Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 67 (21.8.1934)
- Date
- 1934-08-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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14 .Jahrgang Nummer 67 3iidifd)-H6eta(e 3eitang Beilage 21. August 1934 Was Juden der-Welt gegeben haben Die Vorläufer Jüdische Erfinder und Entdecker ,Man hat es — allerdings erst seit dem bekannten Babel- und Bibelstreit — den Juden öfter zum Vdrwurf gemacht, daß sie nur Nachahmer und Nutznießer fremden Geistes seien, aber selbs t jeder Originalität entbehrten. Sogar die zehn Gebote und noch hundert andere der edelsten Menschensatzungen („Liebe deinen Nächsten \vieTdich selbst“ und ähnliche) seien nicht jüdischer Wesensart, sondern dem Sittlichkeils- und Sittegefühl anderer, älterer Kulturvölker entsprungen. Hammurabi z. B; habe bereits ähnliche Verordnungen erlassen, fast eintausend Jahre vor der Gesetzgebung am Sinai. Aber auch solche Kritiker, die sich nicht der Babel- . Bibel-Hypothese änzuschließen vermochten, behaupten nicht selten, daß zumindest auf anderen als auf religiösen Gebieten die Juden nur Nachempfinder wären. Musik, bildende Künste, Wissenschaft und Technik in all ihren vielen Ausstrahlungen seien ein von anderen Völkern oder Rassen vorbereiteter und besamter Boden, dessen Früchte von den Juden geerntet und einer, zuweilen allerdings recht originellen, Verarbeitung unterzogen werden. - Wenn man aber objektiv, gerecht und frei von Vorurteilen die Geschichte der Künste, der Wissenschaften, der Industrie und Technik studiert, so wird man doch aus solchem Studium mancherlei Belehrung schöpfen, die zu wesentlich anderen Resultaten und zu einer wesentlich anderen Meinung führen muß. Schon im T a 1 m U d finden sich ganz eigenartige Sätze, die darauf hindeuten, daß sogar manche Errungenschaft der neuesten Zeit in jenen Tagen, in denen der Talmud entstand, .vorgeahnt worden ist. Hier aber handelt es sich darum, einige Männer zu erwähnen, die als Vorläufer jener bedeutenden Erfinder gelten müssen, die der Welt das Radio, das Luftschiff, das Auto, die Rechenmaschine geschenkt haben und dadurch Weltruhm und — wenn auch nicht alle — sehr viel Geld erworben haben. Die Vorläufer gingen allerdings leer aus. Fantasien ln der Uhrmacherwerkstatt ln einem kleinen polnischen Nest, in Hrubieszow, wurde ein Judenkind geboren, Abraham Stern. Von ganz armen Eltern, die dem Kind nichts anderes geben konnten als jene jüdisch religiöse Erziehung, wie sie der Cheder jener Tage und Dörfer zu vermitteln vermochte. Aber auch das nicht lange. Das Kind zeigte mehr Basteials Sinniertalent, und an wirklichem Räderwerk fand es mehr gefallen als an dem komplizierten Räderwerk talmudischen Geistes. Man gab also das Kind zu einem jüdischen Uhrmacher in die Lehre, und der junge Abraham begann bald seinen Erfindergeist spielen zu lassen. Ein angesehener Pole, Staszye, kaufte damals das Dorf, das zu einem großen Gute gehörte und wurde auf die Arbeiten Abrahams aufmerksam gemacht. ■ Der Gutsherr — übrigens früher katholischer Geistlicher — riet Abraham, nach Warschau zu gehen und dort ernsthafte mathematische und technische Studien zu treiben lind unterstützte diesen Rat durch die entsprechenden geldlichen Mittel. Trotz seiner mangelhaften Vorbildung machte Abraham rasche Fortschritte auch in technisch-praktischer Hinsicht. Er erfand eine Drehmaschine, einen Triangel, der den Ingenieuren dflß bisher angewendeten unbequemen Meßtisch ersetzte, und nebst anderen kleinen technisch neuen Hilfsmitteln, die erste Rechenmaschine, die das größte Aufsehen erregte. Abraham Stern wurde Mitglied wissenschaftlicher Akademien, wurde in technisch-wissenschaftliche Kommissionen