Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 56 (13.7.1934)
- Date
- 1934-07-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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14. Jahrgang Nummer 56 3üDifdMUieta(e 3e!(mtg Beilage 13.. Juli 1934 Schicksale eines Tages Um einen Rabbiner Von Eugen Tannenbaum Wenn in der Weihestunde des Freitagabend der Rabbiner die Kanzel betritt, um die Menschen, aus der Ruhelosigkeit des Alltags in den geheiligten Bezirk des Gotteshauses geflüchtet, tiefer in den Bannkreis des Judentums zu ziehen und sie hier zu verankern,; dann ahnen die wenigsten all der Synagogenbesucher, die die langen Bankreihen füllen, daß das Predigen nur eine der Missionen eines Rabbiners ist. Erst dann, wenn die Synagogentüre.n sich geschlossen haben, hat Dr. Manfred Swarsensky in diesem Blatt einmal ausgeführt; beginnt seine Haupttätigkeit. Denn die eigentliche Kanzel des Rabbinersist das Leben. . Das Leben jüdischer Menschen in heutiger Zeit.. In tausend Strahlungen bricht es elementar in das Dasein des Seelsorgers ein. Mit vielgestaltigen Sorgen und Nöten, mit Verzweiflung und Hoffnungen, mit Sonnenschimmer und düsteren Schatten umstellt cs seinen Tag. Es klagt und bittet aus Briefen. Es ruft um Hilfe durch die Muschel des Telefons. Es verlangt Rat und Trost in Stunden der Aussprache. Es verlangt Ansprache am Grab und am Traualtar. Briefe, Briefe. . . Auf Dr. Swarsenskys Schreibtisch sind Briefe zu Stapeln getürmt Die Frühpost. Auch sie ein Reflex des Lebens. Ein Dank für die letzte Freitagabendpredigt.: In krakeliger Handschrift verlangt eine alte Frau inständig um Besuch im Krankenhaus. Drucksachen: Ankündigung von Neuerscheinungen. Empfehlung ejnes Mittels gegen Heiserkeit für Redner. Amtliche Rundschreiben. Sitzungsprotokolle. Todesanzeigen, Verlobungskarten, Vermählungsanzeigen. Eine Frauenorganisation bittet um einen Vortrag. „Aus innerster Überzeugung,“ schreibt ein junges Mädchen, „möchte ich zum Judentum übertreten.“ Ein abgebauter Lehrer erbittet Vermittlung zur Erteilung von hebräischen Stunden. Eine Mutter möchte ihre Tochter als Lehrerin in einer Gemeindeschule unterbringen und erwartet Unterstützung. Ein Synagogenverein bittet um' einen Vortrag. Man erfährt, daß nicht nur Filmstars um Autogramme angegangen werden, sondern auch beliebte Rabbiner. „Meine Tochter,“ heißt es in einem Brief, „hat am nächsten Dienstag Geburtstag. Das Mädel, würde sich riesig freuen, von Ihnen, sehr geehrter Herr Doktor, ein paar Zeilen zu erhalten.“ „Haben Sie die Liebenswürdigkeit, mir umgehend mitzuteilen, wann die Barmizwah meines Sohnes stattfindet.“ Treue Anhänglichkeit spricht aus der Ansichtskarte eines früheren Schülers, der im Begriff ist, sich in Amerika eine Existenz aufzubauen. Flehentliche Gesuche um Unterstützung. Eine Jugendgruppe bittet um einen Vortrag ... Was der Notizkalender verrät „Es gibt Tage,“ erzählt Dr. Swarsensky, häufig vom Läuten des Telefons unterbrochen, „an denen ich nicht weniger als vier Trauungen und ebenso viele Beerdigungen wahrzunehmen habe, an denen ich im Auto dauernd unterwegs bin zwischen Weißensee und der Oranienburger Straße oder einer anderen Synagoge an denen ich aus dem Ornat nicht heraüskomme. Man muß sich vorstellen, was das für eine Nervenprobe bedeutet, wenn man sich nicht abstumpfen lassen will und kann von den gegensätzlichen Beeindruckungen des unerbittlichen Lebens.