Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-08-07 · 63 (7.8.1934) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
63 (7.8.1934)
Date
1934-08-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2613366-2613519-2613578--5102-2616867
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

14. Jahrgang Nummer 63 3fiöifdj'(Hietale äeiftmg Beilage 7. August 1934 Alice Stein- Landesmann erzählt: Der Regenbogen Die abendlichen Schatten -krochen schon langsam über den märkischen See, das blauschwarze Düster des Waldes wurde stärker, und noch immer saß der Junge am Ufer, die Landschaft mit durstigen Augen in sich trinkend. Die Bauersfrau hatte es längst aufgegeben, Georg ins Haus zu rufen. Sie kannte sein Wesen und fand sich damit ab. Seit über einem Jahr wohnte er bei ihr. Damals war Frau Lesser, seine Mutter, in einem verzweifelten Impuls abgereist, nach Italien zu den Verwandten. Georg hatte sich geweigert, ihr zu folgen. Mit der fanatischen Energie eines Fünfzehnjährigen hatte er ihr erklärt, daß er seine Heimat nicht verlassen wolle, die er liebte, mit der Seele und den Augen eines Malers. Die Mutter hatte ihn zurücklassen müssen. —3 Inzwischen war Georg allein den Problemen seines jüdischen Herzens ausgeliefert. Ohne einen nahen Menschen verbrachte er dieses Jahr dort draußen in der Einsamkeit des Dorfes. Nur die Schule brachte ihn in Verbindung mit Gleichaltrigen; sonst schloß er sich ab. Das Aufgehen in der Betrachtung von Wald, Wasser und Wolken war das einzige Erbe, das der früh verstorbene Vater ihm hinterließ. Allem Materiellen blieb er abgewandt; auch Menschen interessierten ihn kaum. Ein Baum, eine Färbung des Sees, ein Wolkensonnenabglanz konnte ihn in Entzücken versetzen. .. Nach der Abreise der Mutter hatte Georg den Vormund überredet, die kleine Stadtwohnung aufzugeben; er selbst wollte auf dem Lande einquartiert sein. Ein kleines Anwesen, dessen Garten sich zwischen Obstbäumen bis zum Glindower See hinabzog, wurde seine Zuflucht. Elfriede Trutt — die alte Trutten — und Georg begegneten sich in der Abkehr von den Menschen und in der Liebe zu allem, „was wächst ohne Eitelkeit“, wie Trutten sagte. „Mein Kirschbaum betrügt mich nicht. Und die- Sauren kommen jedes Jahr wieder, so 'groß wie immer. Ich trau bloß meinen Bäumen.“ Aber sie machte Ausnahmen, die alte Frau.' Selber dürr und knorrig wie ein halbschiefer Birnbaum, öffnete sie ihr störrisches Herz diesem schweigsamen Jungen, der wie die alten Bäume ihres Gartens eine zuverlässige, urwüchsige Kraft besaß. „Du wirst Frucht tragen, Georg“, sagte sie einmal. Sie duzte alle Welt, selbst den Postboten und den Gensdarmen. „Wenn Du erst, richtig malen kannst, dann schickst Du die Bilder aufs Schloß. (In ihren Augen vertrat der Begriff „Schloß“ die Obrigkeit). Dann wird man sagen, der weiß, wie unser See aussieht. Unser Wald. Unser schönes Dorf und ■ die alte Kirche. Da kümmert sich das Schloß nicht drum, ob das Jude oder Heide gemalt hat —“ Und hier saß er nun, der Sechzehnjährige, und hielt noch immer den Brief der Mutter in der Hand: „— —■ und da ich entschlossen bin, hierzubleiben, will ich Dich zu mir herüberholen, mein Junge. Malen kannst Du auch hier. An künstlerischer Anregung wird es Dir nicht fehlen. Ich bin um den ersten Juli bei Dir, sage der Frau Bescheid, vielmehr kündige ihr rechtzeitig.“ ' Georgs Blick fiel auf den See. Hellgrün mit blaugelben Tinten an den Wolkensäumen stand der abendliche Himmel über dem stillen Wasser. Das Schilf bog sich mit leisem Knirschen unter dem Wind. Der Wald am jenseitigen Ufer schien sich.zu einer drohend schwarzen Wand zusammenzuschließen. Mit plötzlichem Entschluß zerriß Georg den Brief: „Aber ■ Mama!