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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-08-28 · 69 (28.8.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
69 (28.8.1934)
Date
1934-08-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Berlin Dienstag, 28. August 1934 Preis 20 Pfg. Nr. 69 —14. Jahrgang zu Berlin. pc heutiges Subentum unb religiöfen Aufbau Herausgeber: Hanns Loewenstein Die »Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint zweimal wöchentlich! Dienstags und Freitags Revision de» religiösen Liberalismus / Ein jüdischer Gelehrter ' zum 60. Geburtstag Prof. Ismar Elbogens Drei Forderungen Von Heinz Kellermann Heinz Kellermann knüpft hier an seinen in fier vorigen , Nummer der ,JIZ“ veröffentlichten Situationsbericht über ' die Stellung der jüdischen Jugend zum religiösen Liberalismus den Versuch an, eine Methode zu finden, die die Forderungen der Jugend mit den Probtemen des religiösen Liberalismus in Einklang bringt. Auch der religiöse Liberalismus muB sich diese Bedingungen gefallen lassen,' wenn er auf die Gefolgschaft der jungen Generation "rechnet. Dreierlei Vorwürfe muß er heute hören: Zuwenig Realität, zu wenig Totalität, zu w enig-O es c hl chi s bew u ßts e in.- Zu wenig Realität. Der religiöse Liberalismus hat — wenn man so sagen darf — immer an einer Oberkompensierung der Idealität über die Realität gelitten (so wie. wir heute unter der Übeikompensierung der Realität über die Idealität zu leiden haben). Dem liberalen Juden in der Ruhestellung der vergangenen Jahre war die Oberwirklichkeit näher als die Wirklichkeit und bei dem Worte Judentum verließ er den Boden der Tatsachen und hob sich redselig in höchste Höhen. Eine Zeit aber wie die unsere ist für andächtige Schwärmerei nicht geschaffen. Sie fragt nach ersten Wahrheiten und nicht nach letzten Wahrheiten. Es ist an der Zeit, daß sich der Liberalismus einmal von seinem Katheder herunter bemüht. In einer; Zeit beschränktesten Ausblicks ist es ein Unding, nur höchste Gewißheiten gewaltsam in“ engste Bewußtheiten zu pressen, ist es ein Unding, beim Worte Judentum nur an eine jüdische Religion und nicht auch an jüdische Existenz zu denken. So gesehen, müssen die großen Worte von den „ewigen Wahrheiten und sittlichen Grundgeboten“, von der „Gottesebenbildlichkeit“ und „Gotteskindschaft des Menschen“, Worte, wie sie sauber und gewissenhaft in den „Richtlinien“ zu lesen sind,' zu Gleichungen mit restlos unbekannten Größen werden. Hier stellt die Jugend ihr Schicksal dagegen, jenen Boden, aut den der jüdische Mensch 1934 aus den Himmeln der Selbstvergessenheit gewaltig zurückgeschleudert wurde. Hier fragt die Jugend mit Macht nach den realen Werten, die in jene zur Gänze' ausgeleerten, aber zu Unrecht hohl gewordenen Begriffen als da sind: Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe ein-, . zusetzen sind. Hier fehlt der praktische Kommentar zum täglichen Gebrauch der „ewigen Wahrheiten“, der sie aus einem bloßen Geschwätz zu einer greifbaren Wirklichkeit werden läßt. Zu wenig Totalität. Mit dem Jahre 1933 .hat das deutsche Judentum aufgehört, nur eine Religionsgemeinschaft zu sein. Das geschichtliche Erlebnis unserer Tage hat auch den letzten aller areligiösen Juden zur Verantwortung gezogen und ihn vielleicht mehr noch als den stets bewußten Juden. Der ganze jüdische Mensch ist im Innersten getroffen, nicht nur der Synagogenbesucher und nicht nur der jüdische Funktionär. Der ganze jüdische Mensch verlangt. nach einer Antwort, die für sein ganzes Sein und Leben verbindlich werden kann. Erhält der religiöse Liberalismus seinen Anspruch