Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 72-73 (7.9.1934)
- Date
- 1934-09-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin Freitag, 7. September 1934 Doppeinummer 1. zq benin. | Preis 20 Pfg. Nr. 72/73 — 14. Jahrgang 3ür heutiges 3itöentum unb religiösen Aufbau Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint zweimal wöchentlich» Dienstag» und Freitags An der Jahreswende Rabbiner Dr. Vogelstein-Breslau: Vergänglichkeit und Ewigkeit spiegeln sich im Menschenleben, werden dem Menschen durch dieselben äußeren Momente zugleich bewußt. Den einen mahnt die Zeitenwende, daß er wieder einen Schritt näher dem Grabe gekommen ist, er grüßt jeden neuen Tag, jedes neue Jahr mit eulenspiegelerischem Sinn, mit griesgrämiger Angst, oder er gibt sich dem Genießen hin, das letztlich in der Angst wurzelt, das Leben könnte hingehen, ohne daß es bis zur Neige genossen ist. Der andere wird in dem Ablauf der Zeit, in dem ewig Veränderlichen und doch ewig sich Gleichbleibenden das Ewige sehen und der Zeit und dem-Leben einen Inhalt zu geben suchen, der über den Augenblick hiriausgeht. Die Feier des Neujahrfestes bei den "verschiedenen Völkern 'und religiösen Gemeinschaften läßt diese Verschiedenheit deutlich in die Erscheinung treten. Hier Lustbarkeit, dort tiefster Ernst — im Judentum freudiger Emst, weil hier das Leben bestimmt wird von dem Gedanken, der in, dem Gebetswort des 90. Psalms ausgesprochen ist, das nicht, wie eine ungenaue Uebersetzung besagt, die Bitte enthält, daß Gott uns bedenken lehre, daß wir sterben müssen, damit wir klug werden, sondern die tiefere und größere: „Unsere Tage zählen“ das lehre uns recht erkennen, damit wir ein weises Herz gewinnen. Wir bitten nicht um den Gedanken an den Tod, sondern um das Bewußtsein, der Pflicht zu leben. Und die Frucht dieses Denkens ist nicht, daß wir klug werden für ein andermal, sondern weise für immer. Das ist die sogenannte Diesseitigkeit des Judentums, das gibt dem Neujahrsfeste seinen eigenartigen Charakter, ja das hat den biblischen-Tag der Erinnerung und des Schofarblasens.zum Neujahrstage imd zum Tage des Gerichts gemacht. ' - Der Talmud berichtet ein Wort, mit deni die Lehrer nach arbeitsreicher Zeit von einander Abschied zu nehmen pflegten, .ehe sie sich in alle Winde zerstreuten: Sieh eine Welt in deinem Leben, deine Zukunft in künftiger Welt und deine Hoffnung für alle Geschlechter. Das ist echt jüdisch empfunden, weil es nicht bloßen Wunsch für gutes Ergehen, sondern Aufgabe und Forderung, Pflicht und Ziel ausspricht und den Weg weist. Unsere Zeit spricht viel von Weltanschauung, aber viele, wenn nicht die meisten von denen, die das Wort ständig im Munde -führen, sehen nicht die Welt, sondern nur den engsten Kreis ihrer persönlichen Wünsche, kaum ihres per- . sönlichen Lebens. Die alten Lehrer haben weiter und tiefer geblickt. Sie haben die Wirklichkeit, den Augenblick vollauf zu würdigen gewußt, die Welt im eigenen Leben er-- schaut. Aber ihnen hat sich Leben und Welt nicht in Gegenwart und Wirklichkeit erschöpft, so fest sie mit beiden Füßen auf der Erde standen. Vielmehr war ihnen das Ziel die kommende Welt der Ewigkeit, und von diesem Ziel her hat ihnen der Augenblick seinen Sinn, seine Aufgabe und damit seine Dauer gewonnen. Augenblick und Wirklichkeit an sich sind klein und nichtig, aber groß und bedeutungsvoll, wenn sie von der Ewigkeit her betrachtet, in den Dienst ewiger Gedanken und Ziele, in den Fluß der Zeiten gestellt sind, so daß die Arbeit Und Hoffnung eines Menschenlebens und einer ganzen Generation auf die Erfüllung und Vollendung in späteren Geschlechtern gerichtet ist. Das gibt dem Menschenleben Würde. Denn Würde besteht nicht in gespreiztem Gehaben, in gekünstelter äußerer Haltung und ist nicht abhängig von Glanz und äußerer Ehre und einflußreicher Stellung, sondern allein bedingt durch die Freiheit und Sicherheit der