“. Und dann, abseits davon: der zermürbende Betrieb mit seinen endlosen Konferenzen und Besprechungen. Der junge Rabbiner deutet auf seinen Notizka’ender. in dem jede Stunde des Tages bis spät in die Nacht hinein besetzt ist. Da sind Rücksprachen in der Wirtschaftsstelle der Jüdischen Gemeinde erforderlich, in der Friedhofskommission, da ist eine Sitzung des Rabbinerverbandes. Bald handelt es sich um Unterbringung von Kindern in Heimen, bald um Wahrnehmung der Krankenhaus-Seelsorge. Es müssen auch Schulhefte korrigiert werden. Es müssen auch Vorträge und Predigten vorbereitet werden. „Die ersten fünfundzwanzig Jahre,“ zitiert Dr. Swarsensky eine Maxime seines Lehrers Leo Baeck, .„muß sich der Rabbiner genau vorbereiten.“ Zeit für Privatinteressen, für wissenschaftliche Arbeiten? Ausgeschlossen. Schüler — und Eltern Ein groß Teil der Zeit nehmen der Religionsunterricht in den allgemeinen Schulen, der Barmizwah- und die einjährige Vorbereitung der Mädchen zur Einsegnung in Anspruch. Auch die Sprechstunden -für Eltern im Schulgebäude erfordern ihre Zeit.;,Leider — wenn auch begreiflicherweise — kommen die Eltern immer nur aus unangenehmen Anlässen zum Erzieher,“ meint Dr. Swarsenskv, dem die Lehrtätigkeit, die Übermittlung jüdischen Geistesgutes an die Jugend höchste Aufgabe bedeutet und der die jungen Menschen stärken will für die heilige Verpflichtung des Judescins, „nie aber erscheinen sie in der Sprechstunde, um erfreuliche Dinge zu erzählen.“ Tragödien Das Amt des Rabbiners beansprucht nicht nur den ganzen Menschen an Zeit. Es verlangt auch Menschenkenntnis und Umstellungsfähigkeit. Wie auf der Bühne wechseln Szenen und Personen in dem geräumigen Arbeitszimmer der Friedenauer Wohnung Dr. Swarsenskys. Fast immer sind es Tra- . gödien, in deren unerbittlichen Ablauf der Rabbiner eingezogen wird. Doch nie verläßt i.m jemand ohne Trost, ohne seelische Hilfe und oft auch nicht ohne materielle. Denn Seelsorge ist heute leider mehr als. zur Hälfte Geldsorge. Ein Herr läßt sich melden. Er kommt angeblich auf Empfehlung. Sechziger. In augenscheinlich sorgsam geschontem letzten guten Anzug. Entlassener Bankbeamter. Will dem Herrn Rabbiner etwas verkaufen. Oberhemden. Diskret senkt sich ein Geldstück in seine Hand. Eine Dame. Vort einem dichten schwarzen Schleier eingehüllt. Christin. In Begleitung einer Angehörigen. 'Durch ihren Schmerz um den Tod des Tags zuvor verstorbenen Mannes dringt die Verlegenheit hindurch, den Rabbiner um Teilnahme an der Beerdigung in Weißensee zu bitten. Eine halbe Stunde später sitzt eine verhärmte Siebzigerin, von Elend, Krankheit, Entbehrung und Alter scharf gezeichnet,' im Sessel, dem Rabbiner gegenüber. „Helfen Sie mir, guter Herr Doktor, ich komme in größter Verzweiflung zu Ihnen. Ich habe meine1 Tochter gestern Imit,hohem Fieber ins Krankenhaus bringen müssen. ' Sie hat eine Rippenfelleutziin-' düng und muß morgen operiert werden. Ich bin mit meinen beiden Enkelkindern ohne einen Pfennig Geld. Wir haben nichts mehr im Hause als ein paar Kartoffeln. Was soll ich tun? Von der Jüdischen Gemeindekann ich nichts bekommen, da ich früher schon einen kleinen Betrag als Mietszuschuß erhalten habe. Helfen Sie mir, lieber guter Herr Doktor — i:h kann nicht mehr.