Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 72-73 (7.9.1934)
- Date
- 1934-09-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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14. Jahrgang Nummer 72-73 ItiilifrfulifiPMlp ^Pifnnn 3<& befwije eine©eleaeti&eitstötefo Von Eugen Tannenbaum Nach landläufiger Auffassung können nur Tote mit der Bezeichnung Dichter etikettiert werden. Die meisten Menschen haben eine gewisse Scheu, einen noch atmenden Poeten einen Dichter zu nennen. Und er selbst? Muß, er sich etwa der prosaischen Arbeit widmen, einen Fragebogen auszufüllen oder eine negative Steuererklärung abzugeben oder seine Anmeldung fürs Telefonbuch zu besorgen, dann wird er sich schamhafterweise als Schriftsteller oder als Autor bezeichnen, niemals jedoch als Dichter. Aber es gibt auch-eine Kategorie reimender Menschen, die sich selbst Dichter zu nennen beliebt: die Gelegenheitsdichter männlichen und weiblichen Geschlechts. Und an ihren Heimstätten, die zu Reimstätten'geworden sind, prangt stolz ein Messingsschild aus besseren Zeiten mit der an Hochzeit, Barmizwa und andere freudige Anlässe erinnernden Aufschrift: Dichter für alle festlichen Gelegenheiten. Oder so ähnlich. * Ich kenne eine ganze Reihe dichterischer Arbeitsstätten. Von Goethes und Schillers Arbeitszimmer über das Heim Ludwig Fuldas und die Wohnung der Coürths-Mahler bis zum Fabrikationsraum eines Schlagerautors, der mir wegen seiner Zweckmäßigkeit am meisten imponiert hat. Die auserlesene Bibliothek dieses Dichters der leichtesten Muse bestand aus einem deutschen Reimlexikon mit dem (ungeschriebenen) Motto; „Hast du den Tantiemen-Dalles, wähle mich, ich reime alles“. Wenn Goethe dieses' Buch gekannt hätte, wäre die Zahl seiner gesammelten Werke sicherlich um ein' Doppeltes vermehrt worden! Da standen, säuberlich untereinandergereiht, die Reime auf: -anchen, auf -üglich, auf -örung. Nie wiederkehrende Verlegenheit! - ■ Brauchst du einen Reim auf ,,-endcm“, sei beruhigt, dir wird geholfen: marketendern, schlendern, einem stupendem, den Kalendern. Kann man mehr verlangen? Ein Reim auf o gefällig? Bitte: das Adagio, apropos, das (der) Domino, der Floh, inkognito, oho! das Stroh, der (das) Studio, das Radio, das Niveau!. Ich habe mich davon überzeugt, daß es eine Verleumdung ist, zu behaupten, nur Liebe und Triebe. reimten sich zusammen. Esgibt noch ändere Möglichkeiten, die sich' mit der Liebe verbinden lassen, z. B. das Geschiebe, das Getriebe, die Hiebe und für die Liebe, die durch den Magen geht: die Gänsegriebe. * ' Mit solcherlei gereimten "und manchen ungereimten Gedanken betrat ich zaghaft die geweihte Stätte der Gelegenheitsdichterin. Es stellte sich leider bald heraus, daß diese Stätte nicht nur der Muse, sondern mehr noch der Muße geweiht ist. „Tja früher“,- erzählt;Frau S., „da gab es noch lohnende Aufträge, wenn man auch nie ausschließlich davon leben konnte. Da gab es große Hochzeiten, für die Toaste inVefs und-Prosa zu verfassen Waren, Tafellieder, Soloszenen, Duette. Für ■ manchen Barmizwa-Jungen habe ich Ansprachen ausgearbeitet und mit ihm einstudiert, so manches Chanukkahfestspiel habe ich geschrieben. Als Max Pa 11 enbe rg und Fritzi Massary heirateten, bekam ich von einer Dame den Auftrag, ein gereimtes Glückwünschtelegramm zu verfassen. Für einen anderen Auftraggeber mußte ich in einem Toast t a 1 m u d i - sehe Weisheitssprüche verarbeiten, die ich mir in der Jüdischen Bibliothek zusammengestellt habe, um‘sie dann zu verwenden. Heute? Fragen Sie nicht!