Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 55 (10.7.1934)
- Date
- 1934-07-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Lebens. Aufgezogen in der Meinung, daß die Sinne Teufelswerk wären, mied er die Frauen, die seine Sinne reizten, und heiratete die kleine Lea, die nur seinem Herzen gefiel. Aber er war nicht glücklich, es war keine Übereinstimmung in ihren Gedanken. Als sie nach zwei Jahren starb, haderte er mit Gott und ging zu den „Töchtern der Wüste“. Von ihnen lernte er, daß die Übereinstimmung der Sinne ein Weg sei zum Einklang der Seelen. Und als er seine zweite Frau „erkannte“, wie das biblische Wort heißt; lobte er den „Herrn, dessen Geist nicht lügt, dessen Wahrheit offenbart ist in seinen Werken“. _ Diese Erzählung zählt zu den reinsten Klängen der Wedekindschen Dichtung und zu den Werken, die neben Leser schreiben der „L-l.Z.“: Graf Breza, ein Freund Heines . In der Nummer 51 Ihres Blattes findet sich unter der Überschrift „Gallerie der ausgezeichnetsten Israeliten44 ein Hinweis auf das im Jahre 1834 in Stuttgart erschienene Werk mit obigem Titel. Es wird in der Besprechung darauf besonders hingewiesen» - daß der Herausgeber des Werkes kein Jude, sondern der Graf Eiigcn Breza, Landbote am polnischen Reichstag, war. Dieser Graf ist uns aus H e i n e' s Leben und Werken - wohlbekannt. Beide studiertengleichzeitig in BerliiT und waren miteinander befreundet. Im Herbst 1822 bereisten sie zusammen die Provinz Posen. Im Januar 1823 erschien dann in einer Berliner Zeitschrift Heiners Aufsatz „Über-Polen“, der auch in seinen gesammelten Werken, abgedruckt ist. In dem Abschnitt der jHeine’schen Gedichte, der „Die Heimkehr“ überschriebeh ist, befindet sich das bekannte Gedicht mit dem Anfang: „Mich träumt, ich bin der liebe Gott*4. Dort befinden sich folgende Verse: Du tanger Engel Gabriel, _ Geh, mach" dich auf die Sohlen, Und meinen ieuern Freund Eugen Sollst du herauf mir holen. Such ihn nicht im Kollegium, Such ihn beim Glas T okay er; Such ihn nicht in der Hedwigskirch', Such ihn bei Mamsell Meyer. Auch in Heines*„Engl»sehen Fragmenten“ findet sich ein Satz, der auf den Grafen Breza.Bezug hat: * „Ich habe einen Freund in Polen, der für Freiheit und Gleichheit schwärmt, aber bis auf diese Stunde seine Bauern noch nicht aus ihrer Leibeigenschaft entlassen hat.“ Es ist demnach nicht auffallend, daß der Graf in dem Vorwort, der oben genannten Schrift „die so lang und schmählich versagte endliche Gerechtigkeit unseren israelitischen Mitbürgern44 verlangt. p Dr. Arnold Seligsohn. Zur Erhaltung des Judentums Der in der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ veröffentlichte Artikel „Hat der religiöse Liberalismus zur Erhaltung des Judentums beigetragen?“ hat meinen vollen Beifall gefunden, und ich möchte Ihnen von einer Unterredung mitteilen, die ich vor etwa 50 Jahren mit meinem orthodoxen, aber toleranten Vater gepflogen habe: „Nach Erledigung der Herbstfeiertage konnte icfi nach den. Erlebnissen der verschiedenen Gottesdienste mioh nicht enthalten, meinen Vater darauf aufmerksam zu machen, daß cs so - nicht weiterginge. Wenn in ritueller Beziehung unser Gottesdienst und der ganze Kultus nicht modernisiert würde, könnte die Jugend den alten Gedankengängen nicht mehr folgen und würde in religiöser Beziehung vollkommen gleichgültig werden. Mein Vater, der damals Gemeinde- „Frühlingserwachen“ bleiben werden. Der Dichter selbst hat sie besonders hoch geschätzt und diese Dialog-Novelle mit Tilly Wedekind oft im Kostüm vorgietragen. Wir