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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-09-04 · 71 (4.9.1934) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
71 (4.9.1934)
Date
1934-09-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Staates' würde es sein, daß er eine unbeschränkte Zahl von Staatsangehörigen, die im Auslande wohnen, besitzen könne. Wer sollen nun die Staatsangehörigen dieses neuen Staates sein? Nun zunächst einmal die Einwohner des Stadtstaates selbst, dann aber alle diejenigen Juden in der ganzen V£elt, die ausdrücklich eine Verschmelzung mit der Umwelt ablehnen und sich durch Sprache, Tradition, Einhaltung der Speisegesetze, Beschneidung usw. von der Umwelt ah sondern. Der Verfasser meint, daß nur nach diesem Rezept das Judenproblem für alle Völker gelöst werden könne. Es werde dann vierKategorien vo n J u'den in der Welt geben: 1). Juden, die im Judenstaat in Palästina wohnen und natürlich die jüdische Nationalität besitzen; seiner Gemeinschaft und an seinem Glauben, wenn er also von dem Gotte ‘Israels spricht: „Was ist er denn für ein Gott? Ein Götze? Ein Fetisch? Der Gott eines wilden Stammes? Der Gott für Israel allein? Doch nein: er nennt die Aegypter sein Volk, er -nennt den Assyrer das Werk seiner Hände. Die Propheten der Ungläubigen haben Kenntnis von ihm; der Talmud verbietet, den Götzenanbeter bei seiner Andacht zu stören, da er sich, ohne es zu wissen, an ebendiesen Gott wendet. Dieser Gott hat mit Noah gesprochen, bevor er mit Israel gesprochen hat, hat sämtlichen Menschengeschlechtern Gebote gegeben; er hat den Himmel und die Erde geschaffen; er ist der Eine Gott, der Gott aller Menschen, der Gott der ganzen Welt. — „Höre Israel, der Ewige, Dein Gott, der-Ewige ist der Eine Gott...“ „. Zu einer Zeit, da die uneinige Menschheit sich, vor tausenden von Göttern beugte und in der Natur die tausend uneinigen Gewalten dieser uneinigen Götter zu sehen glaubte, haben die alten Propheten Israels die ‘großartige Eingebung des Einen Gottes gehabt.“ Das sagt Edmond Fleg. Und wir bekennen uns zu seiner Auffassung von den beiden untrennbaren Geboten, von der doppelten Aufgabe der Juden in allen Ländern, der deutschen Juden in. ihrem deutschen Vaterlande: „In allen Ländern seid, bis zum Opfer eures Le-4' bens, Bürger Eurer Länder; und seid zugleich Juden; weiht jedem Vaterland den Schatz an Menschentum, den ihr von Israel übernahmt; und der Friede eures Vaterlandes wird euer Friede seih, und der Friede der Menschen euer Friede. Also lehrte Jeremias Israel seihe Aufgabe, also wird Israel sie erfüllen.“ 2) Juden, die in irgendeinem anderen Lande wohnen und die auf ihren ausdrücklichen Antrag die jüdische Nationalität erhalten haben und Bürger des neuen Staates geworden sind;; 3) Juden, die Bürger ihres Heimatlandes sind, aber als nationale Minderheit durch die internationalen Verträge geschützt werden; 4) Assimilierte Juden, die die Nationalität ihres Heimatlandes besitzen und sich in nichts von den anderen Bürger dieses Landes unterscheiden. - Diese juristische Einteilung würde nach Meinung Weiters auch den tatsächlichen Verhältnissen entsprechen, d. li. den drei Geisteshaltungen, die es augenblicklich innerhalb der jüdischen Welt gebe. * Ich habe die Ausführungen des angesehenen Autors in der bekannten Pariser Zeitung deshalb so ausführlich wiedergegeben, weil sie mir symptomatisch erscheinen für die Einstellung weiterer ausländischer Kreise zum Judenproblem von heute, weil sie neuartig sind im Versuche seiner Lösung und nicht ohne'Bedeutung erscheinen in einer Zeit, in der sich der Völkerbund anschickt, die Ausdehnüng des Prinzips des Minderheitenschutzes auf alle-Völkerbundsmitglieder und damit auch auf Deutschland zu diskutieren, das ja formell noch zwei Jahre nach seinen