geistigen und seelischen Haltung. Und diese wird wiederum gewonnen aus dem Bewußtsein der Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen Ewigkeit und Zeit und der Aufgabe, diese Spannung auszugleichen, durch möglichste Annäherung an das ewige Ideal. Wir deutschen Juden erleben das Neujahrsfest zum zweiten Male unter schwerstem seelischem Druck. Viele von uns sind aus angesehener, gesicherter Stellung geschleudert worden, die wirtschaftliche Lage Roosevelt an die jüdische Bevölkerung Rosch Haschanab-GIückwünsche d es Präsidenten und anderer amerikanischer Staatsmänner. New York. Einem althergebrachten Brauche /olgcnd," haben auch in diesem Jahre der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Franklin D. Roosevelt, und eine Reihe anderer amerikanischer Staatsmänner anläßlich des bevorstehenden Ro'sch H aschanah-F este s durch die JTA Glückwünsche und Grußbotschaften an die jüdische Bevölkerung gerichtet. Präsident Roosevelt schreibt: „Ich freue mich, anläßlich des diesjährigen Rosdh Haschanah-Festes meine besten Wünsche für meine Mitbürger jüdischen Glaubens im ganzen Lande zu erneuern. Es ist dies ein geeigneter Anlaß, iimezuhalten und, indem wir uns von neuem den Verpflichtungen des Tages widmen, das Werk fortzusetzen, das wir gemeinsam mit allen Amerikanern zur Verwirklichung der Verheißungen des Jahres unternommen haben, das vor uns liegt.“ (Siehe auch 4. Seite.) der deutschen Juden hat einen schweren Stoß erlitten. Unsere j u n g e n M e n s c h e n stehen in großer Zahl 'ratlos den Dingen gegenüber.- Aber das Schwerste ist der seelische Druck. Wir'deutschen Juden, die die Liebe zum deutschen Vaterlande und zu deutscher Kultur tief im Herzen tragen, sind wie aus einem schönen Traum gerissen. Die Gleichberechtigung ist uns genommen, und gegen die Verunglimpfung unserer Religion und unserer Ethik, wie sie beispielsweise die beiden Ritualmordnummern des „Stürmer“ ins Volk tragen, sind wir machtlos. Schweigend tragen wir das alles. Unsere Würde wird dadurch nicht beeinträchtigt. Wir tragen unsere Würde in uns, und wir lassen uns die zuversichtliche Hoffnung nicht rauben. Gerade diese Festtage, die uns in dem Ablauf der Zeiten den Hauch der Ewigkeit verspüren lassen, müssen diesen Adel der Gesinnung und der Lebens- ■ anschaüung festigen — sonst sind sie wertlos. Was ■ das Judentum uns gibt, ist nicht Adelsstolz auf eine Jahrhunderte alte Reibe von Ahnen, aus deren Blut wir stammen,- sondern auf wertvollstes, unvergängliches Kulturgut, ist die Zuversicht, daß, wie unsere Gebete es aussprecheii, dereinst der Glaube an den einen Gott und seine Weltherrschaft, die Herrschaft von Wahrheit, Recht und Frieden auf Erden, die- Glefchheit aller Menschen ohne Unterschied der Abstammung nicht ein schöner Traum, sondern Wirklichkeit sein wird, die immer von neuem geschaffen und immer von neuem gefestigt ^wird. Jene Zeit herbeizuführen, ob auch in noch so ferner Zukunft, „wo den Propheten ihr leuchtend Recht gesprochen wird“, istdie opfervolle, oft undankbare Aufgabe des Judentums. Aber es hieße an der Macht des Geistes und an der. Macht ewiger sittlicher Ideen verzweifeln, wollten wir nur nach gegenwärtigen Leiden Welt und Leben beurteilen. Uns sollen vielmehr die Festtage die' Kraft und den Willen stählen, unsere Welt in unserm Leben zu sehen, der Wirklichkeit in ihrer ganzen Wucht und ihrer alltäglichen Kleinlichkeit gerecht’ zu werden, aber doch Sinn und Ziel des Lebens in Zukünftigem zu erkennen, an dessen Schaffung wir - arbeitend und leidend mitzuwirken haben. diestt Plutnmet Acfiteißett: Alfred Auerbach: Der Meiner und der Junge Rudolf Brasch: Mahnung Max Dienemann: Das Gedenken Gerhard Goldschlag: Arnold Schönberg Alfred Hadra: Notwendigkeit des Bibellesens Rudolf Melitz: Drei Namen und ihre Geschichte Alice Stein-Landesmann: Das Wunder Engen Tannenbaum: Bei einer Gelegenheitsdichterin Rechtsanwalt Heinrich