als Mitglied gewählt, und es war originell, mit welcher Achtung man den Vorträgen dieses polnischen Juden zuhörte, der nie anders als in der landesüblichen Kaftantracht einherging. Mit seiner hohen Stirne, den klugen, noch im Alter feurigen Augen und dem silberweißen Patriarchenbart war er eine interessante und achtunggebietende Erscheinung. Abraham Sterns Rechenmaschine war ein Wunderwerk der Mechanik. Sie vermochte jede Art von Rechnungen auszuführen, auch Quadrat- und Kubikwurzeln auszuziehen und andere rechnerische Kunststücke zu vollführen. Es sind jetzt hundert Jahre her, daß dieses Meisterstück alle Welt in Bewunderung versetzte. Im Hause des Füreten Radziwill ließ sich der Kaiser Alexander von Rußland, der. selbst ein guter Mathematiker war, von Stern die Maschine vorführen tind prüfte die Richtigkeit der Resultate. Das Geheimnis der Maschine, das Stern für sich behalten hatte, wurde nicht ergründet. Trotz aller äußeren Ehren blieb Abraham Stern ein strenggläubiger Jude und — arm. Er hat' es nicht verstanden, vielleicht auch nicht ersehnt, aus seinen Erfindungen Kapital zu schlagen. Der Erfinder des Benzinautos Irgend ein materielles Erträgnis brachte auch die Erfindung des ersten Benzinautomobils dem Ingenieur Siegfried Marcus nicht ein. Dieser, ein Mecklenburger, hat gleichfalls mehrere interessante Erfindungen gemacht: den ersten brauchbaren Seismographen (Erdbebenmesser), den ersten elektrischen Zünder für Unterseeminen und eine Thermo- säule. Für den Zünder gab es eine Anerkennung der Behörde,'für einen Feldtelegraphen im Kriege 1870/71 ...eine Anerkennung des Generals Graf Blumenthal, für die Thermosäule von der Akademie die große goldene Medaille und 200 Gulden. Für die Erfindung des Autos gab es gar nichts -Tdie kostete nur Geld. Als zehn Jahre nach dem Tode des Erfinders auf Anregung des Schriftstellers Dr.’ ing. h. c. M. Feldhaus am Geburtshause von Siegfried Marcus in Malchin eine Gedenktafel angebracht werden sollte, bedurfte es erst einer Verfügung des großherzoglich mecklenburgischen Ministeriums, ehe die Stadtverwaltung und der Eigentümer des Hauses in Malchin ihre Zustimmung gaben. Ballonbau auf dem Tempelhofer Feld Gleichfalls nicht-mit G1 ücksgutem aus seinen Erfindungen gesegnet war der ungarische Jude David Schwarz, der als der eigentliche Erfinder des Lcnkbaüons zu gelten hat. Er konstruierte das erste Aluminiumluftschiff, das, sogar mit Beihilfe des deutschen Generalstabes, auf dem Tempelhofer Feld gebaut wurde. Das war in den Jahren 1895 bis 1897. Es ist begreiflich, daß die ersten Versuche nicht gleichem vollkommen befriedigendes Resultat liefern konnten — immerhin hat Schwarz den starren Ballon in der heute sieghaften Zeppelinkonstruktion erdacht und zum ersten Male in- Ausführung gebracht. Der Tod hinderte den Erfinder Schwarz, dem Luftschiff die nötige Vollkommenheit zu geben. Das vermochte erst Graf Zeppelin, der auf Grund einer Vereinbarung mit der Witwe des Erfindersdie weitere Ausgestaltung des Luftschiffes in die Hand nahm und zum giege führte.' Übrigens ist auch der Chefingenieur der Zeppelinwerke und Assistent Dr. Eckeners, Dr. Arnstein, ein Jude. Ein Vorläufer für drahtlose Telegraphie war der jüdische Ingenieur M. Eisenstein, der ein neues System erdacht hat, durch das ein Telegraphieren ohne Draht auf sehr weite Strecken zuerst erprobt wurde, undzwar von Petersburg nach Konstantinopel. Was der Halbjude Heinrich Hertz für das Funkwesen (Hcrtzsche Wellen) wie* überhaupt für die physikalischen Wissenschaften bedeutet, braucht nicht erst betont zu werden. Ueber die Benutzung der Naturkräfte Die Idee der elektrischen Kraftübertragung auf weite' Strecken stammt von dem Wiener Ingenieur Joseph