“ Tragödien des Lebens. Eine Ehescheidung in der Wohnung Für den frühen Nachmittag ist eine Scheidung anberaumt. Die Szene wird zum Tribunal. Die Ehescheidung, vor einem' Jahr bereits gesetzlich ausgesprochen, muß deshalb jetzt auch nach religiösen Vorschriften erfolgen, da die Frau sich wieder verheiraten und religiös trauen lassen will. Ein Beth din tritt in der Wohnung des Rabbiners zusammen. Zwei Amtskollegen Dr. Swarsenskys haben sich mit dem Ehepaar eingefunden, ferner zwei Edim, Zeugen, in der Gestalt schriftkundiger Rabbinatskandidaten, und ein Sofer, ein Thoraschreiber. Cädjelnbc Weisheit Hillel verliert nicht die Geduld. Hillel war der Begründer der nach ihm benannten Schule in Jerusalem. Man nannte ihn den geduldigsten Menschen. Einer aber uüttete um 400 Silberlinge, er, könne Hillel in Zorn bringen. Zu diesem Zweck suchte er sich den Freitag aus, den Tag, an dein Hillel im Bad war. Er lief im» Badehaus und rief: „Hillel! Ist Hillel hier?“ Hillel stieg, aus dem Bad und fragte: „Was wünschst du, mein Sohn?“ „Ich möchte dir eine Frage vorlegen.“ „Frage,-mein Sohn.“ „Warum, haben alle Babylonier spitze Köpfe?“ Hillel lachte und antwortete: „Gut gefragt, mein Sohn — weil die Babylonier keine geschickten Hebammen haben!“ Der Frager'ging, kehrte aber nach kurzer Zeit wieder und rief Hillel. vonneuem aus dem Bad, um ihm eine Frage vorzulegen:- „Warum haben die Thermodianer so blöde Aügen?“ „Weil sie in der Wüste leben, mein Sohn!“ Der Mann, dem es nicht gelingen wollte, Hillel mit dummen Fragen aus der Ruhe zu bringen, versuchte es ein drittes Mal und ließ den Gelehrten wiederum aus dem Bad steigen, um ihn zu fragen: „Warum haben die Afrikaner breite Füße?“ „Weil sie in sumpfigen Gegenden leben, mein Sohn.“ Der Fragesteller meinte kleinlaut: „Ich hätte dir noch viele Fragen vorzulegen, aber ich fürchte, du würdest böse werden!“ „Gewiß nicht — frag nur zu, was du zu fragen hast!“ „Bist du der Hillel, den man den Nasi von Israel nennt?“ . „Man nennt mich so, mein Sohn.“ „Dann gebe Gott, daß nicht viele deinesgleichen in Israel seien!“ „Warum-denn, mein Sohn?“ „Weil ich durch dieh~400 Silberlinge verloren habe — Wahrend die Frau im angrenzenden Raum wartet, gibt der Mann nach der religiösen Vorschrift dem- Schreiber den Auftrag, den Scheidebrief — er'wird mit einem Gänsekiel in zwölfzeiligem aramäischen Text auf Perganfentpapier geschrieben — auszustellen. Dann lesen die drei Rabbiner den Brief daraufhin durch, ob jeder Buchstabe stimmt. Die Edim setzen Liren, he^ britischen Namen unter, das Schriftstück. Darauf wird die Frau hereingerufen. Gerührte Familienszene. Sie legt Lire Ringe ab, preßt, die . Ballen der Hände gegeneinander, so daß ein kleiner Zwischenraum ‘bleibt, in den der Mann' den Sehei- 'dungsbrief legt. Zum symbolischen Zeichen, daß sie das Dokument, empfangen hat, steckt sie es in eine Tasche, wobei der Mann dem Rabbiner auf hebräisch die Formel nachspricht: „Dies ist dein Scheidebrief. Empfange den Scheidebrief und durch ihn sollst du von mir geschieden sein von nun an, und du bist frei ftir eine neue Ehe.