Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 58 (20.7.1934)
- Date
- 1934-07-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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äußeres Zeichen übrigens auch“ schon wirkliche Einheit? — Aber bleiben muß, und das ist tiefste Sehnsucht an jedem 9. Ab, ein Wille nach Einheit der verstreuten und in sich selbständigen Teile Israels. Nicht um. eine politische Einheit handelt es sich da, sie ist nicht und man kann sie garnicht wünschen, denn sie würde das allgemeine Fremdsein bedeuten: es handelt sich immer um die innere Einheit der religiösen-Idee, das gemeinsame Antworten auf den Ruf Gottes in der Geschichte. Sie ist heute weniger da, als man wahr haben möchte. Auf den Anruf Gottes, den die Juden dieser. Tage erfuhren, haben nicht alle Juden geantwortet und sich in gemeinsamem Schicksal in Würde zusammen gefunden; viele haben ihn nicht einmal vernommen. Manche Teile haben gemeint, sie blieben "unberührt im Wandel der Welt. Der 9. Ab ist der Tag der Trauer um den Verlust eines äußeren Zeichens der Einheit und also der Mahnung zum Kampf um das Bewußtsein einer Schicksalsverbundenheit aller Teile Israels, der wirklichen Einheit in der Idee und im Geist. : u Es'heißt: „wer um Zion recht trauert, wird auch" ihrer Tröstung gewahr werden“ Zion ist im Lauf unseres Erlebens, obgleich die Differenzen der Anschauung über den Sinn unseres Hier-Seins sich nicht verwischt haben und auch nicht verwischen sollen, für Viele der Hilfe Bedürftigen Realität, zukunftsträchtige von heißem Glauben getragene Wirklichkeit. Und zugleich ist es Symbol. Symbol der Geschichte, Symbol der Aufgabe, Symbol der besonderen Lebensauffassung, der besonderen Zielsetzung, Symbol des ewigen Ziels der Heiligung des Lebens. Wirklichkeit und Symbol. Jeder trage sein Bild davon in sich. Aber gemeinsam sei uns allen die Arbeit an einer sinnvollen Zukunft. Zum Willen zu ihr, der Vorbereiterin der ewigen Tröstung führe uns hin der neunte Ab. Was Judentum ohne Adjektiv hat die Konferenz für religiös-liberales Judentum geleistet? — Die Strömungen jüdischen Denkens - Debatten um Autorität — Stimmen der Jugend . Es soll sich hier nicht um einen Bericht über Einzeilheiten der Londoner Konferenz für religiösliberales Judentum handeln, über das Einzelne ist bereits berichtet worden, und den Inhalt der Referate wiederzageben hieße, sie völlig wiederholen. Nur von dem .•Gesamteindruck soll die Rede sein, und von-dem, was als besonders vorwärts weisend zu Jjemerken war. Die Verbandsleitung hatte als Gesamtthema nicht irgend etwas aus dem Kreis der praktischen Aufgaben gestellt, also nichts von den Dingen, in denen liberales Judentum als besondere Frömmigkeitshaltung zu Tage tritt, sondern sie hatte ein Thema gestellt, das die jüdische Aufgabe in der Welt behandelt, so daß also in der Hauptsache, wenn man so sagen darf, Judentum ohne Adjektiv im Mittelpunkt der Referate stand, und das-Spezifische des liberalen Judentums-inmitten' dieser Aufgabe durchaus nicht Hauptthema war. Vielleicht wäre es an der Zeit, bei, einer nächsten Konferenz ein praktisches Thema in den Mittelpunkt zu stellen, auch nicht für jede Sitzung zwei Referenten, sondern nur einen anzusetzen, und dadurch der Diskussion mehr Spielraum zu lassen.' Das Grundthema war: „Judentum und menschliche Aufgabe“. Es war in drei Kreisen zu behandeln. Der erste: „Judentum und die Aufgabe des Menschengeschlechtes.“ Hier waren zwei Referenten, Rabbiner Dr.- Wolff-Dresden und Dr. Singer-Chikago. Der zweite Kreis: „Jsraels Aufgabe als religiöse Gemeinschaft.