“ . Ich sehe mich verstohlen in der Bibliothek um. Ein Reimlexikon habe ich weder da, noch auf dem umfangreichen Schreibtisch entdecken können. Ich werfe schüchtern die Frage nach der Arbeitsweise der Frau Gelegenheitsdfchterin auf. „Ich arbeite streng individuell“, sagt Frau S. „Bei Aufträgen von außerhalb lasse ich mir Namen und Daten der Famlienmitglieder angeben, den Werdegang der Braut, des Bräutigams, drollige Erlebnisse. Kommen Besteller zu mir in die Wohnung,'so frage ich sie nach dem notwendigen Material aus, von dem ich dann das Geeignete für meine Arbeit verwende. Bin ich einmal an der Arbeit, dann läßt sie mich nicht mehr los, ehe sie fertig ist. Ich arbeite nie nach der Schablone. Es ist da oder es ist nicht da. Aber es ist immer da.“ - ■ 1 . Sie hat recht, die Dame. Alle Technik, alle Praktiken helfen nichts, wenn „Es“ nicht da ist. Mancher riecht zeitlebens an faulen Aepfeln und schreibt keinen „Wallenstein“. Mancher stellt, wie Schiller, seine Füße auf Eis — und bekommt nur den Schnupfen. Aber die Gelegenheitsdichterin braucht nicht zu aufreizenden Mitteln zu greifen, mögen es faule-Aepfel sein oder sonstige Stimulantien. Nicht einmal von Zigarettenrauch ist ihr Arbeitsraum angefüllt.* Er ist von altväterlicher Behaglichkeit. An der-Wand über und neben dem Schreibtisch hängen verblaßte Familienbilder. Am Fenster ein dünnbeiniges Tisch- ' chen, auf dem eine Schreibmaschine bereit steht,1 Hochzeitscarmina -aufzunehmen. Ein Lehnsessel, mit Plüsch überzogen, dient offenbar der Förderung dichterischer Einfälle in „Muse“-. stunden. < , * . Dichtern ist es heute schwer, für. ihre Arbeiten den kommerziellen Untergrund zu schaffen. Längst ist die Beglaubigung eines Talents nicht mehr abhängig von einer Hungerkur^ Und was von den Dichtern gilt, gilt auch von ihren Kollegen und Kolleginnen von der „Gelegenheits“fakultät Die Gelegenheit ist selten günstig. Namentlich dann nicht, wenn es eine große jüdische Festlichkeit ist... Arnold Schönberg 60 Jahre alt Von Gerhard Goldschlag Arnold Schönberg vollendet am 13. September das .60: Lebensjahr. Das ist ein Alter, in dem der schöpferische Musiker in den meisten Fällen bereits einen gewissen Entwicklungsabschluß gefunden hat. - Auch von Arnold Schönberg wird man keine Wandlungen und Ueberraschungen mehr erwarten dürfen. Seine Persönlichkeit steht fest Umrissen in der großen Erneuerungsbewegung, die zu dem Begriff moderner Musik geführt hat. Denn das ist das Wesentliche an ihm: historisch dazu ausersehen, den Uebergang vom 19. zum 20. Jahrhundert zu vollziehen, wurde er zum Brennspiegel, in dem sich die wichtigsten Strahlen der Vergangenheit einfingen, um von ihm in das Chaos eines neuen Weltenraumes geschleudert zu werden. Wie bei allen Musikern von heute, führte auch. Schönbergs Weg von den Klassikern Bach, Beethoven über Romantik und Nachromantik zur Moderne. Aber dieser Entwicklungsgang ist in eine Zeit gebettet, die selbst im Zustand der gefährlichsten künstlerischen, Krise stand. Eine. Persönlichkeit wie Schönberg mußte kommen, die alle bisherigen Gesetze beseitigte, deren allmählicher Auflösung die Musik des ausgehenden 19. Jahrhunderts ja ohnehin unaufhaltsam zustrebte, wenn auch nur, um am Ende den Beweis ,?u erbringen, daß jedes künstlerische Schaffen ohne einschränkende Regeln ein Ding der Unmöglichkeit ist. So lastet von vornherein auf dem Werke Schönbergs der Hauch des Tragischen. Sein Weg führt über Gestrüpp, Dickicht, Oede und Felsgestein in die Bezirke völliger Isolierung. Auflösung des übernommenen romantischen Erbteils war das Ziel seines Kunstschaffens. Und er vollzog diesen Prozeß — man muß es zugeben — mit einer .Gründlichkeit und Strenge, die ohne Beispiel in der Musikgeschichte sind. Aber es ist ihm nicht gelungen, ■ auf den Trümmern des Zerstörten eine neue Welt aufzubauen, das ursprünglich Revolutionäre in Evolution zu wandeln, die junge Generation, die sich' seiner Führung anvertraute, zu den fruchtbringenden Quellen eines lebendigen Kunstideals zu leiten und damit 'das Grundproblem der heutigen Musik der erstrebten Lösung zuzuführen. Ueber den äußeren Lebensweg des Künstlers ist nur wenig zu sagen. 