Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 63 (7.8.1934)
- Date
- 1934-08-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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. Der Präsident des Landesverbandes, Kammer gerichtsrat i. R. Wolff, hat an HernTOberst von Hindenburg nach Neudeck das folgende Telegramm gesandt: Beim Heimgange des Herrn Reichspräsidenten von Hindenburg,. der nach der Übernahme seines hohen Amtes den Unterzeichneten als den Vertreter des deutschen Judentums zusammen mit den Vertretern der beiden christlichen Religionsbekenntnisse behufs Entgegennahme des Treue-Gelöbnisses empfangen hat, spreche ich in tiefer Ergriffenheit herzlichstes Beileid aus. Die dankbare Erinnerung an die'ehrfurchtgebietende Gestalt Ihres Herrn Vaters und an sein treues und gerechtes Wirken zum Heile des Vaterlandes wird in unserer Mitte niemals erlöschen. Wolff, Präsident des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden. - Der Centralvcrein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat. an den Herrn Oberst von Hindenburg das folgende Telegramm gerichtet: In tiefem Schmerz und unauslöschlicher Dankbarkeit gedenken die im Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens vereinigten deutschen Juden des verehrungswürdigen Herrn Reichspräsidenten von .Hindenburg. In unseren Herzen lebt er als Symbol der Einigkeit des deutschen Volkes. In Krieg und Frieden war es sein höchstes Ziel, alle Deutschen, die bereit sind, ihrem Vaterlande selbstlos zu dienen, zum festefi Bund zu einen. Wie am 2. August 1914 die deutschen Juden sich einig fühlten mit der Gesamtheit aller Deutschen, so steht die deutsche Judenheit auch heute in tiefer Erschütterung mittrauernd an der Bahre des Vaters aller Deutschen! ■ Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Justizrat Dr. Julius Brodnitz. Trauerandacht in den Berliner Synagogen Regen peitscht durch die abendlichen Straßen Berlins. Wind wirbelt die auf Halbmast gezogenen Fahnen hoch. Ernst steht das massige Gebäude der Synagoge gegen den düsteren Himmel. Während das Glockengeläut der Kirchen an den Heimgang des Reichspräsidenten von Hindenburg mahnt, verlassen , die Besucher des Freitagabendgottesdienstes ihre Bethäuser, ln allen Synagogen wurde am Freitagabend der tiefen Trauer, in die mit dem ganzen Volk auch die deutschen Juden durch den Tod des Reichspräsidenten versetzt wurden, von der Kanzel herab Ausdruck gegeben. Die letzten Worte des Kaddisch-Gebetes sind verklungen. Leises Spiel der Orgel zittert durch den. heiligen Raum. Langsamen Schrittes betritt der Rabbiner die Kanzel. „Seit gestern,“ beginnt er, „lastet auf dem deutschen Volke ein großes Unglück. Gestern ist der. deutsche Reichspräsident gestorben.“ Bei der Nennung dieses verehrungswürdigen Namens hat sich, wie auf stilles Geheiß, die ganze zur Andacht versammelte Gemeinde, die die Synagoge bis in den letzten Winkel füllt, von den Sitzen erhoben, um die von Trauer umflorten Worte des Rabbiners stehend mitanzuhören. Er umreißt noch einmal in großen Strichen das Bild der Persönlichkeit Hindenburgs, dieses Symbols der Pflicht und der Gerechtigkeit. Er war ein gläubiger, frommer Mensch; der schlicht lebte und schlicht starb. Er starb wie unsere alten Weisen sagen: Er legte sich zu,seinen Vätern. Ergriffen stehen wir an seiner Bahre und dankbar zugleich für die Achtung, die er auch unserer Gemeinschaft entgegengebracht hat. So bitten wir Gott um Frieden, damit der Geist der Gerechtigkeit über Land und Menschen walte. Der letzte Satz des Totengebetes klingt aus tiefer Erschütterung heraus von der Kanzel herab und beendet die weihevolle Andachtsstunde des Gedenkens an den großen Toten, Es wird gemeldet: Aus Deutschland f Wie aus dem Wortlaut der neuen Justizausbildungsordnung, die jetzt im Reichsgesetzblatt veröffentlicht worden ist, hervorgeht, ist der Meldung zur ersten juristischen Staatsprüfung, also