Austritt als Mitglied im Völkerbund verbleiben muß. Im Uebrigen ist aber zu Weiters Ausführungen zu sagen, daß sie nicht ganz folgerichtig sind und daß sie auch der eigenartigen Lage, in der wir deutschen Juden uns befinden, in-keiner Weise gerecht werden. Denn selbstverständlich besteht für die deutschen Juden, seitdem die Rasse als entscheidendes Merkmal der Staatsbürgerschaft anzusehen ist, eine Assimilationsmöglichkeit überhaupt nicht mehr. So entfällt also — wenigstens für uns deutsche Juden —: Punkt 4 des Welterschen Vorschlages zur Lösung der Judenfrage ohne weiteres. Der Vorschlag der Gründung eines jüdischen Stadtstaates Tel-Awiw mit freiwillig sich zu ihm bekennenden Staatsangehörigen in aller Welt ist sicher sehr reizvoll, aber staatsrechtlich wohl nicht genügend durchdacht. Im Uebrigen dürfte sich wohl in der zionistischen Weltorganisation — auch abgesehen von zionistisch-revisionistischen Kreisen — niemand finden,- der für diesen Vorschlag Begeisterung empfindet, dessen praktische und vor allem psychologische Unmöglichkeit darzulegen nicht unsere Sache ist. Von einschneidender. Bedeutung scheint nfir jedoch Weiters Punkt 3 zu sein, in dem er von Juden spricht, „die Bürger ihres Heimatlandes sind, aber als nationale Minderheit durch' die internationalen Verträge geschützt werden.“ An gleicher-Stelle 'bin. ich vor kurzem auf das ungemein aktuelle und bedeutsame Problem des Minderheitenschutzes und auf seine Ausdehnung auf uns deutsche Juden eingegangen. Ich habe in dem damaligen Artikel „Minderheit. wider Willen“ in Nr. 54 der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ die Propagierung des Gedankens, aus uns eine „nationale Minderheit“. zu machen, unabhängig, von Zweckmäßigkeitserwägungen der Gegenwart, abgelchnt, und ich habe damals ausgeführt, daß eine Annahme der bekannten, von Polen beim Völkerbund eingebrachten Entschließung die innerliche Einstellung d.er deutschen Juden zu ihrem Vaterlande in keiner Weise berühren würde. Die Völkerbunds-Vollversammlung wird sich bereits am 10. September d. J. mit dem Anträge des Grafen Racziynsky zu beschäftigen haben. Es sei vor der für uns Juden so wich- tigen^/ölkerbundstagung nochmals und mit aller Deutlichkeit wiederholt: Wir deutschen Juden werden uns, gleichgültig, wie inan hierzulande oder in Genf über uns entscheidet, stets als Deutsche fühlen. Als Deutsche, sage ich, ebenso wie sich Englands Juden als -Engländer, die Frankreichs' und Italiens als Franzosen und Italiener fühlen. Aber auch als Juden, die durchdrungen sind von der Notwendigkeit, ihre Gemeinschaft, die Jahrtausende überdauert hat, iri sich und in Kindern und Kindeskindern zu erhalten. Weiter wirft uns vor, daß wir wiederholt in der Geschichte die Arme zurückgestoßen hätten, die sich uns öffneten. Wir wollen darüber nicht streiten — . aber wir müssen uns dagegen wenden, daß er Edmond Fleg als Kronzeugen für sich in Anspruch nimmt. Der berühmte Verfasser des r.Jiiif du Pape“ gibt die Antwort auf die von ihm gestellte Frage, warum . Israel in allen Ländern seiner Zerstreuung festhält an Zwei greise Wiener Anwälte verüben Selbstmord Erschütterndes Drama der Not Wien. In Wiener Anwaltskreisen liat sich ein erschütterndes Drama der Wirtschaftsnot abgespielt. Dort haben sich die Brüder Dr. Julius und Dr. Theodor Baumgarten in ihrer Wohnung mit Leuchtgas vergiftet. Die Brüder Baumgarten,, von denen Julius im 75. und Theodor im 72. Lebensjahr stand, entstammten einer alten jüdischen Gelehrtenfamilie. Ihr Vater war der Kunsthistoriker Emanuel Baumgarten, der lange Jahre dem Vorstand der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde angehörte. Ihr Großvater war der berühmte Rabbiner Abraham Prbßnitz in Kremsier. Die beiden Brüder haben, wie aus den hinterlassenen Abschiedsbriefen hervorgeht, ihre