1874 wird er in Wien geboren, wo er bis zum Jahre 1901 blieb. Sein Leben wechselt , zwischen freiem künstlerischen'Schaffen, zu dem ihm sein späterer Schwager Alexander v. Zemlinsky die nötigen Anleitungen gibt, und dem Musiklehrerberuf. So sehen wir ihn 1901—1903 in Berlin als Lehrer am Sternschen Konservatorium, 1910 an der Wiener k. k. Akademie für Musik. Daneben sammelt er ständig einen großen Kreis von Privatschülern um sich. 1920/21 führte ihn eine Reise nach Amsterdam, wo er Vorträge über Komposition hält und von wo er wieder nach Wien zurückkehrt. 1925 wird er als Nachfolger Busonis zur Leitung einer Meisterklassse an die Berliner Hochschule berufen und lebt gegenwärtig in Paris. Reform und Umsturz sind die beiden Pole, um die das Schönbergsche Musikschaffen kreist. Zur ersten Periode planmäßiger Erneuerungsversuche gehören die Anfangswerke, in denen die Zusammenhänge mit dem Formgefüge der Vorgänger noch nicht gänzlich unterbrochen werden. Da ist das von Wagner stark beeinflußte tristanisierende Streichsextett „Verklärte Nacht“, da sind die frühen Gesänge, die Jacobsen’schen „Gurre-Lieder“ und die leinsätzige sinfonische Dichtung „Pelleas und Melisande“ nach Maeterlinck. Mit den beiden Streichquartetten op. 7 und 10 beginnt jedoch bereits der Uebergang zu der eigentlichen umstürzlerjschen Arbeit des Autors die aU. Seln Sesam,es Schaffen beherrschen’ soll Hrf- -1" def..^ a m m e rs i n f o n i e op. 9 und in den drei Klavierstücken op. 11 zunächst ihre Fortsetzung fmdet. Mit diesen Werken hat Schönberg den entscheidenden Wendepunkt erreicht. Nun setzt eine systematische mit unerbittlicher Konsequenz durchgetuhrte Zerstörung all dessen ein, was die Gnindlagen der bisherigen Musik ausmacht. Es entstehenu’,‘u ie"rel!, bewußt Regen jedes, natürliche menschliche Gefühle musiziert zu werden scheint, wie die Lieder aus dem „Buch der hü n g e n d e n G ä rt e n von Stefan George oder das ganz auf Gerüuscf?- lmpressionen gestellte Melodram „Pi er rot Lu- J1.3,1 r e“ dcm das göttliche Instrument der menschlichen Stimme zum bloßen Werkzeug gemacht wird. Es entstehen Werke, in denen lediglich eiii eigenmächtiger und unkontrollierterer Ausdruckswille vorherrschend ist, wie die Serenade op. 2-1, Werke, in denen jede musikalische Vernunft zu fehlen scheint, wie das Monodrama „Erwartun g“ oder das Drama mit Musik „Die glückliche Hand“, bei dem die Bühnenvorgänge nur als Reflex einer inneren Vorstellung zu werten sind. Alles, was die Kunst bisher bejaht hat, scheint zertrümmert, das System der Tonalität zerrissen, alle Bindungen mit der Vergangenheit scheinen fallen gelassen, die Beziehung der einzelnen Intervalle zu einander abgeleugnet und die Atoualitiit zum Symbol der neuen Richtung erhoben. Auch ästhetische Voraussetzungen existieren nicht mehr für den Künstler. „Die Schönhert hat der Kiinjtler n i ch t * notwendig. Ihm genügt die Wahrhaftigkeit. Ihm genügt es, sich ausgedrückt zu haben. Das zu sagenv was gesagt werden mußte: nsth den Gesetzen sein e r Natur.