Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 60 (27.7.1934)
- Date
- 1934-07-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Von jüdischem Wort i Das Sch’ma Die kürzlich begonnene Erklärung des Sch’ma-Gebeles u/ird hier fortgesetzt. Sch’ma ist nicht Bekenntnis, sondern Aufforderung, die der Betende im Namen Gottes an sich selbst, jeder Jude an sich richtet. Welche Folge, welchen Ausdruck hat sie? Es mußte und muß vorerst ein mögliches Mißverstehen ausgeschlossen werden. Vielleicht 'könnte einer meinen, es handele sich bei dem Weg zur Frömmigkeit in der Hauptsache um. eine Erkenntnis. Und in der Erkenntnis, daß es mir einen Gott gibt, in der Erkenntnis, daß alles, was Menschen je als selbständige Macht angebetet haben, nichts Wirkendes, sondern nur Gewirktes ist, erschöpfe sich nun das. Frommsein. Dem muß entgegengetreten werden. Hier ist die Grenze von Philosophie und Religion. In der antiken Philosophie konnte es eine Gruppe Eingeweihter geben, die ihre Erkenntnis errungen hatten, aber sie blieb Erkenntnis und wurde nicht Verpflichtung, sie blieb auf den Kreis der wenigen Erkennenden beschränkt und war ihr Sonderrecht. Religion, Frömmigkeit aber will allen sich mitteilen, will verpflichten.. Darum reiht sich an den Satz vom Hören der andere an: „Du sollst lieben Adonaj, deinen Gott.“ Erkennen muß in Tat übergehen, ln der Erkenntnis des Menschen von Gott Sabbat des Trostes An jedem der Sabbate zwischen dem 9. -Ab und Roschhaschana wird ein Prophetenabschnitt vorgelesen, der eine Trostrede enthält. An diesem Sabbat wird das 40. Kapitel des Jesaja gelesen; es geht unter dem Namen Jesajas, aber gesprochen hat es ein Unbekannter in' den Tagen des babylonischen- Exils. Es fängt an mit 'den Worten Nachamu, nachamu — tröstet, tröstet! In ihm stehen folgende Verse 6—8. „Alles Fleisch ist Gras, all seine Holdheit wie eine Feldblumel Verdorrt ist das Gras, - verwelkt ist die Blume; denn Gottes Wind wehte darüber hin. Wahrlich — Gras ist das Volk. Verdorrt ist das Gras, verwelkt' ist die Blume, doch das Wort unseres Gottes besteht ewig.“ . darf es nicht dabei sein Bewenden. haben, daß man in der Kühle des Wissens weiß, es gibt einen Gott, dieses Wissen um etwas darf nicht ein Gelerntes, ein Besitztum des Verstandes bleiben, aus der Erkenntnis muß ein Tun werden, muß ein „Du sollst“ werden. Aber, könnte man fragen, kam» man der Liebe gebieten, kann es ein Gebot geben „du sollst lieben“? Man wird auf eine solche Frage nie eine andere Antwort geben können als die, gewiß, der Liebe kann man nicht gebieten, sie kann nicht Inhalt eines Gebotes sein. Was aber ist dann der Sinn des „du sollst lieben“ im täglichen Gebet? Wir sagten, ausgeschlossen als Inhalt der Frömmigkeit muß bleiben Kühle der Erkenntnis. Frömmigkeit ist Wärme, ist Glut, ist Begeisterung, ohne sie beginnt Frömmigkeit nicht. Nicht im Erkennen ist Frommsein begründet, sondern in dem Bewußtsein, in einem Verhältnis zu Gott zu stehen, mit ihm verbunden zu sein. Jedes Gebot, das aus tjiesem Bewußtsein geflossen wäre, hätte auf ein Einzelnes hingezielt, in dem „Du sollst lieben“, dessen Ausdeutung in die Hände des Menschen gelegt ist, dem er hur. Inhalt.und Fülle geben kann, sind alle Möglichkeiten der Entfaltung gelegt. Nur eines ist ’ Voraussetzung, es darf nicht Kühle, Nüchternheit vorwalten, sondern Glut und Wärme. Wärme und Glut nicht mir, wo der Einzelne sein Verbundensein mit Gott in lebendige Tat umsetzt, sondern auch da, wo das angeredete Israel als Gesamtheit sein Los auf sich nimmt und seiner- Sendung gehorcht, auch wenn man sich ihm versperrt. . , . ' Welche Grenze aber ist diesem Tun gesetzt? Keine. Darum die Vollendung des Satzes „mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft“. Die volle, ungeteilte, unbegrenzte Hingabe wird verlangt, der Einsatz der ganzen Persönlichkeit in der Heiligung des Lebens, in der Heiligung Gottes. Die Alten haben diesen Worten einen besonderen Inhalt beigemessen, sie sagen: was. heißt „mit deinem ganzen Herzen“? Mit beiden Trieben, die in dir sind, dem Trieb zum Guten und dem Trieb zum Bösen. Sie wollen damit sagen, auch das Böse im Menschen ist nicht Auswirkung einer selbständigen widergöttlichen Macht, eine Gott entgegengesetzte Welt, auch über dieses.Böse ist der Mensch Herr, kann er Herr sein, auch dies kann er in den Dienst der Erarbeitung eines Reiches Gottes auf Erden stellen. Was heißt: „mit deiner ganzen Seele“? Auch wenn du dein Leben dafür hingeben mußt. Und was „mit deiner ganzen Kraft“? Auch wenn es, dich dein ganzes Hab und Gut, all dein Vermögen kostet. So ruft sich der betende Jude täglich auf zum Kampf gegen das Böse, zur unbedingten Hingabe, zum Opfermut und zur Opferfreudigkeit bis ins Letzte. Ist das alles ein einmal Gesagtes, in alter Zeit Erklungenes und von dort her Weitergegebenes? Wäre es das, so jüdischem Brauch mußte seine verpflichtende, fortreißende Kraft mählich und mählich schwächer werden, müßte seine Leuchtkraft verblassen. Darum: „es seien diese Worte, dieichdirheute gebiete, auf deinem Herzen. Du bist, sagt dieser Satz, täglich von Gott aufgerufen. Was damals in altersgrauer Zeit einmal neu erklang, ist durch den Lauf der Zeiten i n n i c h t s überholt, in nichts überflüssig, ist heute so notwendig wie einst, ist ln nichts erfüllte Forderung, ist zeitlos, ewig und immer neu, kein Geschlecht erbt die Erfüllung von voraufgehendem es muß sie sich immer wieder neu erringen, neu erobern. Es erbt nie die Erfüllung, wohl aber erbt es die Förderung. Aber es erbt auch die Forderung nicht wie ein Besitztum, das man ergreifen und forttragen kann, das der Besitzer liegen lassen mußte und der neue Besitzer hebt es auf und trägt es in sein Haus. Forderung kann nur übergeben werden, sie muß ergriffen werden und hineingelegt werden in des neuen Geschlechtes Verständnis und Willen. Darum: „einschärfe sie deinen Kindern, rede von ihnen.“ Mit diesem Worte bekräftigt der betende Jude täglich sein Wissen um den Oberlieferungscharakter des Judentums. Daß in jüdischer Frömmigkeit sich immer zwei Elemente mischen, das Persönliche und das Oberkommene, das Persönliche und das Gemeinschaftliche, der Entfaltungswille des Heutigen und die Oeschlechtertiefe. In der Weitergabe des Erbgutes bleiben die Geschlechter der Vergangenheit lebendig, sind sie eben nicht Vergangenheit, sondern ewige Gegenwart. Mit jenem Satz ist die Gewalt und der unbegrenzte Einfluß der Erziehung begründet, hier beginnt die jüdische Erziehung. Der Schwerpunkt dieser Erziehung aber ist gelegt auf die Arbeit der Eltern.- Daß die Eltern aas Kind erziehen, wird als das Selbstverständliche vorausgesetzt. Kein Lehrer, keine Schule kann den Eltern diese Verpflichtung abnehmen, kann sie ersetzen, sie können helfend, ergänzend eintreten, sie können erweitern und ausbauen, sie können Wissensstoff hinzufügen, Vorhandenes auffüllen, mehr aber auch nicht. Kein Bund, keine bündische_ Gemeinschaft kann die Arbeit der Eltern ersetzen, sie können zu der vorhandenen Bindung neue hinzufügen, geschlungenes Band fester knoten, aber zuerst muß im Elternhaus das Band geschlungen, der Knoten gegeschürzt sein. Kein Vater, keine Mutter werden ihrer Verpflichtung ledig, indem sie die Sorge für die religiöse Erziehung auf eine andere Schulter legen, eigenes Beispiel muß aufleuchten, eigener Wille muß sichtbar werden, eigenes Emp-i finden muß fortzündend Empfindung aufglühen lassen; im eigenen Haus