Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 72-73 (7.9.1934)
- Date
- 1934-09-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2613366-2613519-2613587--5166-2616940- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
!Ü |l die seelische Umstellung der deutschen Juden. Hier setzt die Aufgabe des religiösen Liberalismus ein. Auch er bedarf wichtigster Aus-, ja Umbildung. Freilich wollen wir keinen gedanklichen Rückschritt. Die vielfach, auch in Kreisen unserer Jugend, angedeutete Flucht ins Uebersinnliche-darf nicht zur Ausflucht werden. Man fordert die Anerkennung des alten Ideals der „Autorität“, verkennt es aber in seiner Grundlage. Wer heut die auch'von uns stets anerkannte innere Bindung an den Willen Gottes aufbauen will auf das Dogma der „einmaligen Offenbarung“,- der „torah min schamajim“, der wälzt im Gefühl innerer Schwäche die eigene Verantwortung ab huf einen unsichtbaren, „inappellablen“ Gesetzgeber. Wohl, wer so glaubt, wahrhaft glaubt, — nicht bloß auf der Flucht vor der eigenen Leere ist —, der muß auch das ganze, gewaltige Joch des alten Religionsgesetzes wieder auf sich nehmen, muß nicht nur orthodox denken, sondern auch orthodox leben. Wer aber glaubt, daß neue Zeit auch neue Ideen und neue Form schafft, daß Leben und Lehre eins sind und bleiben müssen,' der muß den inneren Kampf um religiöse Idee und religiöse Lebensform in vollem Umfang äüfnehmen. Ihm, dem' liberalen Juden, soll gewiß die Bindung, die Autorität nicht fehlen, aber er soll sie selbst schaffen und — dann aber wirklich — ihr folgen. Und hier setzt die Umbildung ein. Wir haben . gesehen, daß. der noch so „religiöse“ Einzelmensch, selbst der Prophet, die Gemeinschaft nicht auf die Dauer weiterbringen. Die Gemeinschaft hat eigenen Glauben, eigenes Leben, eigenes Gesetz. An uns, den ihres Judentums und seines ewigen- Führers bewußten liberalen Juden ist es heute, zusammenzutreten, sich darüber klar zu werden, was das jüdische Leben an Erkenntnis und Lebensformen verlangt, da? Erkannte auszusprechen und durch die innere Wahrheitskraft des Erkannten und Ausgesprochenen eine ,,Autorität“ zu schaffen, die uns allen zur freien, aber darum um so stärker wirksamen Pflicht wird. Glauben und Gefühl, Lebenshaltung und -führung sollen so mit dem Willen einer echten religiösen Gemeinschaft unlösbar verknüpft werden. Die Gemeinschaft werde beseelt durch die bewußte freudige Einordnung der Einzelnen, der Einzelne gewinne Kraft durch die stützende Macht der Gemeinschaft! Diese Neuschaffung einer lebendigen, in freier Verantwortung übernommenen Bindung soll die neue; Aufgabe unserer . „V er e i n i gun g für dasreli- - giös-1 iber.ale. Judentum“ sein. Zu ihr aber wollen wir alle deutschen Juden aufrufen, die in der frei sich entwickelnden Religion die Grundlage und das Wesen unserer Gemeinschaft erblicken, wie immer sie sich auch jüdisch-politisch «instellen. Denn wir wollen Neues schaffen, unbekümmert um alle Parteimarkierungen.' Dann wird wirklich Einheit, echtes jüdisches Leben und feste Zukunftsgewißheit Jugend und Alter vereinigen und uns befähigen, dies schwere Leben zutragen. In diesem Sinn töne in unsern Herzen das uralte Neujahrsgebet:, „Owinu malkenu kosswenu bessefer chajim“. „Unser Vater, unser König, schreibe uns ein in das Buch des Lebens!