Verzweiflungstat infolge bitterster Not begangen. Sie gehörten zu den angesehensten Mitgliedern des Wiener Barreaus und behandelten vor dem Kriege alle großen Fälle auf dem Gebiet des Patent-; und Urheberrechts. In den letzten Jahren war jedoch die Praxis dermaßen zurückgegangen, daß sie wiederholt über finanzielle Schwierigkeiten klagten. Die beiden Brüder waren jedoch zu stolz, irgendwelche Unterstützungen in Anspruch zu nehmen. Ihren Entschluß, aus dem Leben zu scheiden, haben sie bei vollem Bewußtsein ausgeführt. Am Tag vor ihrem Selbstmord haben sie noch das Grab der Schwester besucht, die den beiden Junggesellen jahrzehntelang den Haushalt geführt hatte, und durch deren Tod sie ihre letzte seelische Stütze verloren hatten. Nach den Aussagen der Wirtschafterin der beiden greisen Anwälte, hatten die beiden Brüder vor ihrem Doppelselbstmord gemeinsam mit ihr noch Radio gehört. Als die Frau schlafen gegangen war, führten sie die Tat aus. Sie verstopften die Fugen der Tür, die zum Zimmer der Wirtschafterin führt, mit Zeitungspapier und dichteten auch das Fenster der Küche ab. Dann setzten sie sich auf zwei Küchstühle vor den Gasherd und öffneten den Hahn der Leitung. Erst am anderen Morgen 'wurde das erschütternde Drama von der Wirtschafterin entdeckt. Sofort angestellte Wiederbelebungsversuche waren vergebens. Wie groß die Not der Brüder Baumgarten gewesen ist, geht daraus hervor, daß man unter ihren Habseligkeiten ganze Bündel von Pfandscheinen über Schmuck und Möbelstücke gefunden hat, die die Greise allmählich' aus der Wohnung geschafft hatten, um sich vor Hunger zu schützen. Die Verzweiflungstat ist ein neuer erschreckender Beweis der allgemeinen Not der Angehörigen der freien Berufe und der Anwälte im Besonderen. * Ein Opfer der Not wurde auch der 71jährige Bergwerksbesitzer David Schneeberg, der gleichfalls Selbstmord verübt hat, indem er sich im Badezimmer seiner Wohnung mit. Leuchtgas vergiftete. David Schneeberg, der seit 18 Jahren in Wien wohnte, war in früheren Jahren ein sehr vermögender Maral. Sein Besitz — u.‘a. Beteiligungen an Erdölgruben im polnischen Naphthazentrum Boryslav — wurde auf viele Millionen geschätzt. In der späteren Nachkriegszeit verarmte er. Schneeberg sollte in den nächsten Tagen seine Wohnung räumen, da er die Miete nicht mehr aufbringen konnte. Keine Störung des jüdischen Neujahrsfestes London. Einige Londoner Zeitungen hatten gemeldet, daß die Schwarzhemden Sir Oswald Mosleys, die am Sonntag, den 9. September, ein Massen-Meeting im Hyde- Park abhalten, Oberfäl le auf Londoner Synagogen am Vorabend des jüdischen Neujahrsfestes planen. Demgegenüber ersucht Her Propagandachef der Union of British Fascists, William Joyce, die Jüdische Telegraphen-Agentur mitzuteilen, daß diese Nachrichten völlig unzutreffend sind. Es würden anläßlich Rosch Haschanah keinerlei j uden f e i ndl ic h e Kundgebungen veranstaltet werden. Die Faschisten hätten keinerlei Absicht, irgend einen Andachtsort anzugreifen und die Juden in ihren Synagogen zu stören. „Jeder Teil der Bevölkerung,“ heißt es in der Zuschrift, „hat das Recht zur .Ausübung seiner Religion. Ein Überfall auf die Synagogen wäre ein wahnsinniges Beginnen; denn es wäre gesetzwidrig und unsere Organisation beabsichtigt durchaus nicht, irgend etwas zu unternehmen, was den Gesetzen widerspricht.