muß das Kind zum Judentum, zur Thora hingeführt werden, dann erst ist die Voraussetzung zur weiteren Erziehung gegeben, ist ein Qrund gelegt. Wann aber ist diese Beeinflussung am besten vorzunehmen? Welche Zeit, welche Gelegenheit ist die beste? Die Antwort: „wann du sitzest ln deinem Hause, und wann du gehest auf den Weg, wann du dich legst, und wann du dich erhebst“. Aus der Bildsprache der Tnora ins Praktische des Alltäglichen übersetzt heißt das: du mußt jede sich dir bietende Gelegenheit benutzen, du mußt in jedem Augenblick neue Gelegenheiten, neue Möglichkeiten der Entfachung eines Willens zum Judentum, der Einführung in jüdisches Denken und jüdische Zielsetzung 'schaffen. Gibt es aber eine Erziehung des Kindes', eine Weitergabe ohne eigenen Besitz, ohne eigene, stete Selbsterziehung? Die Aufforderung, die tägliche Aufforderung zur Erziehung des kommenden Geschlechtes ist in erster Reihe die selbstdialogische Aufforderung zur Selbsterziehung. ' Die Schlußsätze des Qebetes hatten eine Aasdeutung ins Zeremoniale und Kultische. Aus dem Satz: „knüpfe sie zum Zeichen an deine Hand”, sie seien zu Gebind zwischen deinen Augen“ wurde die Verpflichtung zum Legen der Tefillin, zum Anlegen der Gebetriemen an Hand und Stirn entwickelt. Wem dieses Tun etwas bedeutet, der hat in der buchstäblichen Erfüllung nicht nur eine Befriedigung, sondern auch eine tägliche Einführung in die Welt des Brauchtums. (Merkwürdig übrigens, daß die Karäer, die Verfechter der unbedingten Oeltung des Bibelwortes in seiner Wirklichkeit, die Verwerfer der Deutung, diesen Satz nicht wörtlich nahmen.) Ober alle wirkliche Obung hinaus, bleibt der Sinn des Ganzen: Hand und Kopf, Tun und Denken sollen eine Einheit sein, sollen beide im Dienste Gottes stehen, des Juden Denken und Handeln soll Heiligung Gottes in der Welt sein. Alles menschliche Leben erfährt seine Weihe und innere neue Begründung im Hause. Aus der Straße und dem Markt, aus der Fabrik und dem Kontor, aus der Geschäftigkeit des bewegten Lebens und aus der Berührung mit der Natur kehrt der Mensch in sein Haus zurück, hier erholt er sich, holt er sich selbst zurück, gewinnt er neue, körperliche und see- ■ lische Kraft. Das Haus muß er in. den Dienst Gottes stellen, wissen muß er darum, daß es die Schule des Lebens ist, mit Absicht und Wille muß er Gottes Forderung und Verheißung in ihm heimisch machen. Darum: „schreibe sie an die Pfosten deines Hauses“. Aber auch „und an deine Tore“. Das Tor ist das Sinnbild der Stadt, des Gemeinwesens, der Öffentlichkeit. Das' Oesetz des Hauses ist auch das des öffentlichen Lebens. Kein Zwiespalt zwischen der Forderung an den Einzelnen und der an die Gemeinschaft, ein Gesetz für alle Bezirke des Lebens, kein Zwiespalt zwischen Religion und Welt, beide unterstehen dem einen Meister, beide sind sie Wegweiser zu Oott. All diese Fülle in dem einen Gebet jedes neuen Tages, des beginnenden und des sinkenden. M. D. Die Jüdin in der faneiiHle Von Paula Ollendorff Zugleich mit den Zwanzigjährigen erhielten 1919 die Frauen in -Deutschland das Recht, an der politischen Gestaltung des Vaterlandes mitzuarbeiten. Bald darauf begann der Kampf um das Wahlrecht der Frau innerhalb der religiösen Gemeinden. Bei uns Juden fand der Oedanke schwer Eingang, besonders bei den Oemeindevorständen. Nur wenige liberale Mitglieder der Oemeindekörperschaften fanden sich zunächst bereit, wenn auch zögernd und, zumeist nur mit dem Zugeständnis des aktiven. Wahlrechts. Allerlei Ängste wachten auf: der Emst und die Würde in der Führung würden leiden, zu den gesetzlichen Aufgaben der Gemeinden (Gottesdienst, Religionsunterricht, Beerdigungswesen, Schächtwesen) würden „Neben“-Aufgaben entstehen, z. B. die