“ Hier hätte als erster Referent Rabbiner Dr. Baeck sprechen sollen, er konnte nicht anwesend sein, und es. wurde nur eine den Gegenstand kurz hinreißende Adresse, die er an die Konferenz gerichtet, hatte, verlesen. Zweiter Referent war der ehrwürdige Claude Montefiore. Der.dritte Kreis: „Die jüdische Lehre von der Aufgabe des einzelnen Menschen.“ Hier stand als Referent an erster Stelle ^Rabbi Dr. Schulmann, New York, dessen Ausführungen mehr als ein Referat waren, vielmehr eine alte deutsche Wissenschaftliche Schulung und Gründlichkeit aufweisende, ausführliche Abhandlung, deren einzelne Ausführungen Gegenstand langer Erörterungen sein dürften. _ Als zweiter Referent sprach Oberrabbiner Dr. Ehrenpreis-Stockholm. Ein so'Umfassendes Thema.gab im Grunde einen Abriß der Grundzüge jüdischer Lehre in ihrer Gesamtheit und in ihrer Eigenart, und es konnte nicht ausbleiben, daß auch der Ablauf der jüdischen Geschichte'in Parallele zu der Auffassung des Judentums vom menschlichen Sein und menschlicher Aufgabe gestellt wurde. Und da jeder der Referenten 'das Thema von seiner individuellen Art, die jüdischen Dinge -zu sehen anpackte, war es in hohem Maße reizvolj zu beobachten, wie die verschiedenen Strömungen im jüdischen Denken sich offenbarten, und wie aus den einzelnen Antworten der Referenten und der Diskutierenden abzulesen war, daß die Juden der einzelnen Länder nicht in den-gleichen Denkformen denken, sondern .ideengeschichtlich dem Denken ihrer Heimatländer eingeordnet sind.und da stehen, wo -jeweils ihr Land stellt. Nicht daß es sich um Denk-Assimilation handelt, sondern die jeweilige ideengeschichtliche Situation, in die der. Jude hineingestellt ist, ermöglicht es ihm und zwingt ihn, .sein Judentum 'unter voller Wahrung.der Eigenart, anders, tiefer, farbiger zu erfassen. Es gab einen besonders beachteten Augenblick in der Dislaission. Ein Redner hatte, als von der Aufgabe des Judentums als religiöser Gemeinschaft die Rede war,, das tragende Charakteristikum des Judentums in seiner Eigenschaft als Gesetzesreligion gefunden und Rückkehr zur Autorität, zum Gesetz verlangt und dabei auf Franz Rosenzweig hingewiesen. Der nächste ' Redner nahm dieses Wort auf, wies zunächst auf die mancherlei-Lehren über Gott, Menschund Welt, Erlösung und Eigenkraft hin, in denen Judentum seine nie erledigte Aufgabe hat; dann aber zeigte er auf, . daß, sp begrüßenswert dieses Wort von der Autorität und dem Gesetz ist, doch nun um aller Unklarheit zu entgehen, auch gesagt werden müsse, welches Gesetz und in welchem Ausmaß es anerkannt wird. Im Grunde genommen, führte er aus, stehe man da, wo Geiger yor etwa 100 Jahren stand, als er das Ueberkommene kritisch zu sichten anfing, nur daß man heute eine andere Antwo.it wird finden müssen, als Geiger sie, seiner Zeit gehorchend, gab; An diese zwei Diskussionsreden knüpfte die folgende Diskussion, insbesondere der Jugend, an. Dasjenige was am meisten aufhorchen ließ, war die Stimme der deutschen Jugend. Die Sitzung, die der Frage nach dem Beitrage der Jugend zum liberalen Judentum gewidmet war, war eingeleitet durch ein sehr beachtenswertes, kurz und klar formuliertes Referat von Heinz Kellermann. Aus der deutschjüdischen Jugend kam nun ein ganz neuer Ton, die Forderung nach Autorität und nach gesetzlicher Ordnung des religiösen Lebens in seiner Ausdrucksform. Deutlich war zu sehen, daß hier eine neue Auffassung vom Bei- und Nebeneinander des Individuums und der Gemeinschaft nach Ausdruck rang, daß Gemeinschaft anders aufgefaßt ward als je im vorigen Jahrhundert.' Aeltere konnten mit Freude und nachträglichem Schmerz fests.tellen, daß wenn man 1912 auf der Posener Versammlung" einer solchen Stimmung gegenüber gestanden