“ — Die Frau will das Symbol ihrer religiösen Scheidung behalten; es wird ihr aber bedeutet, daß das Dokument beim Rabbiner aufbewahrf bleibt und sie sich mit einer Übersetzung begnügen muß.” Eine kurze Ansprache des Rabbiners und der Austausch' eines versöhnlichen Scheidungskusses zwischen den ehemaligen Eheleuten beenden die feierliche Zeremonie. Ob beide das Glück auf getrennten Wegen finden, von dem der Rabbiner gesprochen hat? Wo ist das Brautpaar? Auch der Humor fehlt nicht ganz im Berufsleben des Seelsorgers. ■ Von der Scheidung zur Trauung. Sic ist auf vier Uhr angesetzt. Als. der Rabbiner das Gotteshaus be-; tritt, ist es leer. Kein Brautpaar. Keine Trauzeugen. Keine Hochzeitsgäste. Doch —sechs Personen suchen einen.Rabbiner. Aber sie scheinen e:; nicht eilig damit -zu haben. Geduldig sitzen sie, stumm und teilnahmslos in der ersten Bankrcihc. Vom Brautpaar'keine Spur. — - Ein Synagogendiener wird mit der Suche beauf- . tragt. Vergebens. Bis sich durch eine Anfrage bei den vermeintlichen Trauungsteilnehmern, die alle in ihrer Arbeitskleidung erschienen sind, herausstellt, daß das ‘Brautpaar sich unter ihnen befindet: ein secllzigjähriger Mann, arbeitslos, von der Gemeinde mit Anzug und Schuhen versehen, und ein Mädchen, halb so alt wie er. Der Trauakt wickelt sich ab, bis zu dem Augenblick, da der Rabbiner dem Bräutigam den Becher reicht, aus dem auch die Braut trinken soll. Dazu kommt es indessen nicht; denn der junge Ehemann setzt den bis zum Rand gefüllten Becher an und setzt ihn nicht eher ab, als bis er auf den fetzten Tropfen geleert ist. Ob aus Durst oder dem Bestreben, sich Mut anzutrinken, konnte nicht geklärt werden . . . Tag eines Rabbiners — Schicksale gebündelt! so viel habe ich nämlich gewettet, ich könnte dicfi aus der Ruhe bringen!“ Da lachte Hillel: „Besser, du verlierst durch Hillel 4U0 Silberlinge, als Hillel durch dich_die Geduld!" Die F.ritt. Einst r kam in einer kleinen deutschen Stadt ein Haus-' bcsitzer zum Bürgermeister und beschwerte sich darüber, daß sein jüdischer Nachbar für das Laubhüttenfest eine Laubhütte errichtet hatte. Der—Bürgerineisler solle sofort veranlassen, daßdie Hütte verschwinde! Iler Jude wurde vor den Bürgermeister gerufen, der die Bräuche der Juden ehrte. i)as Oberhaupt (ragte den Lauhliüttenbesitzer: „Wie lange braucht ihr, um Eure Laubhütte zu beseitigen?“ -Der Jude verstand und sagte: „Zehn Tage!“ — „Gut,“ sagte der Bürgermeister,;.llir habt in zehn Tagen die Hütte wegzuräumen, sonst habt lltr hundert Gulden Strafe zu zahlen!“ .Mit diesem Urteil waren alle zufrieden, v Kritik. Friedrich der Große halte seine Gedichte veröffentlicht, und M'e n d e 1 s s o li n schrieb eine Kritik darüber, die offenherzig auf einige Schwächen im poetischen Stil I iuwies. Ein übereifriger Hofbeamter glaubte den Oelchrlen deshalb zur Verantwortung ziehen zu müssen und fragte ihn, wie er zu der Unverschämtheit komme, des Königs Gedichte zu kritisieren. „Ich bin in diesem Fall njir ein Kegeljunge“,' sagte Mendelssohn lächelnd. ‘ ’ „Was soll denn das heißen?“ „Das heißt: wer Gedichte schreibt ist glciclisam ein Kegler. Wenn man aber Kegel schiebt, so ist e» Sach.- des Kegeljungen, zu melden, ob und wieviel Kegel getroffen wurden!“ D.Mpfwii thcr«l Sckaitrct Kfipnlct, OrAuamlr. 4a. Tel. F4 UfMltk MAS Sorgfältigste Behandlung! In drei Tagen zurück. Maad^taakn Lieferung Abholung Montag u. Donnerstag frei Haue