Wohlfahrtspflege, die zwar ein göttliches Gebot sei, die aber nicht zu den gesetzlichen Verpflichtungen der jüdischen Gemeinden gehöre. Die Frauen würden , bei den erreichten Zugeständnissen nicht 'stehen bleiben und am Ende' gar an den gottesdienstlichen Funktionen teilnehmen wollen. Glücklicherweise gab und gibt es .noch Männer, die nicht den berüchtigten Tropfen „reaktionären“ Öles in sich finden. Und die Frauen zogen in die Oemcindcstuben ein^ -Was haben sie in den Jahren des Kampfes und des fast durchgängigen Sieges geleistet? Sie habenzunächst den bis-' herigen Aufgaben in der Qemeindeführung eine neue zugesellt —. die Erziehung. Einer "der großen liberalen Führer des englischen Judentums, N. S. Joseph, ein Mitbegründer der Jewish Religious Union', aus welcher der Weltverband der religiös-liberalen "Juden hervorgegangen ist, hatte schon vor mehr als 50 Jahren in seinem damals in den jüdischen Schulen eingeführten Werk: Naturreligion und Offenbarungs-’ religion (Religion Natural and Revealed) gelehrt: die Lehre des Judentums ist Erziehungslehre mit dem Ziele,! Gott zu finden. Der Weg zu diesem -Ziele; muß denen gewiesen werden, die ihn nicht allein finden,-der Jugend und den Vielen, die gleichgültig am Rande des Weges stehen. Unglücklicherweise hatte eine Auffassung, ziemlich weite Verbreitung gefunden, wonach Gleichgültigkeit mit Liberalismus verwechselt wurde. Aus diesem Irrtum führte erst die bewußt liberale Führung heraus, und es ist kein Zufall, daß dfe erste Führung in der Erziehungsarbeit von einer Frau übernommen wurde. Lily Montagu schuf In Ihrem Londoner Klub für arbeitende jüdische Mädchen einen großen Mittelpunkt liberaler jüdischer Erziehung. Neben die Arbeit und den Gottesdienst trat Kultur des Körpers und des Heims. Lily Montagus Beispiel war den deutschen Frauen Führung ln der Arbeit, in und an der Gemeinde. Die gestaltende Kraft der Frau erfand neue Wege der körperlichen Fürsorge. Die werdende Mutter, der Säugling, das Kleinkind eröffneteo den Kreis, der über Schulkinder, Berufsausbildungrzu den Erwachsenen führte und sich mit der Fürsorge für die Alten, Arbeitsunfähigen und . Kranken schloß und auch die soziale Krankenhausfürsorge in sich faßte. Die Notwendigkeit der. schöpferischen Ruhepause "fand andere Beachtung als, früher seitens der gemefndllchen Fürsorge, und so manches Kind und viele Jugendliche,. zabP reiche abgearbeitete Männer und Frauen erfuhren zum ersten Mal die Wohltat eines Ferienaufenthalts. Eine systematische Fürsorge für jüdische tuberkuiös Oefährdete oder Erkrankte setzte ein, und die Wirkung in der Gesundheit des jüdischen Nachwuchses ist höchst erfreulich. Die Erneuerung der Frauenarbeit in' der Oemeinde beschränkte sich nicht auf die körperliche Erziehung, auchdie seelische Erziehung nahm, daran teil. Frauen, die zum großen Teil früher nur in städtischer Für- (Fortsetzung auf der Umseite.)__ Der Herr, Die Dame Elegante Maßschneiderei A. Bcrkowltz, Joacfaimsthalerstr. 38. J 1 Bismarck 7640 ejJaml£leH~cßfaronl& (Aufnahmen In dies« Rubrik kostenlos.) In Magdeburg verlobten sich Fräulein Margot Klappholz und Herr Hermann L i m m e r. Herrn Moritz Lebenstein und seiner Gattin Toni, geb. Wolff, in Südlohn i. W., wurde ein Sohn geboren. Am 28. Juli feiert Helmut Spangenthal, Sohn des Herrn Hermann Spangenthal in Spangenoerg seine Barmtzwah. Am gleichen Tage findet die Barmizwäh Leo Papps, Sohn des Herrn Anton Papp und seine Oattin Hilde, geb. Frank, in Karlsruhe statt. ' | HctßateUf HinOf Slebtau\antb\ CAFE LEON Die herrliche Gartenterrasse -Kurfürstendamm 155 PENSION ZICSCHE Kixrfüreteinöamm 238 Elegante Zimmer m. jedem Komfort billigst. 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