Popper, der der .Wiener Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften . bereits im Jahre 1862 unter dein. Titel „über die Benutzung der Naturkräfte“ eine Abhandlung eingureiclit hat. In dieser Abhandlung erläuterte er den Plan, die Kräfte von Ebbe und Flut, von Wasserfällen, die Kraft des Windes in Elektrizität umzusetzen und diese auf weite Strecken nach Orten zu leiten, wo sie industriell nutzbar gemacht werden können, und wo -solche billigen Naturkräfte nicht vorhanden seien. Die Zeit für die Verwirklichung dieser Idee war aber noch nicht gekommen. Popper hat auch das „Gyroskop“ erfunden, das den rotierenden Kreisel benutzte, um die Schlingcrbewegungeu auf Schiffen, Luftschiffen, Torpedos zu stabilisieren. Als philosophischer Schriftsteller hat sieh Popper unter dem Pseudonym „Ly nkeus“ einen' Name» gemacht. . Das wären nur einige wenige von den vielen jüdischen Erfindern, die eigene Ideen hatten, eigene 1 Arbeiten ausführten, und deren Erfindungen auf dem Gebiete der Technik als bedeutende Fortschritte gebucht werden müssen. Ihre Namen und die vieler anderer jüdischer Erfinder sind in den Fachwerken über Technik, Industrie, Physik, IVjcchanik, Mathematik rühmend erwähnt und ihre Arbeiten eingehend gewürdigt. Tecfmlcus. Richard Wilde erzählte "Diq 6himö Ganz leise, um die kleinen Zwillingsschwestern nicht aufzuwecken, war Karel aus seinem Bett gestiegen. Sein Kopf glühte, und doch fröstelte ihn, wie ec nun auf nackten .Fußen zur Tür des Nebenzimmers schlich, des Schlafzimmers der Eltern. . Karel spähte durch das Schlüsselloch. Er sah mir das Nachtlämpchen mit dem grünen, schon etwas zerschlissenen Seidenschirm, der das Licht abblendete. Aber er hörte die flüsternden Stimmen der Eltern, hörte das glucksende Geräusch, mit dem das Wasser aus einer. Eisblase geleert, wurde. Und dann vernahm er einen wilden Schrei, wie die schnürende, würgende Angst ihn erpreßt. An allen Gliedern zitternd, lauschte der Knabe. Da drin rang Benjamin, sein vierjähriger Bruder, mit dem Tod. Der zärtliche, schüchterne Benjamin, den er so sehr liebte. Karels Augen füllten sich mit Tränen. Aber er beherrschte sich," daß das Schluchzen, das ihm in die Kdhle stieg, nicht zum Weinen wurde. Unaufhörlich sprach nebenan das kranke Kind in seinen Fieberphantasien. Ganz schnell — und so fremd, so unwirklich. Jetzt ein irres Lachen, und darauf wieder dieser entsetzliche Schrei. Was mochte Benjamin erblicken? Sah er den Todesengel, der sich über sein Lager beugte? Karel wußte, der Arzt hatte gesagt, nur ein Wunder könne den. Bruder retten. Und er wußte auch, was Michalina, die alte Magd, gesagt hatte. Er sann ihren Worten nach, wie er schon gestern abend getan hatte und weiter nachher, bis der Schlaf ihn in die Arme genommen hatte. Auf den Zehenspitzenging Kare! zurück an sein Bett. Vorsichtig tastete er nach den Kleidern, die zur Seite auf 'einem Stuhl lagen, und kleidete sich hastig an. ‘ Noch einmal horchte er nach drüben. Er preßte die Hand auf die Lippen, daß sie nicht einen Wehlaut hervorließen. Schritt für Schritt, immer wieder innehaltend, durchquerte er den Raum. Leise stieg er die Treppe hinunter. Er - kannte jede knarrende Stufe und mied sie, indem er gleich auf die nächste trat. Wie stetsin der Nacht, hing der Hausschlüssel neben der Tür. Karel reckte den Arm, um ihn zu erreichen — nun drehte er sich im Schloß . . . Da war die Straße. Das Mondlicht zeichnete in ihre Enge die scharfen Schlagschatten der Häusergiebel. Karel, der noch nie um diese Stunde hier gewesen war, hemmte unwillkürlich den- Fuß. Das war doch nicht diefreundliche, vertraute Gasse, in' der er zu spielen pflegte? So fremd sah das alles aus, so geheimnisvoll ... Er spähte