“ sagte er vor sich hin. Er stand auf und ging auf die Dorfstraße hinaus. Die alte Frau saß vor der Haustür; sie sah ihm nach: „Diese fremdländischen Briefe!“ dachte sie in mütterlichem Zorn. „Wieder kein Abendbrot!“ Und " sie ging eilig in die Küche, um das kleine Tablett mit Brot und Milch in Geo.rgs Zimmer hinaufzutragen. „Wie groß Du geworden bist, Georg!“ Arm in Arm kamen Mutter und Sohn auf das kleine Haus zu. 'Tratten stand gebückt im Garten und jätete Unkraut; sie wandte den Kopf nicht. Georg hielt zögernd an; er verstand, was in der Alten vorging, und so führte er die Mutter rasch in sein Zimmer. Frau Lesser sah sich um, der kleine Raum bedrückte sie. Aber sie schwieg. Instinktiv hatte sie schon beim Empfang begriffen, daß es nicht leicht sein würde, den Sohn hier loszureißen. Schon vor einem Jahr war er nicht mehr der halbwüchsige Knabe gewesen, den Tränen der Mutter weich'mach- . ten. Jetzt hatten seine Augen eine neue Härte bekommen. — Frau Lesser mußte die Aussicht vom Fenster genau studieren, die grün umrankten Giebel, die geduckten Dächer, den bäurischen Garten, der Georgs Freude bildete. Dann sprach der Sohn von seiner Arbeit; ein erster Maler hatte seine Entwürfe geprüft: „Ich kann etwas, Mama — Du wirst es sehen!? Frau Lesser nickte, und doch tat ihr das Herz weh: wie wenig brauchte sie der Sohn! Wie unbeirrt ging er seinen Weg, als wenn sich nicht auf Schritt und Tritt Hindernisse entgegenstemmten! „Wir werden einen guten Lehrer für Dich finden, Georg! Die Ausstellungen in Rom werden Dich begeistern -“ Er sah sie an, legte sacht seine Hand auf ihren Arm, aber er sprach nicht. Sein ernster dunkler Kopf senkte sich langsam.'Die Mutter fühlte eine heiße Angst in sich aufsteigen: Dieses Kind, dieser Einzige — hatte sie ihn verloren? Die Blicke von Mutter und Sohn flohen von einander fort; beide zitterten davor, einander wehe zu tun. Fanny Lessers Augen irrten umher. Plötzlich blieben sie an dem Spiegelchen über dem Waschtisch haften: eine früh verblühte Frau sah sie an, und trotz des modischep Hütchens über dem sorgsam ondulierten Haar waren die Züge mutlos und gealtert. Erschrocken wandte sie den Kopf ab und sali fragend auf den Sohn. „Ich mache Dir Kummer, Mama?“ Er beugte sich zu ihr — es war die vertraute, zärtliche Bewegung aus seinen Kindertagen. Die Mutter griff hilfesuchend nach ihm: „Georg, Du wirst mich doch nicht allein fortgehen Jassen? Du hast bessere Chancen da drüben — ich kann Dir beistehen, ich habe eine Tätigkeit gefunden-“ „Ich will keine Chancen, Mama!“ Es schien, als hätte er nur diesen Satz gehört. „Mein Schicksal wird sich hier erfüllen. Das klingt so pathetisch, ich meineganz einfache daß ich hier leben will — natürlich sollst Du deshalb keine Opfer bringen. Jeder hat recht, wenn er seinem Gefühl folgt. Für Dich ist es sicherlich richtig, bei den Verwandten zu bleiben!“ Die Mutter ließ die Hände sinken, die ihn hielten. „Er gibt mich auf,“ dachte sie in einem eisigen Erschrecken. Ihr Ton war matt,” sie gab sich schon besiegt: „Du willst eine dauernde Trennung? Willst dieses primitive Leben fortsetzen? Auf die Dauer kann Dich das unmöglich befriedigen. Du wirst Dich besinnen! Sehr bald wirst Du mich brauchen. Nicht nur mich, sondern alles, was das Dorf Dir schuldig bleibt! Es sind romantische Träumereien, Georg —“ „Möglich“, sagte er. Sein Lächeln war merkwürdig — kein junges Lächeln, fand die Mutter. - Ein schwerer Tritt auf den knarrenden Stufen unterbrach sie. —- „Wer kommt da?