zum Referendarexamen u. a., eine Erklärungüber die ariSche'Abstammung beizufügen. * ln Flieden im Bezirk Fulda wurden aut dem jüdischen Friedhof, sechs Grabsteine um ge Worten. Von den Tätern fehlt bis jetzt jede Spur. Wie die „Mainfränkische Zeitung“ meldet, wurde an den Eingängen .aller Wohnhäuser in Karlsburg a. M. ein Schild mit der Aufschrift: „Juden Zutritt verboten“ befestigt. Aus dem Ausland ’ In einem New-Yorker Krankenhaus ist der belgische .GesandteindenVcreinigtenStaaten, Paul Mayi nach einer Operation gestorben. May, der sein Amt im Jahre 193t angetreten hatte, war der erste Jude aut einem Gesandtenposten in Washington, seitdem Lord Reading englischer Botschafter in Amerika war. Gesandter May und seine Gattin stammten aus alten angesehenen jüdischen Familien Belgiens. . Nach einer Meldung aus Konstantinopel wurden sechs Angeklagte wegen Teilnahme an den judenfeindlichen Das Bild eines verwüsteten Friedhofs Die Not in den überschwemmten jüdischen Städten Polens Warschau, ln den von der Überschwemmungskatastrophe getroffenen jüdischen Städtchen Polens herrscht unbeschreibliche Not. Ein ITA-Sonderberichterstatter hat das durch die Hochflut zerstörte jüdische Armenviertel in Neusandec besucht, das unmittelbar am Ufer des Dunajcc liegt. Dort wohnten etwa 350 jüdische Familien in tiefstem Elend, arbeitslose Handwerker, Lastträger usw. in Kellerwohnungen, die in kürzester Zeit vollkommen unter Wasser standen. Nur dem heldenmütigen Verhalten vieler Einwohner ist es zu verdanken, daß dort keine Todesopfer zu verzeichnenwaren. Jetzt bietet das Viertel das B i 1 d ein es ver w üs t eten F ned ho f s. Die armseligen Häuser sind zum Teil_ eingestürzt, die Wohnungen mit Steinen und Schlamm erfüllt. _ Die wenigen Einrichtungsgegenständc sind entweder zertrümmert oder fortgespült. Die 350 Familien sind in Bethäusern untergebracht. Trotz größter Opferwilligkeit der Bewohner der übrigen Viertel ist eine-auch nur notdürftige. Verpflegung der etwa 2000 obdachlos-Gewordenen nur noch für eine Reihe von Tagen möglich. Ebenso tragisch ist die Situation tausender Juden_im Gebiet von Jaslo, in Mielec und Limanowä. Hunderte jüdischer Familien sind aller Mittel entblößt und leiden Hunger. Rührend ist die Hilfsbereitschaft, die vielfach auch von Nicht- juden der notleidenden jüdischen Bevölkerung gegenüber Steigt wird. So hat in Grzybow die christliche Inhaberin einer Brauerei 52 jüdische Kinder in Verpflegung genommen, ln vielen Dörfern teilen die Bauern das Brot mit den jüdischen : Flüchtlingen aus den Überschwemmungsgebieten. Der Vorstand der Warschauer Jüdischen Gemeinde beschloß in einer Sondersitzung, einen Aufruf an die jüdische . Bevölkerung Polens zur Hilfe für die Opfer der Überschwemmungskatastrophe in Galizien zu erlassen.1'_ Ausschreitungen in Thrazien zu drei bis sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Dagegen wurden drei hohe Beamte aus Kirklisse, denen man die Hauptschuld an den dortigen Ausschreitungen zuschrieb, freigesprochen. * . , Die jüdische Arbeitermannschaft Gwiazda in Warschau, hat im Finale der Fußballmeisterschaft der Hauptstadt Polens gegen den dortigen führenden polnischen Klub 2:0 gewonnen und damit die Fußballmeisterschaft Warschaus errungen. * Jackie Cöogan, als jugendlicher Filmstar vor allem aus seinem Film „The Kid“ mit Charlie Chaplin bekannt,,hat sich in Hollywood mit der Filmschauspielerin Toby Wing verlobt. Jackie Coogan, der Jude ist,- hat sich auch in späteren Jahren wiederholt als Filmschauspieler betätigt, ohne jedoch seinen früheren Weltruhm damit erhalten zu können. * Wie aus Warschau berichtet wird, ist der Schauspieler Kurt Katsch, der zuletzt dem Ensemble des Kulturbund-• Theaters angehörte, nach fünfzehnjähriger Tätigkeit an deutschen Bühnen zum jiddischen Theater übergegangen. Bei seinem ersten Auftreten am Warschauer Jiddischen Theater spielte er die Titelrolle in Arnold