in das Dunkel, das seine wache Phantasie mit tausend Schrecken bevölkerte. Aber es mußte sein — er rung fort. Und nun,_da er in den Mondschein'hinaustrat, erkannte Karel ihn auch: das war ja Starosczinski, der Nachtwächter ... - Er ließ den Altenvorüber, wärlefe noch ein Weilchen,’ bevor er selbst sich aus seinem Versteck löste und weiterschritt. - Er ging schneller und schneller, als werde er gejagt. Und doch hätte die Begegnung mit dem Nacht- — Wächter ihm eine gewisse Beruhigung gegeben. Ein kleiner Platz öffnete sich — Karel war am Ziel. Dort drüben erstreckte sich weiß im Mondllcht die Friedhofs-', mauer. Ein Schauer ging über den Knaben hin. Aber dann dachte dachte er an seines Vaters Wort: „Die Toten tun einem nichts — nur die Lebenden“ und überwand den Zwischenraum bis zu der Friedhofspforte. — Sie war verschlossen, wollte dem Druck seiner Hände nicht weichen. Und die Mauer war zu hoch, als daß er sie hätte ersteigen können. , Was hatte er sich eigentlich gedacht? Daß der Friedhof Tag und Nacljt-Ttu-. gänglich sei? Und doch, er mußte ja hinein! Denn jetzt . eben begann eine Turmuhr Mitternacht zu schlagen. Karel versuchte, sich zwischen den Eisenstäben der Pforte 'hindurchzuzwängen. Oanz schmal machte er sich, hielt den Atem ah. Es gelang — nur seine Wangen, an denen das Gitter die Haut abgeschürft hatte, bluteten ein wenig. Karel hatte nie den Friedhof betreten dürfen, da seine' Eltern ja.uoch lebten. Aber er. hatte sich von Michalina genau den Weg beschreiben lassen, der zu dem Grab des Wunderräbbi führte. Erst geradeaus bis zu dem Erbbegräbnis der Familie Fischei und gleich rechts davon . . Der Knabe rannte den kiesbestreuten Pfad hinunter. Er erschrak vor dem Klang seiner Schritte, sein Herz,pochte mit rasenden Schlägen, und bald da, bald dort gtanbte creme Gestalt sich von einem der Grabhügel erheben, ihm zuwinken zu sehen. Ein kleines, tempelartiges Bauwerk: ln den Strahlen des Mondes entzifferte Karel am First den cingemcißelten Namen Fischei. Er hastete vorüber, kam vom Weg ab, stolperte über die lehmige Erde eines1 frisch ausgehobenen'Grabes, klammerte sich triebhaft, mit der Kraft der Verzweiflung an einen benachbarten Grabstein, um nicht in die.Grube zu stürzeto, und raffte sich auf, von Entsetzen geschüttelt. Aber wieder dachte er und sprach es unwillkürlich, wie zum Trost vor sich hin: „Die Toten tun einem nichts . . .“ Er blickte um sich,- suchte die Richtung zu finden, tappte zwischen den Gräbern umher, zuckte zusammen, wenn eine Efeuranke ihn -streifte, und stand endlich vor der letzten Ruhestätte des Rabbi Zadok' Nathanael, der vor mehr als durfte nicht zögern. Er raffte seinen Mut zusammen, schob hundert Jahren gestorben war, und den sie den Wunderrabbi den Körper in die Straße hinaus. Mit halbgeschlossenen - genannt hatten. Augen ging er weiter. Er bog in die Dominikanskaja ein und prallte zurück. Da kam jemand, ein Mann. Er stapfte mitten auf dem Fahrdamm über , das holprige Pflaster. Mit einer raschen Bewegung duckte sich Karel hinter einen hohen Prellstein. Der Mann war stehengeblieben, blickte gerade zu ihm hinüber. Jetzt griff er in die Tasche — wahrscheinlich würde er ein M&ser, ein langes, spitzes Messer, herausholen. Aber er holte nur eine Schnapsflasche heraus, stärkte sich durch einen tüchtigen Schluck.. Dann-setzte er seine Wände-' Zwischen den Sprüngen der altersschwachen Steinplatte, die den eingesunkenen Hügel deckte, drängten sich ein paar Pflanzen empor. Wilder Wuchs, dessen Samen der Wind hierhergeweht haben mochte, und der scharf und eigenartig duftende Blüten trug. Karel murmelte Oebete und Segens- I STEMPEL) — KLISCHEES Oravleranstalt Max Nahmitz ' NW 21, Rathenowet Straße 23 I %