Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 71 (4.9.1934)
- Date
- 1934-09-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin Dienstag, 4. September 1934 Preis 20 Pfg. Nr. 71 — 14. Jahrgang 3für beutfdjes Subentum unb religiöfett Ulufbau Die „Jüdisch-liberale Zeitung«* erscheint zweimal wöchentlich» Dienstag» und Freitags Lösung der Judenfrage? Zum Vorschlag eines Franzosen Von Dr. Felix Heimann j Die Gesetzgebung, unter die wir Juden im nationalsozialistischen Deutschland gestellt worden sind, hat ihre Schatten weit über die Grenzen des Reiches hinausgeworfen. Es wäre Selbsttäuschung,-anzunehnehmen, daß die Maßnahmen, durch die wir. betroffen worden sind, ü b e r a 11 Ablehnung erfuhren. Die Gleichheit oder Aehnlichkeit wirtschaftlicher Gegebenheiten, die Schwierigkeiten, die sich für andere Völker aus der Einwanderung Emigrierter ergaben und ergeben, und manch andere Dinge: haben die Diskussion auch in solchen Ländern hervorgerufen mnd weitergetrieben, die sich bisher weniger mit dem Judenproblem beschäftigten. Es bandelt sich da nicht zuletzt 'um Frankreich, "Jenes Frankreich, das. bereits am 26. August 1789 die „droits de Phomme et du citoyen“, die menschlichen Grundrechte,, feierlich verkündete. Auch Frankreich hatte und hat seine judengegnerischen Politiker und Schriftsteller, und es hatte sein „Panama“ und die „Affaire“ des Hauptmanns Dreyfus, die die Wogen der Judengegnerschaft hochgehen ließ. Dann aber— seit fast einem Menschenalter — trat das Judenproblem immer mehr in den Hintergrund. Frankreich gehörte zu Jenen' Ländern, in denen es eine nennenswerte antisemitische Bewegung nicht mehr gab. Nun ist die: Diskussion über das Judenproblem auch dort wieder in Fluß gekommen, und es ist nicht ohne Reiz, festzustellen,' wie kluge Franzosen " die Dinge sehen, und was sie zur Lösung der Judenfrage vorzuschlagen haben. :lm „Mercure de France“ hat sich kürzlich G. Weiter, der bekannte Verfasser der Bücher: „Ce -qu’il faut savoir de la Russie Economique“ und „La France d’aujourd’hui“, in eigenartiger Weise über Notwendigkeit und Form des Interessenausgleiches zwischen den Juden und den Völkern, unter denen sie leben, ausgesprochen. .Weiter teilt die Geschichte der Juden in der Diaspora im großen und ganzen in drei Zeitabschnitte von sehr ungleicher Dauer ein. Der erste Abschnitt umfasse neunzehn Jahrhunderte und sei als „religiöse Epoche“ zu bezeichnen. Der zweite umfasse ein Jahrhundert, die „liberale Epoche“, und der dritte, die „nationalistische Epoche“ gehöre der Gegenwart an. Die Juden seien nun in der „religiösen Epoche“ nicht nur aus religiösen und wirtschaftlichen Gründen, sondern auch wegen ihrer selbstbetriebenen Absonderung von den Nichtjuden verfolgt worden. Man habe sie nicht nur als andersartig angesehen, sie wollten es auch sein. Auch in jener frühmittelalterlichen Zeit, in der es den Begriff „Ghetto“ noch garnicht gegeben ' habe, seien sie, anders als die anderen Völker, nicht in dem ungeheuren Schmelztiegel verschwunden, aus dem die heutigen Nationen hervorgehen sollten. Vielmehr seien die Juden, in Ablehnung der Verbindung mit den Nichtjuden, ihrer alten Rasse treugeblieben, sie allein hätten sich auch geweigert, den Gott anzubeten, zu. dem alle änderen sich bekannten. Weiter meint, daß die Bedeutung gerade dieser Tatsache nicht genug hervorgehoben werden könne; denn hier sei die Wurzel des Antisemitismus. Und er beruft sich auf Edmond Fl eg, der gesagt habe, das einzige, was man dem Juden ernsthaft vorwerfen könne, sei, daß er eben Jude sein wolle. Nach einem kurzen Blick auf die Verfolgungen der Juden im Mittelalter kommt Weiter dann auf den Sturz des „ancien regime“ und auf die auch für die