Stern: Die an unserem Rosch haschanah gebotcne'Pflicht der Rückschau, und inneren Einkehr wird gerade uns deutschen' Juden zur ernsten Notwendigkeit. Wir gehen neue Wege in eine — so scheint es — unbekannte Zukunft, und da muß Schritt für Schritt er-, wogen, muß oft ihnegehalten werden zur' Prüfung und Selbstbesinnung. Dabei wollen wir' hier ein Gebiet jüdischen Lebens nur leise anrühren, das unseres äußeren Geschehens. Ob in Einzelfragen Besserung, Stillstand_ oder Rückschritt eingetreten ist, — das Bild ist im ganzen gleichgeblieben, gleich auch unsere eigene Einstellung. Wir haben nach freier, ernster Prüfung uns entschieden, das Judentum in .Deutschland, ein deutsches Judentum, weiterzubauen, — nicht aus äußerem Zwang, sondern aus unserm deutschen Wollen heraus und unserer jüdischen Ueberzeugungv daran können noch so traurige Einzclschlcksalc und -Erlebntsse nichts ändern. Nur um ein Doppeltes müssen wir unablässig ringen, um unsere Ehre als Deutsche und Juden und um die geistige und wirtschaftliche Zukunft unserer Kinder. Dieses Kampfes Ausgang hängt gewiß zum >Teil, zum nicht geringeren Teil, von außer uns liegenden Umstqnden_und Mächten ab —, doch' aber.bleibt er im Wesentlichen, in unsere eigene Hand gegeben, Wirkung und Folge unserer äußeren Lebenshaltung -und -füfirung und unserer inneren, vor allem unserer jüdischen Daseinsgestai tung. Der Herabsetzung von außen und der aeelTachen und wirtschaftlichen Not im Inneren müssen wir als Gegengewicht entgegen setzen ein seiner Würde bewußtes, aufrechtes äußeres und ein den Geist erhebende^, das Herz ausfüllendes inneres jüdisches Leben. Das Gefühl jüdischer Würde und Kraft wird am . stärksten gebildet und gestützt durch eine lebenswahre und. nicht nur scheinbar, sondern wirklich einige Organisation der' deutschen Juden. So Bedeutsames in vielen Einzelheiten unsere Organisationen, insbe-" sondere die Reichsvertretung der deutschen Juden, geleistet hat —, viel mehr sicherlich als äußerlich erkennbar,— noch fehlt es am Wichtigsten: die deutlich spürbare Kluft zwischen Zentralorganisationen und Gemeinden ist noch nicht überbrückt, sie. muß aber so schleunig wie möglich geschlossen werden. Die Gemeinden müssen erkennen, daß Notzeit einer Gefolgschaft auch dann gebietet, wenn in Einzelfragen Fehler gemacht werden, selbst wenn nicht überall - die richtigen Persönlichkeiten am Platz stehen, sie müssen ohne Rücksicht auf Anciennitätsbedenken auch jüngere Menschen mit neuem_Lebensbild in ihre Leitung berufen, — diese heutige Jugend hat das Leben, mehr als ihr selbst lieb ist, gereift! Die Organisationen aber, insbesondere Reichsvertretung und Zentralausschuß dürften nur Menschen an ihrer Spitze sehen, die an eine jüdische Zukunft in Deutschland felsenfest glauben; noch so tüchtige „Fachleute“, die sich nur als Konkursverwalter des deutschen Judentums _ fühlen, sind als Führer unmöglich. Vor1 allem aber muß die Reichvertretung, wie ich immer wieder betone,. innerlich und personell fest verankert sein in der stärksten, bewährtesten Kraftquelle des deutschen Judentums, in den Gemeinden, Ansätze sind gemacht, sie müssen befestigt und ausgebaut werden zu wahrer,- innerlicher- Einheit. Es nutzt nichts, daß auf beiden . Seiten die „Spitzen“ voll richtiger Erkenntnis- und guten Willens sind, wenn die „Ressorts" und„Pezernate“. nicht folgen. Je stärker die wirkliche innere Einheit zwischen Reichsorganisationen und Gemeinden sind, desto größer wird die äußere Macht und der innere Einfluß der Reichsvertretung auf die Seelen der deutschen Juden sein können. - Noch wesentlicher als die Organisation, wesentlicher selbst als die wirtschaftliche „Umschichtung“, — von der hier heute nicht die Rede sein soll —, ist ’ iiiiiiuiiiiii.iiiiiiiimimmiiiiimimiiiimiiiiiiiiiinimiimmiinmmmimniimiiiiiiiimmiuiiiiiraiHniiiiiuiiiiiMmimmimH Die nächste Nummer der ]1Z. erscheint Freitag, - den 14. September