Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 72-73 (7.9.1934)
- Date
- 1934-09-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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14. Jahrgang Nummer 72/73 3üöifii)'(lbetale 3eftottr 1. Beilage 7. September 1934 Das Wunber Eine Rosch haschanah-Geschichte von Alice Stein-Landesmann Leise und behutsam schloß Reni die Türe hinter sich. Der Pppasaß am Schreibtisdi und sah sich um; sein Gesicht war. ernst und die Stinr ganz faltig' vor Sorgen. Reni lief auf ihn zu und drückte ihre Wange an den flauschigen Hausrock, der nach guter Zigarre und nach Papa schmeckte. „Was wollen wir machen, Gleich darauf strömten die feierlichen Klänge des Kolnidre in den Raum. —Eine wunderbare warme Geigenstimme sang das alte Lied mit frommstem Ausdrude. Reni sah ängstlich zu der Mutter hin — manchmal ertrug sie es nicht, Geigenspiel zu hören. Aber heute damit Mumm .sich heute Abend freut?“ fragte Reni. - horchte sie wie gebannt-sie mochte sich erinnern Der Papa seufzte: „Wir werden alles tun, Reni — aber Du weißt, daß Mutter an den Feiertagen besonders traurig ist, weil sie unserh Jungen nicht dabei hat. Dein großer Bruder ist nun vier Jahre fort — . am Neujahrstag hat er uns verlassen. Der Papa rauchte so stark, daß Reni husten mußte.' Sie dachte: „jetzt hüllt er sich so tief in die blauen Rauchwolken ein, damit ich nicht sehe, wie traurig seine Augen sind!“ . . „Ich will Mumm einen schönen Glückwunsch schreiben zu Rosch — haschanah —“ sagte Reni und lief schon wieder hinaus, weil sie ungeduldig war, rasch anzufangen. Und dann holte sie aus ihrem Hamsterkasten die wunderbaren Dinge hervor, die sie so hütete, und auf die sie so stolz war: da lagen seltene Blumen, die sie gepreßt hatte, aus dem Riesengebirge, und zwei rosa schimmernde Muscheln aus Hiddensee, und eine Fotografie vom großen Bruder, und ein besonders schönes, weiches, grünes Seidenband. — — Dann schrieb Reni auf einen weißen Bogen all ihre. Wünsche für die Mutter auf: „Daß dieses neue Jahr meinen Bruder zurückbringen soll und er Dich lieb haben wird wie früher und gar keine Sehnsucht mehr nach dem fremden Land! Und mit uns am Tisch sitzen und sich freuen an den silbernen Leuchtern, von Großvater und die Lieder mit uns singen und sehr glücklich sein. Dies wünscht Dir Deine Tochter Renate“. Darauf machte Reni einen Kranz von Blumen und klebte ihn auf den Bogen, und dazwischen setzte sie die Muscheln, weil das eine gute Erinnerung sein würde an die Ferien in Schreiberhau und die in Hiddensee, wo Daniel noch mit ihnen gewesen war- Zuletzt umwickelte sie den Bogen mit dem grünen Seidenband und ging in das Speisezimmer, wo der Tisch gedeckt für das Abendbrot war. Als sie alles betrachtete, da fand si.e, daß apht Gedecke dort lagen, und sie zählte nach, wer denn* alles zu Gaste kommen würde. Die Eltern und Reni selber und Großmutter und der alte Herr. Benn von 4 Treppen und. Tante Lucie, die so herrliche Märchen erzählen konnte, und der kleine furchtbar dünne Herr Sammy aus der Buchhandlung-aber wer denn noch? Reni zählte o-enau nach — aber es blieben immer nur sieben. „Du hast Dich verzählt, Mumm — wir sind ja nur sieben heute Abend!“ ■ Die Mutter bückte sich über die Blumenvase.und ' zupfte die Blüten zurecht: „Du wejßt doch, daß man immer noch auf einen Gast rechnen muß, wenn man sich am Sabbat zu Tische setzt! Außerdem — der liebe Gott schickt manchmal Unerwartetes — man darf niemals aufhören, zu hoffen!“ Reni sah die Mutter an — aber ihr Gesicht war ruhig, und sanft wie immer. Reni stand vor ihr und wußte nicht, was sie tun sollte. Da hörte sie Papa’s raschen Schritt im Flur und lief eilig zu ihm hinaus. Sie drückte Papas Arm mit beiden Händen: „Kann denn der liebe Gott nicht helfen?