1 dee. Nicht etwa nur an die religiöse Heiligung eines allwöchentlichen Ruhetages. Mandarf dabei nicht vergessen, daß gerade die abendländische Kulturwelt diesen im alten Lande und Volke Israel schon bestehenden Grundsatz der Arbeitsruhe zum Staatsgesetz gemacht hat.- Der Orient kennt eine solche Gesetzesbestimmung für Diener, Sklaven usw. eigentlich noch nicht. Wenn-man in Erwägung zieht, daß in Israel schon t vor zwei Jahrtausenden die staatsgesetzliche Sabbatruhe eine Tatsache war, muß mau zu dem Schluß kommen, daß es von abendländischen Eigenschaften zum mindesten die Tatkraft besaß. Nun sind sicher für jede Religion K u 11 f o r m e n notwendig; sie wäre sonst kein Band, das gleichgesinnte Menschen bindet. Aber ebenso fest stellt die Notwendigkeit, daß sich die Formen sehr häufig im Laufe der Zeit ändern1 müssen'. Ein weiterer Hauptgedanke des Judentums ist der Rational is nius.' Er ist nichtzu verwechseln mit dem Materialismus, und er bedeutet auch keineswegs eine Verwerfung des .Irrationalen, des menschlicher Vernunft nicht Erkennbaren, sondern eine Bekämpfung des Antirationalen, des aller Vernunft Widersprechenden. An diesem Gedanken des Rationalismus hat man sich auch in religiö's-liberalen Kreisen in den letzten Jahrzehnten arg versündigt. . Beispielsweise hat man oft einen Hermann Cohen gewissermaßen entschuldigt (um nicht zu sagen angeklagt), daß er eine Schrift „Die Religion der Vernunft“ verfaßt hat, als-er auf der Höhe seines geistigen Schaffens stand. Man hat eben auch in Kreisen des religiösen Liberalismus vergessen, daß Abrahams Gotteserkenntnis auf Rationalismus beruhte. Mau hat vergessen das Wort aus dem Deuteronomium, nacli dem Tod und Leben, Segen und Fluch von Gott zur eigenen Wahl in die Hände des Menschen gelegt sind. Man hat auch wohl nicht daran gedacht, daß der strenggläubige Jude dreimal am Tage seinem Schöpfer ausdrücklich dafür dankt, daß er ihn als vernunftbegabtes Wesen erschaffen. Und noch ein dritter Gedanke wird durch Connors Artikel in uns-wach; eine Frage, die häufig Andersgläubige an uns richten, und die wir uns auch selbst stellen sollten. „Warum ist rein zahlenmäßig das Judentum zu so geringer direkter Bedeutung gelangt? Warum weist es im Verhältnis namentlich zum Christentum eine so kleine Anzahl von Bekennem auf?“ Es w;ar doch in der nachexilischen Zeit und bis in die ersten Jahrhunderte der jetzigen Zeitrechnung hinein auf dem besten Wege, sich eine größere Allhängerzahl zu erwerben. Wenn wir die erste Periode der Verbreitung des Christentums durch seinen begeisterten Prediger und Verkünder, den Apostel Paulus, betrachten, bemerken wir zweierlei. Paulus besuchte in erster Linie die zahlreichen, in der Diaspora befindlichen Judengemeinden und predigte in deren Synagogen seine Erkenntnis und seinen Weg nach Damaskus. Auch in der Diaspora hatte sich der Juden eine gewisse Abneigung gegen die Zustände in Jerusalem, dem Sitz des Zentralheiligtums, bemächtigt. So fand er dort keinen Jahrbuch fler Sgnagogengemelnfle Köln Herausgegeben von Dr. Siegfried Braun Preis gebunden Mk. 1,75 Mit zahlr. Bildern u. Photographien Kölner jüd. Persönlichkeiten- Aus dem Inhalt: Unsere Gemeinde. Richtungen in der deutschen JudenheiL Aus vergangenen Tagen. Die Gotteshäuser der Synagogengemeinde. Aus Väter- und Großväterzeiten. Die Entwicklung des Wohifahrtswesens in der Kölner Gemeinde. Der Religionsunterricht der Synagogengemeinde Köln. Einiges über Kölns jüdische Schulen. Der Stand der jüdischen Jugendvereine und -Bünde in Köln. Die Fraii in ber Gemeinde. Das Handwerk unter den Juden. Die Gemeinde im letzten Jahr. u. a. m. Zu beziehen durch: Frau Adele Kasel, Köln, Roonstr. 50. Postscheck - Konto Köln 70047 Versand nach auswärts nur gegen Voreinsendung des Betrages ungünstigen Boden für seine Worte. Aber Paulus tat noch ■ ein weiteres. Fast in jeder Stadt der hellenischen und auch der römischen Welt gab es in den Tempeln außer den Altären der heimischen Götter einen Altar des „unbekannten Gottes“. Auch der Gast aus der Fremde sollte eine Stätte finden, an der er seine religiösen Bedürfnisse befriedigen konnte. Aber mit der Zeit war aus dieser ursprünglich für den Fremdenverkehr gedachten Einrichtung etwas ganz anderes geworden! Alle Einheimischen, denen die griechische und römische Mythologie in Trümmer gesunken, und die ihrer Sehnsucht nach anderem, nach neuem Göttlichen Ausdruck geben wollten, opferten an diesem Altar. Und wenn nun Paulus in der Synagoge gepredigt hatte, dann ging er zu diesem Altar und sagte zu den dort versammelten Heiden: ,;Ihr sucht nach einem neuen Gott, der Euer Sehnen erfüllt. Ich bringe ihn Euch.