“ So ruft Scbönberg in seiner Harmomelehre aus! Und es nimmt nicht Wunder, daß eine Kunst, die alle Elemente der Musik wie Melodie, Rhythmus und Harmonie fanatisch zu negieren scheint, trotz aller ernstgemeinten Versuche niemals den Weg zum großen Publikum finden kann. , Daß Arnold Schönberg seinen Kampf mit I d_e alismus und mj_t ehrlichen Waffen führte, das wird kein gerechter und objektiver Beurteiler bestreiten können. Aber er führte ihn mit falschen und untauglichen Mitteln und schritt auf Wegen vorwärts, die ihn niemals ‘dem ersehnten Ziele nahebringen ,konnten. . — Als Anreger und Antrieb1 einer neuen Bewegung wird man seine Verdienste stets gebührend schätzen müssen. Bewundernswert bleibt der Furor, mit dem er die Entwicklung der modernen Musik vorwärts trieb, bewundernswert, das Ungestüm, der; Arbeitskraft, das in wenigen Jahrzehnten zu bewältigen unternahm, .was sich sonst nur auf mehrere Generationen verteilt hätte. Aber deth entsprach auf der anderen Seite leider nicht die ebenbürtige schöpferische Potenz. Bewundernswert wird dennoch immer die Unerschütterlichkcitseines Wesens bleiben, mit der er unbeirrtden einmal eingeschlagenen .Weg fortschritt, bewundernswert die_.Festigkeit seines Glaubens an das Ethos als Kern jeglicher Kunstleistung. Hierdurch erhebt er sich hoch über eine große Zähl seiner eigenen Mitläufer und Zunftgenossen, die in der neuen Richtung lediglich eine günstige Konjunktur erblickten. Einer gütigen Vorsehung jedoch bleibt es Vorbehalten, uns, d i e schöpferischen Geister zu bescheren, die die von Schönberg angeschnittenen Probleme fruchtbar weiter'entwickeln, zu Nutz und Frommen einer allmächtigen Kunst. d)or Wlei&ter und sein ßunge Von Alfred Auerbach Der Meister sprach zu dem Jungen: „Warum schaust du so unglücklich drein, mein Sohn?“ „Weil es so schwer ist, zur Weisheit zu gelangen, Meister.“ - „Es ist gut so, mein Sohn, Weisheit und junges Leben vertragen sich nicht . . .“ „Sie müßten sich aber vertragen“, sagte der ungeduldige Schüler. „Siehe, Meister, ich habe mir eineeigene Art, mein Leben zu schauen, erdacht. Ich stelle mir vor, ich sähe meinen eigenen Handlungen zu und erlebte mein Leben doppelt. Wenn mir etwas nicht gefällt, dann ruft mein Ich aus der Höhe f ,Gib acht, tue es nicht' . . .“ „Und dann?“ fragte der Meister, „was geschieht dann?“ Der Schülersah den Meister nicht an, aber er fühlte, daß sein'prüfendes Auge mit etwas Spott auf ihm ruhe. Er schämte sich und Sprach dann doch langsam: „Und-dann-dann -tue ich’s doch --!“ „Es ist gut so“, sprach der Meister.. „Wie? Du gibst meinen Dummheiten recht?“ rief der Schüler. „Junge,“ antwortete der Alte, „siehe, der "Lebensweg ist so: wo die Allzugescheitheit, endet, fängt die Dummheit an - — und wo die Dummheit endet, beginnt die Straße der Klugheit ... du hast also noch gute Aussichten, den rechten Weg zu finden ..." Zerschlagene Götzen Abrahams Vater Terach — so erzählt die Sage — war nicht nur Götzendiener, sondern betrieb auch einen schwunghaften Handel mit tönernen Götterfiguren. Eines Tages, als er eine längere Reise antrat, beauftragte er seinen Sohn Abraham mit der Bewachung der Götzenbilder. Kaum aber war Terach aus dem Haus, als Abraham einen KnüppeFnaJwi und sämtliche Figuren zerschlug. Terach war wütend, als er nach seiner Rückkehr die Scherben erblickte, und fragte Abraham, wer der Übeltäter sei. „Es kam eine Frau und opferte den Götzen eine Schüssel Mehl,“ begann Abraham zu erzählen. „Die Götzen aber gerieten in Streit darüber, wem-die Schüssel gehöre, und der größte von ihneji nahm einen Knüppel und zerschlug alle übrigen . . .“ — „Genug!“ rief Terach außer sich. „Das ist Unsinn — .die Götzen können weder sehen noch hören und schon gar nicht sich bewegen; du warst es selbst, der sie zerschlagen hat!“ — Da lächelte Abraham: „Wenn du das weißt, daß die Götzen weder sehen noch hören noch sich bewegen können — warum betest du sie dann an?“ — Siaphiluliml Schnabel. KSpenleb, OrSaaacratr. tl. Tel. F4 KSpealck INS SoiKflltlgate Behandlung! In drei Tagen zurück. Haatfllala f uf*ntno . Abholung Mont*? u. Donoentiff frei Hm*