“ Aufraf der Zentralwohlfahrtsstelle für Hilfe und Aufbau im neuen Jahr „Ausbildung im Handwerk1* Die jüdische Jahreswende läßt uns zurückblicken auf das Vergangene und Vorschau halten auf künftige Ziele. Auf allen Lebensgebieten haben sich grundlegende Wandlungen vollzogen. Eine der bedeutsamsten und stärksten Umwertungen erfolgte im Berufsleben. Es wurde offenbar, wie ungünstig die Uberbetonung der geistigen Berufe sich auswiikte. Die Einsicht,, daß eine Umstellung auf körperliches Schaffen zur Herstellung eines gesunden Ausgleichs notwendig ist, dringt immer mehr in das Bewußtsein der jüdischen Gemeinschaft ein. Diese Erkenntnis gibt uns die Gewähr dafür, daß die Werbung der Beitragskarte für Hilfe und Aufbau im Monat September, die unter dem Motto „Ausbildung im Handwerk“ erfolgt, gebefreudige Hände finden wird. Im Laufe, der letzten Zeit hat sich ein großer Teil der jüdjschen Jugend, der seinen früheren Beruf aufgeben mußte,- dem Handwerk zugewendet, aber auch viele schulentlassene Jugendliche haben erstmalig diesen Berufszweig erwählt. Soweit es möglich war, wurden ” ordentliche Lehrstellen beschafft, doch reichten die Ausbildungsmöglichkeiten nicht ausj um alle," insbesondere die älteren Jahrgänge, zu erfassen. Die Einrichtung handwerklicher Lehrwerkstätten wurde dringendes Erfordernis. In fast allen größeren Gemeinden finden wir heute Lehrbetriebe für die verschiedensten Zweige des Handwerks. Neben Schlossereien und Tischlereien gibt es Kurse in Feinmechanik, im Malerhändwerk, in der Polsterei, im Bauhandwerk (Mauern, Zimmern, Fliesenlegen). Die Einrichtung dieser Betriebe: war nur möglich unter großen finanziellen Opfern. — Die Anschaffung der Werkzeuge verursachte zunächst erhebliche Kosten neben den laufenden Spesen für das Lehrmaterial und die Betriebsausgaben (Licht, Heizung . usw.). Gute Lehrkräfte müssen zur Leitung herangezogen werden; sie sollen unserer Jugend, die ohne Tradition in diesen Berufen'.ist, nicht nur die technischen Fertigkeiten aufs beste beibringen, sondern sie auch geistig aufschließen für den neuen Beruf, damit echte Freude am selhstgeschaffenen Werk jeden einzelnen erfüllen kann. Leider können viele Familien ihre Kinder bei Beginn der Berufsausbildung nicht mehr mit den erforderlichen Sachen ausstatten. Immer wieder fehlt es an der notwendigen Berufskleidung, an gutem Schuhwerk, ausreichender Wäsche; da- - neben sind die Kosten für die sozialen Aufgaben aufzubringen. Das begonnene Werk muß erhalten und, wo erforderlich, 1933 Oktober Arthur Landsberger, Romanschriftsteller. Professor Max Zondek, Urologe und Chirurg. November Kommerzienrat Georg Haberland, Schöpfer des Bayerischen Viertels in Berlin. Hermann Heller, früher Staatsrechtslehrer der Universität Frankfurt a. M. Dr. Ludwig T i etz, Führer der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands. Dezember Israel Fried mann, Großrabbiner, Rabbi von Czortkow. Professor Dr. Rudolf Lennhoff, Oberregierungs- Medizinalrat i. R., Generaloberarzt. Heinrich Levy, Vorsitzender des Israelitischen Tempelverbandes Hamburg. Karl Melchior, Wirtschaftsführer, Mitbegründer des Zentralausschusses der Deutschen Juden für Hilfe und Aufbau. Justizrat Dr. Max Mesche Ls ohn, Mitbegründer des C. V. - Hans V a i h i n g e r, berühmter Philosoph. Aby S. Warburg, Mitinhaber der Bankfirma M. M. Wattmrg, Hamburg. Jacob Wassermann. 