“ fragte Frau Lesser. 'Georg öffnete die Tür. „Entschuldigen Sie!“ sagte Trutten. Sie sah erhitzt aus — man merkte ihr an,.daß sie ungern kam: „Aber ich dachte, jetzt ist gerade wieder ein Regenbogen über dem Wasser. Du siehst das doch immer so gern-“ Er trat auf sie zu: „Danke schön, Tratten! Und hier ist Mama, die Ihnen danken möchte, daß Sie so freundlich zu mir-sind!“ Fanny Lesser nickte; sie war befangen. Diese knochige Frau hatte etwas Hartes, Unbeugsames, es war nicht leicht, das richtige Wort für sie zu finden. „Mein. Sohn ist so gut hier aufgehoben“, sagte sie endlich. „Lassen Sie doch. Der hebt sich selber gut auf. Das ist ein braver Mensch. Um den muß keiner Sorge haben!“ wehrte Tratten ab. „Also dann komm rasch runter, Georg!“ fügte sie hinzu und machte kehrt. Aus ihrem hölzernen Runzelgesicht schimmerte eine flüchtige Wärme, als sie den Jungen ansah. „-Sofort, Tratten! — Komm, Mama-!-“. Er zog die Mutter mit sich. „Aber Georg.— wir haben so Wichtiges zu besprechen, es handelt sich*um Deine Zukunft! Bedenke doch-“ , ■ „Es ist schon bedacht, Mama. Ünd Du weißt es längst. Wußtest Du schon, bevor Du kamst, nicht wahr? Vielleicht bleibe ich hier ein besserer Jude, als wenn ich fortginge. Das zeigt sich nicht immer darin, daß man cs stündlich ausspricht.. Es fehlt mir nichts hier draußen! Glaube mir, Mama-“ Er wandte sich zum Fenster hin und deutete hinaus: „Hier sieht man nur ein Stückchen vom Regenbogen — aber Tratten sagt,, unten am See kann man den ganzen sehen. Ich will Maler werden, Ich brauche den weiten Horizont. Du irrst, wenn Du meinst, daß man von einer Dorfstraße keinen guten Ausblick hatl Laß mich hier.“ Die Mutter schwieg. Sie wußte, daß man nieman- . den mit Worten überredet, der so stark fühlt— „Die Jugend hat ihre Symbole —“ dachte sie und seufzte. „Ein Regenbogen?“ Es-tat doch gut,-zu wissen,- daß der in allen Ländern der Erde die gleichen Farben hatte.. Etwas vom Büdierleilien Juda b. Saul Ibn Tibbon (1120 bis 1190), ein spanischer Arzt, der sich durch Übersetzungen aus-dem Arabischen'ins Hebräische einen Namen gemacht hat, richtete gegen 1160’ eine Epistel an seinen jungen Sohn Samuel: „Mein Sohn, mach’ deine.Bücher zu deinen Geführten; laß deine Bücherkästen und -regale deine-Gärten und dein .Paradies sein; nähre dich in ihren Obstgärten,'pflücke ihre Rosen, sammle ihre Früchte, ihre Würzen und Myrrhen, und wenn du müde werden solltest, so wende dich von Garten zu Garten, .von Furche zu Furche, von Anblick zu Anblick; denn dann wird dein Verlangen von neuem erwachen, und dein . Geist wird Gefallen daran finden.“ „Weigere dich nicht, jemandem Bücher zu leihen, der nicht die Mittel hat, sie zu kaufen, aber nur wenn er. die Gewähr bietet, daß er sie dir zurückgibt. Du weißt ja, was unsere Lehrer (Ketubot III, I) zu dem Vers: .Wohlstand und Reichtum sind in Deinem Hause, und seine Rechtschaffenheit währet ewig“ gesagt haben: ,Du sollst nicht denen das Gute vorenthalten, denen es gebührt.“ Wenn du jemandem ein Buch leihst, notiere es dir, ehe du es aus dem Hause gibst, und wenn er es zurückbringt, streiche die Notiz durch. Jeden Pessach und Laubhüttenfest lasse alle Bücher, die du verliehen hast, zurückgeben.“ Aus dem Testament des Rabbi Juda Ibn Tibbon. Was ist das Eigentum der Stadt?