können die Frage offenlassen, ob Wedekind vom Leben der Erzväter dazu angeregt wurde, sein Evangelium von Eros einem alten Rabbi in den Mund zu legen. Wir wollen nicht suchen, wo vielleicht nichts dahinter ist. Wir wollen heute weniger denn je unsere Verbundenheit mit dem deutschen Schrifttum danach bewerten, ob und wie weit einzelne Werke mit jüdischem Stoff oder Geist durchtränkt sind. Aber für die deutschjüdische Kulturbetätigung sind diese Werke eine Bereicherung. Dr. Latz Weltmann. Vorsteher war, folgte meiner Kritik mit großem Interesse und Verständnis und erklärte, er werde sich einverstanden erklären zu Änderungen, wenn solche nach gemeinschaftlichem Beschluß zustande kämen, aber in seiner Gemeinde könne er liberalere Ideen nicht einführen, da „wenn man einseitig einen Stein aus einem Bau herauszöge, dieser Bau Zusammenstürzen müßte“. Leider war damals noch nicht die Zeit gekommen für einen allgemeinen Zusammenschluß der liberal Denkenden, und ich habe es selbstverständlich begrüßt, als Auffassungen Platz griffen, die sich meinen Tendenzen näherten. Ich selbst habe später als Nachfolger in der Gemeinde schon diesen Anschauungen zum Durchbruch vertiolfen. N. Michelsohn, Mulden. Hist antwortet die S.*: A. V. ln London leben nach einer vor kurzem erschienenen Statistik gegenwärtig 2 10 0 00 J u den. Auf mehrere Anfragen. Der im Zusammenhang mit der Ritualmordbeschuldigung neuerdings wieder viel genannte Johann Andreas Eisen men ger (1654—1704) war Professor der orientalischen Sprachen in Heidelberg. In seiner Schmähschrift „Entdecktes Judentum“ stellte er die längst widerlegten Lügenmärchen von der Brunnenvergiftung und der Blutbeschuldigung als unerschütterliche Wahrheiten hin. Die Frankfurter Juden, die die ungeheuerliche Gefahr erkannten, die das Erscheinen * eines solchen ketzerischen Werkes mit sich bringen mußte, erreichten schließlich durch Vermittlung des Wiener Bankiers Simuel Oppenheimer bei Kaiser Leopold /. die Konfiskation des Werkes, das allerdings später in Neuauflagen wieder verbreitet wurde. Schachspieler. Die älteste europäische Beschreibung des Schachspiels stammt vermutlich von dem 1008 geborenen Abraham ibn Esra, dem ein hebräisches Gedicht zu geschrieben wird, das den Gang der Schachfiguren und den Verlauf einer Partie in poetischen Wendungen schildert. W. M. Breslau. Der Verfasser der unter dem Pseudonym Theodor Chauber erschienenen G e s c.h i cVite Friedrichs de%s Großen ist der deutsch-jüdische Dichter BerthoId Auerbach. E. K. Die Ahnen probe ist im Judentum nichts Unbekanntes. Sie gehörte zu den Kompetenzen des Synhedrions und war erforderlich für die Zulassung der Leviten zum Tempeldienst. Auch für die Täligkeit als Vollstreckung*- bcamter war unter Umständen eine Probe bis in den vierten Ahnengrad erforderlich. Das erste schriftliche Ahnenzeugnis sieht in der Bibel (Deuteronomium 26). Autoferndienst Mittelstraße 12 Dl Norden 2675 Nach Breslau hin und zurück RH. 1U0 (Ferien 6 Wochen Gültigkeit). Fordern Sie Prospekte der Ferienfahrten! Der Verband Jüdischer Ingenieure und Chemiker in Deutschland e. V. meldet: Offene Stellen: Chemiker für Lederbearbeitung (Gerberei, Betrieb), für Fabrikation von Anilinfarben (Labor und Betrieb), desgL für Druckfarben (Lahor und Betrieb). Chem. Ing. für Stahl-Härtung. Ingenieure. 