aufrecht, nicht nur ein Kapitel Judentum für die reifere Leserschaft, sondern als' das geistige und geschichtliche Korrektiv des religiösen Gewissens eine Neuauflage des gesamten Judentum zu sein, so muß er aufhören, sich auf die Sache des Gottesdienstes, die Sprache des Gebetes zu beschränken, weil das Judentum aufgehört hat, sich darauf zu beschränken. Der religiöse Liberalismus darf dem fragenden jungen Juden keine Antwort schuldig bleiben. Um so mehr kann er der Gefahr entgehen, zur Historie zu werden, nur so wird er imstande sein, die Wahrheit des Judentums vor allen Fälschungen zu retten, zu denen Geschichte und Geschichtsdeutungen heute verführen. Alle wahre Reform ist nicht eine Reform von Formen oder Formulierungen, sondern eine Reform von Menschen. Die junge Generation hat diese Entdeckung schon in die Tat umgesetzt. In ihren „Bünden“ sucht sie nach dem Lebensstil und Lebensinhalt des „neuen - Menschen“. Hier Richtung und Stoff zu bieten, ist nicht nurwertvollste und wichtigste Aufgabe, sondern die Lebensfrage des religiösen Liberalismus. Zu wenig Geschichtsbewußtsein: Bei. all dem ist, wie mir scheint, ein pädagogischer Zugang zur Jugend vor allen anderen, möglich, der der Geschichte. Nicht nur deshalb, weil der jüdischen Jugend die Geschichte jüdische Gegenwart und die Gegenwart jüdische Geschichte ist, nicht nur deshalb, weil die JFngend ihr Judentum in .der Geschichte entdeckt hat, sondern weil auch die Frage nach ihrer Zukunft eine geschichtliche Antwort erwartet. Der jüdischen Jugend in Deutschland scheint jüdische Geschichte in einen bedeutungsvollen Dualismus einzumünden: Erez Jisroel oder Galüth. Welches ist der rechte, der jüdische (Fortsetzung auf der 2. Seite.) Protestversammlung in Paris Wiederaufleben judenfeindlicher Ausschreitungen in Algerien? Paris. Die blutigen Unruhen in der algerischen Stadt Constantine drohen sich nach einer Meldung des „Matin“ in Bö ne zu wiederholen. Zwischen den eingeborenen . Arabern und den Juden herrsche ein wahrer Kriegszustand. Die Behörden haben umfangreiche Vorkehrungen getroffen, um die Ruhe aufrechtzuerhalten. Bewaffnete.. Gendarmerie- und Polizeipatrouillen durchziehen die Stadt: Auch in einigen Städten in Tunis rechnet man angesichts der in letzter Zeit verstärkten, antisemitischen Propaganda mit der Möglichkeit ähnlicher Exzesse, wie sie sich in Algerien ereignet haben. Die jüdische Bevölkerung ist m vielen Ortschaften von einer Panik erfaßt. Gegen das Verhalten der Behörden anläßlich der Ausschreitungen in Algerien, hat in Paris eine Massen- Protestversammlung stattgefunden. U. a. wurde die Regierung aufgefordert, bekanntzugeben, warum die antisemitische-Hetze zugelassen, militärische Hilfe nicht sofort in Anspruch genommen und eine Bestrafung der verantwortlichen* Beamten nicht vorgenommen wurde. Wie weiter aus Paris gemeldet wird, wird es in einem offiziellen Bericht des jüdischen Konsistoriums aus Constantine mit aller Entschiedenheit in Abrede gestellt, daß, wie es in Zeitungsmeldungen über die Unruhen in der algerischen Stadt hieß, ein jüdischer Soldat sich in der dortigen Moschee in einer die religiösen Gefühle der Mohammedaner verletzenden Weise betragen und damit die Unruhen provoziert hat. Es wird festgestellt, daß es sich um einen w oh 1 vor be reite ten Plan zur Plünderung des jüdi- ,schen Viertels gehandelt hat. Ein Jüdisches Lehrhaus in Berlin Die Freie Jüdische Volkshochschule E. V. wird mit dem Beginn ihrer Winterarbeit m ein Jüdisches Lehrhaus umgestaltet. Der Arbeitsplan des Jüdischen Lehrhauses Berlin wird eine große öffentliche Vortragsreihe über das Gesamtthema „Jüdische Gegenwart: Tradition und Leben“ und etwa 50 Arbeitsgemeinschaften und Lehrgänge umfassen, gegliedert in die Abteilungen Land und Lehre, Natur, Geschichte,' Gesellschaft und Kunst. Das Planheft des Jüdischen Lehrhauses wird Mitte September im Druck erscheinen. Eine der markantesten Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinschaft, der jüdische Geschichtsforscher Professor Dr. Ismar Elbogen, begeht am (.September seinen 60- Geburtstag, Seitens zahlreicher jüdischer Körperschaften in Deutschland werden Ehrungen des hervorragenden Gelehrten vorbereitet. Ein Gesamtbild der' Leistungen des großen Gelehrten und seiner Verdienste um das religiös-liberale Judentum zeigen die Beitrüge von Rabbiner Dr. Max Dienemann, Rechtsanwalt Heinrich Stern und Professor Dr. Eugen W oj b e anf, die wir nachstehend uud auf der 2. Seite veröffentlichen. Dem SethziBiährigen _ Von Heinrich Stern Dem großen Lehrer und Forscher des Judentums, den heute dieganze jüdische Welt mit Dankbarkeit grüßt, -darf auch das religiös-liberale deutsche Judentum aufrichtigen Gruß und Wunsch entgegenbringen: An dem Kernstück unseres religiösen- Lebens, am Gottesdienst, hat Ismar Elbogen bewiesen, was wahreraufbauender religiöser Liberalismus bedeutet. Seine ins Einzelne gehende-Forscherarbeit, die aufbaut auf den großen Vorbildern der 'jüdischen Gemeinschaft des 19. Jahrhunderts und doch noch weit über sie hinausgeht, bat uns bestätigt, daß die Reformbewegung, auf der wir aufbauen, geschichtlich berechtigt und jüdisch notwendig ist. Sie hat uns aber auch gelehrt, den bedeutsamen Kem unseres Gemeinschaftslebens zu bewahren und fortzupflanzen. Echte_ Tradition ändert nicht um niederzureißen, sondern um zu erhalten. Generationen liberaler Lehrer, Forscher und Rabbiner haben zu Eibogens Füßen gesessen, sein Wissen und seine Auffassung vom Judentum in die Gemeinden weitergetragen. Es war selbstverständlich, daß das deutsche liberale Judentum ihn als einen seiner vornehmsten Vertreter auch in den Vorstand des Wel t v e rband-es fürreligiös liberales Judentum berief, und ich darf heute namens aller, die dort mit Elbogen zusammengearbeitet haben, ihm für Anregung und Tat danken, die er uns vielfach gewährt hat. Wer die Ehrfurcht und Liebe gesehen hat, die ihm alle Führer des liberalen Judentums diesseits und jenseits des Weltmeeres entgegengebracht haben, der wird stolz darauf sein, daß dieser Mann zu uns gehört und an unserer Aufbau- Arbeit mit tätig ist.' Ihm hierfür zu "danken und ihm Kraft für lange Jahre weiterer Arbeit zu wünschen, ist heute Pflicht' und'Glück aller liberalen Juden. Von der Beförderung ausgeschlossen Zur Beachtung bei Vorschlägen für die Beförderung von Beamten weist der Reichsminister des Innern'in ' einem Erlaß darauf hin, daß solche Beamte, dienach ihrer früheren Betätigung oder Parteizugehörigkeit, insbesondere zur sozialdemokratischen oder Staatspartei nicht, die unbedingte Gewähr dafür bieten, daß sie jederzeit für den nationalen Staat eintreten würden, vorläufig von einer Beförderung ausgeschlossen bleiben müßen. Ebenso sind Beamte außer Betracht zu lassen, die sich gegen die nationale Erhebung gestellt haben, und solche, die nicht reinarischer Abstammung oder mit einer Frau nichtarischer Abstammung verheiratet sind. Der Reichsminister macht für die Berücksichtigung in Einzelfällen einen Vorbehalt. Diese Grundsätze erhalten nicht nur für die Reichsbeamten, sondern auch für die Länderbeamten und Lehrer und für die Oemeindebeamten und Beamten der Körperschaften des öffentlichen Rechts Geltung.

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