- Es sind der Marktplatz, die Synagoge, das Badehaus, die Lade und die Bücher. (Nedarim V 5.) * Die Büchersammlung eines Privatmannes, der die Bücher jedermann zur Benutzung überlassen hat, soll nach dessen Tode nicht so verkauft werden, daß die allgemeine Benutzung auf hört. Man soll ein Buch nicht gebrauchen, um sich damit vor Sonne oder vor Rauch zu schützen oder etwas darunter zu verbergen. Man darf Bücher nicht bei Eßwaren aufbewahren, es konnten sonst Mäuse, durch diese angelockt, jene. mit benagen. Geht das Schloß eines Buches schwer zu, so soll man letzteres nicht mit den Knien zudrücken. Man soll nicht Anstand nehmen, Bücher zu verleihen, aus Furcht, daß die Schrift verlöscht wird, besser die Schrift wird verlöscht, als daß die Bücher unbenutzt' liegen. Buch der Frommen, § 673 (S73). * ■ Es gab einst einen frommen Mann, der Bücher besaß . und sie gerne anderen lieh,, damit sie aus ihnen lernten. Als er starb, befahl er seinen Kindern: Ihr sollt die -- Bücher 'auch "Weiter“ verleihen und seht Euch vor, daß ihr, wenn ihr mit den Leuten in Streit geratet, ihnen sie nichtdeshalb etwa entzieht. Sind daa Leute, die entliehene Bücher nicht zurückgeben wollen, so könnt ihryon ihnen Sicherheit verlangen. Natürlich sind arme Lcule, die sich selbst keine Bücher anschaffen können, den Bemittelten vorzuziehen. Buch der Frommen, § 676 (ST5). - „Habe und Reichtum ist in seinem Hause,' und sein Verdienst besteht immer“ (Psalm 112, 3). Rab Huna und Rab Chisda lehrten — der eine: das bezieht sich auf den, der gelernt hat und lehrt — der andere: das bcziehf sich auf Ucn, der die heiligen Bücher abschrcibt und sic anderen leiht. (Babyl. Talmud Keiuba 50 a.) * , Die-vorstehenden Proben sind dem Kalender des JüdischenFrauenbundes entnommen, der da» Thema „Das jüdische Buch“ behandelt und die Wertung dcs-Buches im jüdischen Schrifttum durch'Bilder und Text kennzeichnet. Der Kalender, der sich in den jüdischen Familien von Jahr zu Jahr mehr einführt, enthält reiches Bildmaterial und Texte vom ersten geschriebenen Talmud bis zum modernen Buch und wird damit zweifellos viele.neue Freunde, finden. Bestellungen nehmen der Verlag Braun, Frankfurt a. M. und die Geschäftsstelle des Jüdischen Frauenbundes, Bcrlin-Charlöttenburg, ' Kantstraße 158, entgegen. Die Tennisspielerin Wir lagen am Strande des idyllischen märkischen Sees, im frischgeharkten Sand der gastlichen Badeanstalt, froh, dem -Staube der großen Stadt entronnen zu sein. - Gleichgültig entspannt liege' ich im Sand, die Sonne scheint schon abendlich auf das buntbewegte Bild am Strande, da schreitet eine junge Frau hart am Ufer des Sees entlang; auffallend, wie sie die Füße setzt, auffallend die ungezwungene Haltung. Die ganze Gestalt, breit, kräftig gebaut, strahlt ein geradezukörperliches Selbstbewußtsein, eine sichere Geruhsamkeit-aus, die in der Umrahmung von Wasser und Wald selbstverständlich und natürlich wirkt. Sie paßt in die Qegend; die Umgebung paßt zu ihr. Man sieht ihr Naturverbundenheit auf den ersten Blick an, aber in dem stolz nach hinten geworfenen Nacken liegt etwas wie zäh verbissene Kampffreudigkeit. Es ist eine jüdische Frau. Sie kommt auf mich zu, fragt nach.der Uhr, wir kommen ins Gespräch. . „r Ich sage: „Ich habe selten einen so durchtrainierten Körper, selten eine solch kräftige Muskulatur bei einer jungen Frau gesehen.“ Sie lacht: „Wenn Sie wüßten, was ich treibe,' so würde Sie das kaum in Erstaunen setzen.“ Ich sehe sie aufmerksam an: „Ruderin sind Sie nicht, der rechte-Arm ist stärker, ausgebildet als der linke. Auch die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.