Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 58 (20.7.1934)
- Date
- 1934-07-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin Freitag, 20. Juli 1934 Preis 20 Pfg. Nr. 58 — 14. Jahrgang «für beutfdjes Judentum unb religtöfeit Stuf bau Herausgeber.-Hanns Loewenstein Die „Jüdisch-liberale Zeitung«« erscheint zweimal wöchentlich! Dienstags und Freitags erzu Berlin. Trauer um alle Opfer Der Sinn des 9. Ab Von Max Dienemann Am kommenden Sonntag wird der 9. Ab begangen. Ec ist für die Juden ein Tag .ehrfürchtiger Nachdenklichkeit über jüdisches Schicksale Am 9. Ab 586 v. wurdedurch Nebukadnezar der erste Tempel zerstört; am 9. und 10. Ab ging bei der Eroberung durch Titüs 70 n. der Tempel in Flammen auf; am gleichen Tage des Jahres 135 n. fiel im Barkochba- Aufstand nach heldenhafter Gegenwehr die letzte noch gehaltene Festung Bethar, und am 9. Ab des Jahres 1492 mußten zahllose Juden den spanischen Boden verlassen, auf dem sie auf verschiedensten Gebieten menschlichen Schaffens Hervorragendes geleistet hatten. Nach einer Tradition war an einem 9. Ab auch die vierzigjährige Wüsten Wanderung über Israel verhängt worden. Wenn auch der 9. Ab im Gottesdienst der Synagogen des liberalen Ritus nicht die Rolle spielt, die er in Synagogen des orthodoxen Ritus hat, wenn er vor allem in dem Frömmigkeitsleben des liberalen Juden nicht eine derartige Cäsur in der Reihe der Tage und des Alltagslebens ist, er hat auch seinen Platz im Ritus und in der privaten Frömmigkeit, dem persönlichen jüdischen Leben. Wie könnte es auch anders sein, da doch mit jenem 9. Ab ein so schicksalsvoller Einschnitt im Leben Israels begonnen hatte. Nur wird 'die Art der Feier und werden die dem Tage eigentümlichen, von ihm angeregten Gedanken eine besondere, spezifische Färbung haben. Die Art der Feier! — Man wird an der Fülle der mittelalterlichen Trauergesänge, den Kinot, keine seelische Erhebung mehr gewinnen. Nicht weil ihr Inhalt etwa veraltet wäre, jüdisches Schicksal erneuert sich in gleicher Wiederholung mehrfach im Laufe der Geschichte; sondern weil sie in einer Kunstsprache abgefaßt sind, die auch dem Kenner des Hebräischen Mühe des Verständnisses bereiten; in einer Kunstform, die einmal die allgemeine Kunstform der mittelalterlichen Dichtung war; von diesem Gesichtspunkt aus sind sie zeitgebunden und also, nicht gegenwarts-, nahe. Eine Dichtung von Jehuda Halevi, eine von Gabirol, das darf genügen, noch dazu, wenn mansich - die Mühe gibt, dafür um so tiefer in das für diesen Tag bestimmte biblische Buch, die Klagelieder,- einzudringen, die man dem Jeremia zuschrieb. Es gäbe eine moderne Art, den Tag im Familienkreis würdig'zu begehen, nämlich in guter, das Original wiedergebender und doch eigenfarbiger Uebersetzung die merkwürdigen und köstlichen Legenden zu lesen, die sich um Zerstörung und Aufrichtung, um Klage und Zuspruch in Israel, gerankt haben, und sie auf sich wirken zu lassen. Sie zeigen ein sonst nicht bekanntes, gar nicht nüchternes, zweckbaftes, sondern in höchst wundersamer Phantastik sich ergehendes Israel, das mit Gott zu trauern und mit Gott sich zu trösten versteht. Eine solche Sammlung von Legenden um Klage und Zuspruch, um Trauer und Tröstung wird in den nächsten Wochen erscheinen- und sie könnte wohl ein Mittel zu einer neuzeitlichen, die Seele aufrüttelnden und erquickenden Form häuslichen Gedenkens an den 9. Ab sein. Was aber steigen für besondere mit dem 9. Ab verknüpfte Gedanken auf? Er war den Alten der Tag der Trauer um den Verlust des Tempels, des zentralen Ortes der gottesdienstlichen Verehrung... Aber — so merkwürdig es klingt — nicht erst die Zerstörung und der Brand des Tempels haben Israel seiner beraubt. Längst als der Tempel noch stand, waren überall, wo Juden wohnten, Synagogen. Und die Synagoge, in der Gott im Geist angebetet wurde, ohne