Zweigs „Sergeant Grischa“. Beim lettländischen Unterrichtsministerium wurde ein Departement für jüdisches E rz i ehungs wesen geschaffen. Eine Erklärung des Danziger Senats Gegen Eingriffe in die Wirtschaft Danzig.' Die Pressestelle des Senats verbreitet folgende Regierungserklärung: „Der Regierung ist zu Ohren gekommen, daß immer noch von unbefugten Stellen Eingriffe in die Wi rtsch af t versucht werden, und daß Gerüchte verbreitet werden, die Regierung bereite noch viel weitergehende Eingriffe ähnlicher Natur vor. Die Regierung wird gegen alle unbefugten Eingriffe, die ihr zur Kenntnis kommen, gemäß ihrer Verordnung zum Schutze des Wirtschaftslebens vom 6. Februar 1934 unnachsichtlich vorgehen und stellt allen Betroffenen anheim, von dem im § 4 dieser Verordnung vorgesehenen Recht der Beschwerde an den Senator der Abteilung Wirtschaft Gebrauch zu machen. Im übrigen ist die Re- " gierung zwar entschlossen, ohne Verzug alles Notwendige zur dauerhaften Gesundung und Erstarkung unserer Wirtschaft zu tun und wird, wo cs nötig ist, auch nicht vor einschneidenden Maßnahmen zurückschrecken. Die Regierung, behält sich aber die Führung der Wirtschaft selbst vor und wird sich durch nichts von der bisher beobachteten besonnenen Mäßigung und von dem Grundsatz abdrängen lassen, alles zu seiner Zeit zu tun und auf dem Gebiet der Wirtschaft nur Maßnahmen zu treffen, deren Auswirkung in voller Klarheit erkannt ist.“ Massenverurteilung illegaler Einwanderer Jerusalem. Vor dem Haifa er Gericht wurden 32 jüdische Mädchen und vier jüdische junge Männer wegen illegaler Einwanderung zu je drei Monaten Gefängnis und nachfolgender Landesverweisung verurteilt. Bei der Urteilsverkündung fielen einige Mädchen in Ohnmacht. Weitere zwölf Juden, die illegal eingewandert sind, erhielten vom Gericht in Acco dieselben Strafen. Eine Gruppe arabischer Jugendlicher hst einen Häscherdienst eingerichtet. „Auf. Gleichscbaltung folgt Nachschaltung“ Wieder Listen jüdischer Firmen Frankfurt a. M. In der ersten August-Ausgabe des „Deutschen Mittelstandes“, des offiziellen Mitteilungsblattes des Landeshandwerksführers, der Kreishandwerkerschaften und der amtlichen Berufsvertretungen des gewerblichen Mittelstands im rhein-mainischen Wirtschaftsgebiet, werden, nachdem das Blatt in seiner vorigen Ausgabe eine Liste der jüdischen Firmen, Ärzte und Anwälte in Frankfurt gebracht hatte, abermals Listen jüdischer Firmen veröffentlicht, diesmal für Wiesbaden und Darmstadt. Gleichzeitig bringt das Blatt auf Veranlassung der Kreisamtsleitung der NS-Hago, Frankfurt a. M., eine Berichtigung seiner „Frankfuiter Judenliste“, in der die Namen von 24 Firmen und Personen angeführt werden, die rein arischer Abkunft, zum Teil Mitglieder der NSDAP sind. Die Zusendung der Berichtigung an die Zeitschrift „Deutscher Mittelstand“ beweist, wie stark die Befürchtung wirtschaftlicher Schädigung durch irrtümliche Einreihung in die „Judenliste“ bei -^den Betroffenen ist. Der Anzeigenteil der Nummer enthält über die ganzen Seiten laufende Schlagzeilen „Meidet die Juden!“ und „Wer bei Juden kauft, ist ein Volksverräterl“. Dem Geist dieser Parole entsprechen zwei Aufsätze, von denen der eine sich gegen die „Tarnung“ jüdischer Firmen durch die sogenannte Gleichschaltung, der andere dagegen wendet, daß nach Ausschaltung jüdischer Vertreter der schönen Literatur in den großen Verlagsanstalten noch immer Werke jüdischer Wirtschaftsschriftsteller erscheinen. Der Überschrift der anderen Notiz, „Gleichschaltung, das beliebte jüdische Versteckspiel“, wird der Untertitel „Auf Gleichschaltung aber folgt Nachschaltung!