“ fragte sie. „Mumm grämt sich zu Tode um Daniel!“ Der Papa beugte sich rasch zu ihr und legte den Finger auf Renis Lippen. „Es geschehen keine Wunder mehr —“ murmelte er. , - Das Kind lehnte an der Wand und schloß die Augen. Dann konnte Reni Daniel am deutlichsten vor sich sehen. Der Bruder, von dem sie oft geträumt hatte! Sie erinnerte sich an jedes Wort, das die Mutter von ihm erzählte. Wie er durchaus Musiker .hatte werden wollen, und wie Papa es nicht erlaubte.: Wie er nicht mehr zur Schule gehen mochte und eines Tages verschwand — wie die Eltern vergebens nach ihm geforscht hatten — — Alle Gebete der Mutter hatten den Sohn bisher nicht zürückrufen können. Alles, was Daniel betraf, klang für Reni wie ein trauriges Märchen. — . Dann kam der Abend, und mit ihnv kamen die Gäste. Die Hausfrau begrüßte jeden mit ihrem guten Lächeln und sorgte für alle, wie sie es immer tat. Aber Reni sah genau, wie traurig sie war, und wie ihre Augen immer wieder zu dem leeren Platz hinflogen. Selbst der schöne Glückwunschbogen I konnte sie nur für einen Augenblick zerstreuen. , Nach dem Essen saßen alle in Papa’s Zimmer. Der alte Herr Benn humpelte zu dem Radio hin und studierte die Tabelle. , „Wie großartig ist diese Weltverbundenheit —■ brummte er. „Da kann man die prächtigste Musik haben und braucht sich nicht aus dem Zimmer zu rühren! Sdirauben Sie, Sammy, irgendwo wird es schon etwas Gutes geben!“ Der kleine Herr Sammy drehte aufgeregt an dem Knopf des Apparats: „Was sagen Sie — wir haben London erwischt!“ rief er. an weihevolle Stunden, wenn dieser Klang sie ergriffen hatte, während Mann und Sohn am Versöhnungstag in der Synagoge standen.-. Wortlos streckte sie jitzt die Hand aus. Der Mann nahm sie ebenso schweigend in die seine. Niemand rührte sich,' niemand sprach. Da blickte Reni in das aufgeschlagene Programmheft. Sie las: „9 Uhr 30 Konzertabend in der Albert- Hall, London. Nr. I. Kolnidre, gespielt von Mr. Daniel Rothe.“ Das Kind schrie laut auf. Es stürzte zur Mutter hin und deute auf den geliebten Namen. Die Mutter starrte auf die Buchstaben, die vor ihren Augen zu tanzen schienen. „Ich verstehe nicht“ sagte sie. Da las Papa ganz langsam die Notiz vor — — Tat °und Im nächsten Augenblick sprachen alle durcheinander. Die Mutter legte ihre Stirn auf das Blatt, als könnte sie den Sohn dadurch umarmen. „Lieber Gott —“ sagte sie leise, „ich danke Dir für diesen Jahres-Anfang!“-: Niemand hatte ihre Worte gehört. Nur der, an den sie gerichtet waren. Aus der Liturgie des Neujahrstages „Das Gedenken“ Du gedenkst all dessen, was von Ewigkeit geschehen ist, und hast acht auf alle Geschöpfe seit Anbeginn. Vor Dir .liegen offen..alle-Geheimnisse und die FäUe-dcnes^ was seit der Schöpfung uns verborgen ist. Kein Vergessen gibt es vor dem Thron Deiner Herrlichkeit und nichts Verborgenes vor Deinen Augen, Du gedenkst jeglicher Tat, und nichts Geschaffenes kann sich vor Dir verbergen. Alles ist offen und bekannt vor Dir, Ewiger, jmser Gott, der Du schaust und blickst bis an das Ende der Geschlechter' Du läßt kommen die festgesetzte Zeit des Gedenkens, auf daß gemustert werde jeder Geist und jede Seele, und gedacht werde der vielen Werke und der endlosen Fülle der Geschöpfe. Von Anfang an hast Du es kundgetan, und von Urbegihn an hast Du das offenbart. _ Dieser Tag jst der Beginn Deiner Schöpfung, Erinnerung an den ersten Tag der Welt. So ist’s Gesetz für Israel so ist’s eingesetzt von dem Gotte Jakobs. Ober die Reiche wird heute bestimmt; welches Krieg haben wird und welches Frieden, in welchem