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Es wird zwar eine Wiedergabe en miniature, eine Wiedergabe, bei der mancher dramatische, heroische Akzent vom Zuhörer dynamisch ergänzt werden muß — aber von einer Sauberkeit, von einer Ausgewogenheit des Klanges, von einer so zauberhaften inneren Beseeltheit, daß man beglückt ist über soviel Werktreue und urwüchsiges Musikantentum. Taube dirigiert die Riesenpartitür auswendig lind mit letzter Souveränität. Er liebt es nicht, im Detail zu verweilen, sondern versucht die zahlreichen Einzelteile der Sätze zu einer Einheit zusammenzufassen. Im langsamen Satz geht dies zwar ein bißchen auf Kosten der Substanz. Aber im Scherzo und besonders im Finale gelingt ihm dabei kraft des „konzertierenden Prinzips“ eine formale Geschlossenheit, wie man sie nur selten bei einer Brahmssympbonie zu hören bekommt. Bewundernswürdig, zu welchem disziplinierten, sensiblen Klangkörper sich das Orchester des Kulturbundes entwickelt hat. Was hier für eine erzieherische Arbeit geleistet worden ist, vermag nur der ganz zu beurteilen, der die Anfänge anderer Orchestervereinigungen zu beobachten Gelegenheit hatte. s Mozarts Konzert Es-dur für zwei Klaviere, mit viel virtuoser Freude und pianistischer Könnerschaft von Taube und Rosenstock unter Leitung S i n ge rs gespielt, sowie die von Rosenstock dirigierte Leonoren-Ouvertüre III beschlossen das festliche Programm. Der lebhafte Dank des Publikums zeigte, daß die künstlerische Qualität derartiger Abende selbst den Geschmack der verwöhntesten Konzertbesucher zu befriedigen imstande ist. Con. Letzte Nachriditen Rückkehr der vertriebenen Juden ins Dardanellengebiet? London. Die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus dem Dardanellengebiet (über die wir berichtet haben) kam in der türkischen Nationalversammlung zur. Sprache. Dabei bezeichnete der Ministerpräsident die Vertreibung als einen wiedergutzumachenden Mißgriff und kündigte strenge Bestrafung jener Beamten an, die die Vertreibung veranlaßt haben. Außerdem sagte er den betroffenen Juden staatliche Wiedergutmachung zu. Die türkische Gesandtschaft in London hat der Jüdischen Telegraphen-Agentur gleichfalls mitgeteilt, die türkische Regierung habe erklärt, den Juden, die nach Istanbul gekommen seien, stehe es frei, in ihre Heimatorte zurückzukehren. Die Lage der Vertriebenen soll entsetzlich sein. Viele Flüchtlinge sind krank, drei Kinder sind unterwegs gestorben. Antisemitismus im Wiener Kinderspital Wien. Die Bedrängnis der jüdischen Arzte in der neuen Wiener Stadtverwaltung macht'sich immer mehr bemerkbar. Jetzt wird bekannt, daß der Leiter des Kinderspitals, Primarius Dr. Knöpfelmacher, von seiem Posten zurücktritt. Während offiziell erklärt wird, der berühmte Arzt ziehe sich wegen vorgerückten Alters zurück, hat -den Entschluß Professor Knöpfeimachers, die Stätte seines ruhmreichen Wirkens zu .verlassen, der Umstand herbeigeführt, daß man ihm von behördlicher Seite seine jüdischen Mitarbeiter zu verdrängen begann, um an deren Stelle Arier zu ernennen. Bialiks Todesahnungen Wie jetzt bekannt wird, hat der hebräische Dichter B i a I i k in den letzten Tagen vor seinem Ableben der ihn pflegenden Krankenschwester gegenüber Todesahnungen geäußert. Auch seinem Arzt gegenüber hatte er am Tag vor seinem Tode erklärt: „Ich werde nicht mehr genesen.“ Die Todesnachricht hat in der ganzen Welt große Trauer hervorgerufen. In Palästina blieben am Tage nach; Bialiks Tod alle jüdischen Institutionen und Schulen geschlossen., lm Hofe des Gebäudes der Jewish Agency in Jerusalem (and eine Trauerfeier statt. Auch in Amerika und Polen haben die jüdischen Verbände Trauerkundgebungen veranstaltet. 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