“ Und er predigte ihnen seinen Glauben und seine Erkenntnis. Seit reichlich einem Jahrhundert lebt die europäische und abendländische Kulturmenschheit in ähnlicher, geistiger Verfassung. Dem Materialismus, dem Buddhismus, der Theosophie hat man sich zugewandt; mit allen möglichen Richtungen haben es von ihrer angeborenen Religion nicht rnelir erfaßte Menschen versucht und nach einem neuen unbekannten Gotte gesucht, der mit ihrer persönlichen Ansicht von Natur und Übersinnlichem' in Einklang zu bringen wäre. Aber auch aus dem religiösen Liberalismus des deutschen Judentums ist nicht der Mann erstanden, der diesen Suchenden gepredigt hätte, den „Adonaj der Propheten“, der doch ihrem Gefühl entsprechen müßte. Keiner fand sich, der es verstand, diesen sich nach einem dogmenfreien Bekenntnis Sehnenden, den Indifferenten, die Brücke zum Judentum zu schlagen. Ob, wie Connor meint, gerade der Spinozismus diese Brücke wäre, darf wohl zweifelhaft erscheinen. /. Wolfssohn, Breslau. Es sei mir gestattet, zu den Ausführungen des Herrn Herbert Connor einige Gedanken als Ergänzung zum Ausdruck zu bringen. Connor sieht.das religiöse Urerlebnis in einem Bewußt- .werden der in uns wirkenden geheimnisvollen Lebensurkraft. Wenn das Judentum einen Anspruch erheben kann, so ist es nach Connor der, der Menschheit erstmalig Kunde von dem Walten dieser unteilbaren, ewigen Urkraft, die keine andere Macht neben sich duldet, gegeben zu haben. Wenngleich icli den schönen und richtigen Kern dieser Auffassung nicht ohne weiteres etwa ablehne, so möchte ich gleichwohl zum psychologischen Verständnis eines religiösen , Urerlebnisses auf folgende, nach meiner Überzeugung fundamentale Gesichtspunkte die Aufmerksamkeit hinlenken. In einem besonders gedankenreichen Aufsatz über das Religiöse bei Schopenhauer hat. im Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft 1930 Landgerimtspräsident Dr. Hans Zint als die Quellen des religiösen Bedürfnisses die kreatürliche, die intellektuelle und die sittliche Not hervorgehoben. Der Mensch sieht sich in seiner Hilflosigkeit gegenüber der Größe des Alls, der Macht, der Naturgewalten, der Unerbittlichkeit des Schicksals, den psychischen Leiden und dem Tode gegenüberstellt. Über die intellektuelle Not, über das ,nie gestillte Bedürfnis, die Erkenntnis vorwärts zu treiben, über die sittliche Not, erwachsen aus dem Bewußtsein der moralischen Unzulänglichkeit des Ich wie der menschlichen Gesellschaft, gemessen an den sittlichen Idealen, der Güte und der Gerechtigkeit, ist kein Wort zu verlieren. Ebenso wenig ist das metaphysische Bedürfnis zu leugnen, über den Sinn und Zweck unseres Daseins und Lebens irgend einen Aufschluß zu gewinnen. Ich möchte diesem kreatürlichen, intellektuellen, sittlichen, moralischen Bedürfnis, noch als besondere Gruppe das soziale Bedürfnis abgrenzen, mit seinen vielfach verschlungenen Wurzeln und den aus den verschiedenen sozialen Gruppen abzuleitenden seelischen Einstellungen. Aus diesen verschiedenen Bedürfnissen entstammt ein Ohnmachtsgefühl, es erhebt sich ein Kontrastgefiinl, um zur religiösen Sehnsucht anzuschwellen und in einer religiösen Erfüllung Genüge zu finden. Hier können wir vielleicht die wichtigste Quellkraft des religiösen Urerlebnisses suchen. Das Urerlebnis selbst aber erschließt sich, und darin hat Connor recht gesehen, in der eigenen Brust des Menschen, in seinem innersten Seelenleben, welches allein im Individuum bekannt ist, während er von hier aus nur auf dem Wege der Analogie und des Sich-Einfühlens zu fremdem Seelenleben gelangen kann. Das religiöse Urerlebnis, gespeist aus dem menschlichen Ohnmachtsgefühi — lind Bedürfnisse mannigfachster Art, ist der schließlich immer-wiederkehrende Trieb, der den Schlüssel in dem eigenen Selbstbewußtsein findet, als Zugang zur Erkenntnis schließlich der ganzen Welt und aller Lebewesen. ' . Wenn Connor von dem pantheistischen Weltgefühl Spinozas spricht, so kann ich ihm hierin nicht folgen. Spinoza ist nicht als ein einfacher Naturalist anzusehen, sondern sein grandioser Gedankenbau gibt in einer Art intuitiver Wesensschau, gefaßt m intellektueller Formung, den Begriff der Goti- ■Natur als eine geistige Wesenheit, die den Menschen als Teil ihrer selbst umschlossen hält. Kam indessen Spinoza gewissermaßen von oben her zu seiner Gott-Natur, so bedarf er der unumgänglichen Ergänzung von unten her, in der Verwertung und Steigerung der naturwissenschaftlich festgestellten Tatsachen und psychologischen Ergebnisse. Das ist die historische Leistung Schopenhauers und Fechners, welche beide vom Selbstbewußtsein des Menschen aus zu einer Allbeseelung der ganzen Natur fortschritten. Ich muß mich mit diesen Andeutungen an dieser Stelle begnügen, möchte aber nicht verfehlen, auf einen außerordentlich bedeutenden und wichtigen Aufsatz von Franz Oppenheimer hinzmveisen: „Der Antisemitismus im .Lichte der Soziologi e“, wo er die Wichtigkeit der religiösen Gemeinschaft für den Halt des Juden im Leben besonders hervorhob und betonte. Dr. Otto Juliusburger.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.