Hunger sein wird, und in welchem Überfluß. .Und die Geschöpfe werden heute bedacht, daß über sic gerichtet werde zum Leben, und zum Sterben. Ober wen wird heute nicht bestimmt? Denn des ganzen Geschöpfes Dcnkeu kommt vor Dich, des Mensche» sein Dienst, des Menschen Handeln und sein. Schreiten, die Gedanken des Menschen und seine Pläne und. Triebe, die ihn zum Tun drängten. Heil dem Menschen, der Dich nicht vergessen hat, Heil dem Menschensohn, der siifli an Dir stärkt; denn die Dich suchen, straucheln nimmer, und nie wird zuschanden, wer auf Dich vertraut; denn aller Geschöpfe Denken , kommt vor Dich, und Du durchforschest ihr aller Tun. " M.D. Das jüdische Jahr Wie der jüdische Kalender entstand — Für ein Jahrtausend — Monate ohne Namen — Der Kalenderrat — Belohnung für „Mondsichtige“ —• Irreführende Flammenzeichen —< Der „Feiertag der Zerstreuten“ - Der jüdische Kalender ist kein Bürobedarfsartikcl, der gegen Ende des Jahres mahnt: „Vergessen Sie nicht, rechtzeitig einen Ersatzblock zu bestellen!“. Er enthält auch weder Kochrezepte für die einzelnen Tage der Woche noch diskrete Verabredungen für die einzelnen Stunden des Tages. Auch keine Lebensanschauungen in Form von Weisheitssprüchen wie „Heute rot — morgen tot.“ Oder: „Es ist eine Lust zu leben.“ Oder: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß-“ Und am nächsten Tag: „Wissen ist Macht.“ Das ist schon deshalb unzweckmäßig, weil man bei diesen Wider-Sprüchen nicht weiß, welcher Spruch der richtige und wichtige ist. Auf dem Abreißblock des bürgerlichen Kalenders sind unsere Feste ausgelöscht. Seitdem seine Blätter die Feiertage des jüdischen Jahres nicht mehr verkünden, ist der jüdische Kalender ein doppelt wertvoller Begleiter durch das jüdische Leben geworden. Zu praktischer Verwendbarkeit wurden bereits in früher Zeit kalendarische Tabellen (Luchotli) aufgestellt, in denen Kalcnderzeichen, Monatsanfänge, Fest- und Fasttage usw. für eine gewisse Reihe von Jahren verzeichnet waren. Die ältesten dieser Tabellen finden sich oft als handschriftliche Anlagen zu Bibel-, Siddur- oder Machsor-Handschriften, während selbständige Tabellen zunächst seltener . Vorkommen, ln Italien wurden im 16. Jahrhundert Tabellen für die Kalenderberechnung fast eines Jahrtausends in Blattform gedruckt. Die heutige Erscheinungsform des für ein einziges Jahr gültigen jüdischen Kalenders ist zum erstenmal im' 16. Jahrhundert nachweisbar. Die älteste bekannte Publikation dieser Art, die Angaben sämtlicher Tage des Jahres, enthält, dürfte der in Venedig 1566 in Heftform gedruckte Kalender für das Jahr 5327 sein, von dem die Bibliotheca Laurenziana in Florenz ein Exemplar aufbewahrt. Das jüdische neue Jahr — in diesem Jahr 5695 beginnt, wie bekannt, mit dem 1. Tischri, während die Monate heute gebräuchlichen jüdischen Kalenders dem Babylonischen entlehnt ist. Allerdings werden im 1. Buch. Könige drei Monatsnamen erwähnt, und zwar: Siw als der zweite Monat, Etanim als der siebente und Bul als der achte Monat, 'Be- ~ Zeichnungen, die phönizischen Ursprungs sind. Da day Mondjahr mit irlnni ITI Tigs» Kw tt'jh Ts|i hinter dem Sonnenjahr zurückbleibt, war es, vor allenr wsgsji der Ernte und wegen der Feiertage, notwendig, diese Differenz auszugleichen. Sooft der Überschuß des. Scsmcnjshre« ungefähr einen Monat betrug, also ln Zwischenräumen van zwei bis drei Jahren, schattete man einen Monat ein, so daß das Schaltjahr dreizehn Monate - zählte. Man nahm dabei auf .gewisse Anzeichen beim Eintritt des Frühlings und auf den Stand der Saat-Rücksicht. Kam z. B. der Nissan heran, und die' Sonne war noch so weit vom Frühlingspunkt entfernt, daß sie ihn vor dem 