1934 Januar Rabbiner Dr. John Cohn, Breslau. Naphtali Fromm, zweiter-Vorsitzender der Frankfurter Gemeinderepräsentanz und Mitglied des Rates des Preußischen Landesverbandes. Sanitätsrat Dr. Alfred Goldschmidt, Großsekretär der Großloge für Deutschland UOBB. Professor Fritz Haber, Chemiker. Dr. Richard Hin riehsen, Hamburg, Landgerichtsdirektor. Professor Georg Rosenfeld, Breslau, Kliniker. Februar Georg Bamberger, Schriftsteller. Jacques de Bo er, ältester jüdischer Schauspieler Hollands.' Professor Paul Großer, früh. Universitätsprofessor in Frankfurt a. M., Kinderarzt. Professor Jacques Joseph, Chirurg. Rabbiner Dr. Alfred L e vy, Bonn. Professor Dr. Julius Marcusson, Abteilungsleiter im Staatlichen Materialprüfungsamt. Ignatz Petschek, Großindustrieller.. Dr. Siegbert Tarrasch, deutscher Großschachmeister. Heinrich York-Steiner, Verfasser des Buches „Die Kunst, als Jude zu leben“. März Rechtsanwalt Martin F 1 aschner, Syndikus der Jüdischen Gemeinde München und des Verbandes Bayerischer Isr. Gemeinden. Fritz Friedmann-Frederich, Lustspieldichterund Theaterdirektor. ' Justizrat Raphael J o s e p h s o h n, Vorsitzender der Potsdamer Synagogengemeinde. Otto H. Kahn, New York, Finanzmann und Gründer der Metropolitan Opera. Theodor Pincus, Stellv. Vorsitzender des Krankenhauses der Jüdischen Gemeinde Berlin. - Hofrat Professor Dr. Hermann Sc h 1 es i n ger, .Wien, - Internist. April’' Professor Joseph Caro, Frankfurt a. Main, Pädagoge und Wissenschaftler. Justizrat Salomon Kali sch, Vorstandsmitglied des religiös-liberalen- Vereins der Synagogengemeinde Breslau. Mai Geheimrat Df. Max Friedländer, Erforscher des Volks- und Kunstliedes. Maurice H a n n a u x, Paris, Bildhauer. , Paul Pincus, Vorsitzender der Jüdischen Reformgemeinde Berlin. Albert Silberberg, langjähriger Direktor der Israelitischen Gartenbauschule Ahlem. Dr. Emanuel Spitzer; Oberrabbiner in Hamburg. Juni Erich Bayer, Breslau, Vorstandsmitglied der Vereinigung für das religiös-liberale Judentum. Lippmann B 1 o c h, Breslauer Philanthrop. Dr. Berthold Edelstein, Oberrabbiner der Ofener Kultusgemeinde. George A. Goldschlag, Lyriker. Kommerzienrat Naphtalie Hamb-Urger, Abgeordneter des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden. Max Pallenberg. Kommerzienrat Max Pinkus, Neustadt O. S:, Industrieller, Schöpfer der Schlesischen Bücherei. Rabbi Elieser Awimelech R o k e a c h , Wunderrabbi von Radom. Moses Salomon, ältester jüdischer Einwohner Berlins. Alfred S a v o i r, Paris, Lustspielautor. . - Juli : V Dr. Eduard B a e r w a 1 d, stellvertretender Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Frankfurt a. M. Chaim Nachman B i' a 1 i k. Max Doernberger, Gemeindevertreter, Vorstand der Jüdischen Religionsgemeinde Dortmund. Oscar E n o c h, Hamburg, Verlagsbuchhändler. Dr. Meier Hildesheimer, Rabbiner der Adass Jisroel Berlin.' Dr. Max Köhler, New York, Jurist, Mitglied der Executive des American Jewish Committee. Jakob Lippowitz, früh. Herausgeber des „Neuen; Wiener Journal“. August Nathan A c k e r h a 11, Mitglied der Repräsentantenver- - Sammlung der Jüdischen Gemeinde Berlin. Jacques. B i ga rt, Paris, Generalsekretär der Alliance Israelite Universelle. Dr. Maurice Fishberg, New York, Rassenforscher, Anthropologe. Dr. Victor Jacobson, Vertreter der