Opfer, -ohne Priester, in der, die Thora und ihre Auslegung im Mittelpunkt stand, war lange schon in Wahrheit das wirkliche, lebendige, weil überall gegenwärtige und nahe Heiligtum der Gemeinde. Sie, die keiner mehr heute missen könnte, die der Mittelpunkt allen jüdischen Lebens ist, ist durch jene zweite Zerstörung Aufforderung an die Hamburger Bevölkerung zur Suche nach den Friedhofsschändern Die Täler haben rücksichtslose Strenge zn gewärtigen Hamburg. In den Nächten zum 20. Juni und zum 4. Juli 1934 sind, wie das Hamburger Fremdenblatt berichtet, aut dem israelitischen Friedhof Rentzelstraße zahlreiche Grabsteine umgeworfen und zum Teil schwer beschädigt worden. Die Nachforschungen nach den bisher ■ unbekannten Tätern dieser verwerflichen Handlung sind eingeleitet, die Täter haben rücksichtslose Strenge der Behörden und der Gerichte zu erwarten. Jedem anständig Denkenden ist der Friede der Toten heilig. Die Bevölkerung wird gebeten, bei der Aufklärung derart gemeiner Straftaten mitzuwirken und etwaige Wahrnehmungen der Staatspolizei, Inspektion 5, mitzuteilen. Streng vertrauliche Behandlung der Angaben wird ausdrücklich zugesichert. Dr. Diem über die Teilnahme von Jaden „Kein Rassenprinzip bei dev Olympiade" .Parts. (Ita) Dr. Carl Diem, der Generalsekretär des deutschen Olympischen Komitees, hat einem französischen Journalisten folgendes über, die Teilnahme von Juden an der Berliner Olympiade 1936 erklärt: „Das Rassenprfnzip besteht n ic,ht ip e h r für die Vorbereitung und die Organisation der Spiele. Ich kann nur wiederholen, was Dr. Lewald in Wien und m Athen feierlich erklä/t hat. Alle deutschen und ausländischen Sportsleute und Athleten, die die olympischen Bedingungen erfüllen, werden in Berlin willkommen sein. Wir haben z. B. den jüdischen Sportsmaaa Rudi Ball zum offiziellen Mitglied der deutschen Eishockeymannschaft berufen. Ferner haben wir vor Monaten - schon die gegenwärtig in Kalifornien' studicrendq Helene Mayer davon verständigt, daß sie an die Spitze unserer weiblichen Fechtmannschaft gestellt werden soll. Schließlich haben wir eben erst 'sechs hoffnungsvolle athletische Begabungen eines jüdischen Sportklubs ausgcwählt, die an-den demnächst beginnenden olympischen Vörbereitungskurscn für ■ Deutschland .teilnehmen werden. Sie sehen also, mit welcher Loyalität Deutschland seine in Wien eingegangenen olympischen Verpflichtungen zu halten gewillt ist.“ Beschwichtigungsversuche der türkischen Regierung Die Traeödie der Juden in Thrazien London. Die unsagbaren Leiden der vertriebenen Juden aus Türkisch-Thrazien haben die Öffentlichkeit in einer Weis« erregt, daß sich die türkische Regierung veranlaßt sicht, die Öffentlichkeit zu beschwichtigen und die Sache selbst zu bagatellisieren. In der türkischen Nationalversammlung hat Ministerpräsident Ismet Pascha u. a. folgendes erklärt: „Der* Antisemitismus ist kein türkisches Erzeugnis und ist der türkischen Mentalität fremd. Wir werden nie eine antiicmii'6?he Bewegung zulassen. Die Befehle, die ich erteilt habe, haben diese Bewegung sofort eingestellt. Die Jüdischen Mlt- |‘t»n£uJ'ing'trolfen sind, können ln Ihre Heimat zurückkehren. Die Schuldigen wenlen. streng . bestraft werden.“ ' Inzwischen wird in einem offiziellen Bericht der türkischen Regierung zugegeben, daß in Kirkllsse pogr omar t i g e Ausschreitungen stattgefunden haben. 