hätte, die „Richtlinien“ mit Jubel begrüßt worden wären und vielleicht der Kritik gegenüber gestanden hätten, daß sie nicht bestimmt und deutlich genug forderten. Hier nun sind Ansatzpunkte zu ein er fruchtbaren ■und vorwärtsdrängenden Entwicklung, die dem Jahrhundert im jüdischen Leben Richtung geben kann. Es wird in der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ . demnächst eine Aussprache darüber eröffnet werden, die ein- Junger einleiten wird. Schon jetzt sei aber ausgesprochen, daß Stimmen der Jugend zu dieser Frage erwünscht sind, sie ist eben, in einem der glücklichsten und zukunftträchtigsten Kämpfe. Heraus mit dem Wort! Und sei es selbst noch aus der Unsicherheit und dem Tasten geboren. Ueberflüssig zu sagen, daß die Konferenz sich mit Politik und dem Tag nicht befaßte, rein dem Religiösen sich hingab. Auch die Palästinafrage wurde nicht in der Form berührt, in der sie sonst Gegenstand. der innerjüdischen Kämpfe ist, sondern mit der Erörterung, wie es möglich sei, in dem neu werdenden Palästina und der dort ersehnten Frömmigkeit, dem dort erstrebten Gemeindeleben dem' liberalen Judentum Einfluß und Wirkungsfeld aufzuschließen. Von dem Gottesdienst in der St. John’s Wood- Road-Synagoge ist off schon berichtet worden. Die fremden Teilnehmer waren wiederum ergriffen von der inneren " Anteilnahme der Gemeinde und ihrer Mitarbeit am Gottesdienst, sodaß man den Eindruck der betenden Gemeinde batte und nicht bloß den einer Zuhörerschaft der Predigt; In aller Fürsorge für die Delegierten und in der gesamten geistigen Vorbereitung der Konferenz spürte man die gute Arbeit der Leitung: Miß Lily Montagu sei vor allen anderen genannt, und aus den Berichten der einzelnen Delegierten gewann man ein Bild der, oft mühevollen, Arbeit, die. in den einzelnen Ländern getan ward und wird, und den Anteil der Leitung an der Förderung dieser Arbeit. Max Dieneniann. Drei inhaltvolle Tage Bilder von der Londoner Konferenz London, im Juli. Daß der religiöse Liberalismus lebt, zeigte, mit aller Evidenz die Londoner Tagung des religiös-liberalen Judentums. Juden aus aller Welt — aus ihren Augen spricht die gleiche, jüdische Seele, spiegelt sich jüdisches Sein und jüdische Hoffnung gleichermaßen, •derselbe Optimismus jüdischen Geistes spricht aus allen ihren Worten trotz allem und doch: — Engländer, Franzosen, Deutsche, Amerikaner, Holländer, Schweden, Österreicher, eine jüdische Inderin in ihrer stolzen Nationaltracht — in Mimik, Gesicht, Haltung, Temperament: Kol mischpochaus hoadomo. Alle Völkerfamilien sind vertreten, ein Spiegelbild der Völker, zu denen sie gehören, die sie hier deutlich verkörpern — „Als Gesegnete werden sich alle finden inmitten und mit den Völkern am Ende der Tage“, so ruft Rabbi Germain Levy, Paris, mit glühendem und sprühendem Pathos in die Konferenz hinein, überzeugt und überzeugend von der allumfassenden Gottesherrschaft; wenn die Zeit erfüllt sein wird. Die Dolmetscherinnen Man spricht iri allen Zungen, die englische Sprache dominiert neben der. deutschen, die englischen Vorträge werden»eist nur in die deutsche Sprache übertragen. FgOB^endorf, Breslau, und die jetzt in London lebetigp|£au des unvergeßlichen Philosophen Professor DrrQöldstein sind Interpreten. Lächelnd meistert Frau Dr. Goldstein alle Schwierigkeiten, die eine so unmittelbare Übertragung in eine andere Sprache bedeuten. In knappen, kurzen- Umrissen stellt sie das Wesentliche aus den Ausführungen der Redner heraus, um die Anwesenden restlos geistig zu verknüpfen. Frau Ollendorf, obwohl vom Alter schon gebeugt, teilt sich mit ihr in diese Tätigkeit in jugendlicher Frische. Die noch immer rüstige