Juden neue Zeit, die „liberale Epoche“ zu sprechen.' Nun seien sie nicht mehr die Verstoßenen gewesen, sie wurden gleichberechtigt. Sie waren, wenn Am nächsten Freitag: Doppelnummer Mit Beiträgen von Dr. Max Dienemann, Gerhard Goldschlag, Alfred fiadra, Rudolf Melitz, Hans Samter, Alice Stein-Landesmann, Heinrich Stern, Eugen Tannenbaum, Dr. Vogelstein u. a. auch nicht Arier, so ■ doch Bürger arischer Staaten. Sie hörten auf, Juden zu sein und wurden Israeliten, d. h. Staatsbürger jüdischen Glaubens. Der Traum des Liberalismus, der mit dem großen Kriege sein Ende gefunden habe, sei es gewesen, aus den- Juden Bürger wie alle anderen, Brüder in der Freiheit, zu machen. Aber die Juden hätten die Arme zürück- Wünsthe der Reichsvertretung zum Jahresbeginn Wille zur Gemeinschaft - Wille zum Opfer Zum Beginn des neuen J ihres (spricht die Hel eher ertretnng allen .Gemeinden und allen MInnern und Franen ln Ihnen; dem alten nnd dem jungen Geschlecht, ln treuer Verbundenheit herzliche Wünsche aus. Aller Wunsch, ob wir ihn darbringen oder ihn empfangen, setzt eine Bereitschaft voraus. Zwiefach ist sie in diesen ernsten Tagen von uns gefordert; als der Wille zur Gemeinschaft und als der Wille zum Opfer. Wir sind' mehr denn je auf uns selbst gewiesen. Nur wenn. wir Zusammenhalten, frei von Eigensucht und Eigensinn, und nur wenn eines jeden KBnneo, auch eines jeden Nabe dem verbindenden Ganzen dienen will, nur dann werden wir bestehen» Mahnung uod Bürgschaft dessen zu sein, das Ist die gro0e Aufgabe der Reichsvertretung, ln dem Willen zu ihr spricht der Wille zur Gemeinschaft und zsm Opfer. Möge er sich Im neuen Jahre bewähren. . Die Reichsvertreiung der deutschen Juden gez. Baeck gestoßen, die sich ihnen öffneten. Zum zweiten Mala in der Weltgeschichte habe sich der Jude geweigert, in der christlichen Welt aufzugehen. Das alte semitische Element blieb lebendig. . Und nun kommt der Autor auf die dritte, die „nationalistische Epoche“ zu sprechen. Das Erwachen des Nationalismus in den letzten Jahren habe alle Völker ergriffen, das „Volk Israel“ nicht ausgenommen. Diese nationalistische Einstellung auf beiden Seiten habe naturgemäß den Antisemitismus wieder erwecken oder vielmehre i n cn neuen Antisemitismus ins Leben-rufen müssen^ Heute werfe man im allgemeinen dem Juden nicht mehr vor, daß er einen anderen Glauben habe, sondern daß er einer fremden R a s s e angehöre. Ghetto oder .Palästina — das sei die Alternative für die Juden von heute. Und nachdem Wetter soweit gekommen_Ut, macht er einen grandiosen Qedankensalto. Er geht, auf das „Selbstbestlnrniungsrecht“ ein, das die Juden fordern, beschäftigt sich mit dem Zionismus, dessen, Leistung er hervorbebt, ohne jedoch seine praktische Bedeutung 'zu überschätzen, angesichts der Ansiediung von nur 200 000 bis 300 000 bei etwa fünfzehn Millionen Juden, die.es auf der ganzen Welt gibt. Es'sei, matcrieil unmöglich, daß derZionismusdie jüdische Frage löse. Trotz seines glühenden Verlangens werde es ihm nie. gelingen, aus ganz Palästina einen Judenstaat zu machen.: England werde sich dem aus strategischen, diq Araber Palästinas aus nationalen, die christlichen Kirchen aus religiösen Gründen widersetzen. ' ~ Aber man könne Ja den Oeni es freie h Mussolinis nachahmen, derdie Frage des Kirchenstaates dadurch gelöst habe, daß er aus dem Vatikan eine souveräne Stadt machte,- Er, Weiter, schlage daher folgendes vor: Die Stadt Tcl-Awiw und ihre Umgebung, der Mittelpunkt der jüdischen . Kolonisation in Palästina, eine Gegend zugleich, in der es keine Araber gebe, sei zum Juden Staat zu machen. Dieser- Staat würde vollkommen unabhängig sein. Seine Souveränität solle von den drei Weltmächten Frankreich,' England . und Vereinigten Staaten garantiert werden. Das Besondere dieses Juden- (Fortsctzung auf-der 2. Seite.) Direktor Stahl und Rabbiner Dr. Warschauer „Es gibt nur eine Gemeinde. Daß heute allgemein-jüdische Fragen auf ein sehr starkes Interesse stoßen, bewies ein überfüllter Gemeindeabend in der Neuen Synagoge, der mit dem Thema „Der Weg zum Judentum“ stattfand. Rabbiner Dr. Warschauer und Direktor Heinrich Stahl hielten Ansprachen, die von einem reichhaltigen musikalischen Programm umrahmt wurden. Neben dem Chor der Neuen Synagoge hörte man Alice Geisenberg.die mit Arien von Händel und Haydn großen Beifall fand. Oberkantor Lewandowski trug mit seiner schönen Stimme biblische Gesänge eigener Komposition vor. Den Höhepunkt des musikalischen Teils bildeten Gesänge von Glück und Mendelssohn, die Oberkantor G o 11 a n i n meisterhaft zu Gehör brachte. Rabbiner Dr. Warschauer führte aus, daß es nicht in erster Linie auf den Weg zum Judentum ankommc, sondern auf den Weg ins Judentum hinein. Wir,haben den Weg zu finden in ein lebendiges Judentum, das uns und unser Leben erfüllt. Wo erleben wir nun das Judentum? Zunächst im Gottesdienst. Die gemeinsame Andacht erweckt in uns das Bewußtsein, Glied einer großen von Gott gewollten Gesamtheit zu sein. Um nur ein Beispiel zu nennen: Was gibt es Erhabeneres, als wenn am Ausgang des Versöhnungstages sich die Genfeinde wie ein Mann erhebt und das Bekenntnis ablegt: „Schma Jisroel . . .!“ Neben dem Gotteshaus steht bei uns Juden das Haus, neben der Gemeinde die Familie. Hier wird Judentum erlebt und soll erlebt werden. Wir erleben das Judentum aber auch anderswo, nämlich überall dort, wo. es um jüdische Dinge geht, wo nach Zielen jüdischen Lebens und jüdischen Geistes gestrebt wird. Viele glauben, der Weg zum Judentum sei vor allem ein Weg zum Wissen vom Judentum. So wichtig dieses Wissen auch ist, cm Weg zum Judentum ist es nur dann, wenn es ein jüdisches Erauf dem Gemetadeabend es gibt nur ejn Judentum“ leben ist. Nur ’ wer sein Judentum liebt, wird es verstchcn_ und erleben. . — Erst die Ereignisse des letzten Jahres haben dazu geführt, daß wir uns als Gesamtheit fühlen. Die Sorgen um das Judentum sind die Sorgen um den Einzelnen und die Sorgen des Einzelnen. Bisher bekümmerten sich nur wenige um die Gesamtheit. Es ist notwendig, m lebendiger Teilnahme in die Arbeit der Gemeinde hincinzugchcn, auch hinein in die Parteikämpfe, wie überhaupt sich um die Bestrebungen zu bekümmern, die Gegenwart und Zukunft behandeln. Nur so leben und erleben wir das Judentum. Ein weiterer Weg ist die jüdische Schule, die Warschauer trotz mancher Bedenken aufs wärmste befürwortet. Sehr wichtig sind schließlich auch die jüdischen Jugend- Vereinigungen. Finden docK hier die Jungen jüdische Kameradschaft, jüdischen Stolz und. die Kenntnis dessen, worauf es für das Judentum ankommt. So gibt es Wege fiir Alte und Junge. Das ist das Wesentliche: „Mit uns Jungen^ und mit uns Alten wollen wir gehen den Weg in unser geliebtes Judentum!“ ' . Direktor Heinrich Stahl wies auf die wichtige Aufgabe hin, diejenigen zu gewinnen, die sich in vergangenen Zeiten vom Judentum absonderien und auch heute noch nicht den Weg zurückgefunden haben. Es gilt, oft auch durch persönliche Einwirkung, ihnen die Eingliederung in die Gemeinschaft zu erleichtern. Neben den religiösen Aufgaben gedachte der Redner.auch der sozialen Pflichten,—die der einzelne gegenüber seinen jüdischen Mitmenschen hat. Wir müssen einig sein und wir sollen einig sein.- Im Andersdenkenden" ist nicht der_ Gegner und Feind zu erblicken. Dies sei da» Geleitwort und Ideal am Vorahcnd des neuen jüdischen Jahres: Es gibt nur eine Gemeinde, es gibt nur ein Judentum!. —mt—.