65 Häuser von luden wurden geplündert, 3000 Juden sind aus dem Gebiet Kirklisse nach Konstantinopel geflohen. Mehrere türkische Beamte im Distrikt von Adrianopel wurden, unter der Beschuldigung die Unruhen hervorgerufen zu haben,‘verhaftet. Auch der Bürgermeister, der Polizeikommandant und der Vorsitzende der Handelskammer in Kirklisse sind verhaftet worden. Ein Distriktsgouvemeur wurde seines Amtes enthoben. In den Häusern von Polizeioffizieren in Kirklisse sollen von Plünderungen jüdischer Wohnungen herrübrende . Gegenstände gefunden worden sein. ... {» , ‘irrer außcrordcntllchcnSltzuag des Ministerrat«, ln der die Vertreibung der luden aus Thrazien besprochen wurde, erklärte Innenminister Schukri Bey, die Regierung mißbillige schär/stau Juden feindliche Äußerungen und werde gegen eile Schuldigen strengstens Vorgehen. eigentlich erst zu der legitimen Bedeutung gekommen,, die. ihr eigen wurde, zu jener Stellung; dank welcher sie Erhalterin und stete Neuschöpferin jüdischen Geistes würde. Und sollte man etwa wirklich Trauer empfinden über den Verlust der Möglichkeit des Tieropfers, über das schon die Propheten ein abwertendes Urteil hatten? Soll man sagen, daß mit dem 9. Ab die Diaspora, die Zerstreuung begann? Es würde nicht stimmen. Lange vor der Zerstörung des Tempels hatte die^ Diaspora begonnen. Längst waren Juden — und . die meisten aus freien Stücken — in den ganzen damaligen-Erdkreis, das römisch-griechische Reich gewandert und hatten dort sich heimisch gemacht. -Und die Rolle der Diaspora war keineswegs die eines dem palästinensischen Sein Unterlegenen. Seit den Tagen des Esra und Nehemia ging mehr denn einmal von der Diaspora Belebung und Stützung für das palästinensische Judentum aus,“war die Diaspora Schöpferin im Geistigen und entwickelte Gedanken und Formen, die erhaltend und vorwärtsdringend waren. Soll man am 9. Ab den Verlust der Staatlichkeit betrauern?-Aber längst hatte es eine auch n.ur scheinsouveräne Staatlichkeit nicht mehr gegeben. Ja, noch mehr, alle inneren auflösenden Zwistigkeiten, alle Verfallserscheinungen, Hader und Gewalttat waren daher gekommen, daß man über den Sinn der Staatlichkeit uneins war, daß die Probleme des Staatlichen und der Staatlichkeit von den wichtigeren, der religiösen Aufgabe ablenkten. Von den Tagen Sauls an bis in die Tage der Pharisäer entzündet das Dasein des jüdischen. Staates die Kämpfe um die Verwirklichung des Königtums Gottes auf Erden, der eigentlichen jüdischen Schöpfung. Die Juden haben in ihrem eigenen alten Staat unter dem Konflikt Politik-Religion gelitten und sind an ihm zerbrochen. 9. Ab ist uns über das damalige Geschehen hinaus die Trauer um alle Opfer, die im Laufe der Geschichte um der Heiligung des göttlichen Namens. gefallen sind. Blättert man in den mittelalterlichen Klageliedern, im Buche der Kinot, immer wieder stößtman auf die Gebete,.die gedichtet wurden unter dem Eindruck unmittelbaren Erlebens. Die einzelnen Ereignisse, die Städte, in denen'man litt, die genannten oder namenlosen Märtyrer der Kreuzzugszeit, des, schwarzen Todes, dieser oder jener im Erinnerungsblatt der Geschichte verzeichneten Verfolgung, sie sind, mehr als die Zerstörung des Tempels, das Thema der Klage. Erinnerung sollte wach bleiben an Zeiten .der Unsicherheit auch in Zelten vermeinter Sicherheit. Hierin liegt die eigentliche Bedeutung des neunten Ab.- Er ist uns Inbegriff der Trauer um alles in den Jahrhunderten Geschehene, lebendig gebliebene Geschichte, ewig sich erneuernde Erinnerung, Mahnung, sich nicht in irgend ein Gefühl der errungenen Festigkeit und Sicherheit einzuspinnen, ein Wissen um die ewige Bedrohtheit aller Existenz und daß man aus der Bedrohtheit Energien und Beharrungswillen schöpfen kann und muß. ' Als der Tempel in Jerusalem sank, sank mit ihm, auch für die, die ihn nie. besuchen, nie sehenkonnten ein Symbol dahin, das äußere Symbol der Einheit. Nicht die Zerstreuung an sich, die Diaspora als solche ist das zu tiefst zu Beklagende, sondern daß die über alle Welt Verstreuten der innern Einheit entbehren. Ob man heute ein äußeres Zeichen einer Einheit aufstellen wird können, bleibt fraglich. — Ist Vergessen 81« nicht die Einlösung ' der Abonnements-Quittung für August. — Nur pünktliche Einlösung sichert regelmäßige Zustellung der „JOdlsdi-liberalen zeifuut“.