“ beigefügt. Im Text heißt es u. a.: „Nach der Machtübernahme wurde in Deutschland die sogenannte Gleichschaltung jüdischer Firmen vorgenommen, eine durch Gesetzeskraft legitimierte wirtschaftliche Maßnahme, die das deutsche Volk von der jüdischen Ausbeutung, Gaunerei und Geschäftemacherei befreien sollte. Durch das deutsche Volk ging ein Aufatmen, glaubte es doch, daß Juden und Judenfreunden jetzt endlich die Möglichkeit genommen sei, das Volk weiterhin betrügen, belügen und ausbaldowern zu können, wie es bisher der Fall gewesen war. Doch weit gefehlt! Deutsche Gesetze und die Autorität des deutschen Staates kennt der Jude nicht. Er richtet sich nur nach seinen eigenen Gesetzen.“ Weiter heißt es: „Der Jude kennt nur eins: Profit, Prozente, Zins. Meineid und Lüge sind seine treuesten Bundesgenossen und kein Mittel ist ihm zu gemein, wenn es gilt, den Nichtjuden arm und brotlos zu machen. Schopenhauer hatte recht, wenn er die Juden die Meister der Lüge nannte.“ Der Staatsjugendtag und die nfcMariscfien Schüler Das Abkommen zwischen dem'Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Unterricht und der Reichsjugendführung, das das Zusammenwirken der Schule der Reichsjugendführung und des Elternhauses für die Erziehung der Schuljugend im nationalsozialistischen Staate regelt, sieht auch Bestimmungen für die nichtarischen Schüler vor. Im Paragraphen 6 des Abkommens heißt es: Die nicht der Hitler- Jugendbewegung angehörigen Schüler und Schülerinnen haben am Sonnabend pflichtraäßigen Unterricht. . Dieser Unterricht soll nach einem festzulegenden Lehrplan in mindestens zwei Unterrichtsstunden den Schülern und Schülerinnen das nationalsozialistische Gedankengut nahebringen. Die nichtarischen Schüler sind von diesen Stunden befreit. Bundeskanzler Schuschnigg: Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz Wien. In einer am 2. August in Wien - abgehaltenen Pressekonferenz betonte der neue österreichische Bundeskanzler Dr. Schuschnigg, daß der . verfassungsmäßig verankerte Grundsatz der Gleichheit aller Bürger vor ‘dem Gesetz für die Regierung auch weiterhin maßgebend sein werde. Auf die Frage des JTA-Vertreters, ob sich dieser Grundsatz auch, auf die Juden beziehe, antwortete der Bundeskanzler: „Selbstverständlich!“ und fügte hinzu, daß die Gleichheit vor dem Gesetz für alle diejenigen Geltung haben soll, die sich an das Gesetz halten. Große wirtschaftliche und seelische Not Bei den Ausgewanderten in Paris Paris. Der Oberkommissar für Auswandererfürsorge, James G. MacDonald, erschien unangemeldet in den Räumen des Comite National in der Rue de Ia Durance zu Paris, hatte zunächst eine Unterredung mit dem Leiter der Fürsorgestelle, Herrn Lambert, und begab sich dann in die große Abfertigungshalle, in der Hunderte von Personen versammelt waren. Einer der Unterstützungsbedürftigen hielt eine Ansprache, in der er auf die wirtschaftliche und seelische Verfassung der in Paris lebenden ■ Auswanderer hinwies, wobei er betonte, daß das Elend noch weit gröOer sei, als es sich dem Oberkommissar hier darbiete. Ganze Familien seien so entkräftet, daß sie nicht einmal mehr in den Räumen des Comite National erscheinen könnten, wo die meisten doch vergeblich auf Milderung ihrer Not warten. Es sei ein Gebot der 'Menschenpflicht, endlich etwas zu tun, um den Ausgewanderten Aufbau einer neuen Existenz zu ermöglichen. Oberkommissar MacDonald erwiderte: „Unglücklicherweise stellen mir weder der Völkerbund noch die Regierungen der einzelnen Länder Geld zur Verfügung. Ich bin vollständig auf das angewiesen, was ich von privater Seite erhalte. In New York und in London wurde verhandelt, tim Geld für Paris zu bekommen. Zwei Aufgaben sind heute zu bewältigen: Erstens muß den Ausgewanderten die Möglichkeit gegeben werden, wieder zu Arbeit und Brot zu kommen, in Frankreich selbst oder durch Auswanderung nach überseeischen Ländern, und zweitens muß versucht werden, die Ausgewanderten bis zur Erreichung dieses Zieles über Wasser zu halten. Denn alle Projekte wären sinnlos, wenn diejenigen, für die sie geschaffenwurden, inzwischen verhungerten. Mit meinen Freunden und Kollegen zusammen werde ich alles tim, um zu versuchen, schnellstens Hilfe'zu schaffen.“