“ Heldenderikma! für einen gefallenen Grossrabbiner Paris. Am 2. September dieses-Jahres wird in Taintrux in den Vogesen ein von der französischen Regierung errichtetes Denkmal des Großrabbiners Abraham Bloch eingeweiht werden, der am 29. August 1914. unter erschütternden Umständen im Kriege fiel. Die französischen Behörden hatten in aller Eile eine Scheune als Kriegslazarett eingerichtet. Als dieses in die Feuerzone geriet, sollten die Verwundeten möglichst schnell aus der Scheune abtransportiert werden. Einer von ihnen war in besonders bedenklichem Zustande. Er bat den Großrabbiner von Lyon, Abraham Bloch, den er für einen katholischen Geistlichen hielt, ihm doch ein Kruzifix zu reichen, damit er es noch einmal küssen könnte. Bloch beeilte sich, den Wunsch des Sterbenden zu erfüllen. In dem Augenblick aber, als die Lippen des Verwundeten sich dem Kruzifix näherten, e x plodierteeine G.ra n a te neben dem Großrabbiner und tötete ihn. Nun soll das Denkmal künftigen Generationen Kunde geben von der vornehmen Haltung und der Selbstaufopferung des Großrabbiners. Es wird gemeldet: 1 STEMPEL - KLISCHEES Gravieranstalt Max Nehmitz NW 21, Rathenower Straße 23 I Wie aus einer amtlichen Mitteilung der „Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands“ hervorgeht, können an den im Oktober von der Berliner Akademie für ärztliche Fortbildung veranstalteten internationalen ärztlichen Fortbildungskursen wohl ausländische jüdische Ärzte, jedoch nicht jüdische Arzte aus Deutschland teilnehmen. * In Köln ist im Alter von 76 Jahren der Ehrenvorsitzende des Jüdischen Wohlfahrtsamtes, Bernhard Feilchenfeld, gestorben. Durch seinen Tod verliert das rheinische Judentum eine seine markantesten Persönlichkeiten. * Das ,,Nationalblatt-“, Koblenz, berichtet aus Kail: „Eine . große Anzahl von Bauerir unseres Dorfes kann, sich immer noch nicht entschließen, den Juden beim Viehhandel auszuschalten. Es vergeht keine Woche, ohne daß man nicht jüdische Viehhändler oder Metzger von Hof zu Hof gehen sieht. Deshalb richten wir an diejenigen Volksgenossen, die es angeht, die Mahnung: „Laßt den Juden vom Hof! Tätigt eure Ein- und Verkäufe mit deutschen Händlern.“ * Wie aus Waldenburg in Schlesien gemeldet wird, wurde als Nachfolger des Predigers Hermann W i c s e r, der nach Palästina übergesiedelt ist, Rabbiner Kokottek in sein Amt eingeführt. # Die Reichstheaterkammer hat die bisher strittige Frage entschieden, ob und inwieweit nichtarische artistische Unternehmer, Künstler und Agenten ihren Beruf ausüben können. Voraussetzung für die Ausübung dieser Berufe iit die ordentliche Mitgliedschaft im Reichsverband de? deutschen Artisten. Die Reichstheaterkammer hat die Entscheidung getroffen, daß Nichtarier, soweit sie Frontkämpfer, Kinder gefallener Frontkämpfer oder Väter gefallener Frontkämpfer sind, ordentliche Mitglieder des Reichsverbandes deutscher Artisten werden können und damit die Möglichkeit erhalten, ihren Beruf auszuüben. * Der D an ziger Senat hat die Ernennung von mehreren jungen jüdischen Juristen zu Assessoren abgelehnt und damit die Frage des jüdischen akademischen Nachwuchses in Danzig, wo es laut Verfassung keinen Arierparagraphen gibt, erneut aufgerollt.- - ' * Die Beisetzung des verstorbenen belgischen Gesandten; in den Vereinigten Staaten, Paul May, dessen sterbliche Überreste auf einem belgischen Kriegsschiff in Begleitung eines Vertreters des. Präsidenten Roosevelt nach Belgien gebracht wurden, fand auf den^ Antwerpener jüdischen Friedhof statt. Zur Beerdigungsfeier, hatten sich zahlreiche höhe Beamte der belgischen Regierung, mehrere ausländische Diplomaten, die Führer der großen jüdischen Organisationen Belgiens, die. Präsidenten der jüdischen Gemeinden Brüssel und Antwerpen, zahlreiche Gelehrte, Schriftsteller und Vertreter der Tagespresse eingefunden. * Anläßlich des 800. Geburtstages des Maimonides im März 1935 veranstaltet der. Verein „Hebraica“ in Buenos Aires eine Ausgabe von philosophischen, ethischen und medizinischen Werken Rambams in spanischer Übersetzung. Bedeutende Gelehrte haben zu. dem Sammelband Monographien über die einzelnen Gebiete der wissenschaftlichen Tätigkeit des großen jüdischen Gelehrten beigesteuert.

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