Breslauerin will auch jetzt noch nicht die Hände in den Schoß legen. Sie wird sich von London aus für einige Zeit nach Amerika begeben, um für ihr Judentum, sei es durch geistige oder'durch soziale Arbeit, tätig zu sein. War die stete Übertragung ins Deutsche eine Verbeugung vor der deutsch-jüdischen Wissenschaft? Sie ist die Begründerin der religiös-liberalen Wissenschaft des Judentums mit ihren Vertretern Geiger und Lazarus, -bis zu Elbogen und Baeck. Alter und Jugend Zwischen all den vielen Konferenzteilnehmern und bei allem Claude ,G. Montefiore. Ein Kopf, der ihn zum Fürsten macht, trotz aller Einfachheit in seinem Äußeren, das Auge des 76jährigen leuchtet in klarer, jugendlicher Frische. Ihm entgeht kein Wort. In sich gekehrt, lauscht er voll innerlicher Wärme der Jugend und dem Alter. Er hat am Schluß der Tagung gerne gestanden, daß er überrascht war von dem religiösen Erfülltseih der Jugend, insbesondere der deutsch jüdischen Jugend. Es will scheinen, als., ob sich in dieser Jugend ein geistiger Aufbruch, vielleicht ein Umbruch vollzieht. Diese Jugend, allen voran Heinz Kellermann, Berlin, Dr. Fabian, Breslau, u. a.m. sucht mit stärkstem, oft überstarkem Antrieb positive Wege religiös-liberalen Lebens. Sie schien zunächst unbefriedigt zu sein. Sie hatte erwartet, daß die World Union sich als eine Autorität in Fragen des religiösen Lebens erweise. Sie kennt von Deutschland her keinen Indifferentismus in jüdischen Dingen mehr, wie die vergangene Epoche. Was aus der Jugend sprach, war der Wunsch, die Sehnsucht einer inneren Erneuerung aus den Quellen und Tiefen, sie sucht nicht eine Freiheit in Ungebundenheit, sondern Autorität, Gesetz, Normen echt jüdischer Lebensgestaltung. Sie will Autorität und Bindung im Namen des Absoluten! 'Ihr liegt jeder inherjüdische Kleinkrieg fern. Sie will arbeiten mit allen denen, die für ihren Glauben an einen persönlichen Gott streiten, und darum sucht sie Autorität und Gesetz. Es war hochinteressant, wie in all den Diskussionen und auch in der Schlußsitzung als roundtable-Konferenz die Debatte sich immer wieder um diese Begriffe: Autorität und Gesetz, besser gesagt, um Schaffung religiös verpflichtender Normen,, drehte, die den Aufbau willen der Jugendlichen kennzeichnete. Jedenfalls hat die Mitarbeit der Jugend, die diesmal in besonders erfreulicher Zahl aus allen beteiligten Ländern zusammengeströmt war, der Konferenz einen besonderen Impuls gegeben. An ihr aber liegt es auch, in aller Demut und Bescheidenheit,- die ihr von wohlmeinender Seite als Mahnung immer wieder ans Herz gelegt wurde, dieseneue, mehr positiv gerichtete Epoche im religiösen Liberalismus herbeiführen zu helfen. Das wäre in der Tat ein Umbruch von historischer Bedeutung und von Segen für das gesamte Judentum. Die drei „M“ Ein lehrhaftes Beispiel edelster Bescheidenheit und Aufopferung im Dienste unserer Aufgabe ist die Arbeit und die stille tatbewußte Förderung Unserer Ziele'durch die verehrungswurdige „Mutter des Ganzen“, Mrs. Hon. Lily H. Montagu. Unsere Ziele sind für sie eine Lebensaufgabe. Diese drei „M“ — Montefiore, Mattuck, Montagu — sind überhaupt der gute Stern des religiösen Liberalismus in der Welt. Eine „leidenschafstlose, milde Beharrlichkeit“ leitet diese Menschen, insbesondere diese vornehme Frau. Ich hatte das Glück, zum zweiten Male einen Freitagabend in ihrem gastlichen Hause zu verleben. Eine ruhige, englische Vornehmheit umfängt den Besucher ebenso wie der tiefernste, in jeder Bewegung geheiligte jüdisch-religiöse Geist im Hause dieser echt jüdischen Frau.. Die Gastfreundschaft, die' unseren Aufenthalt überstrahlte, ist nicht zu überbieten. Alles'