16. dieses Monats nicht mehr erreichen konnte, so wurde der Monat nicht mehr Nissan^joudcm Ädar II genannt. Es darf - bei der Wichtigkeit, die der Kalender für die Ernte sowie für die Bestimmung der Festtage hatte, nicht verwundern, daß einem eigenen Richterkollegium, dem sogenannten Kale-ndcrrat. in dem angesehene Astronomen saßen, und in dem der Patriarch den Vorsitz führte, die Aufgabe zuficl, dahin zu streben, daß-die getroffenen ' Bestimmungen den astronomischen Anforderungen ebenso wie den religiösen Vorschriften entsprachen. , Am Abend, der dem Einschaltungsmonat voranging, bestellte der Patriarch diejenigen Gelehrten, die der Sitzung beiwohnen sollten, in den Saal'des Gerichtshofes.' Die Einsetzung des Schaltmonats wurde den--Gemeinden vom Patriarchen durch Sendschreiben angezeigt. Der Patriarch pflegte darin gewöhnlich die Gründe, anzugeben, die eine Einschaltung notwendig machten, um dem Verdacht des willkür- .._ __ liehen Verfahrena_von vornherein zu begegnen. So heißt es von Nissan gezählt werden. Aber nicht immer bildete der "jn einem solchen Brief, den Rabban Qamaliel an die judenr:' Tischri mit seinen'Tagen der Einkehr den Jahresbeginn, zu Babylon und Medien schickte, folgendermaßen: „Wir tun Infrüheren Jahrhunderten galt vielmehr, in Palästina ebenso hierdurch zu wissen, daß — da die Tauben noch zu zart (zuin wie bei den französischen und italienischen Juden, der Monat Opfer) und die Lämmer noch zu jung, (zürn Passah) sind, des Auszugs aus Ägypten, der Nissan, als Jahresanfang,'bis auch die Zeit des Frühlings noch nicht herangekommen ist -- . •—*- ■ - ----- it—w;r jn Verbindung mit unseren Kollegen es für notwendig empfunden’haben,, dem Jahre dreißig Tage hinzuzufügen.“ - Auch zum Monatsanfang trat der Kalcnderrat des Synhedrions zusammen, da' ja die Dauer der einzelnen Monate nicht bestimmt und mehr oder weniger nach einemjvillkürlichen Obereinkommen fixiert war. Der Tag, an dessen Vorabend die Mondsichel zum ersten Male sichtbar «rar, war der erste-Tag des neuen Monats. Es war für jeden Juden, dessen Aufenthalt nicht mehr als 24 Stunden Wegs vom Sit/ des Synhedrions entfernt war, religiöse Verpflichtung, dem Gerichtshof persönlich mitzuteilen, sobald er die neue Mondsichel w ährgenommen hatte. Zu diesem Zweck dürfte er sogar am Sabbat seine Reise antreten. Aber nur wegen der Neumonde Nissan und Tischri dürfte der Sabbat entweiht werden, da nur in diesen Monaten Festtage anzu- - endlich im 13. Jahrhundert' diese Unstimmigkeit beseitigt und der erste Tag des siebenten Monats als Beginn des neuen Jahres anerkannt wurde. Es gab sogar Zeiten, da man mit vier Jahresanfängen rechnete. Mit Nissan begann das religiöse neue Jahr; auch die Könige datierten ihre Regierungszeiten von diesem Monat. Der Elul war der Jahresanfang in bezug auf das Verzahnten .des Viehes. Vom 1. Tischri ab zählte das bürgerliche Jahr, und der Schw’at war der Neujahrsmonat, soweit es das Verzehnten der Baumfrüchte anging. . Oberhaupt hat der jüdische Kalender, dem seit Beginn der mosaischen Zeit das vom Verlauf der Sonne und des Mondes abhängige Lunisblarjabr zugrunde liegt, nicht geringe Modifikationen erlitten. Die Monate hatten zunächst keine besonderen Namen, sondern wurden durch Ordnungszahlen voneinander unterschieden. Nur der Monat Nissan wird an verschiedenen Stellen des ’ Pentateuch auch Ährenmonat genannt. Erst'während der babylonischen Gefangenschaft kamen die jetzt üblichen Bezeichnungen der Monate in Gebrauch, wie ganz allgemein die zyklische Rechnung des noch Für die Feiertage — deckt man den Kaffeebedarf bei A. Löwensteln, Berlin W 50, Scbaperatraße 11 Auch Kleinverkaut franko Hau*