Executive der Jewish Agency beim Völkerbund. Maurice M o n s e 1 i n i, italienisch-jüdischer Alpinist. Dr. Alfred Perutz, Wien, Chefarzt der dermatologischen Abteilung am Wiener Franz-Josefspital. ' - Rabbiner Dr. Victor, Hindenburg O. S. weiter ausgestaltet werden. Es ist lebenswichtig für die jüdische Gemeinschaft, denn diese Jugend, die sich mit allen guten, aber auch harten Konsequenzen umgestellt bat, ist der Wegbereiter der jüdischen Zukunft. . Wo aufgebaut wird, müssen wir helfen! Die neue Jugend soll uns alle bereit finden! Ehrenkreuz für jüdische Kriegsteilnehmer Bei den zuständigen Polizeirevieren können seit Montag dieser Woche die Anträge auf Verleihung des vom"Reichsresidenten von Hindenburg gestifteten Eh renkreuzes ür Kriegsteilnehmer und Frontkämpfer gestellt werden. Den Anträgen sind die im Besitz des Antragstellers befindlichen Beweisstücke beizufügen. Da erfahrungsgemäß zahlreichen Kriegsteilnehmern, ihren Witwen oder Eltern die sachgemäße Auswahl oder Beschaffung der Beweisstücke Schwierigkeiten macht, weil sich diese teilweise im Besitze von Angehörigen, früheren Kameraden oder Verbänden befinden, hat sich das Treuhandbüro Dr. Schnurmacher, Berlin, das jetzt von Amtsgerichtsrat a. D. Dr. Aschner und Oberregierungsrat a. D. Kempner geleitet wird, bereit erklärt, jüdischen, dzw. nichtarischen Kriegsteilnehmern, bei der Vorbereitung der Anträge, insbesondere auch zur Erlangung aller Nachweise helfend zur Seite zu stehen, und zwar lediglich gegen den Auslagenersatz. Die Dienststunden des Büros, Berlin W 15, Meinekestraße 9, sind von 9—1 und von 4—7 Uhr, außer "Sonnabends. * Die Bundesleitung des R'eichsbundes jüdischer Frontsoldaten teilt mit: Wir weisen darauf hin, daß unsere Landesverbände und Ortsgruppen angewiesen sind, allen Kameraden, sowie den Kriegerwitwen und Kriegereltem bei der Antragstellung auf Verleihung des Frontkämpfei>Kreuzes, bzw.. des Ehrenkreuzes für Kriegsteilnehmer oder für Witwen und Eltern in jeder Weise behilflich zu sein. Selbstverständlich gilt diese Hilfe nicht nur für unsere ordentlichen Mitglieder, sondern überhaupt für alle jüdischen und nichtarischen Persönlichkeiten, die Anspruch auf Verleihung eines der Ehrenkreuze haben. Außer den Landesverbänden. und Ortsgruppen -ist auch die Bundesleitung in Berlin W 15, Kurfürstendamm 200, während der Sprechstunde von 9 bis . 1 Uhr vormittags bereit, Rat und Auskunft in der Angelegenheit der Ehrenkreuze zu erteilen. Die Ratserteilung erfolgt unentgeltlich. Gedenkfeier am Ehrenmal in Weissensee , Eine schlichte, eindrucksvolle Feier veranstaltete am vergangenen Sonntag am Ehrendenkmal auf dem Friedbof in Weißensee der Kameradschaf ts ve rein Deut'scher Soldaten unter Führung seines 1. Vorsitzenden Alfred Salomon zum Andenken an die Jüdischen Gefallenen des Weltkrieges. Daran schloß sich' die Trauerfeier für den dahingeschiedenen Feldmarschall von Hindenburg an. Die mit ihren Auszeichnungen erschienenen jüdischen Frontkämpfer und die große Menge der Zuhörer folgten andachtsvoll den warmen, eindrucksvollen Ausführungen des früheren Feldrabbiners Dr. Martin Salomonski und des Vorsitzenden Alfred Salomon. Oberkantor Wijhelm Friedmann sang mit schöner Stimme „Herr, was .ist der Mensch“ und das El Mole Rachamim-Gebet. I i PL Moabit, Xurnftr. 42 BEKANNT DURCH QUALITÄTS-WAREN